Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No .5 Ist eine solche Komödie wohl ausserhalb des heiligen Russland möglich? Hier darf man einen General also ruhig VaterlandsverrSter nennen — dafür hat er nur ״Verachtung". Aber wenn man von ihm sagt, dass er einen semitischen Typus habe, so empört sich seine altadelige Seele. ״Fortschritt“ in Rumänien Die Zeitungen publizieren eben den Gesetzentwurf für die Alkoholverstaatlichung. Dass auch dieses Gesetz eine absolut judenfeindliche Tendenz hat, beweist der Artikel 22, der folgenden Wortlaut, hat: ״Der Schankinhaber muss rumänischer Staatsbürger, d. 11. im Besitz der politischen uiid bürgerlichen Rechte sein, muss 25 Jahre alt und verheiratet sein. Die Diener des Gasthauses oder des Weinausschankes müssen gleichfalls rumänische Staatsbürger sein/‘ Da man den Juden bekanntlich in Rumänien systematisch das ihnen zustehende Staatsbürgerrecht voreuthült, — in ganz Rumänien gibt es 25 Juden im Besitze des Bürgerrechts —־ so werden damit alle Juden, die jetzt In den genannten Be־ rufen beschäftigt sind, ungefähr vier- bis lünfeausend jüdische Familien brotlos gemacht. So sehen die ״Reformen" aus, die von der ״liberalen" Regierung Rumäniens den Signaturmächtc des Berliner Vertiages von 1878 zugesagt worden sind! Pflichten und Rechte Einen interessanten Fall wird wahrscheinlich in kurzer Zeit der rumänische Kassc;ti011$l;r.f zu entscheiden haben. Bekanntlich werden die Juden in Rumänien trotz aller Staats* Verträge nach wie vor als Fremde betrachtet und, wenn es der Regierung gerade gefällt, ausgewiesen. Bis zum vorigen Jahre bestand aber eine Entscheidung des AppelIations־Gerichtcs. dass ein rumänischer Jude, der hier geboren ist and hier Militärdienst geleistet hat, nicht ausgewiesen werden könne. Vor einem Jahre indessen hat der Kassationshof dieses Urteil aufgehoben und entschieden, dass jeder Jude ausgcwiesen werden könne, also auch derjenige, der den genannten Bedingungen entspricht, wenn er nicht vom Parlament (Kammer und Senat) die poÜFschen Rechte erhalten habe. Erst vor einiger Zeit hat der bekannte Rechtsgephrte Prof, von Bar über dieses Thema in der REVUE DU DROIT INTER- NATIONAL einen Artikel publiziert, der die Runde durch die Presse machte. Nun hat jetzt ein junger rumänischer Jude, der zur Rekrutierung vorgeladen wurde, an den Kricgsminlster ein Schreiben gerichtet, in dem er verlangt, vom Militärdienst befreit zu werden, da er ja doch, ob er diene oder nicht, als Ausländer betrachtet würde. Er halte sich aus diesem Qrunde nicht für verpflichtet, e׳nem Lande, das Ihm keinerlei Rechte gewähre, die höchste Bürgerpflicht zu erfüllen. Man darf mit Recht auf die Entscheidung des Kriegsministers gcspannt sein. Immerhin glauben wir nicht, dass mit diesem Vorgehen, dem eine wohl begreifliche und berechtigte Empörung zu Qrunde liegt, ein Erfolg zu erzielen ist. denn wenn z. B. tatsächlich das rumänische Krieesmiiilsterium auf die militärische Dienstleistung der rumänischen Juden verzichten würde, so wäre damit gleichwohl die Lage der rumänischen Juden eher verschlechtert als verbessert. Interessant müsste aber die Begründung einer ministeriellen Entscheidung sein, wenn der Militärdienst von den Juden gefordert und gleichwohl ihr ״Ausländertum" als rechtmässiger Zustand hingestellt würde. Jakob MeTr Der neu gewählte Chacham-Baschy von Saloniki. Rabbi Jakob Melr. traf vorige Woche hier ein. um den üblichen Eid zu leisten, bevor er sein neues Amt antritt. Eine stattliche Anzahl angesehener hiesiger Juden begrüsste ihn bei seiner Ankunft. Letzten Freitag stattete Rabbi Mcir dem hiesigen Rabbiner der Ottomanisch-aschkenasischen Gemeinde. Herrn Dr. Markus, der auch der Leiter der Schulen des Hillsvereins der deutschen Juden ist. in voller Amtstracht einen Besuch ab. Rabbi Melr Ist eine gewinnende Erscheinung von edelstem Jüdischen Typus. Er steht auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums und Ist als eine taimudische Autorität auch unter den spaniolischen Juden bekannt. Er spricht ein reines Hebrfiisch. das erkennen lässt, dass er auch die moderne hebrätsche Literatur Intensiv verfolgt hat. Rabbiner Dr. Markus gewann, wie er Ihrem Korrespondenten mitteilte den Eindruck, dass die grossen Hoffnungen, die von der Gemeinde in Saloniki auf ihr neues Oberhaupt gesetzt werden, durchaus bcrechtigt sind. Die in Saloniki