Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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I Seite 112 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 12 unten am Tajo gerade so gut ״arbeitet״ wie dort oben an der Newa!“ Ein Berliner Blatt bemerkt dazu mit Recht, leider erfahre man nicht, in welcher Irrenanstalt der Brief entstanden sei. Aber Herr Liebermann von Sonnenberg wird durch solchen hanebüchenen Blödsinn nicht etwa unmöglich — in Deutschland tötet die Lächerlichkeit ja bekanntlich nicht! — sondern er bleibt der Erwählte des Deutschen Volkes gleich seinem Pollegen Wilhelm Bruhn, dem Herausgeber der nebbich - WAHRHEIT. Vereine und Gesellschaften Berlin. Der Jüdische Turnverein Bar Kocliba trifft für sein P u r im ־Ko s t ß mf e s t «Ein Tag im Orient" die erstaunlichsten Vorbereitungen. Aus seiner Einladung zitieren wir die folgenden Kostiirnvorscliriften: ... Im Orient gibts Orientalen! Grossveziere und Eunuchen. Türken. Araber und Perser, Geht Euch solche Kfeider suchen. GlutbcSugtc Haremsdamen, (Aber unvcrschleiert, bitte!! Als Rebekka tränkt Kamele. Und den Knecht in ihrer Mitte. Überhaupt die Bibel mögt Ihr Nach Gestalten durchstudiercn, (Nur den Adam müsst Ihr bitf ich. Erst gehörig kostümierten!) Auch• als Chi- und Japanesen, ־ Ode׳. Fakir oder Derwisch, Aber sorgt, dass ich nicht einen Dort als Europäer erwisch'! . Ort: Arminsäle, Kommandantenstr. 58/59. Zeit: Sonnabend. 21. März, abends 9 Uhr. Preis: Karten ä 1,50 .//, bei Arthur Hirse 1:, Dragoncrstr. 21. Berlin. Im Jüdischen Handlungsgcliilfen-Verband, Ortsgruppe Berlin, spricht am Montag, dem 16. Mürz, im Vercinslokalc Gontardstrass*e 51, Herr Alfred Fische־; über ״Die Lage der jüdischen Kaufleute“. An den Vortrag schiiesst siel! eine Diskussion und sind Gäste, — Damen und Herren — herzlich willkommen. Jüdischer Turnverein zm Köln. Mariahilistr. 10 III. Im Jüdischen Turnverein zu Köln sprach am Montag Abend Herr .Dr. Elias A u c r b a c I! ־ Berlin über das Thema: «Warum turnen wir in der Jüdischen Turner- Schaft?“ Der Redner ging von den bekannten örfinden aus. die eine gewisse körperliche Minderwertigkeit der Juden hervorgerufen haben, die jahrhundertelange Abschliessung hinter Ghetto-Mauern und nach deren Fall die vorzugsweise Beschäftigung mit geistigen Fragen oder in solchen Berufen, die hauptsächlich mit den: Kopf zu arbeiten gezwungen sind. Das Ergebnis ist eine Ausbildung der Geisteskräfte auf Kosten derjenigen des Körpers, ein Umstand, der am krassesten in der Tatsache Ausdruck findet, dass die Juden einen besonders hohen Prozentsatz zu den geistig oder nervös Erkrankten stellen. Diese Tatsache habe insbesondere in letzter Zeit innerhalb der Judenheii grosse Beachtung gefunden und habe veranlasst, dass allerseits die Förderung nach einer intensiveren und geregelteren körperlichen Ausbildung der Juden erhoben wurde. Trotz alledem ist der Prozentsatz der Juden, der in den bestehenden Vci einen der deutschen Turuerseliat't turnt, auffallend gering. Offenbar aus denselben Gründen, die überhatipt eine schwächere Anteilnahme der Juden au nichtjüdischen Vereinen bedingen. Dem bestehenden Mangel suchen die jüdischen Turnvereine abzuhelfen, die denn auch mit Genugtuting konstatieren können, dass cs ihnen gelungen ist. eine ganze Anzahl von Juden dein Turnen zuzutiihren. die nimmer daran gedacht hatten, dem Turnen in niclitjiidischvn Vereinen obzuliegen Die jüdischen Turnvereine setzen es sich aber auch zur Aufgabe, neben der körperlichen Kräftigung der Juden ihre moralische herbeizufiihreu. Sie gehen von der Annahme aus. dass der Antisemitismus oder seine neueste Erscheinungsform, der AtiscmUtsums, der steh darin ausspricht, dass man zwar nicht grundsätzlich gegen die Juden ist sich alu*r nach Möglichkeit in jeder Hinsicht von ihnen absondert und sie von sich fern hält, zum grossen Teil dadurch hervorgerufen wird, dass die JtiJen ihre Eigenart zu verleugnen suchen und sich bemühen, ihre Eigenart atifzugeben. Auf diese Weise gelingt aber niemals eine harmonische Aussöhnung. es entstehen nur verkümmerte und teilweise karrikierte Individuen, die den Spott und den Widerwillen voilbewusstcr Völker herausfordern. Und dadurch, dass die Jiidisehen Turnvereine sich bemühen, ihren Mitgliedern den Stolz auf ihr Judentum beizubringeit und sie zu veranlassen suchen, ihre jüdische Eigenart nach Kräften zu entwickeln, wollen sie sic zu selbstbewussten, ausgereiiten Persönlichkeiten heranziehen, die als vollwertige Juden vollwertige Menschen sind und die au fdiese Weise am besten in die Lage versetzt werden. Hand in Hand mit den Deutschen zum gemeinsamen Wohle des gemeinsamen deutschen