Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651568--05556-2662587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 130 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 15 ** Rundschau. Die,.Russen“-Heize in der Schweiz Aus Bern wird uns von unserem dortigen Korrespondenten gemeldet: Die wüste Hetze, die seit langen Jahren von einem grossen Teil der schweizerischen Presse, liberalen und konservativen Zeitungen in schönster Eintracht, gegen die ..russischen‘• Studenten betrieben wird, beginnt nun herrliche Früchte zu zeitigen. Bekanntlich haben die schweizerischen Universitäten in echt liberaler Weise für die .russischen“ Studenten, die ja in der überwiegenden Mehrzahl, wohl bis zu 95 Prozent, Juden sind, denen es in Russland unmöglich gemacht ist, ein Reifezeugnis zu erwerben, besondere Prüfungen eiligerichtet, deren Bestehen das Recht zur Immatrikulation au der Universität verleiht. Diese Zulassungsprüfung war nun seit langem den schweizerischen Antisemiten ein Dom im Auge. Da aber die meisten Professoren doch einsahen, dass es im höchsten Grade ungerecht sein würde, die Zulassungsprüfung einfach aufzuheben, so arbeiteten sie auf eine Reform der Prüfung in dem Sinne hin, dass durch die Ablegung dieser Prüfung wirklich eine als Vorbereitung für das Mochsclml- Studium genügende Vorbildung nacltgewiesen winde. Das ge* nagte aber gewissen Herren nicht, denen ja im Grunde die ganze Zulassungsprüfung verhasst ist. weil sie es den ״Russen״ ermöglicht, überhaupt an der Universität zu studieren. Da griff man zu dem probateren Mittel, die liberalen Pr־!iess;;ren (die nebenbei bemerkt durchaus nicht immer zu den politisch* liberalen Elementen gehören, dam diese letzteren sind hier* zulandc sehr oft grössere Antisemiten als die alt*de:r.okratisehen Konservativen) aus den Prüiungskömmissinna: heraus* zuekeln. So ist es vor kurzem hier in Bern gegangen. Die Professoren Grat. To hier und Haag wurden aus der Zulassungskommission teils freundlich, teils mit sanfter Gewalt entfernt, und an ihre Stelle wurden die den Russen nicht sehr fieundlich gesinnten Professoren Singer. Schulthess und Huber ernannt. Ausserdem hat man die Immatrikulations* gebühr, die für alle anderen 32 Frs. beträgt, für die Russen auf 50 Frs. erhöht. Eine weitgehende Verschärfung des Auf* nahmereglemcnts steht noch bevor. So sehen die neuesten Refor m e n der de* mokratischcn Republik Bern aus. Der Ciercchtigkeit halber sei indessen hinzugefügt, dass hier eine liberale Regierung gegen eine von der Presse seit langem aufgenetzte Bevölkerung bisher die ״russischen Studenten“ vor solchen Vergewaltigungen־ meist geschützt hat. Nun scheint sie allerdings den Treibereien gegenüber ihre Macht verloren zu haben. Und es muss weiter noch gesagt werden, dass ein Teil der russischen Studenten durch sein äusseres Verhalten bisweilen der Aufstachelung der Masseninstinkte gewisser* massen Vorschub geleistet hat. Natürlich kann das alles so schroffe reaktionäre Massnahmen keinesfalls rechtfertigen. Zu deren Erklärung genügt aber auch vollständig der liier herrschende Antisemitismus, der bisher stiller war als anders* wo arbeitet, dafür aber auch viel tiefer sitzt, und von dem die Juden ja in den letzten Jahren schon manche Ueber* raschung erlebt haben. Aus der freien Schweiz Die freie Schweiz bildet sich überhaupt nach und nach zu einem Mustcrland für die Antisemiten anderer Länder aus. was der antisemitische Abgeordnete L a 11 m a n 11 kürzlich im Deutschen Reichstage anerkannte, indem er die schweizerischen Beschränkungen der Aufnahme von ״Ausländern" an den Universitäten als Vorbild für Deutschland hinstclltc! Bekanntlieh haben wir hier ein Schnchtvcrbot, das nicht etwa ein aus alten Zelten überkommenes Überbleibsel ist. sondern eine neue Schöpfung ־ antisemitischen Volksgeistes, der sich unter dem Namen des Tierschutzes weniger schämen zu müssen glaubt. Es ist in der Schweiz selbstverständlich, aber im Auslande trotzdem nicht überall bekannt, dass dieses Schachtverbot nicht etwa einem Regierungscrlassc seine Entstehung verdankt, sondern auf eine Volksinitiative hin mit erdrückender Mehrheit in einer Volksabstimmung angenommen wurde. Ja. um diese durch und durch antisemitische Massrcgel recht schnell verwirklichen zu können, wartete man nicht einmal ab. bis ein geeignetes Gesetz die Möglichkeit zur Aufnähme einer solchen Bestimmung bieten würde, sondern brachte das Sclifichtverbot einfach als Amendement zur Bundesverfassung ein. in der cs natürlich nichts zu suchen hat, und in die es von berufenen Gesetzgebern auch nie hineingeschrieben worden wäre. Aber man hatte es eben sehr eilig mit dem — ״Tierschutz“, und so bildet das Schachtverbot seit den neunziger Jahren einen Teil der Venfassung