Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 108 י־ <gry1y>fg ׳ . 11 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 12 Bedauerlich bleibt es nur. dass sogar unsere liberalen Zeitungen, die doch alle Tage Aber die Barbarei Russlands Jammern, gar nichts dabei finden, wenn n׳an an die Juden, die aus diesem herrlichen Lande kommen, dieselben Anforderungen stellt, als wären sie wohlgeordnete und registrierte Preussen. Dabei sollten die Zeitungen wie die Universitütsbchörden doch wisse!:, dass in Russland ein Schwerverbrecher alle möglichen Papiere sich leicht verschaffen kann, während cs dem anständigsten Menschen sehr häufig unmöglich ist. auch nur ein Führungszeugnis zu erlangen, namentlich wenn er — Jude ist. Aber was geht das unsere Behörden und unsere Liberalen an. Vor Führungszeugnissen haben sic nun einmal einen unendlichen Respekt. Christlich-arische Gauner In Berlin ist bekanntlich vor einigen Wochen ein jüdischer ״Bankier“ nach Verübung jahrelang sich hinziehender Unterschlagungcn usw. flüchtig geworden. Das Halioh-Oeschrei der antisemitischen Presse kann man sielt vorstellen. Anders als von dem ״semitischen Betrüger״, den ״gaunernden Juden * im allgemeinen wurde überhaupt nicht geschrieben. Da ist es nun nicht ohne Interesse, sich die ־ - recht lange — Reihe christlich-arischer Herren anzusehen, die im Igtu.'e der letzten Jahre ganz andere ..Leistungen" vollbracht haben, als der verhältnismässig kleine Hallunkc. den jetzt die Berliner Polizei sucht. Da ist zunächst der ironune Gerhard Terlinden, de: in seinem Privatburcau ein Kmailleschild mit der Aufschrift: ״Ehrlich in! Mandel! Christlich im Wandel!“ angebracht halte, in demselben Bureau, in dem er unzählige Berufsgcnossen. Kaufleute und Industrielle .,ehrlich" und ״christlich“ behandelte. Ihm reiht sich würdig an Kommerzienrat Sauden, der seine prächtige Villa in Potsdam mit dem Zcllcngcfängnis in Moabit vertauschen musste. Auch er stand im Gerüche b e - sonderer Frömmigkeit, und da er fürchtete, im öffentlichen Gottesdienste zu seinem Gebet nicht die rechte Sammlung zu finden, hatte er sich von den erschwindelten Geldern in seinem Garten eine Privatkapelle bauen lassen, in die er sich nach erledigten ״Geschäften" zu Stunden stiller Andacht zurückzog. Der dritte im Bunde ist der berühmte ״Treber- Schmidt“, der Direktor der grossen Trebertrocknungsgc- Seilschaft, der im Vestibül seiner Kasseler Geschäftshäuser, die schöne Widmung angebracht hatte: ״Im Kopfe die Klarheit Im Munde die Wahrheit Im Herzen die Treue. Und nimmermehr Reue. ‘ Auch die vor einigen Jahren verkrachte Leipziger Bank war ein antisemitisches Institut in dem Grade, dass Ihr Direktor Exner. ein grosser Alldeutscher, sich gelegentlich weigerte, mit einem der ersten Bankinstitute Geschäfte zu machen, da cs ihm zu ״jüdisch“ sei. Und sollen wir etwa noch alle die rein a n t i s e m i t i - sehen Gründungen aufzählen, die sich als ..oberfaul“ erwiesen haben und alle ins Wanken geratenen Grössen der antisemitisehen Bewegung, die vor lauter Entrüstung über die jüdische Unmoral ihre eigene Moral ganz vergessen hatten? Aber das hiesse ja, leeres Stroh dreschen. Nur muss wieder mal der allzu üppig gewordenen antisemitischen Presse ein wenig der grosse Mund gestopft werden. Dazu reicht die genannte Liste aber durchaus, wie gross dieser Mund auch sein mag! Purim In antisemHscher Beleuchtung Der österreichische ״kaiserliche Rat“ Ernst V c r g a n i, der trotz seines wenig deutschen Namens in Oesterreich tagtäglich das Deutschtum vor dem jüdischen Ansturm rettet, hielt kürzlich in einem der zahlreichen Wiener antisemitischen Vereine eine Rede über das Judentum im Spiegel seiner Geschichte. Als Beweis für die Reinheit und Sauberkeit dieses Spiegels diene die folgende Schilderung des Herrn Vcrgani über den Ursprung des Purimfestes. Der antisemitische Historiker erzählt u. a.: ״Das Judenreich zerfiel in zwei Teile, wovon der erste. ״Israel“, das Reformjudentum, um 722 zugrunde ging. Die Juden kamen in assyrische Gefangenschaft. Der zweite Teil, ״Juda“, der orthodoxe, wurde von Ncbukodonosor unterworfen. Die Juden wurden in babylonische Gefangenschaft geführt, wo sie aber alsbald durch ihre Weiber und durch ihre Schlauheit wieder zur Macht gelangten und sich so verhasst machten, dass man dem König Ahasverus zehntausend Zentner Silber bot, wenn er gestatten würde, sin auszurotten oder zu vertreiben. Der Minister Haman — 300 Jahre vor Christi — erkannte genau das Treiben der Juden und berichtete dem König: ..Das ist ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker durch alle Landschaften deines Königreiches, dessen Gesetze vorschieden sind von denen jeglichen Volkes: aber nach den (10setzen des Königs tun sic nicht, und dem König bringt es nichts ein, wenn er sie lässt.