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Jüdische Rundschau · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Ne. 6 י“׳.." JÜDISCHE R I liegenden Chiwin. dass dcrn Armen ein Stück Fleisch aus dem I Körper herausgerissen wurde. Das Gericht verurteilte die Schutzleute, die solche Schcussüehkeitcn begangen hatten, zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe. Aus Palästina Nach einer kurzen Unterbrechung heginnt die E i n w a n ־ derung wieder zuztmehmen. Fast jede Woche treffen Arbeiter und Handwerker hier ein. Ebenso interessant wie erfreulich ist es, dass sich darunter zum erstenmal auch amerikanische Einwanderer befinden. Der Typus der amerikanisch-jüdischen Arbeiters ist für Palästina ganz neu. Im Lande des Dollars sind die jungen Leute zu praktischen Anschauungen gekommen. Sic befassen sich nicht mit endlosen Diskussionen und Haarspaltereien über ״Klassenkampf■* und ״Zukunftsstaat“, und da sic zudem fast ausnahmslos im Besitze eines kleinen Kapitals sind, kann man in ihnen gewiss eine w'ervolle Bereicherung des jüdischen Kolonistemnaterials sehen. In den letzten Wochen trafen auch mehrfach angesehene und wohlhabende Bürger aus Russland hier ein, die man als Pioniere der jüdischen Bourgeoisie betrachten kann. Der Zustrom solcher kapitalkräftigen Elemente muss sclbstverstündlich auf das wärmste begrüsst werden. — Erfreulich ist auch die Tatsache, dass die .1C A nach jahrelanger U11tätigkeit ihre Arbeit hier wieder aufgenommen hat. Unter starker Beteiligung fand jüngst die General versammhing des hiesigen Kreditvereins statt, in der der bisherige Vorstand wicdcrgewählt wurde. I>cr Verein zählt jetzt 19(1 Mitglieder und hat im Berichtsjahre ca. <>0 OOO Francs Darlelin an seine Mitglieder gewährt. Die überaus reichen Mineralschätze des Toten Meeres, auf die wir in Wort und Schrift so oft hingewiesen haben, dürften endlich die Beachtung :Inden, die ihnen zukonuiien als der natürlichen Unterlage eines palästinischen grossen lndustriebc/.irks. Eine besondere Kommission wird binnen kurzem sic!: der wisscnschaftichen Erforschung des Tales des Toten Meeres widmen namentlich im Hinblick auf die Entdeckung von Minen und die Möglichkeit verschiedener Unternehmungen in diesem Teile des Jerusalemer Distriktes. Ein deutscher Spezialist für solche Fragen ist aus Berlin berufen worden und wird an den Arbeiten der Kommission teilnehmen. — Sollten sich lange gehegte Vermutungen bestätigen, so wird das ״Tote" Meer wohl bald seinen Namen ändern müssen; wenigstens seine Umgebung dürfte dann recht lebendig werden. Christliche Ritualmorde Da in den zivilisicten Staaten Europas bekanntlich noch immer von Zeit zu Zeit das Gerücht von einem Ritualmorde auftaucht, den die Juden begangen haben sollten, so ist es nur logisch, dass in Palästina den Christen Ritualmord- Lügen nachgesagt werden, jedoch -- zur Ehre unseres Volkes sei es gesagt — nicht von Juden. Man berichtet aus Jerusalem: Beim St. Stephans-Tore iühren die Griechen einen Bau auf, und da soll nun den Bauleuten eine Zeit lang jeder Stein, den sie am Tage gelegt hatten, in der Nacht in die Erde versunken sein. Schliesslich hätten die Leute nachgcgrabcn und eine Höhle gefunden. In dieser Höhle lag ein Buch mit goldenen Blättern. Die Leute wagten cs nicht, das Buch herauszunehmen und fragten deshalb einen Scheikh um Rat, was sie tun sollten. Der soll ihnen nun geantwortet haben, sie mussten zwölf Leute töten und die ganze Höhle mit Menschenblut tränken. Natürlich fand sich auch gleich eine Pfau, angeblich eine Zigeunerin, die erzählte, die griechischen Christen hätten ihren kleinen Bruder zu diesem Zwecke kaufen wollen. Eine Anzahl anderer Kinder seien bereits spurlos verschwunden, und ganz, unzweifelhaft seien sie von den Chris cn getutet worden. Auch ein alter Wächter sei tot autgetimdcn worden, tfer höchstwahrscheinlich zu demselben Zwecke ermordet worden wäre. Glücklicherweise sind die Araber und die Juden in Palästina nicht so ״aufgeklärt־• wie unsere Antisemiten, und sie nehmen die ganze Geschichte als das, was sic ist. als ein schauriges Märchen. Antisemitismus in Amerika Das durchaus gerechtfertigte und in der Verfassung begründete Verlangen der Juden Amerikas, dass die Schulen frei von jeder konfessionellen Beeinflussung gehalten werden sollen, ein Verlangen, das bekanntlich in der Agitation gegen die erzwungene Teilnahme jüdischer Kinder an christlichen Weihnachtsfeiern der Schulen zum Ausdruck kam, hat zur Folge gehabt, dass die antisemitische Strömung, die Kenner des Landes schon laugst als latent empfunden haben, nunmehr zum oifenen Ausdruck gekommen ist. Be- UNDSCHAU Seite 55 sonders die Prediger der verschiedenen Kirchen können sich in hetzerischen Ausfällen gegen die Juden nicht genug tun. In der Central Presbyterian Cliurch in Brooklyn predigte z• B. Rev. A. D. Carlylc: •Wenn die Juden fortfahren, unsere Rechte zu missachten, werden sic erfahren, was sie bei den Nationen erlebt haben, von denen sie zu uns geflüchtet sind.