Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 No. 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU verbietet uns unsere Ehre, auch wenn wir von der Ehrlichkeit seines Uebcrtrittcs überzeugt sind. Wir müssen entschieden dagegen Verwahrung einlegen, dass cs den Anschein hat, als hätte der Abgeordnete Mugdan im Namen der Juden oder überhaupt irgend welcher ungetauitcr Juden gesprochen. Zwischen ihm und uns ist keine Gemeinschaft, und wir verbitten uns ganz entschieden und unzweideutig, von ihm verteidigt zu werden. Wenn er es doch wieder tut, so soll mau wissen, dass wir Juden gegen die Verteidigung von dieser Seite den energischsten Protest erheben. Herr Abgeordneter Mugdan, sprechen Sie, so viel ihnen gut dünkt, für Ihre Glaubensgenossen, meinetwegen für Harden, I.iman, Robert jaffd, Mcrzbach oder wen sie sonst wollen. Wir Juden verteidigen unsere Rechte selbst. Wir haben aucch nichts dagegen, dass cs von christlicher Seite geschieht, aber von ehemaligen Glaubensgenossen, die, wenn auch aus innerster und tiefster reigiöscr Überzeugung das Judentum a’.s minderwertig abgelegt haben, verbitten wir uns fedes Eintreten für uns Juden. Das ve äugt unsere jüdische Ehre• Judacoborussu s. Ein jüdisches Lehrerseminar V. Das Werk lobt seinen Meister; von dem Zögling sehliesst man mit Recht auf den Erzieher, von dein Schüler auf seinen Lehrer. Ist der freundliche Leser meiner Scchilderung, die ich zur Charakteristik der Seminaristen entwarf, bisher gefolgt, dann wird für dm in diesem Grundsätze die beste und höchste Empfehlung der Lehrerschaft liegen. Denn alle die Eigenschäften, die wir jenen nachgeriihmt, die Begeisterungsfähigkeit für Palästina und seine Schönheit, für unser Volk und seine höchsten Güter, für seine Sprache und schic klassischen Erzeugnisse, für Wissenschaft und Kulturfortschritt; die in Jerusalem zum Studium notwendige Entbehrungsireudigkeit, der Verzicht auf so manchen Lebensgenuss und die Zufriedenheit mit dem zur blossen Lebensführung allernotwendigsten im Hinblick auf die grosse ihrer harrenden Aufgabe; kurz, die sich selbst vergessende Hingabe an das allen gemeinsame Ziel, wie sollten diese idealen Krüite in ihnen geweckt und erhalten werden, wenn nicht ihre Lehrer in alledem, wenn auch jeder in seiner. Weise, lehrend und lebend ihnen Vorbilder wären? An mir selber habe ich es erfahren, wie ganz anders, wie viel besser der Mensch, wie viel arbeitswilliger und leistungsfähiger der Lehrer in Erez-Jisroel ist als inmitten der Kulturweit. Indem dort jede äussere Zerstreuung und Ablenkung fehlt, indem die Freuden versagt sind, mit denen die Kinder 1der Zivilisation beglückt werden, so kehrt das Gemüt sich nach innen, und die stillen Freuden der Studierstube werden die einzigen, dankbar empfundenen Erlebnisse des Tages. In Arbeit und Pflichterfüllung muss das Lcbensgefühl sich erhöhen, da seine Temperatur durch die künstlichen Mittel der Vergnügungen und Ergötzungen nicht gesteigert werden kann. Man erführt, was dem Leben wirklich und ewig Reiz gibt, im Herzen legt man den Schatz an, weil das Spiel der Welt nicht mehr täuscht. Ferner aber: die Bildung liegt nicht in der Luft; soll sie gepflegt werden, kann cs gewissermassen nur duifch eine gencratio acquivoca, eine ריאת יש מאי; erfolgen. Mit anderen Worten: Der Lehrer ist dort ein Kulturpionicr. Das ist ein Bewusstsein, das ihn mit einer besonderen Kraft begabt. Er geht keine geebnete Landstrasse, keinen Königsweg hat ihn» die Arbeit vergangener Geschlechter geschaffen; wie der Tourist im heiligen Lande über Stein und Geröll seinen Pfad sich bahnen muss, so muss der Lehrer Methode und Weg sich suchen, muss alle pädagogische Kunst zusamnieimchtncn, um seiner Aufgabe gerecht werden zu können. Und mit den Schwierigkeiten steigern sich seine Kräfte. So