Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651568--05555-2662586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 129 No. 15 JÜDISCHE RUNDSCHAU nach Verlassen der Schule in den Stand gesetzt sind, sicli im wirtschaftlichen Lehen zu betätigen und ihr Brot selbst zu erwerben, statt mehr oder weniger von der Chalukah abhängig 7.u bleiben. Auch in der europäischen Türkei, so z. B. in dem durch den furchtbaren Brand in den letzten Tauen bekannt kcwordenen Haskiöj wurden neue Schulen errichtet oder die bestehenden erweitert und ausgebaut. ln gleicher Weise wurde das Schulwerk in Bulgaren und Rumänien fortgeiührt. Das gesamte Untcrrichtswcscn des Hilfsvcrcins umfasst in! Jahre 1907 55 Schulen der verschiedensten Art mit mehr als 4000 Zöglingen. Wo immer das Bedürfnis nach deutschem Unterricht vorhauden war. wurdö diesem durch Entsendung in Deutschland ausgcbildctcr Lehrer in sorgfältigster Weise entsprochen. Neben der Kulturellen Tätigkeit hatte der Hilisvcrciti für das wirtschaftliche Gedeihen und Fortkommen der ärmeren Teile der Judenheit eine rt-gc Wirksamkeit zu entfalten und musste grosse finanziell״ Opfer bringen, um die Schäden zu beseitigen, die Verfolgung und Not der Juden verursacht haben. In Galizien wurde gemeinsam mit dem Wiener Hi.fsvercin und der Grossloge für Deutschland die Einführung der versehiedensteu Mausindustrien weiter tatkräftig gefördert und die Bestrebungen haben das Resultat gezeitigt, dass im Jahre 1907 ca. 3100 Arbeitskräfte mit einem Jahresverdienst von 267 846,45 Kr. beschäftigt waren. Um das Klcinhandwcrk und die Klcinindustric zu heben, lieh der Miltsverein den in Galizien bestehenden Kreditorganisatiouen weitgehende Unter- Stützungen. Für eine energische Bekümpiuug des Mädchenhundeis hat de־ Hiiisvercin gleichfalls Mittel zur Vcriiigung gestellt. In Rumänien galt es im Berichtsjahr, die Wunden zu heilen, die die Bauernunrulicn und die damit verbundenen Fxzesse gegen die Juden, geschlagen hatten. Ein Schaden von über 2י•-• Millionen Frcs. wurde nach der niedrigsten Schätzung den ohnehin meistenteils in den ärmsten Verhältnissen lebenden Juden Rumäniens zugefügt. .1023 Familien in nahezu 100 Ortschaften hatten unter den Plünderungen gelitten. 42 Personen waren verwundet, von den Hunderten, die Misshandlungen erleiden mussten, zu schweigen. Damit aber war das Mass der Leiden unserer rumänischen Glaufcensgenassen nicht voll. Aui die Gew alttätigkeiten der Bauern folgten die Unterdrückungen und Verfolgungen seitens der Regierung und der Behörden und häuften neues Ungemach auf die schwer betroffenen Juden. Die massenhaften Aus- Weisungen, die Jedem Recht und jeder Menschlichkeit Hohn sprechen, und die gerade in diesen Tagen ein Jahr nach den blutigen Agrarunruhen in besonders grossem Umfange wieder stattfinden, verschlimmern die an und für sich verzweifelte Lage der rumänischen Juden• Auf Anregung des Hilfsvereins der Deutschen• Juden einigten sich sämtliche jüdischen Organisationen in einer am 5. Mai 1907 in W ien abgehobenen Konferenz zu einer gemeinsatnen Hilfsaktion zu Gunsten der so schwer geschädigten rumänischen Juden. Das Hiliswerk. das von der Israelitischen Alliance in umsichtigster Weise geictet wurde, hat bis jetzt über 600 WO Kronen erfordert. Der Hiiisvercin allein hat rund 80 000 Kr. für Rumänien verausgabt. Der F>nst der Lage der rumänischen Judenheit •erweckt schwere Besorgnis, und cs ist leider zu befürchten, dass weitere Hilfsmittel für die Verfolgten und Vertriebenen notwendig sein werden. Die wirtschaftliche Krise und eine schwere Teuerung im Orient riefen auch in Palästina einen Notstand hervor, zu dessen Linderung der Hilfsverein das Seinige getan hat. ln ganz besonders grossem Umfange war naturgemäss auch in diesem Jahre Hille für die Juden Russlands notwendig. Der Sieg der Reaktion in Russland und die immer mehr sich befestigende Herrschaft der ״echten Russen" haben den russisehen Juden auch in diesem Jahre wieder unzählige Leiden gebracht. In verschiedenen Orten fanden Pogroms statt und in Odessa herrscht ein permanenter Pogrom, der die Sicherheit der Juden stündlich •gefährdet und Handel und Wandel zum Stocken bringt. Die zunehmende Verarmung der Gesamtheit der russi• sehen Juden hat zur Folge, dass die gemeinnützigen Anstalten, Schulen und sonstige Institutionen sich in einer ausserordentlich kritischen Lage befinden. Um bei all diesen Notständen Abhilfe zu schaffen, hat der Hiiisvercin sehr grosse Mittel Aufzuwenden gehabt, in besonders grossem Umfange musste er einer Anzahl abgebrannter Städte, in denen namentiieh Juden schwere Verluste erlittet! hatten, seine