“ Dergleichen Beispiele könnten zu Hunderten angeführt werden. Der obengenannte Pastor sagte übrigens bei derselben Gelegenheit: ״Es wird der Tug kommen, wo sieh die Christen geeinigt haben werden. Und dann werden die Juden nicht Finger den Zionismus zurückweisen. weil es ihnen in Amerika gut genug gehe•“ Mit gerechtem Spotte fragt die JEW1SH TRIBÜNE bei dieser Gelegenheit, was wohl Mr. Jacob H. Schiff hierzu sagen wird, der doch erst vor kurzem Zionismus und Patriotismus für unvereinbar miteinander erklärte und von Amerika behauptet hat, dass es der jüdische Hafen sei. Zur Judeneinwanderung in Australien Wir lesen im ISRAELS MF.SSENOER (Shanghai): Soeben ist der Jahresbericht der Austrab'an Immigration Lcaguc erschienen. Dieses ist die Vereinigung, die die jüdische!,resse zu veranlassen pflegte, für die Ansiedlung verfolgter russischer Juden in Australien Propaganda zu machen, die infolgedessen Geldspenden von im'sern Glaubensgenossen erhielt, dann den Spicss umdrehte und behauptete, sie sei eine Gegnerin der Frcmdeneinwar.dcrimg. Nach dem Tone, der aus einem Interview spricht, das eine unserer Tageszeitungen mit dem Sekretär der Liga gehabt hat. und das bisher nicht dementiert wurde, schein; es eine Tatsache zu sein, dass die Mitglieder der Liga mit antisemitischen \cirurteüeri dureiitränkt sind. Der Bericht selbst ist zwar sehr lang, enthält aber keinerlei Angaben über die Stärke der Mitgliederzahl des Vereins, obgleich dieses die Oencntlichkeit sicher interessiert hätte. Es scheint, dass iran dieser Gesellschaft eine viel zu grosse Bedeutung beigemessen hat. Sie ist zwar sehr energisch, indessen schein; sie weder viele, noch hervorragende Mitarbeiter zu besitzen. Der rollende Rubel Wie in den guten, alten Zeiten sind die Zeitungen jctz.t wieder voll mit Mitteilungen, denen zufolge die Polizei wieder einmal Revisionen der Wohnrechte der Juden in den inneren Gouvernements Russlands vorninunt. Ganze Familien, teilweise seit Jahrzellten ansässig, werden ausgewiesen, weil ihr Wohnrecht plötzlich ״zweifelhaft” erschien. Diese Nachrichten kommen aus dem Süden, aus dem Norden, aus Sibirien ebenso wie aus den Gouvernements der Wolga. Wie solche ״Revisionen“ in Russland vorgenommen werden, bedarf keiner näheren Beschreibung. Man sticht plötzlich nach der Beredttigung jedes einzelnen Juden, ausserhalb des Ansiedlungs- Rayons wohnen zu dürfen, und da sich in diesen Be recht i- Rungen bekanntlich auch der Senat und die erfahrensten Gesetzeskenncr nicht mehr zurecht finden, da ferner in der Praxis die erste Revisionsinstanz in den Dörfern der Urjadnik (Dorfschulze) und in den Städten der Pristaw (Polizcikommissar) ist, so enden die Revisionen für die Juden in den allermeisten Fällen negativ. Wenn sie aber ausnahmsweise einmal nicht zur Ausweisung der revidierten Familie führen, so kam! das mir Dank besonderer guten Beziehungen zu de i unteren und höheren Polizeibcamtcn geschehen sein. Diese ״Beziehungen“ sind aber bekanntlich ziemlich teuer. Und darin liegt auch der Grund für die neuerlich so häutig vorgenommenen Untersuchungen. W enn der Rubel wieder einmal nicht rasch und nicht reichlich genug rollte, so nimmt man eben eine ״Revision” vor. deren Ausgang dann in hohem Masse vom Rollen des Rubels abhängig ist. Wer dabei leidet, sind natürlich diejenigen armen Juden, die nicht in der Lage sind, sich gute Beziehungen zu kaufen, und die damy mit echt christlich-russischer Liebe ausgewiesen werden. So eigentiirnliche Beziehungen bestehen in Russland zwischen dem ״Recht” und dem Rubel• .,dudenfreunde'‘ Einen originellen Vorschlag hat jüngst Baron M e y e n - dorfi, der zweite Vizepräsident der Duma und Führer der deutsch-baltischen Gruppe, der Kommission gemacht, die uen Kampt gegen die Trunksucht inaugurieren soll. Die Konimission wollte eine Maximalnorm sowohl für die Produktion wie für den Verkauf von Spirituosen im ganzen Reiche feststellen. Da aber die Beschränkung der Alkohol-Produktion die Einnahmen aus dem Alkohol-Monopol verringern würde, und mau gezwungen wäre, nach neuen Einnahmequellen zu suchen, so schlug Baron Meyendorff vor. die Juden v o 11 der M i 1 i tä r p f1 i c h t zu befreien, und dafür yon ihnen eine bestimmte Steuer zu erheben. Die Kommission

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