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Jüdische Rundschau · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nur ein ganz kleiner Teil hat sich der Sozialdemokrat!־ sehen Richtung angcschlossen, dort freil.ch mangels einer grösseren Zahl intelligenter und studierter Männer eine führende Rolle an sich gerissen. So klein die Zahl der Sozialdemokraten in den Rehen der Juden ist, so gross ist die Zahl der sozialdemokratischen Führer und Unterführer aus jüdischen Kreisen. Die getarnten Juden, *die ja eine Zwischennation bewusst sind und bilden wollen, finden s־ch in den nationalliberaleu und freikonservativen Partei zusammen. Die Gradnauer und Schoenlank haben sich freilich zur Sozialdemokratie gefunden. Aber die Masse der Juden gehörte bisher unentwegt zum Fre'sinn. De religiös indifferenten Juden und die' assimilationslüsternen Israeliten machten sich diese Zugehörigkeit der jüdischen Massen zu den Linksparteien gründlich zu nutze, indem sie deren politisch-liberale Gesinnung mit einer artigen Wendung und. Drehung als Vorspann für ihre angeblich liberalen religiösen Anschaungen oder vielmehr Anschauungslosigkcit benutzten. Doch das hat nichts mi: den Preussischen Landtagswahlen zu tun, die demnächst bevorstehen ־ und die den jüdischen und nichtjüdischen Freisinnigen bange Sorge bereiten, den Juden am meisten. Denn die Lage der Juden bei der jetzigen Gestaltung der Dinge ist keineswegs eine beneidenswerte, abgesehen von der kleinen, aber geld- und einflussreichen Gruppe, die die Karriere höher als Anstand und Ehre stellt und ihr Judentum gegen eine bessere Aussichten verleihende Landeskirche eintauscht. Denn je mehr sich der Freisinn zur mitregierenden Partei auswachsen möchte, um so mehr geht er den Weg aller zur Herr- Schaft gelangenden und wenigstens strebenden Parteien, der wenigstens in Deutschland und dem deutschen Österreich entweder zur versteckten oder zur ciier.cn Judenieindschaft führt. Der Weg ist kürzer oder länger, aber er hat immer in dieser Richtung ein bestimmtes Ziel vor Augen. Und dass die Liberalen, auch wenn sie gelegentlich für di״ Börse kämpfen, an der eine kleine, mit ihrem Judentum nur recht locker verbundene Gruppe von noch ungetauften Juden neben der grossen Zahl viel reicherer bereits getaufter ehemaliger Stammesgenossen recht sehr interessiert ist, mit diesem Kampfe eben nur einer kleinen Gruppe dienen, während sie dem breiten Mittelstände der Juden nur um so grössere Feindschaft zuziehen, das haben wir oft genug an unserem eigenen Leibe erfahren. Ihr Eintreten für die Gleichberechtigung der Juden, ,־'hre Interpclla ionen bei Etatsberatungen wegen nicht genügender Lchan.dlung der jüdischen Soldaten sind rein theoretischer Natur und verpflichten sie zu nichts, so wen־'g sic ihr gegen alle Ausnahmegesetze gerichtetes Parteiprogramm davon abhielt, für die Ausnahmegesetze gegen unsere polnischen Mitbürger zu stimmen. Wenn wir der Regierung die Einbringung dieser Gesetze nicht verübeln können, wenn wir die Konservativen durchaus an i'.rvii immer betonten Grundsätzen in diesen Richturgen festhalten sehen, so müssen wir ernstlich Bedenken haben, wenn wir sehen, w.:e wohlfeil die Überzeugungen der freisinnigen Abgeordneten sind, auf deren Schutz wir unsere so mühsam errungene und so arg dur hl icherte Gleichberechtigung stützen wollen. Die preußische Regierung hat keine übermässig grosse Vorliebe für die Juden. Aber sie hat Grundsätze. Die Politiker, auf die wir uns verlassen müssen, hatten bisher Grundsätze und haben sie jetzt verleugnet. Und darum haben wT grosse Bedenken, ob wir ernstlich damit rechnen dürfen, dass sie nicht auch einmal uns gegenüber einen Teil ihrer Grundsätze aus nationalem Interesse vergessen könnten, um so mehr, als ja die einflussreichen Kreise unter uns, d:e an der Börse beteiligt sind, durch die Taufe immer mehr aus unserem Stamme verschwinden. Damit wird eine andere Gefahr für uns hcrautbeschworen, die wir nicht unterschätzen wollen. Des fst. dass man uns noch weiter nach links abdrängt, als da־, bisher schon geschehen. Denn während de Arbeiterbevölkerung in ihrem proletarischen Kampfe bereits sehr erstarkt r'st und sicher ihrer gewaltigen Kraft gemäß noch mehr Zugeständnisse erringen wird, hat erstlich diese Arbeiterbevölkerung gar kein Interesse daran, unseren jüdischen Bürger- und Kleinbürgcrstar.d zu stützen, und andererseits rufen wir die Femdschaft der regierenden Kreise nur um so heftiger gegen uns wach. Kurzum, die politischen Aussichten der deutschen Juden, die ja kaum ein Prozent der ganzen Bevölkerung an Deutschland bilden, aber programtnässig ausser den Antisemiten die ganze konservative Partei zu grundsätzliehen Gegnern ihrer Rechte zählen, sind n־> h schlechter geworden, als s'e schon waren. Dazu kommt dauernd das Herabdrücken der jüdischen Ehre und der

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