“ Schon sagte Ahasver die Austreibung der Juden dem Minister Haman zu. Da gelang cs einer jiidisehen Dirne, namens Esther, sich an die Stelle der wegen ihrer Schamhaftigkeit versessenen Königin Vasthi zu schmeicheln, sic machte den König trunken und erlangte dabei von ihm nicht allein die Hinrichtung des gerechten und weisen Ministers tmd Urhebers der judcnfcindlichcn Pläne, sondern auch die Ein- Setzung ihres Verwandten Mordochai an seine Stelle. Dieser vcrordnctc sofort den Mord aller Antisemiten, das heisst aller den Juden feindlich Gesinnten, im ganzen Laude. 75 WO sollen cs gewesen sein, wie die Juden selbst berichten. Zum Andenken an dieses Blutbad unter den persischen und medischen Antisemiten feiern die Juden bis zum heutigen Tage das ״Purimfcst". au welchem die mit allen niederträchtigen Einzelbeiten geschmückte Geschichte der Esther vorgelesen wird, zur Erbauung tmd Erheiterung von jung und alt. Wie die Wölie sich untereinander aufircssen, beim Rauben aber doch das Rudel Zusammenhalt, so bildet tr;>:z gegenseitiger Ge- Lässigkeit eine gemeinsame, solidarische Selbstsucht die Stärke der Jude:! und erhöbt ihre Gefährlichkeit, die überall, leid I ui sc 11 er Herkunft nur allzu oft zu spät erkannt wurde." Der deutsche Vcrgani ist po und heisst eigentlich Vergancw. Rassereiner Humor Halle a. S. Einen sonderbaren Ulk trieb der Sohn des bekannten alldeutschen Rcichsratsabgeordneten Schönerer, der stud. jur. Ritter von Schunercr'-Roseiiau. Als in einem hiesigen Theater eine jüdische Schauspielerin gastierte, kaufte Schönerer sämtliche Eintrittskai teil der Fremdenlogcn (also die teuersten Plätze) auf. Diese Karten händigte Sch. den hiesigen Latschern mit 1 Mk. Trinkgeld aus unter der Bedingung. abends in ihrem gewöhnlichen Strassenkostüm die Vorstellung zu besuchen. Zur festgesetzten Zeit marschierte die nach Alkohol duftende Schar von 22 Kopien zum Theater, ohne Chemisette und Kragen, wohl aber mit gefüllter Schnapsflasche und besetzte die Plätze der oberen Zehntausend. — Dem Publikum wurde es aber Angst und Bange ob der unternchmungslustigcn Gesellen mt abenteuerlichen Exterieur. Der Direktor wurde gerufen und erst nach langem gütigen Zureden fcequemte sich die Heldenschar gegen ein nochmaliges Trinkgeld zur Räumung des Schauplatzes ihrer Tätigkeit. Gesen die Lueeerel In der Bukowina Sonnabend, den 7. März fand im städtischen Rathaussaale in Czcrnowitz unter dem Vorsitze des Apothekers Fiillenbaun! eine vom ..Jüdischen Nationalverein״ einberufene. massenhaft besuchte jüdische Volksversammlung mit der Tagesordnung ״Uebcr die christlich-soziale Bewegung” statt. Der Besuch war ein derart starker, dass die anstoss.mden Räume und Korridore sowie das Treppenhaus voll besetzt waren, und viele Besucher daher wegen Raummangels sich entfernen mussten. Als Referent fungierte Abg. Dr. Stiaecher. welcher die entstandeile antisemitische Bewegung eingehend besprach und scharf kritisierte. Insbesondere unterzog er das Vorgehen des Magistratsdirektors a. P. und Landtagsibgeordneten Josef Wiedmann einer vernichtenden Kritik, schilderte das ganze unaufrichtige öffentliche politische Wirken Wiedmanns und wie er unter unwahren Vorspiegelungen mit Hilfe jüdischer Stimmen ein Landtagsmandat erschlichen tmd das den Juden gegebene Wort sowie sein Gelöbnis schmählich gebrochen habe, somit das Vertrauen verwirkt und daher nicht mehr das Recht habe. Abgeordneter der Stadt Czernowitz zu sein. Die äusserst temperamentvollen Ausführungen Dr. Straucliers fanden stiirmische Zustimmung und lebhafte« BeiiaU. Zum Schlüsse beantraglc Dr. Straucher folgende Resolution, welche mit Entriistungsworten gegen Wiednrnn einstimmig angenommen wurde: ..Die heute tagende Versammlung .spricht dem Magistratsdlrektor a. D. und Abgeordneten Josef Wiedmann die entschicdenste Missbilligung und das tiefste Misstrauen aus und fordert ihn auf. da er sein Wort und seine Beteuerungen schmählich gebrochen und dadurch jedes Vertrauen verwirkt habe, sein Landtagsmandat nicderzulege:!.“ Unter Pfuirufen auf Wiedmann und Hochrufen Straucher schloss die Versammlung. auf Dr. יי*-