Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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* **s, No. 13 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 117 c l Rundschau. ב Volksschulrecht Nach § 40 des Prcussischen Voiksschulunterhaltungsgesetzcs von 1906 bleiben bis zu anderweiter gesetzlicher Regelung die bestehenden Vorschriften in Kraft, welche sich auf die Errichtung. Unterhaltung und Verwaltung der öffentliehen jüdischen Volksschulen, aui die Aufbringung der Kosten für den jüdischen Religionsunterricht an öffentlichen Volksschulen und auf die Anstellung von iüdischen Lehrkräften an solchen Schulen beziehen- Diese Vorschriften sind in vielen Gesetzen. Verordnungen, Entscheidungen und Beschlüssen für die verschiedenen Landesteile Preusseus enthalten. An einer Zusammenstellung dieser Vorschriften fehlt cs bisher. Der Verband der Deutschen .luden hat daher eine systematische Darstellung des gesamten, die jüdischen Verhältnisse betreffenden preussischcn Volksschulreclits anfertigen lassen. Das Werk ist von Herrn Dr. Ismar Freund, Beirat des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, verfasst und wird demnächst unter dem Titel: ,.Die Rechtsstellung der Juden im prcussischen V0'I kss ch 111 r ec 111" <m Verlage von J. *Juttcntag, G. m. b. H.. Berlin, erscheinen. Wohltätigkeit Franklin t a• M. FÜR WAHRHEIT UND RECHT in Frankfurt a. M. schreibt am 21. März: ,Jüdische und christliche Wohltätigkeit. Im Laufe dieser Woche hatte ich einmal Gelegenheit, den Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Wohltätigkeit praktisch zu erproben. Ich liess durch eine Vertrauenspersoii bei jüdischen und christlichen Freunden und Bekannten für eine kranke unglückliche christliche Witwe und ihre beiden ebenfalls kranken Kinder sammeln. Von 17 jüdischen Herren gab jeder ohne zu tragen, wer die Unglückliehen seien, als ganz selbstverständlich und ohne Zögern einen achtbaren Beitrag. Von 30 christlichen Herren machten 21 irgend eine faule Ausrede und von den neun % erbleibenden spendeten ohne Frage in derselben Weise wie meine jüdischen Freunde nur zwei Beiträge, die sieben anderen wollten wissen, wer die unglückliche Frau sei. Die Gaben der jüdischen Leute verhielten sich im Verhältnis zu denen der christlichen wie 7 :2. Dieser kleine Vorfall beweist wieder einmal, dass es mit der christlichen Nächstenliebe und W ohltätigkeit nicht so sehr weit her ist. Es unterliegt kaum einem Zweifel mehr, dass, falls man ״christliche“ Nächstenliebe suchen will, man in ״jüdischen“ Kreisen suchen muss.“ Das ist doch aber auch den Nichtjuden nichts Neues! Katholische Proselytenmacherei in Polen Aus Warschau wird uns geschrieben: Der katholische Proselytencifer in Polen ist ein so altes Uebei. dass man es nicht mehr zu sehen scheint und selten darauf zu sprechen kommt. Von Zeit zu Zeit hört man gerächtweise von Entführungen jüdischer Mädchen zwecks Taufe, man schüttelt bedeutsam den Kopf, seufzt schwer und — geht weiter seines Weges. An die Presse kam aber niemals ein Wort darüber. Vor einigen Monaten verschwand nun wieder einmal ein fünfzehnjähriges Mädchen aus seinem Elternhause. Es hiess, Frania Wiederschall sei mit ihrem christlichen Bräutigam heimlich entflohen. Die verzweifelten Eltern gehen auf die Suche nach ihrem Kinde aus. aber lange umsonst. Dann erfährt man aber, dass das Mädchen sich m dem unter den! Schutz von katholischen Nonnen stehenden Mädchenasvl in Wilanow bei Warschau befindet. Der Vater begibt sich dorthin und bittet um Zulassung zu seiner Tochter. Schwester Ludwika, die Vorsteherin, leugnet die Tatsache der Anwesenheit Franias im Asyl überhaupt ab und hisst den jammernden Vater hinausiührcn. Er geht, um bald wieder und wieder zu erscheinen, uiid obgleich er mit Empfehlungsbriefen sogar vom Protektor der Asyle versehen ist, weigert sich Schwester Ludwika. den jüdischen Vater zu seinem dem Christentum entgegengehenden Kinde hereinzulassen, damit ״er ihr nicht was Böses antue“. Der Vater wendet sich an die öffentiche Meinung, aber nur eine einzige polnische Zeitung öffnet ihm Ihre Spalten: die NOWA GAZETA*) und lässt den Aufruf des verzweifelten Vaters abdrucken. Die• ganze übrige polnische Presse, die sonst ein so feines Ohr für alle kleinen Geschehnisse besitzt, hüllt sich in tiefes Schweigen. Inzwischen findet Herr Wiederschall privaten Beistand und auch der ״Verein zum Schutz der Kinder" nimmt *) Auch nur, weil sie antiklerikal