Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 7 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 63 Mau würde das BHd noch mehr komplizieren, wollte man noch auf den Ausfall von Individuen durch Nerven- und Geisteskranke cingchen, deren Zunahme noch immer nicht zum Stillstand gelangt ist. Auch die Zahl der seit 10 Jahren durchschnittlich 187 Selbstmorde iührlich unter den Juden ist nicht so sehr wegen ihres numerischen Effektes als vielmehr deswegen so bedenklich, weil sic gleichsam den so sehr gesteiwerten Koeffizienten eines betrübenden moralischen Niederganges bedeutet. Denn tatsächlich sind aut diesem Gebiete die im Stillen wirkenden Ursachen der gedachten Verfallerscheinungen zu suchen. Naturforschung und Geschichte haben :seit langer Zeit gleichmässig zu dem Ergebnis geführt, dass alles gesunde, aufstrebende Volkstum seine tiefsten Wurzeln in der Familie hat. Diese wieder kann nur dann sich naturgemäss und gedeihlich entfalten, wenn durch F e r n h a 11 u 11 g jeder Biutmischung für die Reinheit der bildenden Kräfte gesorgt wird, wenn Zucht und Sitte aus ihrer herrschenden Stelle nicht verdrängt, und die liebevolle Pflege der Volks• erhaltenden Ucbcrlicicningen, wie auch (leschichtskenntuis die Herzen mit Anhänglichkeit und Treue erfüllt. In der hierauf sich entspinnenden Debatte ergriii zunächst Herr Dr. Fink das Wort und führte dabei aus: Fs sei merkwürdig, dass die vom Redner angeiührten Tatsachen, die man geradezu mit den Händen greifen könnte, von den meisten Juden fibersehen werden. Es kommt hierbei als täuschendes Moment in Betracht, dass die deutsche Judcnheit zur Zeit in wenigen Handels- und Verkehrsmittelpunkten als Grossgenieinden konzentriert seien. Ueberblickt man beispielsweise eine ürossgeineinde wie etwa Berlin mit ihren mehr als Km)1)00 Seelen, so ist man leicht geneigt, sich bei dem Gedanken zu beschwichtigen, dass, wenn auch 1000 davon verloren gehen, immer noch 99 000 übrig bleiben. Fs scheint, dass dein Juden, der doch sonst als guter Rechner betrachtet wird, sobald es sich um die Allgemeinheit betreuende jüdische Angelegenbeiten handelt, seine ganze Arithmetik verliert. Wenn man aber das hier zum Vortrag Gebrachte einmal in die Geschäftsspräche übertragen wollte, so würde man bald das Gefährdete unserer Lage erkennen. Gefährlich ist aber auch der optimistische Trost, der in dem Gedanken gipfelt, sobald von Abfall die Rede ist: ״Tut nichts, was abfällt, ist ohnehin Abfall!•* Indess. gereicht es einem Baume zur Ehre. wenn er anstatt seine ,Früchte zum Reifen zu bringen, nur Fallobst zeitigt? Diese Art der Verteidigung ist doch eigentlich eine der schwersten Anklagen. Mit dem Vortragenden erklärt Dr. Fink, könne sich jeder nur identisch erklären, wenn er um die Zukunt't des Judentums zu sichern, das Postulat stelle, dass wir wieder ein echt jüdisches Haus, mit einer wahrhaft jüdischen Frau, deren Ideal nicht ein glanzvoller Salon, sondern ein harmonisches Familienleben sei, errichten und erziehen iiiPssten. Jüdischer Volksverein Die Generalversammlung des Jüdischen Volksvereins zu Berlin wurde am 2. Februar 1908 vom Vorsitzenden Dr. Mühsam eröffnet. Kr gab zunächst einen Ueberblick über die jetzige Lage der Juden in den Aus- und Einwanderungsländern und über die Acnderung derselben im letzten Jahre. Folgende