der schweizerischen Eidgenossenschaft. In welcher Weise hier gegen die russisch-jüdischen Stu* denten gehetzt wird, ist genugsam bekannt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die schweizerischen Antisemiten ihr Ziel erreicht haben und die verhassten ״Russen'* ganz von den Universitäten verdrängt haben werden. Eine *andere Frage ist es allerdings, was uann die vielen Professoren in den grossen Hörsälcn anfangen sollen. — Die judcnfcindlichcn Hausierverbote und Schikanen gegen die jüdischen kleinen Gewerbetreibenden kennt man ebenfalls. Trotz , alledem aber waren bisher die schweizerischen Juden diejenigen, die an! lautesten das Hohelied von der freien Schweiz sangen und nicht stolz genug auf ihr Schweizerbü-gerrecht sein konnten, das zu erwerben man ihnen seit vierzig Jahren gestattet. Nun beginnt aber auch in der Schweiz selbst die Erkenntnis langsam zu dämmern, dass man es mit der Freiheit nicht sehr weit gebracht habe, wohl aber mit dem Antiscmitismus. Das in Zürich erscheinende ISRAELITISCHE WOCHENBLATT bringt in seiner letzten Nummer einen grossen Artikel ״Zur Abwehr!־*, in dem es bittere Klage iiilirt über die antisemitische Verrohung der schweizerischen Presse. ״Nicht nur sporadisch, heisst es dort, hier und da nur in einem Winkclblättchen. treten diese lügenhaften Tendenz-Berichte hervor, auch in den grösseren, sogar übe* ralen Blättern findet man seit einiger Zeit sehr oft ganz entstellte antisemitisch getäibte Artikel, die beweisen, dass mau aut den Redaktionen gegenüber allem, was Juden und Juden* tum'betrifft, nicht sehr kritisch prüft, sondern in die Zeitung am'nimmt, was von den Juden nur schlimmes gesagt oder erdichtet werden kann." So traurig die Tatsachen sind, die zu dieser Klage notigen, so erfreulich is: cs, dass man endlich auch in den Kreisen der Schweizer Juden cinzusclicn beginnt, dass die Schweiz zwar in Gesetzgebung und Verwaltung ein relativ freies Land ist. dass aber die Juden von dieser Frei* heit nur gerade so viel haben, als anderswo von der U11* freiheit, nämlich den antisemitischen Hass und die instinktive Abneigung, die hierzulande noch durch die Antipathie gegen alles Fremde verstärkt wird. Vom alten jüdischen Friedhof in Prag Die Erhaltung einzelner Merkwürdigkeiten der ehemaligen Judenstadt bedingt es, dass das Niveau der Rabbinergasse von der Josefstädtergasse gegen die Altncusynagogc langsam ab* fällt, um von da gegen die Universitätsgriinde hin wieder zum Normale anzusteigen Die Objekte, die der Nachwelt erhalten bieiben. sind der alte Friedhof, dessen nördlicher, unbe* dcutenderer Teil dein Strassenbau bereits z.ntn Opier gefallen ist, die sagenumwobene •Altncusynagogc und das jüdische Rat* haus. Es ist leider zu befürchten, dass noch ein weiterer Teil des an tausend Jahre alten Friedhofes der Assanierung wird weichen müssen. Von der alten Synagoge soll der in die Niklasstrassc ragende, nicht mit dem Gotteshause direkt zusammenhängendc Vorbau abgetragen werden. Fs wird Pflicht der betreffenden Faktoren sein, zu sorgen, dass der altehrwürdige Bau in seinen Grundmauern von den Grundwässern nicht unterwaschen werde. Die Geschichte dieses alten gotischen Baues ist allgemein bekannt, weniger aber, dass sich in dieser als orthodox bekannten Synagoge, an der die Prager Oberjuristen (Oberrabbiner) wirkten, vor Jahren eine Orgel befunden hat. unter deren Begleitung die Sabbathymnc ge* sungen wurde. Die Rtidera der Orgel befanden sich lange auf dem Boden des Gotteshauses. Noch im Jahre 1716 batte die Prager Judenstadt ihren eigenen Orgelbauer. Maier Mahler, wie dies aus einer anlässlich eines Festzuges zu Ehren der Geburtstagsfeier des Prinzen Leopold verfassten Broschüre hervorgeht. Das der Synagoge gegenüberliegende jüdische Rathaus erfährt einen Zubau. der bedingt ist durch die grosse Agenda der stets wachsenden jüdischen Gemeinde in Prag. Der Neubau, ein dreistöckiges Haus, wird sich im Stil dem allen Gebäude anpassai und mit ihm derart verbunden sein, dass der Aufgang aus dem Neubau criolgav wird. Die Geschichte des Rathauses weist auf die Ausnalimsstellung hin. welche die Prager Judenschaft vor der übrigen im Lande hatte; denn nirgend sonst finden wir ein jüdisches Rathaus. Wie so vieles andere verdankt sie den Bau eines solchen ihrem Mücen Mordechai Meisel (1528—1561), der ihn durch den Italiener Pankratius aufführen liess. Das Privilegium aber, welches das Rathaus zu einem eigenen Magistrat erhob, stammt erst von Ferdinand III. Der persönliche Mut und patriotische Eifer, welchen die Prager Juden, insbesondere während der Schwedenbelagerung (16-18) an den Tag gelegt hatten, gewann ihnen die Erlaubnis, ihr Rathaus dtncli Turm und Uhr zieren zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.