Hilfe gewähren. Die grösste Unterstützung, die der Hilfsverein den verfolgten Juden des Ostens zuteil werden lassen konnte, bestand darin, dass er ihre Auswanderung aus den ländern des Hasses und der Unterdrückung ermöglichte und erleichterte. Für Auswaiiderungszwecke sind seit dem Ausbruch der russischen Wirren durch den Hilfsverein der Deutschen Juden I *׳'» Million Mark ausgegeben worden. Die jüdische Atisw'anderung hat sich gegen das Vorjahr nur um ein Geringes vermindert. Unter den Auswanderern nach Amerika befanden sich im Jahre 1907 149 132 Juden. Die jüdische Gesamtauswanderung dürfte mit ISO 000 Personcti zu bc-cehnen sein, von denen drei Viertel aus Russland stammen. Die Zahl der jüdischen Durchwanderer durch Deutschland hat in diesem fahre ca. 94 000 betragen. Während die Gesamtheit' der jüdischen Auswanderer nur Auskünfte und Belehrung durch Veröffentlichungen und Briefe erhalten konnte, wa׳׳en diese 94 000 Auswanderer in der Lage, die Organisation des Hilfsvereins, seine Komitees und Vertrauensleute direkt und persönlich in Anspruch zu nehmen. 125 001) Auswanderer in runder Zahl wurden vom Hilfsverein befürdert, 35 000 beherbergt. ve־pf!egt und bekleidet, 2500 ausgeheilt, so dass insgesamt 50 000 Auswanderer also über der Halite aller jüdischen Auswanderer, die ihren Weg durch Deutschland nahmen, geholten werden konnte. Das hauptsächliche Bestreben war. der jüdischen Aus- Wanderung den richtigen Weg zu weisen, die Massen, die durch die Verfolgungen, .-teuer* sie in ihrem Heimatland ausgesetzt sind, zur Emigration gezwungen werden, nach Möglichkcit dorthin zu lenken, wo sie begründete Aussichten haben, ihren Unterhalt zu verdienen und sic von einer planlosen Auswanderung und von dem Autsuchen solcher Länder und Orte abziibalten. in denen sie kein Fortkommen hätten finden können• Das gesamte philanthropische und soziale Hilfswerk des Hilisvcrcius der Deutschen Juden erforderte im Jahre 1907 die namhafte Summe von vi Millionen Mark. Trotz der opferfreudigen Unterstützung, die der Hiiisvercin bei seiner Tätigkeit in allen Kreisen der deutschen Judenheit findet, bleiben die Einnahmen doch noch immer hinter den grossen Ausgaben, die dem Hiiisvercin in von Jahr zu Jahr steigendem Masse erwachsen, zurück, und eine Stärkung seiner!inanziellen Mittel ist dingend geboten. Sie kann mit Leichtigkeit erreicht werden, wenn jeder deutsche Jude es sich angelegen sein lässt, nach Massgabe seiner Kräne den Hiiisvercin dauernd zu unterstützen. Der Hiiisvercin der deutschen Juden erhält über das Fortschreiten des Hiliswerk zu Gunsten der Abgebrannten in Haskiöj folgenden Bericht, der von dem Leiter seiner Schulen Herrn Dr. Marcus und von dem Vorsitzenden des AHiancckomitccs Herrn Fernandez unterzeichnet ist. Am vergangenen Sonntag fand eine Sitzung des'Hilfs- Komitees in Konstantinopcl statt, auf der das Programm, nach dem die Hilfe in praktischer Weise zu leisten sei, festgesetzt wurde. Nachdem man zur Kenntnis genommen hatte, dass für das Hilisw erk zurzeit 2500 türkische Pfund vorhanden seien, wurde beschlossen, vor. allen Dingen dafür zu sorgen, die obdachlosen Familien vorläufig für die nächsten zwei Monate in provisorischen Untcrkunftsräumeu unterzubringen. Mit dieser Arbeit hatte man bereits in den ersten Tagen nach dem Brandungliick begonnen. An die 400 Familien, die in den Synagogen und Schulen einen Unterschlupf gefunden haben, sind bereits in diese! Weise provisorisch untergebracht. und auch für die Unterbringungen der übrigen wird bald gesorgt sein. Weiter soll eine Summe dazu verwendet werden, um Kleidungsstücke der verschiedensten Art für die vom Unglück Betroffenen anzukaufen. Zwar sind Nahrungsmittel ,und Kleider in sehr grosser Anzahl dem Komitee von wohltätiger Seite zur Verfiiguug gestellt worden, aber die Geschenke reichen bei der Grösse des Unglücks doch nicht aus. Dann werden noch weitere 170 türkische Pfund den gesammelten Fonds zu entnehmen sein, um Mazzes für die Osterfeiertage zu kaufen. Des weiteren muss den Handwerkern Haudwerkzeug, das sie heim Brande verloren haben, geliefert werden und den kleinen Händlern und Budenbesitzcrn müssen die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, damit sie ihre Arbeit *wieder auinehmen können. Was nach der Durchführung dieser praktischen Arbeiten von dem Hilisionds noch übrig bleibt, wird dazu verwendet werden, um für die unglücklichen Abgebrannten iiir einige Monate die Miete zu zahlen. Der Rest der Summe, der dann noch übrig bliebe, würde dazu benutzt werden, um einige kleine Häuser aufzubauen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.