Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 80 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 9 Wicklung der Industrie Polens beitragen, sollen nur solche ArtiKel produziert werden, die bis jetzt in Poien nicht erzeugt, sondern vom Ausland impoitieit werden. Nach der Meinung sachverständiger Personen in Warschau gibt es eine ganze Anzahl in Betracht kommender Artikel, deren Herstellung tausenden von jüdischen Arbeitern eine lohnende Beschäftigung geben könnte. Der neue Grossrabbiner von Frankreich Aus Paris wird uns berichtet: Hier wurde die Wahl des Nachfolgers des vor zwei Jahren verstorbenen Grossrabbiners von Frankreich. Zadoc Kahn, vorgeu :.tunen. Kandidaten waren die Qrossrabbiner mehrerer grosser französischer Städte. Als Vorsitzender des Skrutiniums fungierte der Präsident des Konsistoriums. Baron Edmotid Rothschild. Nach dreimaligem Wahlgange erlangte der Lyolter Grossrabhiner Alfred Levy die Majorität. Der neue Qrossrabbiner Frankreichs ist 18-10 In Luneville geboren und hat zahlreiche Monographien, darunter eine Geschichte des französischen Judentums, publiziert. Antisemitisches aus der Reichsduma Man schreibt der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ aus Petersburg: In der Dumasitzung vom II. d. M. wiederholte Herr Kin* penski. der Deputierte für Bessarabien. die alte Lüge, dass die Juden sich dem Militärdienste zu entziehen suchen, und erwfilmtc dabei, dass sieh in Bessarabien iiu Jahre 190-1 von den 5Ü0 einberufenen jüdischen Reservisten nur einer gestellt habe. Zum Schluss leistete er sich noch den Witz, die patriotische Majorität würde sich mit der Opposition nie verständigen können, da erstere russisch spricht, während letztere sich des jüdischen Jargons bediene. All dies hegründe die Notwendigkeit der geheimen Sitzungen der Landes* Verteidigungskommission! Als nachher der Deputierte N i s s c 1 o w i t z. Mitglied der Kadettenpartei und einer der drei Juden, die in der dritten Duma sitzen, zum Wort kam, war es •ihm naUirlich nicht schwer, die allen Verleumdungen zu widerlegen und die An* griffe zurückzuweisen. Und ebenso natürlich ist es. dass die echt russischen Deputierten seine Ausführungen mit lautem ״Oho“- und .,Zur Sache!“-Rufen zu unterbrechen suchten. W as die jüdischen Reservisten in Bessarabien anbetrifit, erklärte Herr Nisselowitz. so müsse man in Betracht ziehen, dass ein Teil von ihnen von Kinpenski's Gesinnungsgenossen in Kiscltinew getötet worden sind, während die übrigen flüchten mussten, um ihr und ihrer Angehörigen Lehen zu retten. Wie es mit der angeblichen böswilligen Entziehung der Juden vorn Militärdienst aussieht, zeigt eine lehrreiche Statistik, die Nissehvitz aufsHItc und deren Richtigkeit von mehreren Duinamitgücdcrn konstatiert wurde. Diese Statistik beweist, was allerdings nicht neu ist. dass die Juden in erheblicherem Umfange ihre Militärpflicht erfüllen, als cs das Gesetz erfordert. Nach den Feststellungen der Volkszählung von 1907 bildeten die Juden •1,13 Prozent der Gcsa.ntbevölkeruug Russlands. Wenn wir diesen Prozentsatz aui die Rekrutenaushebungen von 1902 und 1903 anwenden, so ergibt sieh, dass die Juden mehr Rekruten lieferten, als man von ihnen verlangen durfte. Dies erhellt aus folgender Tabelle: 1902 D. Anzahl Juden Christen u. sollteßmäss der Juden 4,13*. Mann ausmachen. Stellungspflichtigc 11 017 267 *12 013 Zur Aushebung wurden bestimmt 318 7013 13 15־ Wirklich einherufene Juden 56632 19 705 Differenz zum Nachteil der Juden 19*3 1־1 6 5-11 1903 Stellungspflichtige 11 053 572 33 512 58 635 15 123 Zur Aushebung wurden bestimmt 320 832 13 250 19 911 6 661 .Da die offizielle ROSSIA bei dieser wie bei jeder anderen Gelegenheit auch über die Tapferkeit jüdischer Soldaten während des letzten Krieges ironisiert, so könnt•: sielt Herr Nisselowitz. au dfas Zeugnis eines ״a 111 i s e m i t i s c h e n" Schriftstellers, des Herrn Taburno. der Mitarbeiter der NOWOJE WREMJA ist, berufen, der in seinem Buche die ״Wahrheit über den Krieg“ die jüdischen Soldaten ganz besonders als ausgezeichnete, tapfere