Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9׳.) No. 11 und Polen•■— denn ״Deutsche“ bedeutet nach der In den Ostmarken allgemein angenommenen Terminologie nicht deutscher Staatsbürger schlechthin, sondern nur im Gegensatz zum Polen und Juden, was freilich mit dem Dogma des Zcntralvcrcins in schmerzlichem Widerspruch steht — mögen, sage ich, immerhin Deutsche und Polen um die Palme des grösseren Antisemitismus ringen, es kann kein Zweifel sein, dass, wem» wir vor die peinliche Wahl gestellt sind, die Nadel unserer Sympathie mehr nach Westen oder nach Osten zu richten, wir eine stärkere Neigung für den Westen verspüren werden, ohne dass freilich die Nadel mit energischer Bestimmtheit dauernd und unabwendbar nach Westen weisen wird. Es kann nur ein Schwanken und Lavieren sein — teils deshalb, weil wir unser Verhalten und demgemäss auch einen Teil unserer Sympathien nach rein opportunistischen Motiven regulieren müssen (oder vielmehr: müsstenI, teils deshalb, weil wir, die wir selbst eine unterdrückte Minorität darstellcn, besonders lebhaft gegen Jedes Unrecht protestieren müssen, das einer Minorität, und seien dies auch die Stammesgenossen Jer Schlachzizen Galiziens und der polnischen Demokraten Russlands, zugefügt wird. (״Sympathie" heisst ja: Mitlciden.) Aber doch bleibt es dabei, dass das Deutschtum׳ in unserer eigenen ostniärkischen Seele das prävalierende Element darstell.n muss. Wir haben nichts mit den politischen Intentionen der Polen, mit ihren national-kulturellen Bestrebungen gemein und und mit den Deutschen verbindet uns die deutsche Kultur, die deutsche Sprache. Der Ort, au dem sich immer lebhafter deutsche Kultur entwickelt, soll auch einen deutschen Namen tragen und nicht sei.1 polnisches Erbe wie ein unlösbares Joch mit sich hcrumsehleppc!1. Audi wir Juden würden in Palästina, wenn das Jüdische Kiement dort wieder das wirtschaftlich und gar politisch dominierende geworden ist, ausschliesslich hebräische Ortsnamen — funkelnagelneue /.um Teil — an Stelle der Jahrhunderte alten arabischen Namen setzen. Selbstredend gilt das nicht iiir diejenigen Namen, die längst einen alten berühmten historischen Klang haben, und deren Abänderung ein historischer Barbarismus wäre. Doch nicht vom Namen Hohensalza wollte ich eigentlich sprechen, sondern von den Juden dieser Stadt; und auch nicht von den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, in denen sie leben — obwohl es lohnend wäre zu zeigen, wie sehr der bekannte ״Sitz zwischen zwei Stühlen‘, den der Ostmarkenjude cirmimmt, gerade Jetzt in der Acra des Enteigmingsgesetzes und dem damit verbundenen weiteren Auseinanderrücken der beiden Stülilc eine immer peinlichere und uubequemere Sitzgelegenheit darstellt, die zur Ermüdung führen muss und schliesslich entweder zum Kimiutcrplumpscu oder zu dem hntscliliisse, auizusteheu und davonzugeheu. Auch nicht vom Zionismus will ich reden, der hier trotz einiger Versuche von zionistischer Seite nicht Wurzel geschlagen hat, obwohl mau doch gerade in dieser alten grossen Gemeinde auf Sympathien für eine allgemein-jüdische Bewegung und bei dem sich immer mehr verschärfenden Kampf der Nationalitäten im Osten auf ein besseres Verständnis für das jüdische Problem hätte rechnen dürfen. Statt dessen verfällt hier das Judentum immer mehr. Jüdisches Wissen - im allerhescheidensten Sinne des Wortes — ist zu einer Rarität ersten Ranges geworden. Immer mehr verfallen *jüdische Sitten und Bräuche. Das (iemeindeleben gleitet in ausgelaufenen Bahnen vorwärts, und ״liberal* ist Trumpf. Nun hat man in Hohensalza eine neue Synagoge gebaut und steht vor der Frage, oh man seine Durchdringung mit moderner Kultur und sein Verständnis für moderne Welt-, Leben- und sonstige Anschauung durch Beschaffung einer Orgel dokumentieren solle. An einem der letzten Sabbat’ie hielt nun der Gemeinderabbiner eine Predigt, in der er gegen die Einführung der Orgel kämpfte. Und so bin ich denn allmählich gegen Ende des Briefes bei