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Jüdische Rundschau · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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No.!4 Seite 122__ __JÜDISCHE RUHDSCHAU der Veranstalter des missglückten Pogromversuches zu suchen ist. Die Juden in Palästina denken gar nicht daran, in irgend welcher türkischen Behörde die Veranstalter dieses Krawalles zu suchen. Nach wie vor wird das herzliche Verhältnis zwischen Juden und Muhammedanern nicht getrübt werden. Sie wissen, dass sie viel näher glaubensverwandt s:nd. a’s irgend welche christlichen Konfessionen untereinander. Aber die Juden in Palästina können eine grosse Lehre ans dem Ereignis ziehen. Wenn nämlich d:c russische Gewalt durch den Exzess auch die russischen Juden im Heiligen Lande unter andern! davon abhaltcn will, türkische Staatsangehörige zu werden, so sollten sie im Gegenteil daran Veranlassung nehmen, die türkische Staatsangehörigkeit iiir sich zu erwerben und dadurch jenem Konsulate die breite Grundlage zu entziehen, das sich auf die Masse der jüdischen Untertanen gegenüber der Türkei stützt und das in jedem Einzelfalle diese Juden verrät, wenn sic des Schutzes bediirien. Es gibt nur eine Antwort der l ausende von russischen Juden «in Palästina, denen dieser probeweise Vorstoss der Pogronibehörde gilt, eine unzweideutige Antwort, die für den Einzelnen נזוז Moment vielleicht einige persönliche Unannehmlichkeiten nach sich ziehen kann, die allein aber der Gesamtheit der Juden w.:e dem Wohle der Türkei entspricht, das ist der Übergang aus der russischen in die türkische Staatsangehörigkeit. Der Pascha von Jerusalem, der sich sofort an eine gerechte Untersuchung gemacht hat, und die türkische Zentralregieruug, die sofort tatkräftig und gerecht eingegrifien hat, werden ihnen diesen Übergang gewiss nicht schwer machen. Jedenfalls aber wird es den türken- und judenfeindlichen Veranstaltern des Pogromversuclies, die den Kaimakam zu diesem Vorgehen veranlasst haben, keineswegs gelingen, die enge Interessengemeinschaft und die herzlichen Sympathien der beiden von Russland bedrängten und bedrohten Völker zu zerstören. Die Türkische Regierung hat bereits durch energisches Eingreifen bewiesen, dass sie keineswegs gewilit ist, die russischen Pogroms auf ihr Kulturgebiet verpflanzen zu Hassen. Durch die schleunige Abberufung des schuldigen Beamten, der zur Verantwortung nach Konstantinopel zitiert worden ist, hat sic bewiesen, dass sie das Intriguenspiel der russischen Pogromhelden durchschaut und dass sie Gerechtigkeit üben wird, wie es jahrhundertelange Tradition der osmanischen Regierung und des türkischen Volkes ist. Die Juden im Türkischen Reiche werden unter der milden und gerechten Regierung ihres Sultans und in treuer Hingebung an ihren Herrscher weiter im besten E'nvernehmen mit ihren islamischen Landsleuten leben — trotz aller russischen Machenschaften. EI j ä q i m. Das Nationalitätenproblem Professor Walther SchQcking, der bekannte Staatsrcchtslehncr an der Universität Marburg, bat vor kurzem eine ausgezeichnete Schrift über das Nationalitätcnproblem veröffentlicht, in der er sich hauptsächlich mit der Polcnfrage und der Zukunft Oesterreich-Ungarns beschäftigt. Die Ausführungen Schückings gipfeln darin, dass der moderne Staat nicht nur die in ihm wohnenden Nationalitäten sich ausleben lassen müsse, sondern dass er sie auch in dem Streben nach Erhaltung ihrer Eigenart aus allgemein kulturellen Gründen unterstützen müsse. Mit Recht weist er darauf hin, dass es niemals ein sittliches Ziel sein kann, ein ganzes Volk zu Renegaten zu machen, indem man seine Nationalität unterdrückt. Und scharf geisselt er das unpolitische und unkulturelle Verhalten einzelner privilegierter, herrschender Nutionen, die sich die Nationalitäten gewaltsam einzuschmelzcn suchen. Kulturwidrig, weil der Satz: cuius regio, cius natio eine ebenso