Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 110 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 12 nur die Autorität Stolypins allein in Frage gestellt wird, sondern die Existenz einer Regierungsgewalt überhaupt. Es gilt sagt Trubetzkoj, eine feste Scheidewand zwischen der Regierung und diesen verbrecherischen Organisationen zu ziehen. Von wem aber ist diese Tat zu erwarten? Die Judenfrage in Finnland Vfelsfngfors. 9. März. Im Landtag wurde vorgestern über einen von sozialdemokratischer Seite ciwrebrachtcn Antrag verhandelt, der die Stellung der Juden in Finnland verbessern will. Diese erinnert allerdings an mittelalterliche Verhältnisse. Als Finnland 1809 an Russland fiel. Hessen die Finnländer die aus der schwedischen Zeit stammende Verordnung zu Recht bestehen, wonach sieb hier keine Juden aufhaMcu dürfen. Dabei führte das Verhältnis zu Russland schon 1853 eine Vcränderune herbei. Der Zar bestimmte, dass verabschiedete russi sehe Soldaten sich unter gewissen Bedingungen in Finnland niederlassen können. Unter diesen ehemaligen Soldaten befanden sich auch viele Juden mit Familie, die sich jedoch hauotsächlieh auf H e I s i :1 g f o r s. Abo und W i b o r g beschränkt. Die finnischen Behörden machten diesen Einwohnern aber nach MötdichkeH das Leben sauer. So ordnete der finnische Senat 1889 an. dass alle im Lande wohnenden Juden gegen schweres Held einen Anientbaltsschein lösen müssen, der nur sechs Monate gilt und über dessen Verlängerung der Senat entscheid”t. Viele Juden wurden in» Laufe der Zeit rücksichtslos anseewlesen. Schon vor 30 Jahren war im Ständelandtag ein Antrag auf Ände'uiig dieser Verhältnisse eingebracht worden, doch scheiterte die Sache an dem Widerstand der Altiiuneu. Da aber jetzt die Sozialdemokraten die stärkste Partei bilden und hierbei von den liberalen Grupoen unterstützt werden dürften, ist Atissiebt vorhanden, dass die Judeturage nunmehr viet“icht eine befriedivende Lösung findet. Der Antrag ist einstweilen an den Vcrfassungsausschuss verwiesen worden. In der Beratung bcmeikte der Führer der Altfinuen. Yrjökoskinen dass der Ausschuss in erster Linie das wahre Wohl des Volkes zu berücksichtigen hätte. In allen Ländern, wo die Juden alle Rechte erhielten, hätten sie ungeheuren Schaden aimcrichtet. Pie Macht des Kapitalismus habe ihren Ursprung bei den Juden. Es bleibt abzuwarten, ob irgendein Fortschritt für die Juden erzielt wird. Aus Petersburg wird uns dazu von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Im finuländisciien Landtag wurde bekanntlich vor einiger Zeit von den Sozialdemokraten ein Entwurf cingebracht. der endlich die Gleichberechtigung der finuländisciien Juden mit der übrigen Bevölkerung Finnlands durchführen sollte. Dieser Gesetzentwurf fand damals den lebhaftesten Widerspruch hei den Altfenomanen. Diese beantragten nun dieser Tage im Landtag, den Entwurf ohne Diskussion von der Tagesordnung abzusetzen. Die Maiorität erklärte sich indessen dagegen, und so wird also der finnländiscbe Landtag demnächst seine Ju d e tt d e b a 11 e erleben. Ob der Entwurf praktische Folgen für die Juden haben wird, ist freilich eine andere Frage, denn wenn auch die altfinnischen und stark antisemitischen Herren selbst nicht genügend Stimmen gegen »las Gesetz sollten auibrimren können, so wird die russische Reeierung schon ein .Mittel finden, um dem Gesetz gewordenen Entwurf in der Praxis den Garaus zu machen. I die Juden des Orients die grosse Flut vermehren, die sich. nach den» Westen, nach Amerika ergicsst. Deshalb gilt es. . ihnen die Möglichkeit zu schaffen, unter besseren Bedingungen als bisher zu leben. Der Mandclsstand hat sich besser als der Handwerkerstand entwickelt und auch einzelne Zweige der Landwirtschaft gedeihen gut. besonders die Orangenk u 11 u r. Die durch rationelle Züchtung verbesserten Orangen von Jaffa kommen zwei Monate früher auf den europäischen Markt als alle anderen und ihre Produzenten sind wohlbähende Leute geworden. Notwendig für die weitere Ent- Wicklung der Juden im Orient ist die Hebung ihrer Intelligenz durch die Verbesserung der Schulbildung. Bei dem Sprachengeimsch unter den orientalischen Juden (deutsch, spanisch, persisch, arabisch, aller Dialekte etc.) ist eine einheitliche Unterrichtssprache als Grundlage des Unterrichts nötig und das ist d׳c hebräische. Diese ist in Jerusalem auch bereits keine tote mehr. Die üsterreichischc P-«st veröffentlicht Ankündigungen in hebräischer Sprache und die türkische Post gibt Postkarten mit hebräischem Aufdruck aus. fn den Landschulen wird neben dem Hebräischen noch die türkische beziehungsweise die, arabische Sprache gc-!ehrt, alier keine europäische, da das nur einen