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Jüdische Rundschau · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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fr.« No. 5 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 45 1 schall — gegen das seltsame Auftreten des Vali von Beirut 1 sind von raschem Erfolg begleitet worden. Die Verbote des Gouverneurs sind unter einer sichtlich von der Verlegenheit diktierten Ausrede wieder aufgehoben worden und die deutsehen Kolonisten können ihr Ansicdlungswcrk ungehindert fortsetzen, wie folgendes Telegramm meldet: Konstnntlnopel, 2. Januar. Au: die Intervention der deutsehen Vertreter wegen der Beschwerden deutscher Kolonisten in Haifa ist den Deutschen und den in ihren Diensten stehenden Bauern jetzt gestattet, in den ungefähr 25 Kilometer von Haifa entfernten, neuerworbenen Landdistrikten Um el Amed und Betlahm ihre Bestcllungsarbeiten ungehindert fortzusetzen. Die türkischen Geusdarmcn sind zurückberufen worden. Auch die Fortsetzung des begonnenen Baues von \Virtschaitsgcbfmdcn ist gestattet. Von türkischer Seite wird zur Rechtfertigung des ergangenen Befehles vorgebiacht. dass die Deutschen in den genannten Orten Eigentunishaiulliuigen vorgenommen hätten, bevor die grundbuchamtliche Erwerbung der Orundstiieke durch sie stattgesuiukn hatte, wogegen von der deutsehen Vertretung geltend gemacht wurde, dass die Vornahme der Auflassungsformalität. entgegen den Verträgen, von der Grundbuchbehörde verweigert worden ist. Emigranten in Galveston ln verschiedenen jüdischen 7ci*ungen waren in letzter Zeit alarmierende Meldumien über eine unglaubliche Behändlung zu lesen, di: jü ischen Einwanderern ansebüch in Texas sollte zuteil geworden sein Derin Minneapo'is erscheinende ״Scribe“ hatte sogar berichtet, die Angelegenheit sei so unerhört, dass sie vor das Ministerium in Washington kommen werde Ueber diese Dinge wird man erst eine gehörige Aufklärung abzuwarten haben. Immerhin aber haben wir es für gut gehalten, nähere Auskunft über die Aussichten der nach diesem bisher als Einwanderungsland wenig bekannten Gebiet gehenden Juden einzuholen. Von einem uns als zuverläs$;g bekannten Gewährsmann, der vor kurzem eine Gruppe jüdischer Auswanderer nach Galveston begleitet hat, werden uns nun folgende Informationen gegeben. Um die Einwanderung von New-York abzulenken, wo die Verhältnisse für die Juden immer ungünstiger werden, haben das Industrial Removal Office und das Jewish Immigran’s Information-Bureau den Versuch unternommen, die jüdischen Auswanderer nach den südlichen Gebieten zu leiten, wo die jüdische Einwanderung zwar denselben strengen Vorschriften unterliegt wie in New-York, wo aber nach Ansicht der genannten Institute die Arbeitsmöglichkeiten wesentlich günstiger Heien. Das Industrial Removal Office, ein von der IC-\ subventioniertes Bureau, bearbeitet nun das östliche Mississippi• Gebiet, während das Information-Bureau, das von der Jewish Territorial Organisation (ITO) eingerichtet ist. die Ein- Wanderung nach dem Gebiet westlich des Mississippi lenkt. Diese Einwanderung geht üer den in letzter Zeit viel genannten Hafen Galveston. Galveston ist eine Stadt von :jOOOO Einwohnern mit einer jüdischen Bevölkerung von etwa 1000 Seelen, einer Gemeinde alteingesessener Juden, einer russischen und einer gaüzischen. Da grosse industrielle Möglichkeiten in der Stadt selbst nicht vorhanden sind, werden die Einwanderer unbedingt aus der Stadt weiterbefördert. Aber sie werden bei ihrer Ankunft von den Beamten der Organisation empfangen, in das komfortabel eingerichtete Emigrantenhaus gebracht und dort von den offiziehen jüdischen Persönlichkeiten Galveston« begrüsst, wodurch ihnen das unangenehme Gefühl erspart bleibt, auf dem fremden Boden s?ch abe mals sofort nur als geduldete Fremde betrachten zu müss:n. Jeder Einwanderer wird nach seinem bisherigen Beruf seinen Fähigkeiten. Neigungen und etwaigen Beziehungen im Lande gefragt, und danach wird ihm sein zukünftiger Aufenthaltsort unu eine geeignete Arbeit angewiesen. Selbstverständlich, dass jeder cinzelneHerrseinerEntschl-essung bleibt. Wahrend die Ueberfahrt nach Galves on von jedem selbst bezahlt werden muss, geschieht die Weiterbeförderung ins Innere auf Kosten der Gesellschaft. In den Städten, nach denen man die Leute schickt, werden sie abermals von Komitees empfangen, die sie während ihres Verbleibes am Orte s ets im Auge behalt־׳n Tüchtige Arbeiter — es sind zumeist Handweiker, die da untergebiaclu werden - verdienen nach sechs• bis achtmonatlicher An- Wesenheit etwa 7 20 Dollars wöchentlich, während das Lei ensminimum für die einzelne Person, etwa *b-5 Dollar wöchentlich beträgt, in den nö-dlicheren. kälteren Gegenden etwas mehr. Die Aussichten sind also zwar keine glänzenden, aber auch keine schlechten. Und was nun die in der Presse erw'ähnten Fälle von angeblicher Misshandlung