wird selbst jeder flüchtige Besucher Palästinas sich überzeugen, dass im grossen und ganzen der Lehrer dort viel höher steht als sein europäischer Kollege. Endlich Ist seine soziale Stellung viel höher und geehrter, seine soziale Wirksamkeit viel breiter und tiefgehender. Das Leben predigt ihm mit erschütterndem Ernst Einfachheit und Anspruchslosigkeit mehr als sokratisclie Lehrmeister es vermöchten, und cs gehört schon eine Portion Grausamkeit dazu, vor dem allgemeinen Elend Auge und Hand zu verschlüsselt und nicht das Bedürfnis zu verspüren, mitzuhclfeu und mitzuarbeiten an der Hebung und Unterstützung der Mitmenschen. Kurz, das Land erzieht sich grosse Naturen,*) es vertieft die Seele, erweitert den Gesichtskreis und hebt alle Kräfte und Anlagen, wenn man sich nur diesem Einfluss nicht systematisch entzieht. Ich kann den Nachweis au allen meinen ehemaligen Kollegen führen, dass 1“א‘" ישרא au ihnen seine Kraft bewiesen hat. Um nur wenige Beispiele herauszugreifen: da ist der Geschichtslehrer Herr Kress, ein geborener Jeru• salemer. Er hatte das hamioverarter Lehrerseminar absolviert und kann dann als Lehrer an die Lämelschtiie. Aber in den 13 Jahren seiner dortigen Wirksamkeit warf er sich mit eisernem FIciss auf das Studium von Geschichte und Geographie und hat es in beiden» zu erstaunlichen Kentnissen gebracht.. Herr Wurst, der zugleich Lehrer an der deutschen Templerschuic ist, wandte sich, seitdem er die LchrerbilJungsanstalt verlassen hat, der Beschäftigung mit der palästinischen Flora und Fauna zu und hat sich zu einen» achtenswerten Spezialisten für dieses Gebiet hciausgebildet• Herr Sutta, ein geborener Russe, wählte jüdische Geschichte und Bibelexegese zu seinem Sonderstudium und brachte es zu selbständiger wissenschaftlicher Beherrschung beider Disziplinen. Das grossartigste Beispiel aber bieten die Herren Jellin unJ Mejuchas, beide Kinder der heiligen Stadt, Schüler dortiger Jeschibotl». Durch Verwandtschaft und Freundschaft verbunden, widmeten sic sich in gemeinsamen Studien der arabischen Sprache und brachten cs zu solch souveräne» Meisterschaft, dass sie selbst in den Kreisen der mohammedanischen Bevölkerung mit als die ersten Kenner der arabischen Sprache und Literatur gelten. Und doch ist damit das eigentlich Bedeutendste ihres Könnens noch nicht genannt. Sie sind nämlich Hebraisten ersten Ranges. Jellin gilt in Palästina als gründlichster Fachmann in der Wissenschaft unserer Sprache, er ist schriftstellerisch in selbständigen Werken wie als Mitarbeiter des HASCHILOACH tausendfach hervorgetreten und ist jetzt Redakteur der hebräischen Zeitschrift für Palästinakunde, des HAOMER. Er ist wohl der glänzendste Redner hebräischer Zunge, die in seinem Munde zu vollkommener, uneingeschränkter Lebendigkeit geworden ist, die er in allen ihren literarischen und dialektischen Spielarten und Nuancen handhabt und in einer wunderbaren lautlichen Reinheit spricht, wozu ihn die Bekanntschaft mit den arabischen und anderen semitischen Dialekten besonders befähigt. Wohin er kam, erregte sein hebräischer Vortrag das hellste Staunen, aller Sachkundigen. ״Mit dem Stabe seines Mundes schlägt“ er die Zweifler au der Wiederbelebungsfäiiigkcit unsrer Sprache nieder. In bessere Hände als in die Jcllins konnte der Hauptunterrichtsgegenständ des Seminars, die hebräische Sprache, nicht gc: legt werden. Jellin war ursprünglich Lehrer an der Allianceschule unter Nissim Beliar. Aber eine so tief religiös und national fühlende Natu-, wie die deilins, konnte in den Diensten der Alliance nicht bleiben, ebensowenig wie s. Zt. der selige Dr. Herzberg auf die Dauer als Direktor der Jaffaer Ackerbattscliule innere *) Wobei nicht geleugnet werden kann, dass es auch spezifische Untugenden begünstigt, durch die schon mancher gestrauchelt ist.