Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Freilich kann er immer nur einige recht üppige Blüten des Golns heratissudien, solche, die ihm gerade ins Auge fallen, und d:e er aus der grossen Zahl der Golusbliiten auswählt. Es ist selbstverständlich, dass es lachender Ernst ist, mit dem man die bitteren Wahrheiten in freundlichster Form entgcgennimmt. Aber leider nimmt ihre Zahl nicht ab, sondern zu. Und man darf sich nicht wundern, wenn man bereits unmittelbar nach Purim von neuem über Purimkomödfe schreiben muss. Bei der Vorlesung aus der Megillah war es im Ghetto ein merkwürdiger, aber für die Zuhörer recht bezeichnender Brauch, dass sie bei der Nennung von Hamans Namen durch Lärm und Trampeln ihr Missfallen äusserten, also in derselben Form, welche an den deutschen Universitäten das unakademischc Bravoklatschen ersetzt. Es wirkte bei der Megillah keineswegs ästhetischer als ön den Hörsälen der Universitäten. Aber cs war begreiflich, weil es ja die einzige Protestäusserung gegen, die Hainaniaden war, die alljährlich das jüdische Volk von allen Seiten trafen. Die tausende von Hamans, die in allen Ländern erstanden, fanden, dass es leicht und einträglich wäre, ein Volk zu verfolgen und zu unterdrücken, das zerstreut und vereinzelt unter den Völkern und Stämmen wohnt, deren Sitten es nicht teilt. Nicht einmal die ohnmächtige Faust in der Tasche ihres Gewandes zu ballen war ihnen verstauet, und so kam das Trampeln be'111 Namen Haman, in das sich der ganze Groll gegen alle di.* Hamans ergoss, die sich zwar reichlich den Galgen verdient hatten, ihn aber nicht erhielten. Dass wir vor Purim bereits Purimkomödxn in reichlichem Masse hatten, das wissen wir. Für eine der (interessantesten sorgte das Abwehrblättchen, das sich des Abgeordneten Alugdan gegen uns annahm, von dem wir annehmen wollten, dass er aus religiöser Über- Zeugung zum Christentum übergetreten se\ Damit der Humor nicht ausgehe, wird uns soeben Veranlassung gegeben, weiteres Material für die MIT- TEILUNGEN zu besorgen, damit sie uns wieder einmal wegen unserer uniüdischcn Politik und unserer Unge- Schicklichkeit und Intoleranz angreifen könnten, wenn sie nämlich in irgend einer antisemitischen Zeitung einen halben Satz aus unserem heutigen Artikel zitiert finden sollten. Wir bleiben für heute noch b;־i der medizinischen Fakultät. Soeben geht uns nämlich c‘n Prospekt zu. dessen Inhalt vielLicht irrtümlithcrwcBc' unsere Leser interessieren könnte. Denn nur solange ein Irrtum vorwaltet, wird das Interesse für die Sache wach b!e:bc!1. Es ist der Prospekt des Sanatoriums ,,K nrhaus Sc 111 a c h t e 11 s e e“ (mit ritueller Küche), das in Schlaclitenscc bc.; Berlin von Dr. A. Kantorowicz und Dr. med. S. P1 a c z e k , Nervenarzt, geleitet wird und das, nach dem Prospekt zu schließen, ihnen woh! in Gemeinschaft gehört. In fettein Druck mit Seitenbalken besagt der Prospekt, der bereits d:2׳ ,,rituelle Küche“ breitspurig auf dem Titelblatt führt: ״Die Eigenart dieses Sanatoriums ruht vor allem darin, dass seine Küche unter ständiger, rabbinischer.Aufsicht streng rituell geführt wird“. Im weiteren wird im Hinblick auf das Einpfinduagslebcn der Patienten mit fettem Druck hingewiesen: ,Z1׳ solchen steten Störungsursaclicn gehört für religiös empfindende jüdische Patienten vor allem der Zwang, nicht rituell zubereitete Speisen zu gemessen“. _ Wir erlauben uns zuerst einmal die unbescheidene Anfrage, welche rabbinische Aufsicht hier vorliegt. Bei den eigenartigen Verhältnissen im Golus sind schon so wundersame Zusammenstellungen und Sonderbarkeiten vorgekommen, dass diese Frage nicht unbercchtigt r'st, um so mehr, wenn man weiss, dass die Aufschritt ״U n t e r Aufsicht“ an Berliner Fleischgeschütten zwar den Anschein hervorruft, dass es sich um eine Gcrncindcautsicht handelt, dass aber eine solche eben nicht vorhanden ist. Wenn wir daher zu wissen wünschen, um welche Aufsicht cs sich handelt, so möge man diese unbescheidene Neugier der Purim- Komödie zu Gute halten, von der wir schreiben und nicht etwa glauben, dass wir d:e Aufsicht beaufsichtigen wollen. Das ist keineswegs ' der Fall. Wir haben im Gegenteil für die unberufenen Aufpasser und Schnüffler auch unsererseits ein gerüttelt Alass von Verachtung, ob sie nun in Büros naclistöbern, wann sic ircht geschlossen sind, oder sonst eia unangebrachtes Aufsichtführen sich anmassen. Wenn wir gleichwohl unsere Neugier nicht unterdrücken können, so geschieht d:cs, we'l es nicht bloss in Oberschlesicn einmal vorge- . Kommen ist, dass ein Vorbeter christlicher Religion Jahre lang in •einer Synagoge funktionierte. Hat doch in Ungarn ein, Rabbiner seine Stelle erst dann niedergelegt, als ihm d;e Gemeinde das Amt, das er gleich- ייי^ן«יץ*#«י■ Tn—י,•*■*—.-**•י•* -****** ■■■י**”■"■ 0