Punkte sind als von besonderem Interesse hervorzuhebeu: Die Lage der Juden hat sich überall verschlechtert. In Russland sind die drakonischen Bestimmungen, 600 an der Zahl, welche mehrere Jahre praktisch nicht durchgcfiihrt wurden, durch einen Ukas wieder zur vollen Giltigkeit gebracht worden. Rumänien hat die durch die Unruhen im Frühjahr 1907 verarmten Juden als lästige Auswanderer ausgewiesen. Deutschland duldet nicht die Anwesenheit von russischen und überhaupt östlichen Juden. Amerika hat seine AtiswaiTUcrungs- Bestimmungen ausserordentlich verschärft und Kautschuk- Paragraphen geschaffen, welche der. Kinwanderun׳gsk״mmissaren die Möglichkeit geben, nach Belieben Einwanderer zurückzu• weisen. England. Südafrika, Kanada und Argentinien haben ihre Einwanderungs-Bestimmungen ebenfalls derartig vorschärft, dass kaum noch ein Unterschied gegenüber Amerika besieht. Die Kombination dieser Faktoren führt in Einzelfällen zu entsetzlichen Tragödien. Die Rumänen in ihrem Heiinatsiande Fremde, in Deutschland nicht geduldet, von den Einwanderungsländern zurückgewiescn, irren heintatslos umher, Eltern und Kinder werden auseinandergerissen und das Golus zeigt seine fürchterlichsten Seiten. Diese Art des Zugrunderichtens von Existenzen geht stiller vor sich, als der Mord grosser Massen durch Pogrome; aber sic wirkt viel ausgiebiger. Während aber bei den Pogromen sich das Gewissen der gesamten Menschheit regte und das Solidaritätsgefühl der Juden in der ganzen Welt der Juden in den geschützteren Poxitionen zur Hilfe zusammenrief, hat das ruhige Dahinsterbcn dieser Massen keinen Hilferuf und daher auch keine Hilfe gefuudem Die grossen Organisationen suchen tür die Gesamtlage der Juden in denjenigen Ländern, in welchen sie besonders gefährdet sind, Linderung zu verschaffen. Die Aufgabe des Jüdischen Volksvcreins Ist es, die kleine Hilfe zu gewähren, welche den durch Berlin durchwandernden Juden Erleichterung verschaffen kann. Er hat im verflossenen Jahre im Oanzcn IS 275 Einzcllcistungen gewährt. Es wurde im Bureau 9155 durchwandernden Juden Auskunft gegeben über die Wirtschaftlichcn Verhältnisse in den Einwanderungsländern, über die Gesetze, welche die Einwanderung in ihnen regeln, über die beste und billigste Art, dorthin zu gelangen, über Passangclegenheiten und zahlreiche sonstige Fragen, welche sie zu stellen hatten. Auch wurden 800 Anfragen schriftlich beantwertet. Es wurden auf Bahnhöfen Wachen unterlialtcn. welche den Durchwandernden sofortigen Beistand zu gewähren hatten, ohne sic erst ins Bureau zu bringen. Diese Tätigkeit aber konnte aber nicht in dem Umfange durchgeführt werden, wie io dem vergangenen Jahre, da einerseits durch die Verschürfung der Einwanderungs-Bestimmungen und die wirtschaftliche Krisis, welche zur Zeit Nordamerika durchniacht. der Eiltwanderuiigsstrom nicht so stark ist. wie früher, auch nicht in demselben Masse über Berlin geht, andererseits dem Volksverein die Mittel fehlten, um diese Tätigkeit in energischer Weise durchzuführen. Die Bahnhofswachc hatte nicht nur die Tätigkeit zu erledigen, deren Ausführung aui den Bahnsteigen sofort möglich war (Schutz vor aufdringlichen Agente!