erscheinende spaniolischc Zeitung ״LA EPOCA" bringt ein Bild von Rabbi Jakob Mcir und ein Begrüssungsgedicht in hebräischer Sprache, sowie einen grossen programmatischen Artikel, aus dem hcryorgeht, mit wie freu־ digen Erwartungen man •1h Saloniki , der Amtsführung des neuen Chacham-Baschy entgegensieht. Jüdische Patriarchen in der türkischen Legende Vom 13. bis 17. Januar fand das Opfertest der Mohamcdancr, Kurban-Beiram, statt, das zur Erinnerung an die Hunderttausende von Muselmännern abgehatten wird, die ihre Pilgerschaft nach Mekka in dieser Zeit beendigt haben. Die Bedeutung dieses Festes ist interessant, weil die türkische Sagenwelt es mit unseren Patriarchen in einen Zusammenhang bringt. Bekanntlich pilgern die Mohamedaner nach Mekka zum Besuch der Kaaba, jenes alten Heiligtums, das nach der Sage von Adam selbst errichtet worden sein soll. Seitdem, so heisst es, ist es elimal umgebaut worden, und zwar voll Chit, von Abraham tmd Ismacl nach der Sintflut, von den Amalekitern, dann von einem anderen arabischen Stamm, von den Vorfahren des Propheten, von dem Volksstamm Cureisch in der Zeit Moliaineds, von einem der Adepten Mohameds, Abdullah ben Zubeir, dann einmal von Pilgern und zuletzt durch Murad IV. Nun erzählt die Sage: Als Abraham nach Vollendung des Tempels sich von seinem Sohn trennte, stieg er auf den Berg Djebebel-Rahma und schaute bald nach Arabien, bald nach Damas hin. Er dachte an seinen Sohn, den er bei Hedias zuriickgelassen und betete iiir ihn. Nun wollte er sich auf den Weg machen, da hörte er eine Stimme, die ihm zurief: ״Abraham! Abraham! gehe hin und!ordere alle Völker auf. nach der Kaaba zu wandern.׳‘ Der Patriarch erstaunte über dieses Ansinnen. ״Wie kann ich. sagte er, eine solche übermenschliche Mission erfüllen." Aber die Stimme Hess sieb bald von neuem vernehmen. Dieses Mal konnte er auch ihre Richtung deutlich erkennen. Er folgte der Stimme nach, kam wieder an die Kaaba, bestieg dort eine Anhöhe, die heute noch der Abrahamplatz genannt wird und rief, indem er sich die Ohren mit den Fingern zuhielt, aus vollem Halse: ״Ihr Diener Gottes! Der Herr, der mich diesen Tempel in seinem Namen hat erbauen lassen, befiehlt Euch, zu ihm zu wandern. Beeilet Euch, ihm zugchorclien.“ Nach diesem Appell an die Völker der Erde stieg der Patriarch von der Anhöhe herab und fixierte die Grenzen des Tempels durch Grenzsteine. Es war dies am siebenten Tage des Monats Zilhidja. Tags darauf zogen Vater und Sohn in die Richtung nach Mina, Hymnen singend, weiter und brachten die Nacht auf der Stätte zu, auf der sich der MesdjidUhaif erhebt. Von dem alten Volke Israel sollen ausser Abraham und Ismacl. w ie die türkische Sage erzählt, auch Sara und Isaak nach Mekka gepilgert sein, sowie die Propheten. So führen die Mohamedaner den Ursprung ihres höchsten Heiligtums auf unseren Patriarchen Abraham zurück. Jüdische Saison in Konstantinopel In Konstantinopel ist jetzt Ball-Saison, Fast jeden Abend findet Irgendwo ein Ball zu Gunsten von Wohltätigkeits-Anstalten der verschiedenen hier vertretenen Nationen statt. Dabei ist anerkennend hervorzuheben, dass hier bei der Veranstaltung solcher Bälle nicht der im Westen allgemein übliehe Separatismus zu beobachten ist. Hier* beteiligt man sich allgemein an den verschiedenartigsten Veranstaltungen, ohne Rücksicht darauf, ob sie zu Gunsten der eigenen oder einer fremden Nation oder Konfession stattiimleu. Den Reigen der jüdischen Feste eröffnet in diesem Jahre der Israelitische Turnverein, dem der Jüdische Gesang- und Musikverein ״Renamah" mit einem ähnlich gelungenen Ball folgt. In Vorbereitung sind jetzt noch die Feste zu Gunsten der Schule des Hilfsvereins Or״TI!orah. des Brudervcreius, der s.־.!;»c!1 Ball zu Gunsten der Goldschmidt-Schulc Or-Ahaim abhält, sowie das Fest zu Gunsten des Or-Ahaim-Hospitals, das unter der Protektion des amerikanischen Gesandten stattfindet, ferner der Ball der Alliance Israölite Universelle zu Gunsten ihrer Schule usw. Alle diese Feste sind sowohl wegen ihres Zw׳eckes, als auch deshalb sehr crireulich, w־eil sie erkennen lassen, welch reges jüdisches Leben in Konstantinopcl herrscht. Die deutschen Kolonisten in Palästina Der Einspruch der deutschen diplomatischen Vertretung ln der Türkei — aller Wahrscheinlichkeit nach des unlängst nach Konstantinopel zurflekgekehrten Botschafters Frhrn. v. Mar-