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Jüdische Rundschau · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 60 No. 7 zwischen Juden und Judentum versöhnend tritt, wo der jüdische Bauer lebt, der Mensch, nach dem zwei Jahrtausende jüdischer Geschichte geschrieen haben. Als Serubabel und Josua aus dem Exil ihre kleine Schar nach Zion führten, fing es nicht lauter und imposanter an als jetzt, und doch war es Renaissance, die Geburt des Zeitalters Simons des Gerechten, Koheleths, der Makkabäer, Hilleis, Jesus, Gamaliels und Barkochbas. Und wisst ihr, was mich am meisten wundert? Dass Coralnik seine Leichenrede, auf die jüdische Wiedergeburt so ruhig niederschreibt in die Kunstform eines hübschen Artikels. Es kann nicht tief bei ihm gegangen sein. Brennt sie tief, die Glut für ein solches Ideal, dann nimmt man nicht ein solches Ende. Dann ist man vielleicht einmal mutlos vor. der Grösse der Arbeit, man ist erschöpft, man findet im Augenblick keinen neuen Weg. Aber man entsagt nicht, man gibt nicht verloren, man kehrt nicht um. Wenn einem Starken das widerfährt, diese grosse Müdigkeit, dann bricht er zusammen, dann stirbt er daran. Dann macht er ein Ende. Keiner, der stark und mit ganzer Seele liebt und hasst, überlebt die Grablegung seines Lebensideals. Aber das eben war die jüdische Renaissance für Coralnik nie. Ein interessantes Phänomen, gut ein paar schöne Aufsätze und Broschüren draus zu schmieden. Jetzt singt er ihr ein Leichenlied — wieder nur ein schöner Artikel. Und morgen hat er ein anderes ״Ideal“ — wieder ein schöner Leitartikel. Coralniks Ideal der jüdischen Wiedergeburt ist tot. Weint nicht, ihr Brüder! Tröstet ihn nicht. Der Schmerz ’ging nicht. In welche Tiefe denn auch? Ein schwaches Seelchen. Armer kleiner Coralnik! Er ruhe sanft! Elias Auerbach. Der Dank Die Berliner STAATSBÜROERZEITUNG Klaubt ihrer Blockpflicht Genüge zu leisten, wenn sie fiir den Abgeordneten Mugdan gegen die JÜDISCHE RUNDSCHAU eine Lanze bricht. Sie tut das in einem Artikel ״Der Dank“, in dem sie zur Erleichterung der Redaktionsarbeiten einen recht Krossen Teil unseres vorwöehigen Leitartikels zum Abdruck bringt. ״Das also ist der Dank vom Hause Juda“, jammert die STAATSBÜRGERZEITUNG, weil wir es uns verbitten, dass ein ehemaliger Rassengcnosse angeblich unser Interesse im Reichstag vertritt und dass wir keinen Zweifel daran lassen dürfen, dass er zu diesem Eintreten von jüdischer Seite kein Mandat hat. so wenig wie etwa die Abgeordneten Hcckschcr oder Arendt, die auch ehemals unseres Stammes waren. Dass die STAATSBURGERZEITUNG dafür kein Empfinden hat. wundert uns keineswegs. Sie vermag eben mit der ihr eigenen weitherzigen Gesinnung das Renegatentum besser zu würdigen als wir. die wir auch dem Christen, der sein Christentum in islamischen Ländern abschwört, kein sonderlichcs Vertrauen entgegenbringen möchten. Immerhin ist es anerkennenswert, dass die STAATSBÜRGERZEiTUNG sicli ihres Mugdan in so warmherziger Weise annimmt, von dem sie rühmt, dass er ihr sympathisch sei. Andererseits freuen wir uns ausserordentlich darüber, dass wir der STAATSBüRGKRZEITUNÜ nur insoweit sympathisch sind, als sie uns in der bei ihr üblichen Tonart bekämpft. Jede andere Sympathie müssten wir. wie es ihren Gesiimungsgenosseti oft genug geschah, wenn sie uns solche antrugen, mit derselben Entschiedenheit zurücksvcisen, mit der wir uns die Verteidigung vermeintlicher jüdischer Interessen durch unseren früheren Stammesgenossen Mugdan unzweideutig verbitten. Aber die STAATSBÜRGERZEITUNG würde sich selbst untreu werden, wenn sie bei solcher Gelegenheit nicht den Versuch machte, uns in ihrer im Prozess Stöcker-Becker vorbildlich festgenagelten Unaufrichtigkeit etwas am Zeuge zu flicken und uns etwas unterzuschieben suchte, was der Wahrheit schnurstracks ins Gesicht schlägt. Sie nimmt sich die Fr—eiheit. in einen», der weniger» ihrem eigenen Geiste entstammenden Sätze zu sagen; ..Abgesehen von der unverschämten Bespottelung christlicher Heilswahrheiten enthält. . •“ und erlaubt sich damit eine Entstellung der Wahrheit, wie sie für das früher heidnische und jetzt angeblich christliche Blatt freilich bezeichnend ist. Denn es ist eine allgemeine, direkte und öit'entliehe Unwahrheit, wenn uns untergeschoben wird, dass wir hier oder auch sonst irgendwo das Christentum oder dessen Anschauungen herabgesetzt oder bespöttelt hätten, wie das von der STAATSBÜRGERZEITUNG und ihren Gcsinnungs- Kumpanen dem Judentum gegenüber gcwolinhcits- und