Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 118 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 13 solcher, wie auch die einzelnen Mitglieder desselben das russisehe Volk systematisch gegen Polen, Juden, Deutsche und andere Untertanen des Reiches aufgehotzt. Haben denn diese, der Nationalität nach Nichtrussen, nicht ebenso treu gedient als die reinen Russen? Die russische Geschichte aller Zeiten kennt viele hervorragende Männer, die sich grosse Verdienste um Russland erworben haben und deren Namen doch auf ihre nichtrussische Abstammung hinweisen. Auch im letzten russisch-japanischen Kriege haben Russen. Polen, Deutsche. Juden usw. Schulter an Schulter gefochten und die Ehre ihres gemeinsamen Vaterlandes verteidigt. Als grosses Unrecht muss es daher angesehen werden, wenn gewisse Verbände oder Pressorgane bemüht sind, das Volk gegen die Untertanen nichtrussischer .Abstammung aufzuhetzen. Der Rassenkampf hat von jeher eine hässliche und traurige Rolle gespielt. (!! D. R.) Deshalb sollten alle Mittel angewendet werden, um eine Einigung der Völkerschaften und Rassen in Russland möglich zu machen. Die Lehren der Geschichte haben dem russischen Volke schon manchen Nutzen gebracht, ln vielen Gegenden sieht es auf seine nichtrussischen Mitbrüder nicht mehr mit feindlichen Augen, wie früher. Diese friedliche Richtschnur weiter zu entwickeln sollte das Ziel der Presse und einzelnen Verbände sein. Die Gesellschaft hat das zum Glück auch schon allerkannt. Und wenn <iic echt russischen Leute oder gewisse Hetzorganc gegen die nichtrussischen Nationalitäten wühle!!, so rufen sic dadurch zumeist nur Unwillen und Beunruhigung hervor. Ganz abgesehen von den! Gefühle brüderlicher Gemeinsebaft muss ein jeder, besonoers der Gebildete, dessen bewusst sein, dass Russland ebenso wie jeder andere Staat nur durch Einigkeit stark und mächtig sein und werden kann.“ Wer mag wohl der POST dieses Kuckucksci jus Nest gelegt haben? Oder sollte man am Ende aus der Deutschenhetze, die in Russland ja auch sehr intensiv betrieben wirJ. etwas gelernt haben? Aber nein, die Hoffnung wäre wohl zu optimistisch. Gewiss werden wir bald wieder Gelegenheit haben, in dem Leibblatt des seligen Freiherr!! von Stumm die alten antisemitischen Jeremiaden zu lesen. Aber cs ist nett, dass uns das Blatt gerade zu Purim einen solchen unerwarteten Scherz beschert. Erfolgreiche Judenbekehrung ln einer Kommission der russischen Duma wird zurzeit ein Entwurf über die Gewissensfreiheit beraten. Wie cs mit diesen Dingen in Wirklichkeit steht, wird durch die folgende wahre, erschütternde Geschichte illustriert, die Dr. L. Gordon in einer Petersburger russischen Zeitung erzählt. ״Vor einigen Monaten.“ so heisst es dort, ״kam die junge jüdische Frau G . . . nach Petersburg zurück. Auf ihrem Arme trug sie einen Säugling, sie selbst war verhungert und aller Mittel bar. Gute Leute gaben Ihr den Rat. das Kind ins ״Säuglingsheim“ zu geben, wo arme, kleine Kinder genährt und erzogen werden. Die unglückliche Mutter brachte ihr Kind in die Wohltätigkcltsanstalt. die ihr Kind vor dem Hungertode erretten sollte. Die Leiterin des Säuglingsheims ist auch tatsächlich bereit, das Kind aufzunehmen. Aber ein kleines Hindernis — das Kind ist ein Judenkind und Judcnkimler werden in dieses Haus der Barmherzigkeit nicht atifgcnomtucn. ..Lasst doch das Kind taufen," meint die Leiterin, dann nehmen wir ein hungerndes, frierendes Kind mit Vergnügen auf. Die Mutter will natürlich von einer־ solchen Zumutung nicht einmal hören und rennt mit Ihrem schreienden Säugling aus dem Bereiche dieser Wohltütigkeitsanstalt. Aber — es vergehen •einige Tage. Die Mutter isst nichts und findet keinen Schlaf. Wie wahnsinnig taumelt sie über die Strassen der Hauptstadt und späht nach Hilfe und Rettung. Sic bleiben aus. Das Kind weint, schreit und ist ihr hinderlich im Arbeitsuchen und die Mutter muss nachgeben. Das Kind ist getauft und wurde ״mit Vergnügen“ in die Wohltätigkeitsanstalt aufgenomincn, die sich ״Petersburger Säuglingsheim“ nennt. Einige Monate sind verstrichen. Die Mutter hatte sich, so gut cs eben ging, erholt. Sie hat irgendwo Arbeit genommen und lebt recht und schlecht wie ein Mensch. Es ist ihr sogar möglich geworden, das Kind wieder zu sich zu nehmen und sie gellt ins Säuglingsheim, um sich ihr Kind zu holen. Dort wird sie jedoch abgewiesen. Weshalb? Ganz einfach: Das Kind ist schon ein .Christ und die Mutter ist noch immer Jüdin. So einfach aber die Sache auch ist, die Mutter vermag sic nicht zu begreifen. Sie wird aufgeregt und beginnt zu schreien: ״Was heisst das? Das Kind• gehört doch mir?“ — ״Jawohl, natürlich gehört cs Euch!“ — ״Warum will man mir es dann nicht geben?" — ״Wir dürfens nicht. Das Kind ist ein Christ und Ihr — eine Jüdin. Das Gesetz verbietet so was. Aber seht ,mal her. wenn Ihr Euch auch taufen lasst, dann stünde die Sache anders.