Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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r -"־׳**•י- *«?1“/**m*•*-* No. 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 123 Weiter ist es ein Irrtum des Herrn Professors, wenn er glaubt, dass das Jüdische Volk unter sich derartig kulturell differenziert ist, dass es schwerlich zu einem eigenen lebensfähigen Staatswesen würde gelangen können. Die Mehrheit des Jüdischen Volkes, nämlich die 9 Millionen östlieber Juden, die den Kern des zukünftigen Jüdischen Staats- Volkes bilden weץdcn, sind kulturell eine durchaus geschlossene. homogene Masse mit eigener Sprache, Religion, Kunst usw. Dass es ausserdem in den verschiedenen Ländern eine den fremden Kulturen mehr oder weniger assimilierte Judcnansamntlung gibt und gegeben hat, kann demgegenüber ebensowenig von Bedeutung sein, wie das Vorhandenscin derselben Tatsache bei anderen Völkern für deren Befähigung zur, Staatsbildung. Massgebend sind also zunächst die kulturell einheitlichen Massen Osteuropas, als derjenige Teil des jüdischen Volkes, der für die Staatsbildung in erster Linie in Betracht kommt. Später, nämlich dann, wenn die Kultur des jüdischen Staates die der westeuropäischen Länder erreicht haben wird, wird er auch eine grosse Anzahl Juden aus diesen Ländern an sich ziehen, die sich dann dort ebenso wohl fühlen werden, wie die schon früher zugewanderten. Und unser berühmter Stammcsgcnossc Asser war demnach sehr kurzsichtig, als er Napoleon P seine sicherlich sehr witzige, aber unüberlegte Antwort gab. Was endlich den Entwurf anbetrifft, dass nicht einmal der Kultur aller Staaten mit dem Abzug ihrer Juden nach Pahistina gedient wäre, so wäre dieses für uns äusserst schmeichelhafte Bedenken natürlich nur vom nichtjüöischen Standpunkt beachtenswert. Aber es ist tatsächlich auch nicht einmal begründet. Denn da. wie sehen erwähnt der Exodus der Juden in erster Linie aus den Ländern erfolgen würde, in denen es nach dem Worte Sombarts zu viel Juden gibt, so würde durch die zionistische Lösung der Judenfrage nicht nur nicht der Kultur irgend eines Landes Schaden zugefügt, sond-rn.es würde im Gegenteil jenes Gleichgewicht hergestellt werden, nach dem ja auch Sembart zu verlangen scheint. Dies und einiges mehr schrieb ich Herrn Professor Schücking und bat ihn, mir niitzuiciien, weichen Erfolg oder Misserfolg mein Schreiben bei ihm gehabt hatte. Nach einiger Zeit erhielt ich folgende Antwort: Sehr geehrter Herr Doktor! Der Inhalt Ihres Briefes hat mich selbstverständlich auf das Höchste interessiert. Sie haben völlig darin recht dass ich den Zionismus zu theoretisch angesehen habe. Unbckannt mit dessen spezieller Literatur und als geborener Westdeutscher auch gänzlich unbekannt mit der geschlossenen Masse jüdischen Volkstums und dessen gleichartiger Kultur in Osteuropa habe ich tatsächlich geglaubt, es handle sich liier um Bestrebungen, die nur aus einer Zeitidec und r.icht aus einer sachlichen Situation geboren sind. Sic haben mich wirklich vom Gegenteil überzeugt und ich bin Ihnen dafür aufrichtig dankbar. Eine zweite Präge wäre ja immer noch die, ob ein derartiges, also in der Sachlage \v oh!begründetes Ziel Aussicht auf praktische Verwirklichung hat• Ueber diese Frage kann ich als Staatsrechtslchrcr mir aber erst recht kein Urteil anmassen. Mit bester Empfehlung Ihr ergebenster W. Schücking. Es ehrt Herrn Prof. Schücking, dass er so offen seinen Irrtum eingesteht, obwohl er sich ja leicht einer Antwort hätte entziehen können. Anderseits aber könnten wir sagen: Wie darf ein Gelehrter, der seine Ausführungen auf ״wissenschaftliche Basis“ stellen will, ein Urteil über den Zionismus füllen und verbreiten, ohne eine Ahnung von dessen spezieller Literatur und den einschlägigen Verhältnissen zu haben! Aber von liberalen Blättern sind Jahre lang so viele Irrtiimer über Zionismus und Zionisten verbreitet