Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 96 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 11 / wachsene, keine selbstverständliche für das umwohnend'e Volk, das sie schenkt, schenkt als Schlachmones. Es gibt gute Schlachmones, wirkliche und anserlesene Leckerbissen. Wir haben deren so viele, dass wir sie gar nicht aufzählen wollen. Es gibt aber auch solche Schlachmones. die wie der Honigkuchen d:s Herrn Vorstehers in Polnisch-Krähwinkel von Hand zu Hand gehen und eben nach ihrer Wanderung durch die Gemeinde weder appetitlicher noch schmackhafter oder wertvoller geworden sind. Man g:bt einem reichen Juden die Auszeichnung, die er verdient, — Leckerbissen, Schlachmones ersten Ranges. Man bewilligt einen Resolutionsfond für jüdischen Religionsunterricht, noch feiner und schmackhafter. Man macht zwischen reichen getauften Juden und geborenen Christen nur noch einen gesellschaftlichen Unterschied, aber keinen in der Karriere, Schlachmones allerersten Ranges auch für die ungetauften Juden, die eben nur zu dumm sind, für sich selbst von diesen Schlachmones zu gemessen. Kosten sic doch nur ein wenig Selbtsverleugnuug, die sic törichterweise für einen Meineid halten. *Auch von den Parteien werden ahnen solche Schlachmones dargebracht. Da sind die Parteien zur Rechten, die getaufte Juden auch grundsätzlich als Stammesgenossen anztiseheu scherzen, da sind die Parteien von der Linken, die an die Regierung die energische Frage stellen, warum ungetaufte Juden nicht Offiziere werden, als ob wer weiss.welche Wichtigkeil dem Umstand innewohne, dass die jungen Herren aus der Tiergartenstrasse .das Kasinö besuchen dürfen. Freisinnige'Schlachmones, ein Honigkuchen vom Herrn Vorsteher pro forma geschickt, damit er auch bei nächster Gelegenheit w ieder gewählt w ird. Da sind die Parteien von der äussersten L'nken, die allem Glauben abhold sind und in ihren Reihen Männer von so grossem Glaubcnscifcr zählen, dass sie den Glauben zu wechseln für notwendig erachteten. Wenn sic einer andern Nation entsprossen wären, als der jüdischen, würde man sie als Hundsfott und ehrlos vor die Türe setzen. Welche ungeheuer fohie Rücksichtnahme auf die Juden liegt darin, dass man den Glaubensverleugnern aus ihrer Mitte gern ein Mandat als Volksvertreter überlässt. Sind das keine Schlachmones? Das übertrifft den Honigkuchen von Purim. Das Judengesetz von 18*17, das uns aufoktroyiert ' , wurde, das ein Ausnahmegesetz schk'mmster Form ist, wurde bisher niemals abgeändert und von den angeb־ lieh die Juden vertretenden Parteien unberührt gelassen. Unsere aus dem Osten geflüchteten Hriidcr wurden weitergejagt und die Parteien versagten, als es galt rhre Rechte zu schützen. Aber man duldet ja in den freisinnigen Parteien drei oder vier getaufte Juden als Volksvertreter. Ist das nicht schon Rücksicht genug? Das sind Geschenke, Schlachmones, wie die Wohltat, die der Berliner Jüdische Gerne,:utlevorstand seiner Gemeinde erwies, als er ihren besten Prediger widerrechtlich enttr'ess. Das sind liberale Geschenke, wie das Geschenk, das der liberale Ober rat der badischen Israeliten diesen zu teil werden lassen will, wenn er ihnen e:n Gebetbuch schenkt, das sie gar nicht wollen. Schlachmones: Honigkuchen mit faulen Äpfeln. Wir klagen darüber nicht und wir wundern uns nicht darüber. Denn wir wissen, dass mau, wie man keine Länder, auch die Freiheit nicht verschenkt. Land und Freiheit müssen vn schwerer nationaler Arbeit erworben werden. So weist uns Purim wiederum auf Pessach, das Fest der echten