Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 9 JUDISGHK: RUNDSCHAU Seite 79 Die Christlich-Sozialen in• Galizien Galizien soll noch eine Partei“ erhalten. Im Kampfe um die Herstellung des nationalen Tilm^Hgewichtes in* Laude; wird sie gewiss nicht auf der Seite der Unterdrückten zu finden sein. Den polnischen Naticnaldcmokraten entstehen neue Bundesgenossen.׳ Die Statthaltern in Lemberg genehmigte die Satzungen der Ortsgruppe Rosenhcrg-Szcerzcc des Bundes der christlichen Deutschen in Galizien. Es ist die erste christlich-soziale Organisation in diesem Lande. Die parlamentarische Blockpolitik Glombinski-Gcssmann war keine unfruchtbare Paarung: Sie hat dem Polenklub die erschwindelten Mandate, den Christlichsozialen — die Führung im Rcichsrat gesichert. Nun soll der Blockgcdankc in die Bevölkerung getragen werden, das Zeichen der Volkstümlichkeit erhalten. ״So entstehen in Galizien deutsche Schutzorganisationen". Die Christlichsozialem können sich als Rcichspartei und Beschützer des Deutschtums (die neueste Mission) in den weitesten Landen gebärden; den Alipolen ist ein stillschweigender Bundesgenosse hiiizugekoinnieii. aber auch ein Popanz, auf den• inan losschlagen kann, indem Utah den Polen Gcrmanistcrungsgcfahren vorgaukcJt, Ueberseluitzt soll der neue ..Bund" nicht werden: es gibt in Galizien zu wenig Deutsche, uni wirksame ״Christlich-deutsohc Politik zu machen. Aber übersehen dari mau ihn ebenfalls nicht. Wahlen in Galizien Die Jüdisch-nationale Partei veröffentlichte bereits ihre Kandidatenliste iiir den Landtag, wonach Rcichsratsabgeurdueter Adolf Stand in Lemberg. Dr. Markus Brauüe in B r o d y und Dr. D a v i d M a 1 /. in S t r y i kandidieren. Die Partei veröffentlichte bereits ihr Landtagswahlmanifest. Die genannten Kandidaturen dürfen allerdings bloss als Zähl- Kandidaturen angesehen werden. 11!1d dem Eingreifen in der ietzigen Wahlkampagne kann demnach nur moralischer Wert beigemessen werden. -״ Unter den Lemberger Kandidaten ist auch der antisemitische Prof. R v d i g c r zu erwälineu, der nicht nur selbst die jüdischen Stimmen fangen will. Mindern iiir dessen Wahl auch viele Juden, darunter sogar der Rabbiner D r. Caro aus Lemberg in einem öfientliehen Aufrufe eintreteii! Nach den verschiedenartigsten Beweisen von Selbstentwürdigung, die von gewissen Juden in Galizien bereits gegeben worden sind, kann das nicht wundernehmen. Für solche Juden ist der Antisemit auch der richtige Vertreter — nur er schützt sic richtig ein! Wie sagt doch ein deutscher Walilvers? ..Nur die allergrössten Kälber wählen ihre Metzger selber!“ Jüdischer Landeskongress in .Ungarn Die ungarischen Juden müssen.• dem Willen des Kultusministers Grafen A p p o n v i gehorchend, einen Landes Kongress abhaltcn. Die Frage. die bis vor kurzem strittig gewesen, ist in ein entscheidendes Stadium getreten. — Graf Apponyi setzte seinem Werk die Krone auf, will sagen, er hielt die übliche ministerielle mit Eljcnrufcn aufgenommene Rede. Es wird der WELT aus Budapest gemeldet: Eine Deputation des israelitischen Gemeiiidedistriktspräsideuten des Landes sprach kürzlich beim Kultus- und Unterlichtsminister Giaien Albert Apponyi vor. um ihm für die geplante Einberufung des israelitischen Landeskongresscs zu danken. In einer längeren Rede führte der Kultusminister aus, er halte an seinem Grundsatz, der Glaubens- und Gewissensfieiheit, welche die Basis seines W irkens bilde, fest, und cs sei sein grosser Wunsch, dass es ihm einvcrnehmlich mit den konfcssioncllen Organisationen gelingen möge, das Gebäude der Rechtsgleichheit und des konfessionellen Friedens in Ungarn dadurch zu vervollständigen, dass auch die vaterländische Judenschaft ihre •autonome Organisation erlange und ihr Vcrhültnis zum Staate auf die Basis der Rechtsgleichheit gestellt werde. Er erwarte die Initiative von jenen massgebenden Persönlichkeiteu. die berufen sind, als Vertreter der jüdischen Konfession zu fungieren, und ist von dem Willen erfüllt, die von diesen erhaltenen Ratschläge. Aufklärungen und Direktiven in die entsprecheude Form 7.0 bringen, damit endlich auch diese Angelegenheit einer gedeihlichen Lösung zugeführt werden könne. Der bevorstehende Landeskoitgress ist keineswegs mit einem Judentag zu verwechseln. Seine einzige Aufgabe wird es sein, in Ungarn eine einheitliche ״Israelitische