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Jüdische Rundschau · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 128 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 15 Rechte der Juden durch die Leute, die der Karriere ihre Ehre opfern. Man kann doch nicht verlangen, dass eine konservative Regierung besonderen Wert darauf logt, ungetaufte Juden zu befördern, wenn ihrem Wunsche nach der Taufe bereits Genüge getan wird, ehe s*e es überhaupt verlangt. Das massenhafte Eindringen der getauften Juden in die Verwaltung und in die Offizierskreise macht es den Juden, die auf ihre Ehre halten, erst recht unmögEcli. sich dein Staate als Beamte ur.d Berufssoldaten so nützlich zu m'acli-'ti, wie sie gern wünschten. Doch die Frage der Beförderung der Juden zu Offizircn ist eine so nebensächliche für die Juden, w ic sie von den freisinn gen Politikern vor jeder Wahlkampagne zur Hauptsache gemacht wird. Das Judentum als solches ist in Prcus.scn keineswegs gle'chberechtigt. Nicht etwa, weil der Staat aus allgcmehen Mi tteln,’zu denen die Juden nicht irinder beitrage־!, a'ljährlich betröcht’ichc Bewilligungen für de Juden• missfon macht, sondern weil die ganze Judenvcrfassung vom Jahre 18-17, die noch gilt, ein Ausnahmegesetz :st. An die Aufhebung dieses die Judenhc t urd das Judentum schwer bedrückenden Ges;tz.es eder nur a1־ seine Revidicnmg haben die den Juden so freundlichen Par amentaner am allerwenigsten gedacht. Man kann das .׳a auch von keiner Partei verlangen, denen die Abgecrdneten Heckscher, Mugdan und Blumenthal ongclijren. die für die Judenfrage eine andere individuelle L»"sung gefunden haben. Es ist nun aber doch an der Zeit, dass die Juden s’ch überlegen, wie sie als Juden und als preussichc Bürger sich zu den I andtagswahlen zu stellen gedenken. Wenn ihre oberste Pflicht es ist, sich dabei für die Partei zu entscheiden, von der sie sich das Meiste für d e Stärkung und den Fortschritt unserer Monarchie versprechen, so bedeutet cs keinen Vorteil für Prcusscn, wenn sie sich selbst schädigen. Denn sie dürfen sich mit Recht für eine nützliche und unentbehrliche Klasse von Bürgern ansehen. Sie können daher nur solchen Parteien mit ihrem Vertrauen entgegenkoinmen, d:e nicht grundsätzlich eine den Juden feindliche Stellung einnehmen. Dann aber wird es sich in den al'crmeistcn Fällen weniger um die Partei als um die Person des Kandidaten handeln. Jedenfalls kann kein Jude einem Antisemiten oder einem getauften Juden seine Stimme geben oder deren Wahl unterstützen. Es wäre Aufgabe des Zentralverelns der deutschen Juden, bei Zeiten den Parteien, nvt denen er Fühlung zu nehmen gedenkt, auch recht klar und verständlich zu machen, dass }ede Unterstü*z!!ng eines getauften Juden direkt und indirekt durch uns ausgeschlossen Ist. Denn wenn wir unsere Rechte achten und unsere Ehre hochhaltcn wollen, so müssen wir uns fein säuberlich von allen denen trennen, d!V? weniger diese prinzipielle Wahrung der Rechte und der Fbre ihres Stammes als d׳c eigenen persönlichen Vorteile im Auge halten. ״Für das Staatswohl und für die Fhre des Judentums“ kann allein unsere Wahlparole heissen. Judaeoborussus. Hilfsverein der Deutschen Juden (Schluss.) Es wurde die statutengemässe Auslosung eines Drittels der Mitglieder des Zentralkomitees und die Kooptation neuer Mitglieder in das Zcntral-Komitec und der» geschäftsiiilircnden Ausschuss vorgenomnien. In das Zentral-Komitee wurden die Herren uch. Rommerzienrat Coppel-Solingen, Rechtsanwalt Guggenheimcr- Offenbach, Rabbiner Dr. Kalischer-Bonn. Apotheker Muhr- B'eslau gewählt. An Stelle des verstorbenen Vorstandsmitgliedes des geschäftsführenden Ausschusses, des um den nllfsverein hochverdienten Stadtrat Magnus-Königsberg I. Pr. wurde Herr Direktor George Marx-Königsberg i. Pr. in den Ausschuss berufen. Das Andenken des Herrn Stadtrat Magnus, der verstorbenen Mitglieder des Zcntral-Kotnitecs ehrte die Versammlung durch Erhcnen von den Plätzen. An •die Sitzung des Zditral-Komitees schloss sich die oidcntlichc Mitgliederversammlung. Herr Simon gab einen Be icht über die Entwicklung des Hilfsvcrcins im verflossenen Jahre. Die Organisation ist nach verschiedenen Richtungen, hin ausgebaiit worden; die Ausbreitung des Vereins in allen