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Jüdische Rundschau · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 100 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 11 \ renzcn entstanden sind, weil diese beschlossen hat. eine eigene Expedition nach Abcssynicn zu entsenden. Dr. EaitlovHch wurde von Mr. Claude Montcfiorc. dem Präsidenten der Anglo-Jcwish Association, sehr warm empfangen und legte ihm die ganze Situation dar mit dein Erfolge, dass Mr. Montefiorc versprach, dafür einzutreten, dass die Anglo-Jcwish Association die Schule in Erythrea unterstütze, deren (Iründung das italienische Komitee beabsichtigt. Der Hilfsvercin der deutschen Juden hat gleichfalls seine Unterstützung bereits zugesagt. in verschiedenen Ländern sind auch Komitees zu diesem Zwecke gegründet worden. Dr. Eaitlovitcl! ist bereits wieder nach Paris ziirückgckchrt und wird von dort in Kürze nach Italien reisen, um vor seiner Abreise nach Abcssynicn noch einmal mit •Rabbiner Pr. Margulics (Elorenz). dem Vorsitzenden des ..Pro Ealascha-Komitees“. zu konferieren. Er hofft, eine Schule für die Ealaschas gründen zu können und dafür einige jemenitische Juden als Lehrer zu erhalten. Ein neuer Schulverein in Russisch-Polen Ein überaus wichtiges Ereignis für die jüdische Bcvülkerung Russisch-Polens ist die in Warschau u folgte Begründung des Vereins J)aat h“ (Wissen), dessen alleiniger Zweck in der Verbreitung elementarer Bildung in den breitesten jüdischen Volksmassen bestellt. Besonders hervcrgeliohen zu werden verdient, weil das hier nicht immer selbstverständlich ist. dass der Verein ganz tendenziös ist und kein anderes Bestreben hat. als das genannte. Bildung zu verbreiten, dass er dagegen nicht die Bildung in einer parteipolitischen Sauce yerabreichen will. W ie sihr dieses neue Institut den ^Bedürfnissen unserer Massen entspricht, zeigt am besten die Zahl der Anincldungen. die schon jetzt in die Hunderte geht. Pas Bureau des Vereins ist stets von Bittenden belagert. Neue Beschränkungen in Sicht Durch die Warschauer• Zeitungen gehen Gerüchte, dass vom Beginn des neuen Schuljahres ab aik.1 die Privatsehiilen. in denen die Juden bisher unbeschränkt Aufnahme fanden, namentlieh diejenigen, deren Absolvierung irgendwelche Rechte verleiht, eine bestimmte Prozcntnonn für jüdische Schüler einführen werden. Während bis jetzt in den Privatschulen bis zu 60 Prozent Juden sind — die sich alle dort zusammendrängen, weil sie bekanntlich in den russischen Staatsschuld! nur zu 3. 5 und 10 Prozent angenommen werden —. sollen in Zukunft auch in diesen nur noch 30 Prozent Juden ziigclassen werden. Auel! soll die Aufnahme in die Staatsschulen weiter erschwert werden, damit eie jetzt bisweilen überschrittene •Prozentziffer wieder strikte durchgeiührt werden kann. t Vom Warschauer Emigrationsbureau Aus dem Bericht des Warschauer Informations-Bureaus für jüdische Emigranten werden uns folgende interessante Ziffern mitgeteilt: Seit April 1907 bis Anfang Januar 1908 haben hier 915 Emigranten (darunter 6-49 Männer und 266 Erauen) persönlich Auskunft erhalten. Darunter waren 829 Personen aus Polen. 42 aus Lithauen. 16 aus dem übrigen Russland. Schriftliche Auskünfte erteilte das Bureau an 332 Emigranten. Insgesamt hat also das Warschauer Bureau allein im Zeitraum von 9 Monaten 12-47 Auswanderer beraten. Pas Ziel der erfolgten Auswanderung ist dem Bureau allerdings nur von der Hälfte bekannt geworden. Es wände־׳- ten aus nach New York J36 Personen, nach (lalvcston 106. nach Canada 30. nach England und nach Palästina je 25. Die übrigen, deren Ziel unbekannt blieb, dürften sich jedoch im gleichen Verhältnis auf die verschiedenen Länder bzw. Hafenorte verteilen. Das jüdische Emigrationsbureau in Riga Vor etwa drei Jahren regte das Zentralkomitee der jiidisehen Kolonisations-Gesellschaft in Russland die Krage an. in Riga ein Infortnationsbureau für Auswanderer, die diesen Hafen passieren, zu begründen. Es fand sich auch eine Gruppe von Personen, die diese sympathische Idee aufzunelnnen bereit war. und zwar die Herren L. M. Ciünzburg. Pr. Grünstem und cand. jur. E. L. Edel. Zu Beginn des Jahres 1906 traf die Nachricht ein. dass das Ministerium des Innern am 15. November 1905 snb Nr. 3101 die Tätigkeit dieses Komitees für Livland genehmigt habe: das Komitee nahm seine Tätigkeit auf und sab. sich bald vor einem grossen Arbeitsfeld, besonders als im Mai 19!!6 der reguläre ׳Dampfertourenverkehr zwischen Riga und Amerika via Liverpool aufgenommen wurde. Die Tätigkeit bestand natürlich vorwiegend in der Interessenvertretung der Emigrauten und ihrer Aufklärung über Auswanderungsfragen durch Broschüren, Erwirkung von Preisermässigungen usw. Dass die Tätigkeit des