\ Hilfe beim Ausladen des Gepächs. Sorge nir die Kinder), so«- der» auch die Begleitung der Auswanderer zu anderen Balmliefen oder Gasthöfen. Auch das Gepäck wurde von der Bahnhofswache besorgt, und cs konnte in 260 Fällen, in denen Gcpäckstiicke nicht gefunden wurden oder sonstige Schwierigkeiten. die z. B. durch die Zollrevision entstanden waren, zurückerhalten werden. Dadurch wurden den Auswanderern tausende von Mark erspart, sodass der Volksverein indirekt den Auswanderern auch materiell geholfen hat. Ueber den Logisnachweis konnte nicht viel Gutes berichtet werden. Die Mehrzahl der Logis befinden sich im übe!- sten Zustande. Die Gäste werden in ihnen ausgebeiitet und auch moralisch ruiniert. Es ist leider nicht möglich, dass eine autorisierte Herberge von den grossen Organisationen selbst eingerichtet wird. Der Arbeitsnachweis wurde wieder hauptsächlich von ungelernten Arbeitern in Anspruch gcnommen. In der juristischen A b t e il u n g. welche drei Rechtsanwälten .unterstellt ist. wurden durchschnittlich pro Woche 3 bis •I grössere Sachen erledigt, während einfache Konsultationen etwa täglich 4 bis 4 vorkamen. In der ürztliehen Fürsorge für die Durchwanderer teilen sich drei Aerzte. Der Mangel an Krankenhausplätzen machte sich sehr schmerzlich fühlbar. Ferner wurde eine Abteilung für Krankenffirsorgc eingerichtet, der sich eine Reihe von Damen zur Verfügung stellten. Zu allen Besuchsstunden wurde Jeder in einem hiesigen Krankenhausc liegende, ausländische Jude besucht. Diese armen Leute, welche zum grössten Teil vollständig verlassen, ohne Irgend einen Anhalt hier krank liegen, empfinden es als eine ausserordentliche Wohltat, dass sich Menschen um sie kümmern, und der Verein hat die rührendsten Briefe von dankbaren Patienten bekommen. Auch die in der Umgebung Berlins gelegenen Anstalten sind in die Besuchslistc einbezogen worden, z. B. die städtischen Anstalten Dalldorf und Buch. — Des weiteren wurden Kurse abgchalten. Der Verein befasst sich prinzipiell nicht mit materieller Unterstützung. Kleinere Auslagen wurden in notwendigen Fällen gemacht, z. B. für Logis und Beköstigung in den eijten 24 Stunden. Bekleidungsstücke wurden den Auswanderern auf den Weg mitgegeben, soweit es notwendig war Der Verein hatte durch den Mangel an genügenden Geldmittein sehr schwer zu leiden. Er konnte bei weitem nicht allen Indikationen gerecht werden, und war ausscrstande. hilireich einzugreiien. Die Subventionierung im vergangenen Jahre beschränkte sich auf verhältnismässig kleine Beiträge seitens der grossen Organisationen, sowie aui die einmaligen Spenden, von denen eine von!500 Mk. aus einem Extraiom! des zionistischen Aktionskomitees, eine von Herrn Geh. Kornmerzienrat Arnltold im Betrage von 300 Mk. und 100 Mark von einem Berliner Anonjmius besonders zu erwähnen sind. Die Zahl d**.r beitragenden Mitglieder ist leider sehr gering, Durch diesen Mangel litt nicht nur die Ausdehnung der Arbeit, sondern auch die Propaganda, und es ist zu hoffen, dass mit reichlicherer Subventionierung auch die Zahl der Mitglieder steigen wird, welche nicht imstande sind mit ihren eigenen Kräften mitzuarbeiten und sich deshalb von dieser Pflicht■ durch einen mögliclist hohen Beitrag loskau feil. Der Verein hat im verflossenen Jahre auf der ״Ausstellung für soziale Fürsorge und Gesundheitspflege“ ein Diplom bekommen, alsAnerkennung für hervorragende Leistungen.. Von Einzelheiten, die der Vorsitzende in seinen! Generalbaright