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Jüdische Rundschau · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 6 Seite!ÜÖ1SCHE RUNDSCHAU Befrledrigung finden konnte. Beide traten sic in den Dienst des Frankfurter Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina über, der damals die Lämelsehule von der Wiener Gemeinde übernahm. Der Direktor der letzteren erkannte mit richtigem Blicke die Bedeutung Jcllins und bewirkte sein En- Ragement. Durch die Unterrichtserfahrung an dieser Schule bildete Jeliin mit Anlehnung an die Bcrlitz-Mcthode sein geradezu mit pädagogischem Raffinement durchgeführtes System aus, die hebräische Sprache ohne Zuhilfenahme eines fremdsprachlichen Wortes den Kindern zu lehren, ein System, dessen Oruudzüge er in seinem Werke לפי הגף niederlegte• Hier fasste er gemeinsam mit seinem Kollegen Press den Plan der Gründung jüdischer Kindergärten und verwirklichte ihn zuerst mit Hilfe des Lemaan-Zion Vereins, der daun, als die Institution grössere Dimensionen anzunehmen begann, von dem Hilfsverein der Deutschen Juden abgelöst wurde. Seitdem ist Jcllins literarischer Ruhm mehr und mehr gewachsen, man wählte ihn zum Vorsitzenden des Bundes hebräischer Lehrer in Palästina, der אנודת הס,*ריב; heute ist er keinem fremd, der die hebräische Literatur verfolgt. Dabei ist er eine wunderbar anziehende Persönlichkeit, eine echte Gelehrtennatur, schüchtern und bescheiden, ein Mann von warmem Herzen und tiefer Frömmigkeit, ein Mann von historischem Sinn, der am guten Alten in Treuen hält und am kräftigen Neuen sich stärken und freuen kann. Nur ungern scheide ich von der Betrachtung dieser sympathischen Lehrergestaltt. Neben diesen Herren, die ganz eigentlich in Palästina ihren wissenschaftlichen Werdegang beendet haben, zählt das Kollegium mehreer Glieder, die ihr geistiges Kapital vom Auslande mitgebracht und in Palästina nur ausübend tätig waren. Da nenne ich vor allem J. M. Pinnes den Talmudlehrer, der bereits als Lamdan und feinsinniger Schriftsteller von Russ- U41u! herüberkam, eine der markantesten Persönlichkeiten im öffentlichen Leben Jerusalems, wo er schon 26 Jahre wohnt, an dessen rapider Entwicklung er selbst hervorragenden Anteil hat. Pinnes ist eine merkwürdig vielseitige Natur, vielseitig in seiner Bildung und vielseitig in seinem Schaffen. Bald schreibt er eine lialachische Abhandlung, bald ist er journalistischer Tagesschriitsteller. Um seinen Freund Herzberg von der allgemeinen Verwendbarkeit der hebräischen Sprache zu überzeugen, schreibt er ein Lehrbuch der elementaren Physik in dem Stile des הוברב (betitelt בפר הבות ), eine der ge istreichsten literarischen Spielereien, die mir bekannt sind; und um dem Verlag Tuschiah Bücher zu liefern, bearbeitet er selbständig englische Romane in hebräischer Sprache. Er hat eine ungeheure Belesenheit In den auseinanderliegendsten Gebieten, die sich aber in seinem Kopfe zu einer eigenartigen Harmonie verschmilzt. Er war bereits Grosskaufmann und Administrator der Kolonie Ratrah im Aufträge der Chowewc- Zion; heute sitzt er in allen möglichen Verwaltungskörpcrschäften Jerusalems. Originell sind alle seine Gedanken, originell ist auch sein Stil. Er ist besonders glücklich in der Prägung neuer Termini, wozu ihm seine umfassenden Kenntnissc des talmudisch-rabbinischen Schrifttums die nötigen Anknüpfungen geben. Für den mathematischen und physikalischen Unterricht lieferte er in erster Linie die erforderlichen Neubildungen technischer Ausdrücke. In seiner Vielseitigkeit liegt auch die Kraft und Würze seines Talmudunterrichtes, dem er durch eine Fülle von philosophisch», archäologischen und technischen Kenntnissen Leben cinzuhauchen weiss, was ich selbst, als sein Privatschüler, mit Genuss kennen lernen durfte. Mathematik und Physik sind durch Herrn Oberlehrer Dr• Rotenberg vertreten, der in München mit einer Preisarbeit aus der Geschichte der Mathematik promovierte und am Augsburger Realgymnasium bereits ein Jahr tätig war. Für den deutschen Unterricht