Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651566--05532-2662561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHE RUNDSCHAU — — — . —■U1111— . No.!3 Seite 116 zeltik bei der Judenmission innehatte, entzog, weil’es ihr weniger mit seinem rabbfftischen Nebenamt zu harmonieren schien. Und fj! Berlin erfuhr ein bekannter Religionsverein strengreligiöser Richtung, dass sein Vorbeter christlicher Religion sei, erst aus dem Stewkbrief, der ihm nach *r’ner plötzlichen Abreise aus andcim! Qrutjde folgte. Und in einem Berliner Vorort unter- 1 nimmt ein getaufter (christgläubiger) Jude zu un«er/1 ' hohen Feiertagen die Veranstaltung d:s jüdischen Gottesdienstes, bei dem er gegen Entree die Predigt halt. Das geht wert darüber hinaus, dass ein Judenmissionar unsere hohen Feiertage alljährlich dazu benutzt, um ן Jomkippurgottcsdienste zu veranstalten und durch j ihre öffentliche Ankündigung unsere religiösen Uefühie aufs tiefste zu verletzen. Wir möchten uns nun gern! überzeugen, dass cs sich um eine gewi. senl.a.te ' rabbinischc Aufs.'ch handelt, und deshalb erwartet wir, dass Name und W 011 nort des hetr. Rabbiners ge- 1 nannt werden. Wir verlangen cs nicht umsonst. Wir wollen dem Herrn Rabbiner dafür eine Mitteilung machen, für die er uns sicher um so dankbarer sein wird, als er zwci.elsohne bisher absolut ken Sterbenswörtlein davon weiss. Wir wollen ihm nämlich, sobald Name und Adresse bekannt ist, mitteilc.n, dass der Arzt, der als Leiter d:s Sanatoriums den religiös empiindenden jüdischen Patienten nur ״rituell zubereitete Speisen“ verordnet, danrt ״das Glcichtnass des Einpiindungslcbens d.m Patienten zurückgewonnen werden“ kann, unbedingt cs'n tief religiös empfindender Mann sein muss. Lern nur aus dieser tiefen Religiosität heraus kennen wir einen plausiblen Grund dafür finden, dass er es für nötig erachtete, seinen früheren jüdischen Glauben gegen eine christliche Konfession -einzutauschen. Es ist selbstverstündlich, dass wir bei! einem Manne, wie er ist, annehmen, dass es lediglich lautere religiöse Überzeugung gewesen ist, de ihn zu diesem Schritt getrieben hat. Denn sonst würde er wohl keinesfalls im Kirchenvorstand der Zwöliapostelkirche se:nen Platz haben. Aber immerhin muss dem Herrn Doktor bekannt sein, dass das religiös ׳empfindende Jüdische Publikum nicht so denkt wie er, sondern dass es — vielleicht nicht ganz mit Recht? — mit der umwohnenden Bevölkerung es für ausgeschlossen hält, dass ein Jude sich aus religiöser Überzeugung taufen lässt. Er kennt ja sicher die bekannte Geschichte von den drei getauften Judan, die zusammen auf der Reise in einem Kupee Zusammentreffen und die Gründe ihrer Taufe sich gegense'tig erzählen. Aber wichtiger ist es, dass ein Arzt, der als Nervenarzt weffs, wie wichtig es für den Patienten ist, dass er seiner religiösen Überzeugung gemäss leben kann, auch wissen müsste, dass dre strengst rituell zuberciteten Speisen dem Patienten nicht gerade zuträglich sein werden, wenn sie ihm von einem Manne od?r in seinem Aufträge gereicht werden, den er für einen Abtrünnigen an der Religion ansehen muss, deren Zeremoniell sogar ihm heilig ist. Wenn wir auch gern annehmen wollen, dass es reine Menschenfreundlichkeit und keineswegs irgendwelcher Geschäftssinn ist, der Herrn Doktor Piaczck veranlasst hat, als Christ, der aus der jüdischen Rasse ausgetreten ist, ein jüdisch-rituelles Sanatorium zu schaffen und zu leiten, so müssen wir trotzdem ihm danken für den Spass, den er uns zu Purim bereitet hat durch die lustige Purimkomödie, an der nur das eine traurig ist. dass sie nämlich mögbeh ist. Er möge aber seine menschenfreundliche Gesinnung lieber seinen Jetzigen Glaubensgenossen erweisen. Die Juden verzichten gern zu ihren Gunsten auf seine Dienste, ebenso wee wir uns Mugdans Eintreten für uns im Reichstag höflich, aber entschieden verbeten haben. Die Sanatoriumskomüdiu des ״Kurhaus Schlachtensec" (mit ritueller Küche) hat immerhin einen Fehler darin gemacht, dass sic erst zum Purim selbst uns den Prospekt