Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 82 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 9 stfhäftigung und Ernährung finden, soll zugleich ganz'bedemciiv! vermehrt werden. — Die Gesellschaft wendet sich dementsprechend an kapitalkräftige Gesinnungsgenossen und ladet sie ein. sich mit ihren Kapitalien an der Gesellschaft zu beteiligen und so zur Entwicklung der jüdischen Industrie in Palästina beizutr, gen.־ Gegenwärtig steht die ErOfinung einer Filiale der Fabrik in P e t h a c h - T h i k \v a h bevor. Der Mitinhaber der Gesellschaft ״A t h i d*. der bekannte hebräische Schrittsteller Markus Kaftan (Mordchai ben Hillel Ha’kohcn) begab sich an! 27. November mit dem von Odessa abgehenden Dampfer der Russischen Schiffahrtsgesellschaft nach Palästina zwecks dauernder Niederlassung, nachdem er bereits im verflossenen Sommer mehrere Monate in Palästina weilte.• In M. Kahan gewinnt der neue ״Jischüb" in Palästina eine tüchtige, aufs Praktische gerichtete Kraft. Während seines erwähnten Aufenthaltes in Palästina verstand er es, mit den wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes gründ* lieh bekannt zu werden. Auf Grund seiner Studien der Import- und Exportverlüiltnisse Palästinas reichte er der russischen ״Konferenz der Vertreter der Industrie und des Handels*־ einen Berich: über den russischen Export im nahen Orient ein. der das offizielle Organ des Finanzministeriums WJESTNIK FINA.NSOW׳ veranlasst hat. ihn um eine diese Frage betreffende Abhandlung nnzngchcn. Diese Abhandlung ist soeben erschienen. Ein Referat aber diese Abhandlung ist bereits am 1. November in einem anderen Organ des Finanzn.inisteriums. in der TORGOWO-PROMYSCHLENNAJA GASETA. erschienen. Nachdem die Tatsache konstatiert wird, dass der russische Export nach dein nahen Orient ein recht geringfügiger ist, wird zur Abänderung dieses Umstandes in Vorschlag gebracht, ״in weitgehender Webe die Zehntausende russischer Juden, die in den letzten 25 Jahren nach Syrien und Palästina emigrierten, zu utilisieren.*‘ ״In diesem Elemente müssen der russische Handel und die russische Industrie nicht allein einen bereits gegebenen Kontingent von Konsumenten der angewöhnten Artikel erblicken, sondern dieses Element ist in Anbetracht gewisser Bedingungen dazu berufen, der beste Vermittler zu werden in der Angelegenheit der Befestigung unseres Warenabsatzes auf den Märkten des nahen Orients.“ Dr. Paul Naihan über Palästina Die WELT bringt folgendes Interview des Dr. Paul Nathan gegenüber einem ihrer Freunde: .,Sic fragen mich.“ sagte er. ״ob es denn wirklich meine Ansicht sei. dass auch in einer näheren oder ferneren Zukunft eine stärkere Immigration in den Orient, insbesondere seitens unserer Glaubensgenossen, ausgeschlossen erscheinen müsse. Nicht im geringsten. Ich bin nur der Ansicht, dass in diesem Augenblick und in allernächste/• Zukunft eine solche Immigration in keiner Weise heilsam wäre. Die asiatischen Länder der Türkei sind jetzt — ich betone jetzt -־ noch nicht aufnahmefähig für einen Masseneinzug; aber sic aufnahmefähig zu machen, das ist es gerade, was augestrebt werden muss, und man ist in dieser Beziehung schon auf d c tu besten Wege. Die Eisenbahnen entwickeln das Land, und unsere Aufgabe muss es sein, unsere Glaubensgenossen, die bereits im Orient wohnen, zu befähigen an dieser Entwicklung t e i 17. u 11 e!1 m e n. Ist alsdann mit der Einführung moderner Technik der Reichtum der türkisch-asiatischen Länder, den sic zweifellos bergen, zu steigender Entfaltung gelangt, daun wird natürlich auch das Problem der Immigration ein ganz anderes werden, als es jetzt ist. Und wenn die Türkei heute noch auf dem Standpunkt steht, dass die Einwanderung aus politischen Gründen bekämpft werden muss, so ist zu hoffen, dass sie alsdann diese Ein- Wendungen zurückstcllen wird, in der Erkenntnis, dass geeignete Einwanderer zur wirtschaftlichen Erschliessung der Länder ausserordentlich beitragen, — und jede wirtschaftliche Stärkung der Türkei bedeutet zugleich eine wesentliche politische Stärkung des Staates. Man muss also unterscheiden zwischen der Gegenwart und der nächsten Zukunft einerseits um! späteren Zeiten anderseits. Heute braucht die Türkei Intelligenz und K a p i - ta I i eil in erster Reihe. Wie die Kapitalien be sc ha fit werden können, das will ich in diesem Augenblick nicht untersuchen, aber die Intelligenz int Lande selbst zu