konnte der Hilfsverein keinen geeigneten Lehrer in Deutschland finden; der frühere Univcrsltätslehrcr Dr. Benzinger . übernahm denselben provisorisch. Man sicht; cs sind die verschiedenen Disziplinen von Fachmännern vertreten; es ist ein Kollegium, in dem Jeder seinen Mann stellt. Wer steht nun an seiner Spitze? Wir hatten in aufsteigender Linie die Glieder der Anstalt kennen gelernt, erst die Schiller von ihnen schlossen wir auf die Lehrer; jetzt mag der Leser einen Rückschluss bilden von diesen auf den Leiter. Herr Direktor Ephraim Cohn ist in der jüdischen Welt kein .Unbekannter; seine grossen Verdienste um das gesamte palästinische Schulwesen haben ihm mit Recht einen Namen von hohem Klang gemacht. Es sei mir gestattet, über meinen verehrten ehemaligen Vorgesetzten in geziemender Bescheidenheit und Zurückhaltung einige Mitteilungcn und Daten zu liefern. Cohn ist in Jerusalem gcl*1ren. Schon früh kam er nach Deutschland, zuerst war er Schüler des Oberrabbiners Dr. I.öh in Altona. Die Präparandie in Höchberg und das Lehrer- Seminar zu Hannover gaben ihm seine pädagogische Bildung. Er ging dann nach London ans Jewish College und war gleichzeitig an dortigen jüdischen Erzichuugsinstituten erfolgreich beschäftigt. Darm ging er in seine Vaterstadt zurück und arbeitete zunächst unter Herzberg als Lehrer am jüdisehen Waisenhaus. Diese Tätigkeit erwarb ihm das Yertrauen seines vorgesetzen Komitees in so hohem Grade, dass cs ihn zum Direktor der netto!ganisierten Lämelsehule erwählte, die glänzende Entwicklung dieser Anstalt zu der besten jüdischen Schule Palästinas ist sein Verdienst. Als sich der Lehrermangel dort zu Lande mehr und mehr geltend machte, auch von seiten des Lehrerbundes der Wunsch nach Schaffung eines Seminars oft und öfter laut wurde, unternahm es Cohn, den Hilfsverein für diesen Gedanken und gleichzeitig für Palästina und seine gesamten Schulinteressen zu gewinnen. So ward Cohn der Gründer des Seminars, so legte er den Grundstein zu dem schnellen Aufblühen des palästinischen Schulwesens, das unter der Aegidc des Hüisvereins ungeahnte Fortschritte machte. Mit Feldherrnblick wusste Cohn einen Stab von tüchtigen Lehrern um sich zu scharen, ohne die seine energische Initiative erfolglos geblieben wäre, und mit staatsmännischer Weisheit führte er die junge Anstalt über die mannigfachen Gefahren des Anfangsstadiums, der ersten Ent- Wicklung hinweg. Direktor einer palästinischen Anstalt zu sein. Ist kein Leichtes. Die Abhängigkeit von einem räumlich weit entfernten Komitee, mit dem die Verständigung doppelt schwierig ist; die exponierte Stellung im heiligen l ande, wo jeder Fremde zu meistern sich berufen fühlt; die Verschiedenheit der Ansprüche und Wünsche und Erwartungen, die von verschicdencn Seiten an eine dortige Anstalt gestellt werden, denen allen zu gefallen fast unmöglich ist; alles dies macht eine solche Stellung undankbar und schwer verantwortungsvoll- Es gehört besondere Ausdaue, innere Energie und Entsch’ossenheit, ebenso wie Biegsamkeit und Konziliant des Wesens dazu, es erfordert Umsicht und Selbstverleugnung, vor allem einen Riesenfleiss, zielbewusst und doch in Angemessenheit an die Verhältnisse, milde und nachgiebig und doch mit festen Prinzipien diesen Posten zu verwalten und der Kämpfe Sieger zu bleiben, welche die Aufreehterhaltung der Anstalt ihrem Leiter nicht erspart. Die Kennzeichnung der Aufgabe genügt, um zu zeigen, welch grosse Fähigkeiten der Direktor des Jerusalemer Seminars sein eigen nennt, ln steigender Entwicklung ist die Anstalt emporgeblüht, innerlich und äusserlich steht sic kräftig da. Dem Verein ist die jüdische Welt zu Dank verpflichtet, der aus seinen Mitteln diese Anstalt unterhält und keiner sollte ihm seine Unterstützung versagen. Der jungen Anstalt aber wünschen wir, dass sie ein Segen w׳erde für unser Land und Volk, dass sie an ihren Prinzipien: Treue zur Tradition, Liebe zu Palästina und zur hebräischen Sprache festhaltend.

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