in die Hände gab, der wenige Tage früher ihr sicher eine Glanznummer in der vortrefflichen Nummer des SCHl.EMIEL eingebracht hätte. E 1 jnqim. I Gustav Oppert Am Dienstag, dem 17. März starb in Berlin der Indoioge und Sanskritist Prof. Pr. (iustav Salomnn Oppert. Trauernd beklagt seinen Tod mit der deutschen Wissenschaft das Judentum, das in dein Verstorbenen einen seiner Geisteslicroen und zugleich einen seiner treuesten Sahne verloren. Ein cigcnaitigcr aus dem Rahmen der Konvention gänzlieh heraustallcm'es Menschenleben hat hier sein Ende gefimden. Eigenartig darum, weil in ihm alle St'üuumgcu des Verstandes und Gefühls nach einer einzigen Richtung hingelenkt waren. Oppert war sein ganzes Leben hindurch Gelelirter. nur Gelehrter. Nur iiir die Wissenschaft hat er gelebt und gestrebt. Er war man darf das wohl sagen - der Typus der deutschen Gelehrten mit all seinen Vorzügen mul Mängeln. Selbst in seiner Stellung zum Judentume hat sich das kmidgctan. Er sah es nur mit den Augen des Gej lehrten und Wissenschaftlers und suchte dann sein Betätigungsgebiet für das Judentum in der jüdischen Wissenschaft. Hat er sie auch nicht selbst produktiv gefordert, so hat er doch mit liebevolle־ Hingabe iiir ihren Fortschritt gearbeitet, den wissenschaftlichen Institutionen des Judentums sein Interesse und seine Fürsorge zugewandt. Besonders die;,Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ hat fast ein Jahrzehnt lang in ihrem Wissenschaftliehen und organisatorischen Ausbau durch ihn in reichstem Masse Förderung erfahren. Und noch übers Grab hinaus hat er für ihren Fortbestand und ihr Gedeihen materiell und ideell Sorge getragen. Opperts Lehensgang bietet ein unruhvollcs wechselndes Bild. Es war ilmi nicht vergönnt — er war ja Jude — einen ordentlichen Lehrstuhl an einer deutschen Hochschule innezuhaben. So trieb ihm das Geschick durch die weite Welt. Er ist im wahrsten Sinne ein Weltcnwandercr gewesen. Seine wissenschaftliche Ausbildung hatte er an deutschen Univcrsitäten erfahren. Aber was er sich hier an Schätzen des Wissens angeeignet durfte er nicht in seinem Vaterlandc verwenden* Das freie England bot ihm sein Wirkungsfcld. Von der Bodleyana in Oxford, wo er hebräische Handschritten katalogisierte, kam er bald durch Vermittlung Max Müllers als Unterbibliothekar an den Hof der englischen Königin Viktoria. Ein ehrenvoller Rui an die Universität in Madras führte ihm dann für 20 Jahre seines Lebens nach Indien, der Heimat der Sprachen, deren Erforschung er seine ganze Lebensarbeit gewidmet. Als er diese Stätte verliess. trat er eine Weltreise an. Schliesslich landete er wieder in seinem eigentlichen Vaterlandc. An der Bc'iiuer Universität bat er dann als einfacher Privatdozcnt den Rest seines Lebens verbracht. Bis zu seinen letzten Tagen hat er unermüdlich im Dienste seiner Wissenschaft gearbeitet. Oppert hat in seinem Leben nicht viel äusseren Ruhm gcerntet. Der hätte auch schlecht zu dem einfachen schlichten, bescheidenen Manne gepasst. Er hatte dazu das Unglück, der Bruder eines grösseren Bruders der berühmte Pariser Assyriologc Julius Oppert ging ihm 3 Jahre im Tode voraus — ־ zu sein. So ist er, der Menge unbekannt, als einsamer Mann — er war unverinählt — gestorben. Sein Name verdient ein bleibendes Andenken in der jüdischen Geschichte. Die Trauerfeier für den Verstorbenen fand am Donnerstag, dem 19. März in seiner Wohnung statt. Von der Universität hatten sich eingefunden der Rektor Prof. Stumpf, der Vorsitzende des orientalischen Seminars Prof. Sachan, ferner Prof. Rosiu. Die Lehranstalt iür die Wissenschaft des Judentums war durch Dozenten. Kuratorium und Hörerschaft fast vollzählig vertreten. Die Gedenkrede hielt Herr Rabb. Dr. Warschauer. Er schilderte den Lebensgang des Verstorbenen und rühmte seine wissenschaftlichen una 1!,c"«chliehen Vorzüge. Chorgesang cröfinete und schloss die Feier. Dann brachte man den Sarg zur Einäscherung in Hamburg nach dein Lehrter Bahnhof. Georg Herlitz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.