Kultusgemeinde“ und einen Gcme״׳deverband nach Österreichischen! Muster zu schaffen. Bis jetzt gab cs in Ungarn zweierlei jüdische Gcmcindeorganisationen -■• eine orthodoxe und eine ncologe. In jeder Ortschaft gibt cs zwei Kultusgcmeindcn. Jedem Juden steht es frei, sich einer dieser Gemeinden anzuschliesscn. Die Kultusgcmeindcn. die ncologcn sowie die prtho- *Ooxen. sind zu Distriktsorganisationcn vereinigt, an deren Spitze Distriktsptäsidenten stehen. Jede Distriktsorganisation lat ihren Gerichtshof für religiöse Angelegenheiten. Die höchste Instanz ist die sogenannte Landeskanzlei in Budapest, ״s gibt demnach zwei Laudeskanzleien: eine Zentrale der orthodoxen Kultusgemeinden und die der neologen. Beide sind vom Staate anerkannt und besitzen autonome Rechte. Nunmehr will Minister Apponyi eine Verschmelzung dieser beiden Organisationen herbcifiihrcn, wogegen sich die orthodoxen Juden bis jet/,t energisch wehrten. Die Deputation der Distriktspräsidenten, die Apponyi für seine Bemühungen dankte, vertritt offenbar nur die neologe Reichsorgnnisation. Dem Landeskongress.sind• •von-vornherein Grenzen gezogen, die ihm jeden bedeutenderen, Einfluss auf die Lebeiisverhältnisse der Juden Ungarns nehmen. Die Situation wird unverändert bleiben. Die Neologen. denen die Orthodoxen in der, Politik widerspruchslose Gefolgschaft leisten, unterstützen das politische System der herrschenden magyarischen Koalition, der auch die klerikale ״Volkspartei" angehört. Indes schreitet die Umwandlung dieser Partei in eine christlich-soziale, nach Wiener Muster, stetig vorwärts. Die ungarischen Juden werden den geschichtlich üblichen Lohn iiir ihren Patriotismus erhalten: die herrschenden Parteien, auch die radikalsten, zur Macht gelangt, aber auch die unterdrückten Nationen, durch Organisation zum Bewusstsein ihrer Stärke gebracht. — beide werden antisemitisch. Turnende Ghassidim ~ Die Bedeutung des Turnens für die körperliche und auch kulturelle Entwicklung der östlichen Juden wird selbst von denen .anerkannt, die im übrigen mit gewissen Sonderbestiebungen der ״Jungjuden“ vielleicht nicht ganz übereinstimmen. Hieian wird man gemahnt, wenn man den ersten Tätigkeitsbericht des Lemberger ״Jüdischen Turnvereins“ liest. Der Verein, welcher anfangs gegen eine grosse Indolenz seitens des jüdischen Publikums zu kämpfen hatte, besitzt jetzt einen gut ausgerüsteten eigenen Turnsaal und zählt gegenwärtig 123 aktive turnende Mitglieder. Der Verein hat schon ein kleines Schauturnen arrangiert und der ״F'ussballklub" des Vereins bat sich so tüchtig entwickelt, dass er in diesem Jahre bei einem interessanten Wettspiel eine Belobung des polnischen Sportklubs heimgetragen hat. Vielleicht : das interessanteste Moment im Berichte ist der Passus, dass es gelungen sei .die chassidisdie Jugend iiir das Turnen zu gewinnen und dass sich heute unter den Turnern bereits 30 chassidisdie Mitglieder befinden. Der Bericht hebt besonders hervor, dass diese jungen Chassidim. die ihre ganze Zeit im Beth-Hamidrasch zubringen, einen bewunderungswürdigen Mut und eine vielversprechende Begeisterung für das Turnen an den Tag legen. Auch eine Mädchenriege hat der Verein bereits zu verzeichnen. Demnächst soll in Lemberg ein grosses Schauturnen veranstaltet werden, au welchem sämtliche jüdischen Turnvereine teilnehincn werden. Eine Hilfsaktion in Polen Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung Polens sollen endlich einmal energische Massnahmen ergriffen werden. Im Kreise einer Reihe angesehener Warschauer Juden wurde der Plan gefasst, alle jüdischen Gemeindevorsteher Polens zu einer Zusammenkunft nach Warschau einzuberufen. Diese Versammlung der jüdischen Notabein soll über die Möglichkeiten beraten, wie man die jüdischen Arbeiter im Lande selbst beschäftigen könnte, so dass sie nicht mehr gezwungen wären, nach Amerika auszuwandern. Man will der Versammlung zu diesem Zwecke ein Projekt vorlegen, das die Gründung einer jüdischen Aktien gesell- Schaft mit einem Grundkapital von 2000000 Rubeln 14V! ׳ Millionen Mark) zum Inhalt hat. Das Kapital soll durch Aus-; gäbe kleiner Aktien aufgebracht werden, und die Gesellschaft wird zunächst grosse Fabriken bauen, um jüdische Arbeiter . zu beschäftigen. Damit diese Neugründungen aber der hei. mischen Industrie nicht schaden, diese im Gegenteil zur Ent. 1־e*-g«R! ״י*י