Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'Jetzt ist er in eine bessere Welt hinübergegangen, jene grüne Welt, die sich ALLGEMEINE ZEI- TUN’G DES JUDENTUMS nennt. Dort hat er mit einem Artikel über die jungjüdische Bewegung angeklopft, den er ״die Neige einer Renaissance“ überschreibt. Der Autor heisst A. Coralnik. Glaubt nicht, dass wir ihm zuviel Ehre erweisen, wenn wir von diesem Artikel sprechen. Es sind die letzten Ehren, die wir ihm erweisen, und da wollen wir nicht geizen. Er führt etwa aus: Vor wenigen Jahren, vielleicht fünfzehn, erscholl die Kunde von der jüdischen Renaissance. Die Zweifler staunten, die Volkstreuen jubelten. Bei ״Renaissance“ denken wir an das Cinquecento, an eine Reihe machtvoller Persönlichkeiten. Wir aber sind schon am Ende angelangt, und nicht einmal Begeisteruug ist geblieben. Jüdische Kunst und Literatur machten nur Ansätze. Jetzt kommt die Ebbe. Eine grosse Müdigkeit ist über das Judentum gekommen, eine Gleichgültigkeit. Auch die jüdisch-nationale Politik muss Bankerott machen. Es fehlen ihr nicht nur die Mittel, sondern auch die Ziele. Das jüdische Volksleben fehlt als Untergrund aller Arbeit. Zwischen den Juden aber und das Judentum ist das moderne Leben getreten. Alles am Juden ist entlehnt, selbst die Probleme, die er sich stellt. Der Jude ist ein Grübler, ein Zweifler, ein Mensch des ״Warum". Das Streben nach Einheitlichkeit hat er andern Völkern abgesehen. Aus ihm entstand die national-jüdische Bewegung. Aber sie hat keine bleibenden Werte geschaffen. Vielleicht muss man jetzt tief bis ins Innerste des Judentums greifen, zerstörend, wo ■man muss, bauend, wo man kann. Es wird sich ein neuer Kern (Coralnik sagt Nudeus), eine Zentralidee bilden müssen. ״Aber wie soll das Anderswerden sich ausdrücken, welche Form annehmen? Die Frage ist gestellt.“ Coralnik hat immer nur Fragen gestellt, nie geantwortet. Zum Antworten gehört, dass man etwas zu geben hat. Er hat nichts zu geben. Er ist ״ein Grübler, ein Zweifler, ein Mensch des Warum". Wer glaubt, dass hinter dieser einleicende/i Fanfare noch manches Tiefgründige liegt, der irrt sich. Es kommt nicht. Coralnik ist klug, gefühlvoll, sehnsüchtig -- und doch fehlt es ihm an allem: am durchu׳ickenden Verstand, an starkem Gefühl, an herzhaftem Wollen. Aber nicht von Coralnik * wollen wir sprechen* sondern von dem, was er sagt. Lieber Coralnik, wenn Du recht hättest mit dem. was Du sagst, dann kannst Du Dich getrost begraben lassen, wir kommen nach. Aber cs ist Coralnik ein kleines Versehen unterlaufen. Nicht das Judentum ist müde, sondern Coralnik ist müde. Nicht der Rausch der Begeisterung ist vorüber, sondern Coralnik der Kleinmütige, zu schwach für diesen brausenden Wein, hat einen Kater. Nicht die jüdische Renaissance ist zu Ende, sondern das kleine Feuerchen in Coralniks Seele ist im Verglimmen. Er verwechselt sich und die Renaissance des Judentums. Ja, ein Typus steht in Coralnik vor uns. Aber nicht ein Typus der begeisterten jüdischen Jugend, ״und zwar der besten in ihr, zu denen wir unbedingt den Autor dieses Aufsatzes zählen“, wie die Redaktion der ALLGEMEINEN so freundlich anmerkt. Wie freut sich die brave Redaktion, wieder einen Wegemuden auflesen zu können, dem sie, obwohl er doch wenigstens ein Suchender ist, unzart ihr altes, fades Lied von der alleinseligmachenden Reform in die Ohren singen kann. Ein Typus ist er, aber nicht der erste seines Zeichens. Denselben Weg kamen und gingen Samue! Lublinski und Robert Jaffd und alle die Leute, die zu schwächlich waren für ein anstrengendes Ideal. — Und kein Typus der Jugend ist Coralnik. Dieser junge Mensch wurde nach wenigen Jahren ein Greis, ohne je ein Mann gewesen zu sein. Diesen Leuten fehlt die grosse Geduld, die die Mutter geschichtlicher Entwickl ingen ist, und der Sinn für das Werdende. Ob eine Zeit eine Renaissance war, eine Wiedergebürt, der Beginn eines neuen Lebens, darüber kann nur der Erfolg entscheiden, die bleibende Tat. Sind wir alle Coralniks gewesen, rasch ermüdet, kleinmütig, unklar, feige — dann war es keine Renaissance; haben wir geduldig die ersten Steine herangetragen, haben wir uns in neue Höhen erhoben, in neuen Tiefen wurzelständig gemacht; haben wir an einer grossen Vergangenheit uns aufgerichtet, für eine grosse Zukunft ein neues Geschlecht heraufführen helfen, dann w ar es eine Renaissance. Und es fehlt ihm der Sinn für das Werdende. Freilich ist nach t5 Jahren die jüdische Renaissance nicht auf ihrer Höhe, aber deswegen, weil sie erst beginnt. Coralnik hat sie nie gesehen. In seinem Aufsatz kommt das Wort ״Palästina“ nicht vor. Dass dort ein neues Kapitel der Kulturgeschichte anhebt, hat er nie empfunden. Dass dort die w׳ahre jüdische Wiedergeburt kreisst, weiss er nicht. Dort, w0׳ das Hebräische ersteht und jüdisches Leben wieder