Teilen des Reiches hat einen weiteren erfreulichen Fo'tgaug genommen• Mit grossem Beifall nahm auch die Mitgliederversammlung die Mitteilung entgegen, dass durch die Stiftung der Familie Wissotzky in Höhe von '• Million Franken die Bestrebungen des Hilfsvereins, die auf die Ausbreitung von Bildung und Kultur im Orient geriehtet sind, eine aussern!deutliche Förde-ung erfahren haben. Herr James Simm! sprach namens des gesehiiitsfiilircnden Ausschusses den Mitarbeitern und Förderern des Hiiisvereins. du! Vertretern de־ *Lokal- und Schut/komitecs, den befreundeten Organisationen wie den Petunien des Vereins im In- und Auslände wärmsten Pauk aus und richtete die Bitte an die Versammelten, iiir das grosse Werk der Humanität und Kultur, dem der Hilfsveriin sich widme, auch weiterhin zu i keil und zu werben. Herr Dr. Nathan gab darauf in grossen Ziigcn einen Überblick über die Hiltsüiiigkcit des Vereins: das Hilfswerk iiir die Juden des Ostens und Orients, die unter Wirtschaftlieber Kalamität und grausamer UnterJ t,ck1111g seit Generationell zu leiden haben, die Fürsorge iiir die Auswanderer; das umfangreiche Schulwtik des Vereins. Des Besonderen ging der Redner, der e־st vor Kurzem von einer viermonatliehen Studienreise aus dem Orient zuriiekgekehrt ist, auf die Organisation des Scinilwerkes des Hiiisvereins in Paiästina ein und führte insbesondere aus. dass im Hinblick auf die zunehmende wirtschaftliche Erschliessung Palästinas. Vorder- und Hinter-Asieus die •intellektuelle kaufmännische und technische Ausbildung der Juden des Orients von besoliderer Bedeutung sei. Der Schatzmeister des Hilfsvereins im Ehrenamt, Herr Bankdirektor Ernst Simon, erstattete das Finanzreferat. Sodann erfolgte die Genehmigung des Geschäftsberichtes und die Entlastung der Verwaltung. Die Kassenrevisoren, Kommerzienrat S. Pincus und George Tietz wurden für das nächste Jahr wiedergewählt. Durch Akklamation fand die Wiederwahl der aus dem Zcntral-Komitec durch das Los ausgeschiedenen •18 Mitglieder statt. Herr Justizrat Timendorfer wurde an Stelle des verewigten Herrn Stadtrat Magnus in den Vorstand des gescliäftsfiihrenden Ausschusses gewählt. Auf Einladung von Herrn James Simon vereinigten sich die Mitglieder des Zentral-Komitccs des Hilfsvereins der deutschen Juden und die Gönner des Vereins in den Räumen des Klubs der Ressource am Abend zu einem Festmahl. Ans dem Jahresbericht des Hllfsverelns der Deutschen Juden seien folgende Einzelheiten hervorgehoben: Die Mitglicdcrzahl des Hilfsvcrcins hat sieh von 14 000 au! 18 000 vermehrt. Die regelmässigen Jahreseinnahmen sind von 98 000 auf 138 000 Mark gestiegen. Mit dem Wachsen des Hilfsvcrcins hat auch sein Wirklingskreis eine sehr grosse Ausdehnung erfahren. Natncntlieh ist es das Schul- und Erzichungswerk. das in grossem Massstabe ausgebaut worden ist. Zur Organisierung des Schulwerks und um sich über die Möglichkeiten der weiteren Ausgestaltung aus persönlicher Anschauung zu informieren, begab sich der Geschäftsführer im Ehrenamt. Herr Dr. Paul Nathan, zu einer Studienreise in den Orient, die sich auf 4 Monate erstreckte. Auf Grund der gewonnenen Erfahrungen und Eindrücke konnten die Grundziigc festgestellt werden, nach denen das Erziehungs-Schulwesen in! Orient zu leiten sei. Den grössten Umfang hat das Schulwerk des Hiiisvereins in Palästina. Das Schulwerk dort ist aus den Bedürfnissen der jüdisehen Bevölkerung des Landes heraus entstanden, ist dem religiösen. Verkehrs- und wirtschaftlichen Leben derselben aufs engste angepasst und entwickelt sich als ein Organismus von lebendiger Kraft in engem Zusammenhang mit der Gesamtentw icklung des palästinischen Lebens. Als eines der wertvollsten Ergebnisse der Reise des Herrn Dr• Nathan ist cs auzusehen. dass ein prinzipielles Einversländnis mit den beteiligten Kreisen über eine zeitgemässe Ausgestaltung des Unterrichts an den Talmud-Tliora-Schulen herbeigeführt werden konnte, so dass bei voller Wahrung des religiösen Charakters und der religiösen Grundlage der Anstalten in ihnen den Bedürfnissen des praktischen Lebens in Zukunft Rechnung getragen werden kann. Der Lehrplan soll nach der Richtung hin erweitert werden, dass die Zöglinge

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