Freiheit, das Geburtsfest des •Jüdischen Volkes, das jene Zeit vor Augen hat, בצאת ישראל ממצרים בית יעקב מעם לע als Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakobs aus dem Volke fremder Zunge. Purim ist das Freiheitsfest des Galüth. Und das ist ein Widerspruch in sich selbst. Denn Galutli ist eben das Gegenteil von Freiheit. An Pessach beginnt man das Fest, endem man die gastlichen Pforten weit öffnet und jeden zu Gaste lädt, der Hunger hat oder der Gastireundschaft bedarf. An Purim schickt und empfängt man mehr oder minder leckere Bissen als Geschenk, Schlachmones. Der Glaube an unsere Gleichbercehtigung ist eine Purimmaskerade, die durch Schlachmones »hie Siissigkeit und ihre Deutung findet. Gew iss ist es schön, dass ein Volk auch an einem Tage ausgelassene, Freude kennt, wenn cs Jahr für Jahr nur Tote zu beklagen und Plünderungen zu verzeichnen, Zurücksetzungen und Missverständnisse, Hass und Feindschaft zu verspüren hat. Die Seele will sich auch im כלות einmal ausruhen und Purim, das charakteristische Fest des גלות ist der Tag der “.*/?;-Freude. Wir wollen daher das Purimfest in voller Fröhlichkeit feiern, wie wir es von den Altvordern übernommen haben, die s'cli in ihrem zweitausendjährigen Flei.U daran erquickten und erholten, wollen uns gegenseitig beschenken und uns der Freude hingeben, bis wir in der Megillath Esther nicht mehr zwischen Mordechai und Haman unterscheiden können. Aber wir wollen uns er- :nnern, dass wir nicht von Schlachmones leben können und dass Völker, die Schlachmones annehmen müssen, arme Völker sind ohne festen Grund und Boden unter den Füssen. Möge auf das Purim des Galüth bald das Pessach statnmcstümlicher Selbständigkeit folgen, damit wvr als Volk nicht mehr S.chlaclmiones empfangen, seien es mm die feinsten Leckerbissen oder der abgcgriffene und unappct:tliehe Honigkuchen, der von Hand zu Hand ging. י בד ר מ 'דו הי ה. Das hebräische Gymnasium Von Herrn Professor Dr. Warbu rg wird uns der folgctide Brief zur Verfügung gestellt, den er \on den Leitern des hebräischen Gymnasiums in Jaffa erhielt. Da wir in nächster Zeit in breiterem Rahmen die Kulturarbeiten in Palästina erörtern wollen, so halten wir es für crspriesslich, dieses Schreiben unsyrn Lesern schon jetzt bekannt zu geben. Jaffa, 21. Februar 190k. Hochverehrter Herr Professor! In Beantwortung Ihres w. Schreibens vom 10. Februar danken wir Urnen bestens für Ihre freundliche Gesinnung und Ihre Bereitwilligkeit, in Westeuropa fiir das hebräische Gymnasium wirken zu wollen. Die iiir das zweite Flugblatt gewünschten Daten werden wir Ihnen in kürzester Zeit zukommen lassen. Die Gerüchte bezüglich irreligiöser Tendenzen unserer Lehrer sind selbstredend aus der Luft gegriffen und Ihre Varaussetzung, dass im Gymnasium nichts geschieht, was die religiösen Gefühle der palästinischen Juden verletzen könnte, trifft in allen Beziehungen zu. Tatsächlich befinden wir uns im besten Kontakt mit der hiesigen Judenheit. Bis zur Stunde haben wir nicht den geringsten Anlass über irgend eine Gegnerschaft oder auch nur über eine Abneigung seitens der palästinischen Juden zu klagen. Wir können das eben Gesagte durch eine Reihe von Tatsachen bekräftigen, aus der wir hier nur einige herausgreiteii: 1. Zunächst beweist die stets zunehmende Schülerzabl, dass wir die Sympathie der Bevölkerung besitzen. Bekanntlich w urde das Gy mnasium mit H Schülern ei öffnet. Jetzt zählt es bereits 90 Schüler. Ja, eben in der laufenden Woche hatten w׳ir Gelegenheit, einen rührenden Fall von Anhänglichkeit an