bcrufsmassig geschieht. Dieses Blatt, das von der Grundlosigkeit und von der Unwahrheit der antisemitischen Blutliige durchdrungen ist und immer und immer wieder offen und versteckt die Behauptung verbreitet, dass wir Juden Menschenblut geniessen. dieses Blatt, das somit unsere Religion beschimpien will und das unseren Glauben dauernd bespöttelt, sucht uns hinter einem Busch, hinter dem es selbst immer steckt. Wir haben erwähnt, dass ein Jude, der seine angestammte Uebcrzeugungstrciic zugunsten einer christlichen Kirche aufgibt, von den grundlegenden Lehren der christlichen Kirche als Wahrheiten überzeugt sein muss und haben, um die Dreicinigkeitslehre nicht zu erwähnen, die Lehre von der Gottheit Christi, von der Erbsünde und der Erlösung als solche Lehren angeführt, die mau glauben muss, wenn man auch nur auf den Namen eines Christen Anspruch erheben w:i'l. So lange die STAATSBÜRGERZEITUN(i heidnisch und nicht christlich war. wie sie jetzt zu sein behauptet, konnte sic die krasseste Unw issenheit in christlichen Lehren an den Tag legen. Aber jetzt, wo sie bcrtuspiuciit. ein irouimes, ein kirchliches BJatt zu sein, müsste sie doch eigentlich ebenfalls den Uebertritt \״n Juden zurückw־eisen, die im Christentum das Kntreebiliet zur Karriere, anstatt die »cutestamciuliche Lehre in ihrer Fortbildung annehmen. Das sind ja grundlegende, ja die grundlegenden Lehren des Christentums, weit mehr als die Lehre von der Dreieinigkeit und cs stellt einem christlichen Blatte ni>*kt an. sielt von einer JÜDISCHEN RUNDSCHAU erst an grundlegende Leinen des christlichen Glaubens erinnern lassen zu müssen. Wenn wir diese Lehren nicht als Wahrheiten anerkennen, so ist das keineswegs eine ״Bespöttelung“ oder eine ״Unverschämtheit“, so wenig wie wir von Christen verlangen können, dass sie den Monotheismus des Judentums und seine Lehre von der Gercchtigkeit teilen. Eine Bespöttelung unserer ehrlichen lieberzeugting־ werden wir nie in einer anderen, vielleicht entgegengesetzten Ucbcrzeugung erblicken. Aber wir halten es für die grösste Verhöhnung der christlichen Sakramente, wenn sie von Leuten benutzt werden, die nicht daran glauben. Und die Taufe ist doch ein Sakrament der Kirche in allen ihren Konfessionen. Wir halten cs iur eine Nichtachtung des Christentums, wenn sich ihm Juden anschliessen, die an die Erbsünde und die Erlösung und an die Gottheit Jesu Christi nicht glauben und mit dem Munde bekennen, wovon das Herz nichts weiss. Wir halten solche Leute fiir meineidig. Aber der Pfarrer, der solche Leute taufen würde, ohne von ihrer ehrlichen christlichen Ucbcrzeugung und von ihrem Glauben an die Lehren der Erlösung und des christlichen Heilsplanes überzeugt zu sein, der macht aus dem Christentum einen Spott, nicht w i r. die w ir uns ihm nicht anschliessen. dafür aber jedem überzeugten Christen die Achtung vor seinen Uebcr- Zeugungen entgegenbringen. die wir vor den ehemaligen Starnniesgenossen nicht haben, wenn sic aus dieser Ucbcrzeugung den Spaten machen, mit dem sie graben. Der Pfarrer, der die Kinder ungetaufter Juden tauft, der bespöttelt das Christentum. nicht wir; denn zu welchem Christentum werden die ungetauften Juden ihre getauften Kinder erziehen? Und diese Unaufrichtigen, die der Grundlage aller Religion, der Pietät, ins Gesicht schlagen, werden im Staate den Juden vorgezogen, die sicli scheuen, einen moralischen Meineid zu leisten. Und es ist bezeichnend fiir die STATTSBURGERZEITUNG und andere angeblich christliche Blätter, dass nie und nimmer gegen die Beförderung der Renegaten, an deren christliche Ucbcrzeugung s i e weniger glauben als w I r. sondern immer nur gegen die der ehrlichen Juden agitiert wird. Aber wie sollten sie das? Was sollten sic mit ihren Pfefferkornern. mit ihren Briemäiinern und Licmünnern beginnen, wenn das christliche Bekenntnis und nicht der Vorteil *für die Taufe massgebend sein sollte. Alle Hochachtung für Männer, die aus tiefer religiöser Inbrunst sich dem Christentum angeschlossen haben. M änner. zu denen wir Paulus Cassel und Veit!» wohl anstandslos rechnen dürfen. Aber an die״ Christliehe Ucbcrzeugung von gewissen Leuten, die sich taufen und ihren Namen gleichzeitig beschneiden Hessen, glauben wir ebensowenig wie au die Aufrichtigkeit der STAATSBÜRGER- ZEITUNG und an die Religiosität jener Juden, die reich genug sind, selbst aus Feigheit Juden zu bleiben, während sie,aus der gleichen Feigheit ihre Kinder taufen lassen. Judaeoborussus. *

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