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Jüdische Rundschau · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 121 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 14 vor! einer Eskorte Soldaten nach dem Serail abgefiihri. Hierauf begaben sich der •türkische Beamte, der russische Dragomans und die arabischen Zeugen nach dem Hotel Spektor. wo gleichfalls jüdische Arbeiter wohnen, verhafteten hier jedoch niemand. Kurze Zeit darauf drang dann plötzlich der Gendartr.erie-Offizier Daud Effendi. gefolgt von Polizisten. Soldaten und bewaffneten Arabern durch eine Hintertür in das Hotel Spektor ein. schossen auf die Anwesenden — der anführende Offizier tat sich dabei besonders hervor — uuJ schlugen ohne Erbarmen auf sie ein. Dreizehn jüdische Arbeiter wurden verletzt, darunter zwei lebensgefährlich, und liegen im jüdischen Hospital. Auch wurde Geld und Kleider geraubt. Die Unruhen haben sich vorläufig nicht wiederholt. Der russische Konsul beobachtet eine abwartende Haltung. Der Kaimakam selbst soll in der Nähe des Hotels gewesen sein und den Befehl zum Einbruch erteilt haben. Der Mutcsariff (Gencralgouvcrneur aus Jerusalem!, der sich in den letzten Tagen in Rändelt aufhielt, war in Jafia und empfing eine Deputation jüdischer Bürger. Er betonte, dass er den Juden )sehr gewogen sei und alles daran setzen werde, dass die Untersuchung sofort cingclcitet und die Schuldigen der Strenge des Gesetzes anheimfallen sollen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die vorgckomaiencn ungeheuerlichen Ausschreitungen lediglich von dem Kaimakam ausgehen. denn vor der Zeit seines Wirkens bestanden bei der arabischen Bevölkerung niemals irgend welche bemerkenswerte Feindseligkeiten gegen die Juden. Selbst zur Zeit, als die jüdische Einwanderung überaus stark war. ist cs niemals zu *irgend einer gegnerischen Kundgebung urcter den Arabern gekommen. Der Vorfall erregt unter den Juden des Landes um so grösseres Aufsehen und u,11 so lebhaftere Entrüstung, als niemals hier oder überhaupt in der Türkei derartiges gegen Juden vor gekommen ist. * Nachstehend bringen wir die offizielle Liste der bei diesen Ausschreitungen verletzten Juden, die im Hospital Schaare Zion untergcbracht sind: Benzion BI u f s t e i n. •13 Jahre alt. 3 Stockwunden an der Stirn. 2 im Gesicht; Jankc K Iin d, 23 Jahre alt, 2 Wunden am Arm und Schulter: Hirsch M u s s I n. 23 Jahre alt. eine Schusswunde im Rücken. 3 Kopfwunden; Abraham Komaroff. 24 Jahre alt mehrere Verletzungen am linken Bein; Josef Dorniann. 27 Jahre alt. mehrere Verletzungen an Arm. und Bein, ■mehrere Wunden im Gesicht: Benia Blak, 18 Jahre alt, 3 schwere Säbelwunden am Kopf, eine Verletzung im Gesicht; Nahom Lew in. 19 Jahre alt, mehrere Verwundungen an Schulter und Arm; Jakob Zolkind, 23 Jahre alt, Wunden am Kopf und Schulter: Jakob R e s k i n . 32 Jahre alt, Säbelwunden am Kopf; Enoch Lob Hcrschkowiitz. 30 Jahre alt, Säbelwundcn am Kopf und Schulter: Chaim Burstein. 25 Jahre alt, schwere Schussverletzung Im Rückgrat, Zustand lebensgefährlich: Jossel Sachriye, 30 Jahre alt. schwere Schusswunde am Arm, Blutvergiftung. Hieb über den Kopf. Zustand lebensgefährlich; Abraham L. Goldman. 35 Jahre alt. 5 Wunden am Kopf. 2 an der Stirn und eine im Rücken. Alle Verwundeten, mit Ausnahme des letztgenannten, der Amerikaner ist, entstammen aus Russland. Unsere letzten Nachrichten lassen dieses beklagenswerte Geschehnis als einen isolierten Fall eines in Palästina beispicllosen politischen Krawalls erscheinen. Die Bevölkerung liess sich durch die künstlich inszenierte lokale Hetze, die der Kaimakam auf eigene Faust betrieben hatte, nicht in den Zustand einer allgemeinen Aufregung versetzen. Man hat es hier mit der wilden Laune eines kleinstädtischen Satrapen zu tun. der in vollständiger Missachtung der Gesetze und der Traditionen seiner Regierung den friedsamen Juden gegenüber einen durcli nichts motivierten Uebcrfall arrangiert hat. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die türkische Regierung schleunigst durclt die Bestrafung der Schuldigen und in erster Reihe durch die Absetzung des Kainiakams Remedur schaffen wird. Der H i 1 f s v e r e I n der Deutschen Juden fügt seinem Berichte noch hinzu: Wenn es «!ich bei den Verwundeten und Geschädigten aucii nur um russische und einen amerikanischen Untertanen handelt, so hat doch der deutsche Konsul, was mit Dank hervorgehoben werden muss, in dieser Angelegenheit sich ausserordentlich korrekt verhalten. Der russische Kawass behauptet, nach dem Weggang der Polizei, die Verhaftungen vorgenottunen habe, sei von den Juden aus den Fenstern des Hotels geschossen worden. Es sind das dieselben Märchen, die in Russlaad gang und gäbe sind. Ms dürfte aber kaum gelingen, die Juden hier in der Türkei zu verdächtigen. Die bessere curopäisclic und arabische Bevölkerung sind über die Untaten der Polizei empüit und den Juden wohlwollend gesinnt. Die Vorfälle sind einzig in der neuen Geschichte der Türkei. Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Sultan und die Zcutralregierung von Konstantinopel die Untaten in Jaffa missbilligen. Daher ist zu erwarten, dass der schuldige Kaimakam, dessen Verbleiben im Amte eine beständige Gefahr für die jüdische Bevölkerung in Jafia. die jetzt 8<H10 Seelen zählt und für die jüdischen Kolonisten in den benachbarten Kolonien ist, zur Verantwortung gezogen werden wird und die Vorfälle in Jaffa; eine vorübergehende lokale Bedeutung behalten. Ku!־z vor Redaktionsschluss geht uns folgende Meldung der NEUEN JÜDISCHEN KORRESPONDENZ zu: Der Übergriff der Polizei in Jaffa hat rasch seine Sülme gefunden• Wie uns von dem Bureau des Hilfsvercitts der Deutschen Juden mitgetoilt wird, ist der Kaimakam in Jatia seines Amtes enthoben und nach Konstantinopel abberufen worden. Damit ist klargestellt, dass der Kaimakam de;־ alleinige oder jedenfalls der HauptirMeber des bedauerlichen Überfalls gewesen ist. und es ist weiter in erfreulicher Weise dargetan, dass die Regierung Seiner Majestät des Sultans nicht gewillt ist, irgend welche V e r I e t :׳. u 11 g c 11 der Sicherheit der Juden zu dulde 11. ,,Kopsch-scheu“ Es naht in Preussen die Zeit der L a 11 d t a g s w a 111 c 11. Wie es heiss!, sind sie bereits auf den 3. Juni festgesetzt. Da müssen sieh die Parteien beeilen, rasch, noch was für ihre Wähler zu tun oder wenigstens zu - reden. Denn es gibt mancherlei Sünden gut zu machen. Nicht jeder drausseu irn Lande ist in seinem lieben Ciemüte ״verblockt“ genug, um auf dieses Satyrspiel noch länger hcreinzuiallcn. in dem die Freisinnigen sich haben die Schellenkappe umhängen lassen. Die Ethnologie ״freisinnig“ gleich ..frei von allem Sinn“ leuchtet manchen Leuten nun mal nicht ein. Sogar, die Juden, sogar die ״Judenpressc“, sind aus vielerlei Gründen arg verstimmt. Und cs könnte sein, dass den Freisinnigen im preussischen Abgeordnetenhausc heimgczahlt wird, was der Reichstagsliberalismus gesündigt bat und noch sündigen wird. Die Ungeschicklichkeit, dass kürzlich gerade ein getaufter Jude vorgeschickt wurde, um die ״liberale Forderung“ der Gleichberechtigung der Juden zu vertreten, hat auch recht eigentümlich gewirkt. Boshafte Leute meinten, von den anderen ״Liberalen*־ wolle sich gerade jetzt, im Zeichen Biilow-Llebcrmann-Lattmaimscher Blockpolitik, keiner kompromittieren. Zwar braucht man an der Treue der jüdischen Freisinnsmannen nicht zu zweifeln. Das Stimmvieh funktioniert sicher! Aber besser ist besser -- und da dachte sich Herr Kopscli, dass es ja schliesslich nur eine kleine Überwin־ düng koste. Und dass c r ja unter einer Misstimmung der jüdischen Wähler am ersten leiden könnte. Denn Herr Kopsch stehen bekanntlich nicht im Gerüche grossen Judenfreundschaft. Aber man ist doch schliesslich ein Liberaler! Donnerwetter! Und stellt sich bei der dritten Lesung des Etats (135. Sitzung vom 3•). März 19(18 ־ - merk Dir’s, Jud!) vor den Reichstag hin und leiert sein Sprüchlein ab: ״Zurück- Setzung der Mannschaften jüdischer K o 11 f c s s i ס n . . . .von einer allgemeinen Untiichtigkeit der Juden kann keine Rede sein . . . Verfassung .... staatsbürgerliche Rechte .... religiöses Bekenntnis .... Pflicht der Vorgesetzten Beborde . . . .“ Der Kriegministcr. oder vielmehr sein Vertreter, der Herr Generalleutnant Sixt von Arnitn, wertet das Gewäsch ganz entsprechend, indem er auf die lange Rede des Herrn Kopsch mit dem in seiner militärisch-schlichten, ehrlichen Geradheit erschütternden Satze antwortet: ״Das Material des Abgeordneten Kopsch v i r d geprüft werde 11.“ Der Herr Genaal keimt seine Pappenheimer - was braucht er die Sache ernster zu nehmen, als sie gemeint ist! Aber nein - wie man sich irren kann. Es gibt einen Freisinnigen, dem der Witz denn doch zu dumm ist, dass die Regierung heute anfangen soll. Material zu priiien. über das sic seit langen Jahren informiert ist• Herr Hermes sagt das dem Herrn Kriegsminister-Stellvertreter. Der wirft sich in die Brust - man fühlt, dass jetzt ein Satz voll alter preussischer Tugend und Treue kommt und spricht also: ״Auf die Frage der jüdischen Einjährigen e i 11 z u g e h e n . halte ich f 11 r überflüssig, nachdem ich bei der zweiten Lesung des Etats Stellung genommen habe, und weil' nach den Ausführungen des Kriegs in i n i s t e r s die Heeres- Verwaltung keine andere Steilung einnehtnen kann, da sie auf dein Boden des Gesetzes stehen muss!"

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