Ist. sich seiner an. Man fährt nach Wilanow und fordert eine Zusammenkunft mit dem Mädchen. Unter dem Druck der Verhältnisse gibt Schwester Ludwika nach: das Mädchen wird hereingefUhrt. aber in grosser Assistenz von Nonnen und Priestern und anderen Pensionärinnen, die alle laut ein religiöses Lied anstimmen — ״um den Satan, der mit dem Juden kommt, zu verscheuchen“. lautet die Erklärung. Das Mädchen ist äusserst eingeschüchtert, zittert am ganzen Körper und antwortet automatisch um! wie es ihr eingctrichtcrt wurde: sie bleibe gerne und willig unfer den! Schwestern. Im Triumphe wira sic abgeführt urul sieht noch gerade, wie der alte Jude, von Hohngelächter und Sch impf w orten begleitet, hinausgeworfen wird. Ein andermal sieht er sie einen Augenblick durchs Fenster; sie will ihm etwas zuschreien. sie wird fortgerissen und verschwindet im Zimmer. — Der Vater wendet sich jetzt an die um Beistand: die Gerichte forderten nun die Herausgabe des minderjährigen Fr!, nun geschieht das Merkwürdige: F r a n i verschwindet plötzlich aus Schwester Ludwika weiss absolut nicht. Behörden und bittet von den Schwestern Wiederschall. Aber a Wiedcrschall dem Asyl, und wohin das Mädchen geraten konnte! Der Vater sucht weiter und findet die Spuren: man hat sie nachts heimlich ans Wilanow nach der Filiale in Warschau gebracht, nachdem man sie vors I c 111 i g e r w e i s e — früher als zuerst beabsichtigt war — getauft ha ttc!! Im Warschauer Asyl ist die Bewachung geringer, Herrn Wiedcrschall gelingt es endlich, seine Tochter unter vier Augen zu spiechcn. Zuerst misstrauisch — die Nonnen haben ihr fortwährend von den Grausamkeiten der Juden gegen die getauften Gesinnungsgenossen erzählt —- gewinnt sie langsam Vertrauen zu ihrem um sie jammernden Vater, erzählt ihm vom fürchterlichen Zwang, unter dem sie in Wilanow zu ihm gesprochen hat. und auf sein wiederholtes Versprechen, ihr ״nicht Böses anzutun", verspricht sic, nach Hause zurückzukehren. Frühmorgens vor dem Wecken gelingt cs ihr. dem ..Schutz“ der Nonnen zu entfliehen, und nun ist sic endlich wieder bei ihren Eltern. Sie ist nun glücklich und erzählt mit Schaudern von dem Ueberstandenen. Interessant, für uns, unendlich interessant ist der A n f a n g dieser ganzen Geschichte. Die Hausbesitzerin des Hauses, wo Wiederschalls wohnen, war es zuerst, die mit dem jungen Mädchen vom Christentum und von der allein selig machenden katholischen Kirche zu sprechen anfing. In deren Wohnung traf die Kleine häufig mit katholischen Priestern zusammen, die sie systematisch vom Judentum abzuwenden sich bemüht haben. Etwa 74 (vierundsiebzig) Briefe von katholischen Priestern sind im Besitz des fünfzehnjährigen Mädchens, und es ist jammerschade, dass diese interessanten Doku mente nicht veröffentlicht werden. In einem Interview erklärte Frl. Wiederschall, das erste, was sie aus ihrem christlichen Traum geweckt habe, sei der Hass gewesen, mit dem die Nonnen und die Priester fortwährend über die Juden sprachen und mit dem sie auch unbarntherzig ihren alten Vater in ihrer Anwesenheit beschimpften und auslachten. Nun ist die Geschichte zu Ende und nur die NOWA GAZETA, die getreulich jedes weitere Stadium in dieser Affäre gemeldet hat. besprach diese furchtbare, haarsträubende Affäre. Die übrige polnische Presse schweigt w e i t e r. als ob es keine die Gemüter erregende ״Affäre Wiederschall“ gegeben hätte. Nur die klerikalen Zeitungen konnten cs nicht über sich gewinnen, diesen genialen Kinderdiebstahl zu verschweigen und spendeten der Schwester Ludowika Worte der herzlichsten Anerkennung, weil sie es so meisterhaft verstanden hatte, das gestohlene Mädchen nach den! Warschauer Asyl abzuschieben, als die Sache in Milanow brenzlich wurde. So geschehen am Ende des ersten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts nach der Geburt des Nazareners, dessen herzliche Worte: ״Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ von einer verderbten Pfaffengcscllschaft so missbraucht werden — natürlich nur in majorem dei glonamt Dr. S. K. Antisemitische Einsicht? In •der Berliner freikonservativen und im allgemeinen gut antisemitischen Zeitung DIE POST finden wir in der Nummer vom 20. März 1908 folgende, in diesem Blatte sehr merkwürdigen Sätze, die in einem Artikel ״Der Rassenkampf »n Russfand“ enthalten sind: ״Seit drei Jahren besteht der sogenannte Verband der echt russischen Leute. Im Laufe dieser Jahre hat der Verband als 1