Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651564--05497-2662524- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I 1 ,, ,..».y.. Abonnementspreis einschliesslich LITERATURBLATT vlarUtjihrlicb: f. tfureb die Eipvditivn: a) In Berlin —,90 Mark, b) nach aus• •rlrts I,— Mark, c) für das Ausland 1,50 Mark. 2. Im Peetabenntmant 1,25 Mark. Insertionspreis Ke viergespaltene Petit-Zeile deren Raum 25 Pfennig. A.ll^emein e «TUdlsclie Zeitung Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: II, 3387. OeachifUsttmden dar Bzpadltl•■ oder Tfi.nhnn. 11 t«n «glich (ausser Sabbat und Sonntag) vormittags 10—1, nachmittags 3—7 Uhr# Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUEDISCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. Expedition und Adresse für Geldsendung•■ and Bestellungen: Vertag Jüdliche Rundichau, E. 0. m. b.K, Berlin N.54, Augusütraue 49a. Nummer 11 Berlin, 10. Adar II 5608 — 13. März 1908 xm. Jahrgang Schlachmones Zu einem Tage fröhl'chcn Trinkens י,*ט בשתה ושטה־ wurde der vierzehnte Tag im Monat Adar C2i\ Juden, die in der Unterdrückung und Verbannung den Tag feierten, an dem noch in den ersten Tagen der Fremdherrschaft das Judcnvolk den Untergang ihrer schlimmsten Widersacher sehen durfte- Das Buch Esther, das dem deutschen Reformator viel zu viel judenzet, erzählt uns diese Geschichte und gibt den Ursprung des Brauchest vier Wochen vor Pessacli in einem fröhlichen Feste zu trinken 11'id zu feiern. Die Juden, denen aller Mummenschanz und alle Freude am Leben während der zwei Jahrtausende christlicher Herr- Schaft nach Zerstörung des jüdischen Staates vergällt war, haben an diesem einen Tage im Jahre an ausgelassen er Fröhlichkeit das geleistet, was notwendig war, um ihren Mut aufzufrischen und elastisch zu bleiben. Das Purimfest, einer historischen Begebenheit ent- Sprüngen, wurde das jüdische Nationalfest der Vcrbannung, des Galfith, wie Pessach das Nationalist der Freiheit und Selbständigkeit im .eigenen Lande war. Und wie das christliche Ostern unserm Pessach, Pfingsten dem jüdischen Schabuoth, Weihnachten dem Chamikah der Makkabäer den Ursprung verdankt, so wurde die jüdische Purimfreude in der Fastnacht nachgcahmt, die etymologisch eine Faselnacht ist, die nichts mit dem Fasten zu tun hat. Purim war der heitere Ton in den Trauermelodiecn des jüdischen Exils. Es war der Tag, an dem die Kunst, und zwar d׳:e heitere Kunst des lust:gen Spiels, der Posse, gepflegt wurde, von der uns Proben aus dem Mittelalter in jüdischdeutseher Sprache und Schrift erhalten sind. Das Judenviertel, das taglieh Gelegenheit hatte zu trauern, das cn steter Angst vor der kuiturtragenden Nachbarschaft lebte., feierte ein Freudenfest, dessen ganze Lustigkeit man verstellt, wenn man über die Purimtuaskcn und Hamansohren hinwegsieht und sich in die Haggadah lelel sehikkuritti vertieft oder in die talmudischcn Gewebe, in denen Purim und seine Trinklust zu feindurchdachten Gedankenreihen gestaltet und verwebt wurden. . י.־ש א “נע־ עשי לחדש אדר *שטחה דמעתה ויש טוב וסע לוח מנות איש לרעהו Der vierzehnte Tag im Monat Adar wurde als Tag trinkfester Freude, als solenner Feiertag und durch wechselseitiges Übersenden von Leckerbissen gefeiert. Diese Sitte hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Und wenn in 'der Weltstadt wenige dazu Gelegenheit haben, Speisen geschenkweisc einander zu übersenden, weil infolge des Ziisammenwohnens von Hunderttausenden mau sieh nicht genähert, senden! nur entfernt hat, und wem; in kleinen Orten sich vielfach das Geschenkesenden zur Karrikatur und Maskerade erniedrigt hat, so ist doch noch immer der Kern geblieben und das taimudische Wort, das Purim alle andern Feste überleben lässt, hat sich bisher nicht für n'chtig erwiesen. ' / In einem kleinen Orte mit immerhin ansehnlicher Judengemeinde sah ich einmal eine besondere Art des Purimscheukens mit an. Aus alter Gewohnheit beschenkte man sich, Weil es so sein musste und weil man cs nicht anders kannte. Aber diese .,Schlachmones‘* bestanden darin, dass ein angesehenes Mitglied der Gemeinde seinem Nachbar einen Honigkuchen n;'t einigen Nüssen schickte, während dieser eben an seinen andern Nachbar ein kleines Makronentörtchen mit Pfenerkörnern geschickt hatte. Die beiden Teller wänderten nun ven Haus zu Haus und von Familie zu Fam'lie, so dass die sparsame Gemeinde ihrem Gcschcnkciicr mit billigen Mitteln genügen konnte. Aber Schlachmciks waren geschickt und niemand kennte den Vorwurf erheben, dass hier nicht jeder freigebig gewesen sei. Ja, wie sollte denn aber Purim nicht zur Karrikatur entstellt werden? Ist es doch das Fest des jüdischen גלות und als solches die “.‘^־;׳Karrikatur des nationalen Freiheitsfestes, das ihm vier Wochen später folgt. So wie Israel cn der Zerstreuung nur wie eine Karrikatur sieh ausnimmt gegenüber jenem grossen und hoheitsvoll cn israelitischen Volke, das im eigene,! Lande der Welt eine Bibel schuf, deren Grösse der offene und versteckte Judenhass vergeblich den | babylonischen Stammverwandten zuwo’sen möchte, s.» ist das Fest des Galfith eine maskierte Nachahmung des nationalen Befreiungsfestes. Auch die Freiheit, de man uns im üah'ith gew ährt, ist nichts anderes, als eben eine Oaluthfreiheit, eine Freiheit in Fesseln, die Karrikatur einer wirklichen Freiheit. Das zu erkennen hindert uns nicht, treue Angehörige des Staatsganzcn zu sein, dem wir angehören w ie unsere Väter dem grossen persischen Reiche, das sic ebenfalls als Galfith erkannten und dem sie trotzdem in jeder Weise die Treue und Anhänglichkeit bewahrten. Aber die Freiheit der Juden in den Ländern des גלות ist keine autochtjione, keine aus der Natur der Dinge er- 1!; I * l;? I t I V I * •־־ייויוי