Komitees nicht unbedeutend ist. erhellt aus der Tatsache, dass sich vom 20. Mai 1906 bis zum 31. Dezember 1907 mit schriftlichen Gesuche170 ״ Auswanderer an das Komitee gewandt haben, während an iiiiindliclien Anfragen und Auskunftseesuchen 17m registriert wurden: ausserdem sind etwa cbcnsoviclc mündliche Anfragen garnicht registriert worden. Erwägt man. dass die Zahl der über Riga Auswandernden überhaupt keine sonderlich hohe ist. so muss man den Prozentsatz der sieh ans Bureau Wendenden recht hoch nennen. Sehr interessant ist es auch, was das Bureau an Erfolgen zu verzeichne״ hat. Bekanntlich ist einer der scliwierigsten Punkte iiir die jüdische Emigration die Beschaffung eines Auslandspasses. Die Hindernisse und Schwierigkeiten hierbei sind so grosse, dass gewissenlose Auswatidcruugs!genten, dieses benutzend. Unsummen den jüdischen Auswanderern abnelinien, um ihnen schliesslich Passe auf fremden Namen zu liefern, durch die sie die grössten I 'namiehmliehkeiten he-!reifen können. IX» ist es nun bemerkenswert, dass das Rigaisehe Komitee nicht Weniger als 2!>0 jüdische Lamilicnpässc erwirkt und so seine Landsleute vor vielen Verlusten und Unannehmlichkeiten bewahrt hat. Obwohl eine direkte Unterstiitziingstätigkeit eigentlich nicht vorgesehen ist. hat das Komitee in etwa Immiert f ällen, wo die Not und ׳die trostlose Enge der Emigranten es dringend crtordeneii. materielle Hilfe- Icistung beschäm. Vielfach hat der hiesige Verein gegen den Bettel tatkräftig hilieleisteml eingegriffen au! Initiative des Bureaus. Auch in Lallen. wo die Emigranten aus irgend einem Grunde in Amerika nicht eingelassen wurden. hat das Bureau eine Rückkehr ermöglicht, und sogar vielfach von de! betreffenden Damptschimdirtsge.seilschaft eine teilweise Rück- Zahlung des SchiiiskartengeUcs erlangt. So wurden in fünfzehn Eällen etwa 5h bis 13«! Rubel retourniert, in einem Lalle 2׳•/ Rubel. Eiir abhanden gekommenes Gepäck wurden in einem Lalle für ein armes jüdisches Mädchen 175 Rubel erwirkt, Empfehlungsbriefe hat das Kniigratioiis'nireau in 138 Lallen den Auswanderern mitgegeben. Die״geeinigteOpposiiion“in derPogrome! Die offiziöse Presse, die sich über die vorgeschriebene Linie weder nach rechts noch nach links hinaus wagt, hat sich in der letzten Zeit ein neues Liehliugsthema erwählt. Mai! kann dieses Thema nicht einmal neu neunen: cs wurde nur renoviert und in Bewegung gesetzt an majorem gloriam alles dessen, was nach offiziellen Mustern geschahen wurde. Bis jetzt sprach man über ..linke Blätter״. ..Herren aus der Opposition״. ..Judenireunde״ etc. Jetzt haben diese Augriffe einen anderen Charakter angenommen. Der Gegenstand hat sieh qualifiziert: cs erschien die ..geeinigte Opposition". Was bedeutet dieses Phantasiegebilde? In den oppositionellen Kreisen ist letztens viel darüber gesprochen worden, dass die Tätigkeit der fortschrittlichen Elemente in den ״Scmst\v־״s״. den Stadtverwaltungen etc. koordiniert werden müsste, da ja die Reaktion immer stärkere Positionen cinnimmt und die Stellung der Opposition bedroht. Deswegen hat die fortschrittliche Presse die krage einer Verstäudigmig der progressiven Elemente untereinander berührt. Doch von einer ..Vereinigung der Opposition" im technische!! Sinne kann selbstverständlich keine Rede sein. Die Opposition bestellt aus Parteien, von denen eine jede ihr eigenes Progrumm und ihre besondere Taktik besitzt. Diese taktischen und prinzipiellen Unterschiede auf Null zu reduzieren, ist immöglich, doch ist eine provisorische Verständigung unter einzelnen Parteien erwünscht und möglich, und für sie haben einige progressive Zeitungen ihre Stimmen erhoben. Eiir die offizielle Presse genügte das. um von einer ..geeinigten Onnosition" zu sprechen und deren Gefahren in den grellsten Earben zu malen. Den Versuch einer Koordinierung der oppositionellen Tätigkeit bezeichnet! die offiziellen Blätter als Ergebnisse hetzerischer Tätigkeit von Juden und R e v <» - l u׳t io u ü r c 11. Das bedeutet - - sagen die Oiiiziösen — dass unter jüdischer Eiihriing sich die Kadetten mit den Sozialdemokratcu und Sozialrcyolutioiiäreii vereinigen, d. h. mit Räubern und Bombcnw erlern und dadurch seihst zu ..Expropriatoren" und Plünderern werden. Gegen diese Polizeiliehe Argumentation kam! keine ernste Polemik geführt werden. Angriffe solcher Art gehören ja zu den professionellen Pflichten der offiziellen Presse. Eine Einigung der Opposition könnte wirklich vom Standpunkte der Regierungstreuen als Gefahr betrachtet werden. Doch ist diese Gefahr leider nicht vorhanden. Die einzelnen Parteien aus der Opposition stehen im fortwährenden Krieg untereinander, und von einer Einwirkung

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