Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 12 jüdische Rundschau Seite 107 wollte, nur das ‘siebente Jahr ausgenommen, und da keine gemeine Hut und Weide dem Eigentümer hinderlich fi-el, sondern •man die Hccrdcn in die Wüsten trieb, so hat Palästina mehr Menschen nähren können, als ein anderes gleich gutes Land, in welchem der Eigentümer durch gewisse Rechte der Gcmcindc gehindert wird, das Scinige so vorteilhaft zu nutzen, als ihm möglich ist. Endlich kann ein gleich fruchtbares Land unter dem 32. Orad der Breite mehr Einwohner ernähren, als unter dem 51. Unsere Länder brauchen grosse Plätze zu Wäldern, und wenn ich auf jeden streitbaren Mann jährlich nur vier Klafter Holz, (die Klafter zu 216 Cubicfuss)* rechne, was für einen Platz1 nehmen Waldungen, in denen 2 Millionen Klafter jährlich gefällct werden körnten, ein? Allein in einem wärmeren Lande braucht man zur Heizung fast gar kein Hoiz; und mitten in Palästina war wirklich das Brennholz selten. Wie vielmahl mehr Wolle und Leinewand bedürfen wir zu unserer Kleidung, als ein Einwohner von Palästina? Diese mehrere Bcdiirfniss nimmt doch Land zum Flachsbau und Viehweiden weg; die Israeliten hatten vermutlich mehr Wolle, als sie für sich brauchten und wenn das war, so konnten sie verarbeiten und au Fremde verkaufen/) und vor das daraus gelöste Oeld wieder cinkaufcn, was etwan das Land selbst nicht in genügsamer Menge hervorbrachte. Ein Land, das unter einem nur etwas gütigeren Himmelsstrich lieget, als der unserige ist, pilanzt Weinberge an, und sucht seine Getränke auf Hügeln, die bey uns unfruchtbar, oder bloss zu Waldungen gut sind; wir hingegen müssen zu unserm Getränk, dem Bier, gutes Land anwenden. Unter dem 32. Grad kann cyncrley Grund, wie Garten bestellet, mchrniahls des Jahrs gebraucht werden, als bey uns, ein Yortheil, den Moses ausdrücklich an Palästina rühmet. (5. Buch XXXIII, H.) Vielleicht scheint cs etwas kleines, wenn ich sage, dass die Völker gegen Mittag mit wenigerem gesättigt sind, als in den nördlichen Ländern; es Ist Indessen doch gewiss, und selbst aus der Kirchengcschichtc bekannt, dass Französische und Acgyptischc Magen sich bey Einführung Asiatischer Fasten sehr verschieden verhielten/*) allein das ist wichtiger, dass der Flciss der Ackersleute, in einem durstigen Himmelsstrich, wo man den Acker künstlich tränken muss, wenn der Regen ausbleibt, den in unseren Ländern weit iibertrifit. Sic lernen also auch jede» Fussbreit Landes nutzen; sie belegen die nackten Felsen nüt Erde, und ziehen Mauern, damit der Platzregen die Erde nicht w egschwemme. Schon in der Schwcitz ist man in den Gegenden, w0׳ der Weinbau möglich ist, so lobenswürdig geizig; dass aber Palästina ehedem auf die Art gebauet gewesen ist, davon hat Maundrel auf seinen Reisen die Spuren gefunden. Dis ist wol genug, Mosis Gesetz zu rechtfertigen, der wenigstens 4SO,000 Mann disseits des Jordans mit Aeckcrn versorget wissen will. Vermehrte sich die Zahl des Volks in der Zeit, so konnte man die vorhin durchweideten Arabischen Wüsten, da, wo etwan Quellen und Wasser war (denn selbst der Sand ist in dem Himmelsstriche fruchtbar, wenn nur Wasser da ist) oder in die Thülcr des Libanons Colonicn führen; und das ist wirklich geschehen. (I. Chron. IV, 39—12. B. der Richter XVIII.) #) Dass dis wirklich geschehen ist, sichet man aus Sprichwort. XXXI, 2-1. ״*) Moscheims institutiones histuriae ecclesiasticae. P 109. E==— Rundschau — Das Reformgebetbuch in Baden gefallen Die von den Zionisten und Gesetzestreuen Badens gemeinsam organisieren Opposition gegen das vom Gr. Oberiat d.:r Israeliten der nächsten Synode zur! Einführung vorziilegendc Reformgebetbuch s Pe g t e iu dem am Sonntag stattgcfundeucn Wahlkampf mit 15 Mandaten gegen 6 Mandate, die 5 Freunden der Gebetbuchvorlage und 1 bc-, dingten Freunde derselben zufielen. Die Majorität der Ocgner des Rcforjmgeb'etbuchcs jn den einzelnen Wahlbezirken war mitunter eine überaus grosse. Am bemcrkcnflwertcstcn ist der Sieg in Karlsruhe, dem Sitz des Oberrats, wo die Gegner