jüdischer Arbeiter durch Neger anbetrifft, so wird es sich wohl fügt unser Gewährsmann seinen interessanten Angaben hinzu, denen wir nur wenige Notizen entnommen haben — um Dinge handeln, wie sie eben übe!all in fremden Ländern Vorkommen könnet vielleicht ein ungeduldiger Arbeitgeber und wenig anstellige oder gar störrische Arbeiter. Sollte aber wirklich ein grober Missgiiff vorgekommen sein, so wird erst eine eingehende Untersuchung ihn aufklären können. - Man mag nun über die Leitung der jüdischen Emigration wie sie vorlicgt und ihrer dort inaugurierten Ent- Wickelung sogar skeptisch gegenüberstehen, sie vielleicht für nicht ungefährlich halten, so wird man doch zugeben müssen, dass von diesen genannten Instituten e i ne erfreuliche Wirkung ausgeht: sie stärken die Position der armen Wanderer von der russischen oder galizischen Grenze an bis in das neue, ferne Land hinein und verbessern ihr Schicksal ganz bedeutend. Und diese Besserung kommt auch den nichtjüdischen Emigranten zugute, denn die Schiffahrtgesell־ schäften z B. müssen alle Auswanderer gleich behandeln. Das hiess früher .gleich schlecht“ und heisst jetzt immer noch nicht gut, aber doch wenigstens einige*massen erträglich. Eine charak’eristische Antwort erhielten wir auf die Frage, wieso sich bis jetzt unter den freiwilligen Rückwandererit v e rh ä 11 n ism äss i g wenige Juden befinden, dafür umso mehr Polen und Italiener: ״Weil Polen und Italiener. w׳enn es ihnen irgend schlecht geht, in ihre Heimat zurückkehren können, während die Juden keine Heimat haben, in die sic zurückkehren könnten.“ Das ist freilich ebenso wahr, wie traurig. Und diesem Mangel wird leider auch ״Galveston* kaum .abhelfen können. Den finnischen Notleidenden öffnet Amerika weit seine Tore, den hungernden lind vor dem Tode iliehenden Juden •Schüesst es sie um so enger. Nicht nach Kanada! Das kanadische Ministerium versendet in diesen Tagen an uie Regierungen aller Emlgr.::!׳»:Isländer eine Warnung v <; r der Auswanderung nach Kanada. Die Ein- Wanderung fremder Elemente sei im gegenwärtigen Augenblick!:teilt ratsam und in Kanada auch nicht erwünscht. Deshalb seien Ausw andermigslustige möglichst von der Reise nach Kanada zurückzuhalten! — Noch \or wenigen Monaten wurde von jüdischer Seite aucli Kanada als das gelobte Land der Judcnwandcruug gepriesen. Nun ist's auch damit nichts. Wohin nun. Ahasver? , Mieterstreik in New-York Aus New York wird geschrieben: Die Folgen der wirlschaitlichen Reaktion machen sich hier schon in ganz bedenklieber Weise fiilillur. Einer Schätzung der Zentral-Gewerkschäften zufolge gibt es hier augenblicklich 125 000 Arbeitslose. Es sind namentlich die Neuelngewanderten. die unter den Verhältnissen zu leiden haben, und iniolgc der aussergewöhnlichen Ansprüche au sie hat die grosse jüdische Wohltätlgkeltsvcreinlgung in einem dringenden Aufruf an die Glaubensgenossen um besondere Beisteuern itachsuchcn müssen. In den grossen Mietskasernen auf der Ostseite ist die Not so schlimm, dass sogenannte Mieterstreiks eingetreteu sind. d. h. die Mieter eines gewissen Hauses, gewöhnlich 24 bis 36 Familien, tun sich zusammen und beschlicssen. überhaupt keine Miete mehr zu zahlen, bis der Hauswirt einen gewissen Prozentsatz üer Miete naclilässt. Da hiesigem Rechte zufolge den! Hauswirt kein Pfandrecht an den Vermögcnsobjekten der Mieter zusteiit und Exmissionsklagen erst nach langer Verzögernng zur Verhandlung kommen können, so ist die Position der Mieter eine sehr starke, und sie haben schon viele Eriolge erzielt. Au dein Mieterstreik sind bisher nicht weniger als 50UUU Personen beteiligt. Die Juden in Tunis. Aus Tunis wird der NEUEN!('DISCHEN KORRESPON- DENZ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Da cs den Juden in Frankreich im allgemeinen nicht gerade schlecht geht, sie wenigstens die Rechte haben, die ihnen als loyalen Staatsbürgern ebenso wie* allen anderen zukommen, so nimmt man im Auslande gewöhnlich an. auch allen anderen unter französischer Herrschaft stellenden Juden seien die vollen Bürgerrechte gewährt. Das ist jedoch beispielsweise hier in Tunis nicht der Fall. Die hiesige Verwaltung ist, w ie selbst nicht iudcturcuttdUchc Blätter ־zugeben, durchaus klerikal und antisemitisch und hat den a!:e!1 Zustand treulich bestehen lassen, um nur ja den Juden keine Besserung ihrer Lage zu gewähren. Diese Situation, dass hier die Juden unter der Rechts- und Verwaltuugshohcit von Muhammedanern stehen, die es nicht anders gewöhnt sind, als die Juden als eine rechtlose, jeder Willkür preisgegebene Gemeinschaft zu betrachten, sollte wirklich einmal die europäische Öffentlichkeit beschäl'־ tigen. In der französischen Presse spricht man Jetzt viel von der Rechtlosigkeit der tunesischen Juden, besonders der Uomöglichkelt, die französische Staatszugeliörigkcit zu •rk 1 •וייו״ייי*־ *־

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