worden, wie über die Juden von antisemitischer Seite, so dass wir Schückings Missgriff durchaus begreifen können. Dieser Fall lehrt uns wieder, wie gering die Kenntnis von Juden und Judentum und von Zionismus auch in den gelehrtesten Kreisen ist, und wie sich trotzdem jeder berechtigt glaubt, auch ohne diese Kenntnis seine Meinung zum Besten zu geben. Uns selbst aber legt er die Frage vor, ob wir nicht, wie es ja schon vielfach anderweitig geschieht, eine systematische Durchsicht derjenigen Presserzeugnisse einfiibren sollten, die sich mit dem Zionismus beschältigen, um Irrtümer zu berichtigen und die Oeficntüchkeit über solche aufzuklären. Die Welt würde dann jedenfalls die Wahrheit über Juden und Judentum, Zionismus und Zionisten erfahren, so wie wir wohl von Prof• Schücking erwarten dürfen, dass er in den etwaigen künftigen Auflagen seiner Broschüre die irreführenden Ausführungen über den Zionismus fortlassen oder richtig stellen wird. Dr. Alfred Cassirer. 3KU Rundschau Hilfsverein der Deutschen Juden Berlin. Sonntag, den 29. März, nachmittags 4 und 5 Uhr. fanden unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des Zcntral-Komitees und die Generalver- Sammlung des ,.Hiifsvereius •der deutschen Juden“ statt. Beide Versammlungen hatten sich eines lebhaften Zuspruches auch seitens auswärtiger Mitglieder zu erireuen. In der Sitzung des Zcntral-Komitees wurde über den Geschäftsbcricht beraten; derselbe fand die Billigung der Anwesenden. Mit lebhafter Befriedigung wurde zur Kenntnis genommen, dass der Verein in ständigem starken Fortschreiten begriiien sei, und \vie in Deutschland auch im Auslande sich grösster Sympathien und tatkräftiger Förderung zu erfreuen habe. Einen besonders tiefen Eindruck, der sich in lebhaftestem Beifall kundgab, rief die Mitteilung des He!־rn Simon hervor, dass die Familie des verstorbenen Herrn Wolf Wlssotzky in Moskau durch den Sohn des Verewigten, Herrn David WIssotzkv, dem Hilfsverein der Deutschen Juden eine Stiftung von Vi Million Franken mit der Bestimmung überwiesen hat, technische Mittelschulen im Orfeat zu begründen* Polizeiübergnffe In Jaffa Köln. Das Zionistische Zentralbureau in Köln erhielt eingehende Nachrichten über die bereits durch die Presse bekannt gewordenen Exzesse gegen Juden in Jaffa. Die schweren Ausschreitungen stellen sich darnach als die Missetat des J a f f a e r K a i nt a k a m s A s s e f Bei heraus, unter dem die jüdische Bevölkerung auch schon vorher schwer zu leiden hatte. Schon seit 6—7 Monaten werden die Juden aufs Empfindlichste von ihm unterdrückt und geschädigt. Er reizt die arabische Bevölkerung in Stadt und Land gegen die Juden auf und schickte wiederholt, ohne jede Veranlassung Gendarmerie in die Kolonien, um die Kolonisten zu schrecken und die Araber gegen die Juden aufzureizen. Auch kam es in letzter Zeit mehrfach vor, dass Juden von Arabern aut der Strasse geschlagen und misshandelt wurden, ohne dass die Täter bestraft wurden. Am Montag, dem 16. d. Mts. abends (Erew Purim) kam es neuerdings zu einem Zusammenstoss zwischen einem Araber und einem jüdischen Arbeiter, wobei der Araber verwundet wurde. Diese Rauferei dehnte sich in einen grösseren Auflauf zwischen Arabern und Juden aus. wobei beide Seiten sich der Sodawasserflaschen aus einem arabischen Laden, dessen Besitzer zu den arabischen Rädelsführern gehörte, als Wurfgcschosse bedienten. Bald jedoch liefen die Araber davon, die Juden gingen auseinander und es erschien ein türkischer Polizeibeamter in Begleitung des Dragomans des russischen Konsulats und einiger Araber, die an der Räuberei beteiligt gewesen waren, in dem Hotei Baruch. in dem viele jüdische Arbeiter wohnen. Hier wurden von den Arabern dem türkischen Beamten 6 Leute als Teilnehmer an dem Auf laut bezeichnet, deren Schuld indessen durchaus nicht feststeht, und unter Zustimmung des russischen Dragomans יי■ f?״**י ׳זיןי״יי^ווי*“ i