Anreiz zur Auswanderung bilden' würde, in den städtischen Schulen w ird ie nach Lage der Verhältnisse die englische, französische, italienische ׳ der deutsche Sprache gelehrt. Vor allem euipfeliienswert wäre die Errichtung einer technischen 11 ö 11 c - reu Sei! ule. dann könnten die Juden für den Orient die nötigen Techniker stellen, die nach den Aussagen türkischer Staatsmänner diesen lieber wären als Griechen. Armenier »?der sonstwer. Auch die Elementarschulen bedürfen der Unigestaltung im modernen Sinn. Nicht um zionistische Ideen handelt es sr!1 bei der Tätigkeit des Uilisvercins der deutschen Juden im Orient, so schloss der Redner seinen sehr beifällig aufccnommci: Vortiue. sondern um die Steigerung des Wohl- Standes der iiidiselien Bevölkerung im Orient und um das Bestreben, sie auf gewissen Gebieten - auch im türkischen Staatsdienst — zu führenden Stellungen zu bringen. Emigration aus dem Gouvernement Minsk Aus dem Jahresbericht der Minsker jüdischen Kolon!־ sationsgesellschaft sind folgende interessante Zahlen über den Stand der iüJisclien Emigration aus dem Gouvernement Minsk aus den letzten zehn Monaten des vorigen Jahres mitzuteilen. Vom 1. März 1907 bis zum 1. Januar 1908 sind im Bureau des genannten Vereins 10-10 Anmeldungen von Familien oder Einzelpersonen cineclangt. die auszuwandern beabsichtigten. Nach Amerika wollten insgesamt 18SI Personen auswauderu. davon 669 Männer.532 ־ Frauen und 6S0 Kinder. Dem Alter nach waren 10-11 Personen unter und 160 über -15 Jahre alt. In der Gesamtzahl der Auswanderer bilden die Männer 55 Prozent und die Frauen •15 Prozent. Das Hauptclcmcnt darunter bilden die Handwerker. •156 Personen, und die Händler. HO Personen. Den Rest der Auswanderer bilden Lehrer. Studierende und Leute ohne bestimmten Beruf. Von den IOJO Anmeldungen kamen 60 Prozent, zusammen 1615 Personen, auf die Stadt Minsk. 335 Personen meldeten sieh aus dem Gouvernement Minsk. Als Ziel galven an 606 New York. 229 andere Städte der Vereinigten Staaten, ie •16 Kanada und Argentinien, 35 Palästina. Renaissance der Juden im Orient Dr. Paul Nathan, der Geschäftsführer des ..Hilfsvcreiiis der deutschen Juden“, hat im vergangenen Jahr vier Monate im Orient geweilt, um die Verhältnisse der iiidiselien Bevölkcrunc an Ort und Stelle kennen zu lernen. Die Ergebnisse dieser Studien die sich auf Konstautinoocl. Kleinasicn. Serien und Palästina erstreckten, besprach Dr. Nathan kürzlieh in eiiimii stark besuchten Vortrag in der Fraukiurt-Loge zu Frankfurt a. M. Er gab dabei der Ucberzeueung Ausdruck, »lass man trotz des noch überall wahrnehmbaren Verfalls doch bereits von einer Renaissance des Orients sprechen könne. Erst seit etwa dreißig Jahren hat diese Entwicklung gingesetzt. Eine starke Bcvnlkcrmics/unalinic macht sich bemerkhar. Schät״׳m»*:wcis<* haben Serien und Palästina zusammen letzt etwa 700 000 Einwohner, von denen 85 000 Juden sind, die grösstenteils erst in den letzten dreissie Jahren eingcwandert sind.. Die Misserfolge des Barons Edmund Roth- Schild mit seinen jüd•'sehen Ackerbaiikolonien kommen mossenteils daher, dass er das Unglück hatte, ein sehr reicher Mann zu sein. Daee»׳en erzielte die ..Jcwisli Cohmisation Association" als Nachfolgerin Rothschilds recht gute Erfolge. Die Hebung der bereits ansässigen Juden muss unsere Aufgabe sein. Und dabei muss nicht nur das Herz, sondern auch die berechnende Klugheit mitsprccheii. um zu verhindern, dass Schnee in Palästina Mitte Januar tobte ein heftiger Sehneesturm. eine Woche darauf war es wieder so warm, wie in Europa anfangs Juni, und nun hat uns der Februar wieder Schnee und Hagelsturm gebracht, der drei Tage und zwei Nächte anliielt und den Jerusalemern »־inen seltenen Anblick von weissen Dächern und sehneeglitzerndcn Bäumen verschaffte. Die Freude an diesen Naturereignis war wohl nur bei den Kindern zu finden. Die Leute, snlch strenger Kälte ungewohnt verkrochen sich in ihre Häuser und die meisten Geschäfte blieben geschlossen. Dank diesem Wetter haben sich nun die Zisternen wieder g?cfüllt: nach Messungen ist bis jetzt schon soviel Wasser gcfallen, wie d'r voriährige Winterregen betrug. - Noch ein anderes Elen ent w ütete hier. Es brannte was seit 50 Jahren hier nicht mehr vorgckouinien war. Da Holz heim Bauen fast gar keine Verwendung findet, ist man hier vor dieser Gefahr ziemlich b»‘l׳"״tet: glücklicherweise, denn es gibt keine Feuermehr und infolge des Mangels einer Leitung im Sommer nur sehr spärlich Wasser. Eine jüdische Universität in Jerusalem Ein alter Phn. der vor mehreren Jahren bereits von unserm verstorbenen Freunde Prof. Dr. Schaplra und auch später wieder ganz ernsthaft diskutiert und vorbereitet wurde (vgl. die