und verständige Krieger tobt. Dies verdient eine besondere Beachtung angesichts der entwiirdigenden Stellung der Juden in der russischen Armee, wo sie nicht einmal Unteroffiziere sein dürfen, und nach vollendetem Dienst nicht das Wohnrecht erwerben. Ein russisches Siegesfest Man schreibt der RUSS. KORR, aus Petersburg: Der Verteidiger der Pogromlcute im Prozesse des Kiewer Pogromes war der be -rühmte antisemitische Rechtsanwalt aus Moskau. S c h m a 11 o w. Die Kiewer Schwarzen Hundertschäften veranstalteten zu Ehren ihres Helden ein pompöses Pest. Ein Mitglied iiherbrachtc dem ..Sieger“ eine Adresse ..zur Erinnerung an die tapferen Siege über die Juden!“ Die Reden, welche gehalten wurden, waren eine direkte Aufforderung z u tu P o g r o tu. Die allerhöchste Begnadiguttg der Pogromlcute wurde geh ii 11 r e!1 d gefeiert. Zulet/t trat Sehmallow selbst mit einer Hetzrede gegen die Juden aui. Er schloss mit der Erklärung: ״Die Juden in Russland werden sich solange ruhig verhalten, als die drohende Faust der echt . russischen ,Leute auf ihnen lulien wird.“ Repressalien gegen den Zionismus Die Repressalien gegen den Zionismus in Russland dauern fort. Die zionistische Organisation ist zurzeit die einzige bestehende Organisation der Juden in Russland. Grund genug für die Regierung. 11111 dagegen vorzugehen. Neuerdings wurde eine Zirkiilarvcriügung erlassen, die die Arbeit für den Na t i o 11 a I f ou d untersagt. Die Genehmigung zur Herausgäbe der Wochenschrift DAS JÜDISCHE VOLK wurde bisher immer noch nicht erteil;. In den letzten Tagen lief zwar eine Genehmigung ein. aber nur unter der Bedingung, dass die Zeitscliriit keine zionistische Agitation treiben dürfe. (!) Infolgedessen sah sieh die Zentrale in Wilna genötigt, eine Wochenschrift unter dem Titel: YOLKSBLATT herauszugcbeii. deren erste Nummer soeben erschienen ist. Jetzt erschien nun auch die erste Nummer von DAS JÜDISCHE VOLK. Es ist klar, dass jede zionistische Tätigkeit unter diesen Umständen fast unmöglich ist. Die Regierung überbietet sich in: Aushecken von Beschränkungen und ciuengenden Bestimnnmgen. um nur ja jede Arbeit für den Zionismus zu ersticken. So wurde (1g. Brutzkus. der in das Kuratorium einer Talmiid-Thoraschule gewühlt worden war. nicht bestätigt, lediglich weil er Zionist ist. Dem Redakteur des RASSWJET. des ausgezeichneten Zentralorgans unserer russischen Freunde, wurde wegen Aufnahme eines Artikels ..Jüdische Reclitlosigkeit׳' eine G c I d s t r a f e v o 11 5!H1 R u b e 111 auferlegt. Und einstweilen ist kein Ende dieser sinnlosen und empörenden Quälereien abzusehen. Die . . . Liebe in Moskau Aus Moskau schreibt uns unser dortiger Korrespondent: Hier hat die Polizei w ieder einmal einen Streich verübt, der von einer so empörenden Roheit ist. dass er sogar in Russland, wo man doch an manches gewöhnt ist. noch Aufsehen erregt. Die jüdisch•־!! Eheleute K.. von denen jeder für sid» das Recht hatte, in Moskau zu wohnen, hatten vor einiger Zeit ein Kind adoptiert. Der Akt der Adoption war durch das Rigaer Kreisgericht bestätigt worden. Unlängst ist mm Herr K. gestorben, und einige Tage nach seinem Tode kam ein Befehl der Polizei, das adoptierte Kind habe Moskau sofort zu verlassen. Man meldete der Polizei, dass das Kind — das ganze 18 Monate alt ist! —- zur Zeit an Scharlach erkrankt sei. Das konnte natürlich die Polizei in ihrem Pflichtcifcr nicht stören. Man gestattete zwar dem Kinde gnädigst, in Moskau krank zu sein, gab aber strengsten Befehl, das Kind nach seiner Genesung sofort aus Moskau hcrauszubringen. Amerikanische Rückwanderer Aus \Y i I 11 a wird der NEUEN JÜDISCHEN KOR- RESPONDENZ geschrieben: Im Lauie der letzten sechs Monate ist in den Städten und Städtchen das Gouvernements Wilna eine bedeutende Steigermig der Zahl der aus Amerika zurück wundernden Juden zu beobachten, die infolge der Krise und der Arbeitslosigkeit in Amerika nicht das ersehnte Asyl gefunden haben. So sind z. B. nach dem Städtchen II ja im Gouvernement Wilna allein in den beiden letzten Monaten des vergangenen Jahres zwanzig