dem Punkte angelangt, um dcssentwillen ich heute überhaupt zur Feder gegriffen habe. Ja, wahrhaftig, von einer Predigt will ich berichten (Schauen Sie mich nicht so mitleidig an!) Selbst eine Predigt kann ein paar hübsche Gedanken beherbergen, wie Sic bald sehen werden. Der Vergleich, den Dr. K. brachte, und der den Vorzug hatte, nicht zu hinken, sondern bis in die kleinsten Einzelheiten hinein sich sinnreich durchführen und anwenden zu lassen, verdient, ver ein grösseres Auditorium gebracht zu werden. Das alte, gute Judentum wurde mit der Veste Troja vesglichen. Die Tapferkeit und der Opfermut seiner Verteidiger und die gewaltige Stärke seiner Umfassungsmauern machten die Festung uneinnehmbar. Mochten auch draussen die Feinde Jahr und Tag die Stadt belagern und die verzweifeltsten Angriffe gegen die verhasste Veste richten, sic hielt Stand. Da bauten die Angreifer, die Griechen, ein grosses hölzernes Pferd, in dessen Innern sich die Tapfersten der Feinde verbargen. In Scharen strömten nun die Troianer aus der Stadt und staunten dieses seltsam prächtige, fremdartige Gebilde an, und sie Messen sich von Sinon, einem im Schilf auige* fiiiidenen Griechen, einreden, dass die Göttin Athene — der kurz variier ein Heiligtum aus ihrem Tempel gerauht worden war, ein Schutzheiligtum, an dtm das Glück der Veste hing — ihnen zum Ersatz dafür diesen fremden, neuartigen Kunstgegenständ geschenkt habe. Das glaubten sie, und sie wollten unter grossem Jubel das Pferd in die Stadt ziehen. Um das aber bewerkstelligen zu können, mussten sie in die Mauer eine Bresche schlagen; und was die ausdauernde Tapferkeit der äusseren Feinde nie vermocht, das wurde nun von den Bewohnern der Veste selbst aosgcifihit, um von fremdem Boden einen schönen, aber fremdartigen Ersatz für das geraubte Schutzheiligtum in das Herz der Stadt zu verpflanzen. Und sic rissen einen Teil der Mauer ein, ohne auf die Mahnungen und Warnungen der Weisen und Priester zu hören, und stellten das fremde Gebilde neben dem Tempel der Athene auf. Das war ihr Verderben. Aus dem Innern des Pferdes stiegen die grimmigsten Feinde der Veste heraus, die so in das Innere der Stadt gelangt waren, durch die Bresche drangen immer grössere Feindesscharen nach, und nach wenigen Stunden war Troja ein Trümmerhaufen — -* — A. S. — Rundschau — Austritte aus der Landeskirche Interessante Ziffern über die Austrittsbeweguug aus der Landeskirche in Preusscn bringt die amtliche Statistik. Während in den Jahren 19tM nur 23/0 und 1905 nur 286*1 Personeu aus der evangelischen Landeskirche austraten, ist diese Ziffer im Jahre 1906 aui 12 007 gestiegen. Und die Steigerung ist iiir 1907 sicher noch progressiv, wenn auch die definitiven Ziffern noch nicht vorliegcn. Den verschiedenen Ursachen naehzugehen. kann hier nicht interessieren. Von Interesse aber wäre es, einmal die Ziffern fcstzulialtcu, wieviel getaufte Juden nach relativ kurzer Zelt den neu erworbenen Glauben wieder verlassen. Freilich ist die kolossale Steigerung der Austritte aus der evangelischen Kirche damit keineswegs zu erklären; aber auch ein Vergleich dieser Austrittsziffern mit denen der Austritte aus der indischen Religionsgemeinschaft ist nicht ohne Interesse. Or. Faitlovitch in London Der bekannte Jüdische Forschuiigsreisende Dr. Jacques Faitlovitch. der eine ausgezeichnete Studie über die Lage der Falasehas, der ahcssynischcn Juden, veröffentlicht bat. weilte einige Tage in London. Der Zweck seines Aufenthalts war hauptsächlich der. die Vorsteher der dortigen Organisation für das Schicksal der Falasehas zu interessieren und die Unter•־ schrift des Chief-Rabbi Adler unter den hebräischen Brief zu erhalten, der als Antwort auf den Brief der Falasehas verfasst und bereits von vielen hervorragenden Rah- Minern unterschrieben worden ist. Der Besuch Dr. Faittovitchs in diesem Moment hat um so grössere Bedeutung, als bekanntlich zwischen dem italienischen Komitee ..Pro Falasehas“ und der Alliance Isradlite Universelle Diffe-