“ — Mau denke sich eine Mutter, die ihr Kind einer wohltätigen Anstalt auf kurze Zeit übergibt, auf dass es genährt und gepflegt werde und sie kann dieses Kind jetzt nicht wieder haben. Die Folge davon — die Mutter — lässt sich taufen! — Das ist doch wenigstens eine methodische Judcnbekehnmg. Russische Pressvergehen Wegen zweier ״politischer Pressvergeheu" hatte sich vor der Kriminalabteilung des Warschauer Kreisgerichts Herr N. S o k o 10 w. der bekannte Zionist und hebräische Schrift- Steller, als Redakteur der hebräischen Zeitung HAZEEIRAM und der jiidisclieh Dialektzeitung TELEGRAPH zu verant- Worten. Das erste der ihm zur Last gelegten Vergehen besteht darin, dass im Jahre 1906 in Nununcr 15 der HAZEFIRAH eine Nachricht aus Petersburg enthalten war. wonach eine Deputation ״echt russischer Leute“ dem Zaren die Bitte vorgelegt habe, sämtliche Juden aus Russland fortzujagen. Der Zar sollte daraui geantwortet haben: ״Wir wollen selten!“ Die Staatsanwaltschaft fand darin ein Vergehen gegen Artikel 102-t. wonach es verboten ist. des Zaren Worte ohne die Z e n s ti r des H 0 f min i s t c r i u ni s zu drucken. — Das zweite Vergehe» betrifft eine Korrespondenz im TELEGRAPH aus einem kleinen polnischen Provinzstädtchen. Diese meldete auf Grund von Tatsachen.• dass die in 1-a s k (Gouv. Pctrikan) stehenden Kosaken einen Pogrom zu arrangieren be.:!•.- sichtigen. Die Staatsanwaltschaft findet darin, trotz zweier für die Richtigkeit der Korrespondenz zeugenden Aussagen, Verbreitung falscher A 11 g n b c n ii her die Tätigkeit des M i I i t ä rs. Auf Grund dieser beiden Vergehen wurde Sokolow. obwohl er zu jener Zeit überhaupt sich nicht in Warschau befand, zu drei Monaten Gefängnis. 300 Mark Geldstrafe und Tragtmg der Kosten verurteilt. Der Anwalt Sokolow s legte sofort Appellation gegen das Urteil ein. Jüdische Freuden in Russland Der Rat des Petersburger Technologischen Instituts organisierte dieser Tage für die Studenten der mechanischen Abteilung eine Studienreise nach Moskau, um den Studenten Gelegenheit zu geben, die dortigen Strassenbalni-Einrichtunge:! und einige grosse Fabrikanlagen zu besichtigen. Trotz aller Bemühungen des Direktors des Institutes konnte indessen für die jüdischen Studenten keine Erlaubnis zum vorübergehenden Aufenthalt in Moskau erlangt werden, und so mussten die jüdischen Studierenden hübsch zu Hause bleiben. Und dann wundern sich im Ausland sogar Liberale, warum die jüdischen Studenten aus Russland eigentlich ins Ausland gehen! Die Hoffnungen der russischen Juden auf eine Besserung ihrer Lage unter dem gegenwärtigen pseudo-konstitutionellem System schwinden immer mehr. Das Kabinett Stolypin hat offenbar nicht den Mut, den Tendenzen des echtrussischen Verbandes und seiner einflussreichen Gönner entgegenzutreten. Ganz im Geiste Plehwcs wird den Juden, die in den Pogroms nicht totgeschlagen worden sind. Jede Erweiterung ihrer staatsbürgerlichen Rechte versagt, ia die vorhandenen werden nach Möglichkeit eingeengt. Die Beschränkung der Zulassung zu den höheren Schulen findet ihr Gegenstück in der Fernhaltung des Juden von der Komnuinalverwaltiing. Wie der RUSS. KORRESPONDENZ aus Petersburg telegraphiert wird, hat das Ministerium des Inneren die ausserordentlich wichtige Entscheidung gefällt, dass Juden in Städten ausserhalb der ihnen eingrüumtcn Zone von der städtischen V e r w a 1 - 111 n g v o 1 lk o!11 ni c 11 a 11 s z u s c 111 i c s s e n seien. Innerhalb der Zone dürfen selbst in Orten, wo der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerungen bis 90 und mehr Prozent beträgt, die Juden nicht mehr als ein Fünftel dar Stadtverordneten stellen. Alliance-Schule In Konstantinopel Unser X.Korrespondent schreibt uns aus Konstantinopcl:׳!11 dem Bericht über die Tagung der deutschen Konferenz- Gemeinschaft der Alliance Brachte Universelle wurde u. a. gesagt: ״Mit besonderer Genugtuung wurde die Mitteilung cntgegcngcnomnien. dass in den jüngsten Tagen wieder in Konstantinopcl-Galata eine Alliance-Mittelschule mit deutscher Unterrichts-Sprache eröffnet worden ist.“ Dazu ist zu bemerken, dass hier in letzter Zeit von der Eröfiming einer neuen Schule mit deutscher Unterrichts-Sprache nichts bekannt gcworden ist. Nur ist die Mädchenschule der A. I. U.. nachdem der Versuch, sie in zwei Sonderschulen für reichere und ärmere Kinder zu teilen, fehlgeschlagen war. um vier Parallelklassen erweitert worden, wie ich Ihnen seinerzeit berichtete. In den neuen Klassen nun wird allerdings das Deutsche in den Nachmittagsstunden in deutscher Unterrichts-Sprache gepflegt. Von einer neuen Aliiance-Mittelschule mit deutscher Unterrichts- Sprache kann also danach nicht gut tfie Rede sein.