ungeheuerliche Brutalität ist wie der Satz: cuius regio, cius religio. Denn jeder habe ein angeborenes Menschcnreclit auf seine Nationalität, .schon weil sie auf der Ueberzeugung des Herzens beruht. Unpolitisch nennt er jenes Verhalten, weil der Nampi gegen die nationalen Minderheiten ein aussichtsloser Kampf gegen die Ideen ist, und erinnert an das Wort Napoleons I., dass auf die Dauer der Gedanke über das Schwert siege, und an ein Beispiel aus der Geschichte für die Wahrheit dieses Satzes: den Sieg der Ideen des Rabbi von Nazareth über das römische Weltreich. Uns Zionisten interessiert noch besonders die Bestimmung der Begriffe Nation und Nationalität, die Schiicking gibt und die übercinstimmt mit der Definition J e 11 i n c k s in dessen ״Allgemeiner Staatslehre": ״Eine Vielheit Von Menschen, die durch eine Vielheit gemeinsamer, eigentümlicher Kulturelementc und eine gemeinsame geschichtliche Vergangenheit sich geeinigt und dadurch von anderen geschieden weiss, bildet eine Nation “ Dass nach diesen Ausführungen Schücking auch die Juden als Nationalität anerkennen würde und demzufolge auch die moderne jüdisch-nationale Bewegung, den Zionismus, schien mir Zweifellos. Da stiess ich plötzlich aut folgenden Abschnitt, der sich mit dem Zionismus beschäftigt: ״Das heiterste Zerrbild einer berechtigten politischen Bewegung ist der Nalionalitätcngcdanke, angewandt aui die Juden: der Zionistnus. Der Gedanke des Zionismus ist ja auch nur der: wir sind ein Volk, folglich müssen wir, auch einen eigenen Staat haben. Und doch wissen wir, dass die 'Juden schon zur Zeit Jesu Christi längst vor der Zerstörung Jerusalems zum guten Teile im Römerreiche zerstreut waren. Ein Volk aber, dessen Glieder durch den Anteil, den sie an der verschiedenen Kultur der verschiedenen Länder gcvonnen haben, unter sich so differenziert sind, wie das jiidischc, wird schwerlich wieder zu einem lebensfähigen Staatswesen gelangen können, in dem sich alle Staatsgerossen auch nur einigermassen wohl fühlen. Das erwog auch wahrscheinlich der. berühmte holländische Jurist Asser, der Schöpfer des ersten Handelsgesetzbuches, als er von Napclcon I. gefragt wurde, wie er als Jude darüber denke, v/ieder einen jüdischen Staat in Palästina aufzurichten. Asser meinte nämlich: ״Sire, dann möchte ich jedenfalls Gesandter l dieses Staates in Paris werden‘‘. Wahrscheinlich wäre auch nicht einmal der; Kultur aller Staaten mit dem Abzug ihrer Juden nach Palästina gedient. Von den hervorragenden Verdiensten zahlreicher Juden auf künstlerischem und wissenschädlichem Gebiete abgesehen, sind die Juden innerhalb des einzelnen Volkstums namentlich immer wieder Pioniere auf wirtschaftlichem Gebiete gewesen, und mit Rocht meint Sombcrt einmal, ein Staat kann zu viele, er kann aber auch zu wenig Juden haben. —־“ Es ist kaum nötig, an dieser Stelle auseinander zu setzen, dass diese Betrachtungen auf durchaus irrigen Voraus- Setzungen beruhen. Hat doch der Zionismus seine Grundläge keineswegs lediglich in der .theoretischen Erwägung: ,ein Volk, folglich ein Staat.“ Schon Theodor Herzl spricht cs in seiner Vorrede zum ״Judenstaat“ aus, dass die treibende Kraft der Judenstaatsidee die überall vorhandene Juden not ist und die Ueberzeugung, dass die Judenfragc nur auf dem von Herz! vorgcschlageucu und von einem I grossen Teil der Judenheit begeistert angenommenen Wege I zu lösen ist. Würde der Zionismus lediglich auf dogmati- I sehen Erwägungen beruhen, so hätte Prof. Schücking recht. | Da er aber seine Wurzel in der unstreitig vorhandenen Not I der jüdischen Massen, ihrem Sclbsterlialtungtrieb und der I daraus geborenen Einsicht von der Notwendigkeit der Er- I richtung einer rechtlich gesicherten Heimstätte hat, so Ist 1 seine Grundlage keine theoretische, in der Luft schwebende, 1 sondern eine den realen Bedürfnissen entsprechende.

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