des Reformgebetbuches mit zwei Drittel Majorität siegten, trotzdem die gesetzestreuc Richtung in Karsruhe seit einigen Jahrzehnten aus der badischen Organisation ausgetreten ist und deshalb am Wahlkampf nicht mitwirken konnte. In Karlsruhe wurden zwei Zionisten gewählt. Durch das Wahlergebnis kann selbstverständlich die Vorläge des Oberrats von vornherein als gefallen betrachtet werden. Der positive Erfolg wird in einer Stärkung des jüdisehen Pflichtbewusstseins liegen, da ein Interesse an jüdisehen Dingen durch den seit Monaten tobenden Kampf int ganzen Lande geweckt wurde, wie er in solcher Stärke in Baden bisher überhaupt noch nicht beobachtet worden war. Es wird unsere Aufgabe sein, nach Kräften mitzuwirken, dass diese ifcuc Kraft fetzt — da der Friede innerhalb der Olga• nisation gewährleistet erscheint — in jüdischem Sinne nutz• bar gemacht w ird. Deutsche Staatsbürger-? Zur unterschiedlichen Behandlung deutscher Reichsangehöriger jüdischer Religion in Russland schreibt der Verein der Ostdeutschen Holzhnndkr und Holzindustricller an die VOSSISCHE ZEITUNG: ״Die bessere Verwertung der russischen Landcscrzeugnisse. speziell auch die Verwertung russischer Forsten leidet unter dem Verjähren der russischen Regierung. Grösste deutsche Importfirmen, deren Inhaber jüdischer Religion sind, lehnen es ab; dem Ankauf angebotener Waldungen näher zu treten, da sie es als unwürdig empfinden, bei den unerlässlich nötigen Besuchen Russlands gewissermassen als deutsche Reichsangehöiige zweiter Klasse behandelt zu werden. Nachdem die unterschiedliche Behandlung von Kaufleuten jüdischer Religion in bezug auf die Dauer des Passes und die Höhe der Gildensteuer durch den Handelsvertrag aufgehoben ist, sollte die russische Regierung konsequent sein und endlich allen Reisenden, soiern nur der Pass in Ordnung ist. die gleiche Gültigkeitsdauer des Passes und die gleichen Rechte in ganz Russland zuerkennen, und demgemäss endlich verfügen, dass das Visum ohne Hinweis auf die Re- I i g i o n eingetragen wird. Dem Bemühen Russlands, seinen Handel und seine Industrie auf eine höhere Stufe zu bringen, ist dieses Festhalten an selchen mittelalterlichen Anschauungen zweiellos sehr •hinderlich.“ — — Und wenn schon? Der Rischuss ist grösser. Neue Beschränkungen für ״Russen“ Bekanntlich waren bis fetzt die süddeutschen Hochschulen die einzigen, die noch nicht ganz dem Hochschul-Protektionisnuis verfallen waren und auch Ausländer, sogar Russen und sogar russische Juden, duigcrmasscu gastlich aufnahmeu. während mau in Preusscn und in den preussisch-kultivienten Staaten über die Gewährung des Gastrechts natürlich längst hinaus ist. Aber da Preusscn nun einmal ,.in Deutschland voran“ ist. so soll der alte Schlendrian fortan auch iu Südüeutschland aufhören. Soeben werden hier offiziell neue Erschwerungen für die Aufnahme r 11 s s i s c h e r S t u u e n t e 11 1111 d Hospitanten angekiinJigt, die an allen s ii d d c 1! t - sehen Universitäten gleichmässig durchgeführt werden sollen. Dabei muss man zum hundertsten Alale wiederholen, dass es sich in den weitaus meisten Fällen dabei uni rein antisemitische Massnahmen handelt, die der russischen Regierung würdig sind, nicht aber der Verwaltung unserer ״freien“ Hochschulen. Man spricht von ..Russen“ und meint die Juden, denn erstere sind in so verhältnismässig geringer Anzahl 'da. dass sich ihretwegen solche Ausnahmegeset2e nicht lohnen würden. Aber die jüdischen Studenten, denen cs in Russland schwer genug gemacht worden ist. ihr Gymnasialzeugnis zu erhalten — sie allein haben unter allen den Schikanen zu leiden, und für sic allein sind sie auch bcstimmt. Weil man sehr genau weiss, wie leicht es dem russischen Tscliin ist. Führungsatteste zu.verweigern, deshalb tut man so, als müsse jeder ..russische“ Student, der nicht ein Bonibenwerfer oder Meuchelmörder ist, ohne weiteres ein solches Zeugnis präsentieren können und wird nun also in Zukunft durch das Verlangen nach solchen einem grossen Teil der jüdischen Studenten die Aufnahme unmöglich machen. יווי