Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 12 Seite 109 JÜDISCHE RUNDSCHAU i Iwan Tolstoi über die Uu Jenfrage Der RUSS. KORR, wird aus Petersburg geschrieben: Graf Iwan Tolstoi, der ehemalige Minister für Volksaufklärung im ersten Wittcschen konstitutionellen Kabinett, veröffentlicht soeben im Blatte seines früheren Kollegen, des damaligen Handelsministers Thcdorow, SLOWO, einen langen Artikel, in dem er den Charakter und die politische Bedeutung der Judenfrage in Russland eingehend erörtert. Einer der Trümpfe in den Händen der ״Ordnungshüter“ und ״Vaterlandsrettcr", schreibt der Graf, sei die Judenfrage, oder richtiger nicht die Frage an sich, sondern das systematisehe Auf hetzen der Regierung, des Publik u in s und des Volkes gegen die Juden. ״Diese Hetze nenne ich einen Trum p i", weil sic leider einen günstigen Boden findet; einerseits, infolge der uralten Vorurteile; anderseits, wegen der übertriebenen Befürchtungen vor wirtschaftlichcr Konkurrenz*. Besonders wird gegenwärtig die Beteiligung der Juden an den revolutionären Bewegung hervorgehoben, da man daraus ihren verderblichen Einfluss auf das ..patriarchalische“ russische Volk folgern will. Nun fragt sich jedoch, wer daran schuld sei? Dürfe man denn die Stimmung innerhalb der russischen Judcnhcit in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als der Staats- und (jesellscha'tsitKiscinitismus eni wenig nachliess, mit der jetzigen vergleichen — nach einem viertel Jahrhundert gesetzgeberischer und administrativer Verfolgungen, nach einer Reihe Pogrome, die das patriotische Herz der Nationalisten so sehr erfreuten, und die sogar von einem gewissen ’!'eil der Presse unterstützt unJ befürwortet werden. Die Juden durften wohl hoffen, auf revolutionärem Wege iene natürlichen Menschenrechte erlangen zu können, deren Gewährung ihnen der Staat hartnäckig verweigerte und. noch jetzt verweigert. Es war wirklich ein Augenblick — und zwar am 3U. Oktober 1905 — wo die besten Hoffnungen zur Tat werden sollten, wo die Gleichberechtigung der Bürger feierlichst verkündigt wurde: die Wirklichkeit hat jedoch nur allzubald die Hoffnungen grausam enttäuscht — es sei also alles nur Traum, nur ein augenblicklicher ״Schwächeanfall“ gewesen. Und wer hat dann von der orgunisierten Kontrercvolution am meisten gelitten? Hauptsächlich die Juden, in vielen Orten ausschliesslich sie. und dabei gerade diejenigen, die mit dem ..Aufruhr“ absolut nichts zu tun batten. Es wäre Zeit, das die patriotische Presse die Hetze gegen die Juden auf diesem Boden einstcllte, denn sonst sei es unmöglich, die Judcnrnsrc ruhig zu erwägen. unmöglich diese einigermassen unparteiisch zu prüfen und lösen. Eine Lösung sei aber unbedingt notwendig — dies müssen die Freunde wie die Feinde der luden anerkennen. Während aber die ersteren sich klar darüber sind, in welcher Richtung die Frage schnell zu lösen sei. beeilen sich die letzteren überhaupt nicht mit der Prüfung dieses Problems: offenbar einfach aus dem Grunde nicht, weil sie nicht wissen, wie es zu lösen ist, ohne den Boden des Antisemitismus zu verlassen, während cs anderseits kaum möglich erscheint, auf diesem Boden weiter zu gehen. Die Antisemiten verstehen nur, von der alten vielmals widerlegten Motivierung ausgehend, die Beibehaltung der komplizierten Ausnahmegesetze, die entgegengesetzte Ergehnisse zeitigten, zu verlangen. Die Misserfolge des ״erprobten“ Regime^ will man durch seine Verschärfung beseitigen! Wie sähen denn jetzt die Verhältnisse aus? Man habe die Juden in den berüchtigten Ansied'elungsrayon getrieben und dazu noch ausschliesslich in die Städte. und sie dort einer Unzahl verschiedener Verbote und entwürdigender Dasoinsbcdinguiigcn unterworfen, und wenn sich die Leute fast instinktiv dagegen sträuben und ihre Un- Zufriedenheit mit solcher Lage ätissern. dann werden sie der Rebellion beschuldigt und entsprechend behandelt. Die Antisemiten werden nicht müde, über die Gefahr zu schreien, die dem russischen Volke von den Juden drohe. Statt einer rationcllen Prophylaxis empfehlen sie aber bloss solche Mittel und Massnahmen, die diese ..iüdisclic Gefahr“ nur verstärken müssten. Nur in einem Punkte hätten die Antisemiten recht: solange die Judenfragc bei uns int Status uuo verharre, seien Unruhen und Exzesse gegen die Juden nicht nur möglich, sondem direkt unvermeidlich und zwar in Zeiten, die für den Staat höchst uubeuuem und kritisch waren. Im Interesse der Ruhe, der normalen Entw icklung und des friedlichen Verlaufes des russischen Lebens müsste da Wandel geschaffen werden —• denn die bestehende Lage sei unerträglich, und das gegenwürtig herrschende System müs'♦* laut und entschieden von allen, die ihr Vaterland lieben und ihtr. ein friedliches Gedeihen wünschen, verurteilt werden. Iu de«־ Judenfrage, so w׳ie in vielen anderen, wenn nicht in allen Fragen, fiele der