Vaterlandes zu wirken. In der Diskussion ergriff zuerst der Repräsentant Bier das Wort, indem er sich in begeisterten Worten als ein warmer Freund der Jüdischen Ttirnsaelie hinstellt. Sodann antworteten drei Gegner ,die die Herren B e n d t x, Loch und C 011 n, die die bekannten Einwände gegen das Turnen in jüdischen Turnvereinen vorbrachten. Ihnen erwiderten die Herren Berger und Auerbach unter dem lebhaften und oft begeisterte:! Beifall der fast 200 Personen zählenden Versammlung. — Der ganze Abend verlief äusserst anregend, und cs war zu konstatieren. dass die überwältigende Mehrheit der Versammlung auf Seiten der Freunde der jüdischen Ttirnsache stand, was auch mit einer ganzen Reihe von Seuamncldungen bewiesen wurde. Hamburg. Das jüdische Volkslied, musikalischer Vortragsabend im Konzerthaus Hamburg. Diese eigenartige Vcranstaltung fand am Donnerstag abend vor einem nicht sehr zahlreichen Publikum statt. Die einleitenden Worte von Dr. Bogumil Zeplcr bezogen sich auf die Volksmelodic, weniger auf den Text. Das jüdische Volkslied hat keinen nationalen Charakter. Uebernll haben sich üinfliisse geltend gemacht, namentlich in Polen, wo die Juden Volk im Volke sind. Die orientalischen Einflüsse lassen aui ein hohes Alter scliliessen. während die neuesten Volkslieder den Einfluss der westeuropäischen Kultur aiiiweisen. Auch in die jüdischen Kolonien in den Vereinigten Staaten \«11 Amerika ist das jüdische Volkslied hinein gedrungen. Man hat auch schon den Versuch gemacht. a!e Liturgie zu modernisieren. Audi haben Opern zuweilen einen jüdischen Stoff zum Vorwurf, z. B. Rubinsteins Makkabäer. Goldmarks Königin von Saba. 'Goldfadens Suhltuitli u. a. Das jüdische ,Volkslied hat nur ge'iugc Matmigfaltigkcit in der Form. Die glücklichste Mischung ist die Ver- Schmelzung des jüdischen Volksliedes mit slavischen Eiementen. Es ist gewissennassen in der Entwicklung stehen geblieben. Viele sind noch in den alten Tonarten geschrieben. So sind der phrvgische Schluss, der Schluss auf der Dominantc und der übermässige Sekundscliritt von der 7. und der 6. Stufe in Mell nichts Seltenes. Ein ganz eigentümliches Gcpräge erhält das Volkslied dadurch, dass die ־meisten Lieder in Moll geschrieben sin. Dieses Wehmütige, das alle Lieder durchzieht und das noch erhöht wird, das die harmonische Tonleiter bevorzugt, hat wohl seine Ursache in der eigenartigen Geschichte des Jüdischen Volkes. Von den vorgetrageueit Liedern war nur ein einziges in Dur geschrieben. Die Molltonart ist so fest in das Lied eingeclrungeii. dass selbst lustige Lieder, sogar das Schnadahüpfl in Moll gehalten ist. Dieser gleichmässige Aufbau wirkt, wenn man eine Reihe von Liedern hört, ermüdend. Bei dem schweren Melodiengang, zu dem häufig noch ein schwieriger Rl^thmus kommt, werden diese Lieder wohl kaum volkstümlich werden. Die Kunstlieder. die nach alten Melodien komponiert sind, weisen dieseihen Mängel auf. Vorgetragen wurden die Lieder von Frau Vera Goldberg (Sourau) und Herrn I,eo Oolianiii (Tenor). Der Vortrag war dem Sinne der Lieder angemessen und verdient Lob. Vorzüglich war auch die Klavier- (resp. Harmonium-) Begleitung durch Herrn Dr. B. Zepter. Die Künstler fanden lebhaften Beifall. Das jüdische Volkslied ist eine besondere Art für sich, ebenso wie Palästina und die Israeliten von Antätig an ein abgesondertes Land und Volk waren. Vereinigung Jüdischer Akademiker zu Berlin. Berlin, 10. März 190S. Das soeben'verflossene Wintersemester kann für die Vereinigung jüdischer Akademiker zu Berlin, deren Ziel die Sammlung aller auf gesetzestreuem Boden stehende,t Akademiker ist. als ein überaus günstiges bezeichnet werden. Nicht weniger, als 17 wissenschaftliche Abende fanden statt, an denen 15 Vorträge gehalten wurden. Es sprachen die Herren Rabb. Dr. Munk: ..2 Probleme der Diaspora, 1. und 2. Teil“; Oberlehrer Carlebach: .,Palästina“; Herr G. Hildeshumer: ..Eine Frauenbewegung aus vergangenen Tagen״; stud. cltcm. W. Halhcrstadt: ..Eine Würdigung M. Mettdelsohits vom geset/cstreuen Standpunkt“: stud. agr. H. Frank: ..Der Weinbau in Palästina zur biblischen und tanäitischen Zeit"; stud. art. Wohlfahrt: ,.Die we’tvescliiclit'iehe Bedeutung des Judentums"; stud. phil. H. Bassfreuud: ״Flavins Josephus. sicin Lehen und seine Werke“: Rabl>. I)r. Auerbach-Halberstadt: ״Die Ziele tmd Bedeutung der V. J. A."; stud. nted. dent. Ehrmann: ״S. R. Hirsch": Prof. A. Berliner: ..Die Literatm״- gescliiehte des Einheitsgesaugos“; stud. iur. H. Westheim: ..Die Mitarbeit des einzelnen an der Rechtspflege•־: eand. uhii. M. Munk: ..Der Austritt aus der Gemeinde": Dr. med. .!. Preuss: ״Der Geisteskranke in Bibel und Talmud".