stärken, dazu können wir beitragen, indem wir für unsere orientalischen Glaubensgenossen gute und geeignete Schulen von der Dorfschule herauf bis zum modernen Technikum errichten. Sind diese Vorbedingungen einmal vorhanden, dann wird der! Orient auch imstande sein, weit grössere Mcnschcntnasscu zu ernähren, als er das heute vermag. Und mit Hilfe der modernen Technik kann dann dort eine Bevölkerung leben, die unver־ glcichlich grösser sein wird, als sie selbst in den blühenden Zeiten des Altertums gewesen i s t." Dazu bemerkt die WELT: } Dies die Aensserung des Herrn Dr. N a 111 a n . die das I Missverständnis des amerikanischen Interviewers sofort aufklärt. Wie man sicht, unterscheiden sich Dr. Nathans Ansichten über Palästina und die Nachbai länder als Kolonisation*- gebiet nicht allzu sehr von den unsrigen. Auch wir Zionisten behaupten nicht die Möglichkeit einer M a s se 11 besiedUmg Palästinas im gegenwärtigen Augenblick, ode•־ die einer Ablenkung der jüdischen M a s s e 11 emigration nach dem Heiligen Lande, solange nicht die ״B c d i n g 1111 g e 11** politischer und wirtschaftlicher Natur hierfür geschaffen sind. Dass wir natürlich dort, wo Eiuzeiinitiative, sei es proleta rischer, sei es kapitalistischer Kräfte, schon jetzt bei genügenden privatrechtlichen und privatwirtschaftlichen Sicherheilen ihre Beteiligung in Palästina sucht, solchen Zuzug pur willkommen■ heissen, weil er eben an der ״organischen Ent- Wicklung** jüdischen Elements im Lande, an der Schaffung der ..Bedingungen*‘ mitarbeitet, ist kein Widerspruch, sondern im Gegenteil die realpolitisehc Ergänzung zu dem oben entwickelten Grundsatz. Die Hauptsache aber ist und bleibt für 1ms. dass Palästina und der nähere Orient — wenn einmal imserc vorbereitende Arbeit glücklich, zu Ende geführt und die industrielle. Sandwirtschaftlicke und kulturelle Erschliessung des Landes vollzogen sein wird — ebenso ein Immigrationsgebiet von hervorragender Eignung sein wird, wie es vom historisch-jüdischen Standpunkte das jüdische Land ist. Jas einzige, in dem sich unsere Eigenart zu entfalten imstande ist. Was uns in den Aetisserimgen Dr. Nathans aber am erfieulichv.en erscheint, das ist das hervorragende Verständms für den Zusammenhang zwischen jüdisch-geistiger und Wirtschädlicher Entwicklung lim! sein deutlich zum Ausdruck ge- Irachter Wille, an der Stärkung des jüdisch-kulturellen Elementes vor allem arbeiten zu wollen. Wir begriissen dieses Programm aufs freudigste und erhoffen uns um so mehr davon, als der Träger dieses• Programms und seine Organisation es bereits bewiesen haben, dass sie es bei Worten nicht bewenden lassen. Und so bedeutet uns Dr. Nathans Programm in Hinsicht auf Palästina eine partielle, aber sehr wertvolle Erfüllung unseres Wunsches, alle Jüdischen Energien der Diaspora im Heiligen Lande fruchtbar werden zu lassen. Das Deutschtum In Palästina Im Landesverband Sachsen des Allgemeinen Deutschen Schulvereins hielt Prof. Dr. G11111 c kürzlich einen Vortrag über das Deutschtum in Palästina und Syrien. Prof Guthe begann mit der Erklärung, das Deutschtum in Palästina und Syrien habe erst eine kurzo Geschichte. Zu Niederlassungen von Deutschen sei in Palästina erst seit etwa 50 Jahren die Möglichkeit gegeben, da vorher kein Ausländer in der Türkei Grundbesitz erwerben konnte. Doch in den letzten Jahrzehnten nahm das Lehen in der Türkei unter dem Einfluss europäischer Niederlassungen einen anderen Charakter an. ein Umschwung, der sich in den letzten 20 Jahren mit einer immer grösseren Geschwindigkeit vollzogen hat. Mit einem Ueberblick über die Wurzeln der verschiedenen kolonisatorischen Richtungen, die das Deutschtum in Palästina zur Geltung gebracht naben, ging der Vortragende zu einer Schilderung der einzelnen Kolonien über. Er gedachte der reizvollen Lage der Kolonie von Jaffa, die die sogenannten Jcrusalemapfclsincn liefert, während die Kolonicn Sarona und Wilhelma den Charakter des Ackerbaues tragen. In Sarona mussten die deutschen Einwanderer sich erst mit vieler Mühe dem Klima und den veränderten Lebensbcdingungen anpassen, die Sterblichkeit betrug in den ersten Jahren 30 Prozent. Dazu kamen die Schwierigkeiten, den Grundbesitz in der Türkei rechtmässig übertragen zu bekommen. Jetzt erzielt man in diesen Siedelungen auch reichlich ,•Wein, der hauptsächlich nach Aegypten geht, der aber auch über Stuttgart in Deutschland abgesetzt wird. Trotz ihrer gc- ✓