einzig richtige Standpunkt, auf den man sich stellen sollte. mH dem ethischen zweifellos zusammen: solange Russland die russischen Juden als Stiefsöhne behandle, habe es weder das moralische Recht noch die tatsächliche Möglichkeit, von ihnen die Erfüllung der Pflicht zu verlangen, die Söhne ihrem Vaterland schuldig sind. Man könne nicht ein ganzes Volk. 6 oder 7 Millionen russischer Bürger, als Verbrecher betrachten, ohne sie dadurch auf den Weg des Hasses gegen Staat und Gesellschaft zu treiben, die sie aus ihrer Mitte ausstossen. Man dürfte die Zufälligkeit der Geburt und die Zugehörigkeit zu einer gewissen Religion nicht nur zu einer Ursache der Entrechtung, sondern selbst nicht einmal der Rechtsschmälcrung machen. Die Gesetzgebung eines Landes, in der der Wille und die ethischen Grundlagen des'Staates zur Geltung kommen sollen, müsse das Ideal der absoluten Gerechtigkeit erstreben, nur dann könnte sie ein Recht auf Achtung und Erfüllung der Gesetze nicht aus Furcht, sondern dem Gewissen folgend, beanspruchen. Die Zeitungen, die die Hetze gegen die Juden fühlen, erachtet der Graf als das die öffentliche Ruhe gefährlichste Element, und scliliesst mit der ernsten Mahnung an die dritte Duma, baldmöglichst, wenn nicht mit der Lösung, so doch mit der vorangehenden Prüfung der Judenfrage anzufangen. Aber schon jetzt müssen die sämtlichen ungerechten und schädlichen Rechtsbeschränkungen der Juden beseitigt werden: ein solcher Anfang im Sinne der Humanität und Wahrheit würde die grösste Wirkung auf das Verhalten sämtlicher ehrlicher Menschen zur dritten Duma ausüben. •־־ So weit Graf Tolstoi. Seine Ausführungen enthalten allerdings nichts Neues, aber auch die sclbstvcrständlichsten Dinge werden bei uns noch immer hartnäckig bestritten und müssen tagaus tneem wiederholt werden. UnJ wenn die Widerlegung, wie im vorliegenden Falle, seitens eines Mannes erfolgt, der zu den obersten Schichten der russischen Aristokratie gehört und noch unlängst einen Ministerposten im Staate bekleidete, so verdient sic gewiss Beachtung. Leider wird seine Mahnung au die dritte Duma wohl ohne Ericlg bleiben, denn die dort sitzen, haben Ohren, um nicht zu hören. Wo ist die Repierunp? Aus Petersburg wird der RUSSISCHEN KORRESPON- DENZ geschrieben: Nicht nur dem fremden Beobachter, sondern auch dem Russen wird es oft schwer, aus dem Chaos der einander bckämpfenden Kräfte klug zu werden. Die Nachricht von dem Abschiedsgesuch, das Stolvpin nach der Audienz, die Dubrowin beim Kaiser hatte, entsprach, absolut der Wahrheit. Es ist aber bekannt geworden, dass der Kaiser Stolvpin auf seine Vorwürfe erwiderte: ״Keinem Monarchen kann das Recht genommen werden, denjenigen seinen Dank auszusprechen. die ihn lieben." — Stolvpin ist nun geblieben und wird von den Verbändlern öffentlich bcschimpft. — Im Prozess wegen einer von Dubrowin gegen die Zeitung RUSS angestrengten Verleumdungsklage sagte der Vertreter Dubrowins. Rechtsanwalt Bulatzct, — die Audienz im Zarskoje Sek) beweise durchaus nicht dass die Regierung dem Verbände des russischen Volkes wohlwollend gegenübc־׳- stehe. An der Spize der Regierung, führte Buiaizel aus. steht ein Mann, der über eine unbegrenzte Macht verfügt und ..dieser Mann" drohte mit seinem Abschied mir aus dem Grurde. weil Dubrowin gegen seinen Willen in Zarskoje Selo empfangen worden ist. In Wirklichkeit sind aber diese Klagen der Verbändler einfach lächerlich. Der allmächtige Stolvpin ist ihnen gegenüber völlig machtlos. -- Nur diese Machtlosigkeit erklärt die in letzter Zeit jeden Tag erfolgenden Begnadigungen der Raubmörder aus den Oktobertagen des Jahres 19.15. — Es wird nicht lange dauern, bis wir alle wegen der Oktoberpogrome Verurteilten auf freiem Fusse sehen. Welches Gesindel sich dieser allerhöchsten Begnadigung und Ermunterung erfreut, ersehen wir ans einem Telegramm aus Ekatcrinoslaw, laut dem 5 vom Kaiser eben begnadigte Pogromhclden wegen Notzucht wiederum verurteilt worden sind. — Die Aufmunterung, welche dieses verbrecherische Element durch die allerhöchste Gunst erhält, birgt in sich eine schwere öffentliche Gefahr, ln letzter Zeit lesen wir täglich von neuen Begnadigungen. Selbst ganz ruhige und besonnene Elemente, d׳c den Ernst der Lage nicht überschätzen und keine unnötige Unruhe in die Gesellschaft liir.einbringen. sind der Vcrzwciflung nahe. Die Einweihung des Parteitags der Verbändler durch den Metropoliten und die darauf folgende Rede des fanatischen Mönches Iliodor von der ״allein rettenden Faust“ erinnern uns. sagt Fürst Trubctzkoj. an die Einweihung der Schwerter aus den ״Hugenotten". — Kein Wunder, sagt er weiter, dass die Bevölkerung mit Schrecken eine Bartholomäusnacht erwartet. — Was für eine Rolle spielt nun Stolypin selbst? Wie Ist seine Stellung zu verstehen? Wo ist die Regierung? Die Fragen sind im jetzigen Augenblick um so wichtiger, als nicht