Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Er fand die Erat•־ zosen liebenswürdig, die Beamten und das Publikum, wohingegen er in Deutschland und mit den deutschen Beamten die trübsten Erfahrungen gemacht habe. — Das z.eigt nun zunächst weiter nichts, als dass sowohl in Deutschland wie in Frankreich man gegen Fremde liebenswürdiger ist als gegen Landsleute. Aber cs zeigt doch auch im Beurteiler die Neigung, die Fremden besser finden zu wollen. Und gerade dabei ergibt sich etwas Merkwürdiges *— hier beginnt das Interesse für die Juden! — dass int allgemeinen nur der Deutsche auf die Franzosen schimpft, der sie nicht kennt, oder der im Schimpfen auf den ..Erbfeind״ seinen deutschen Patriotismus recht unzweifelhaft demonstrieren will. Wenn man das einem christlich-deutschen Schriftsteller lieber glaubt als einem Juden, so höre man. was der Pariser Korrespondent des TAG. Karl Eugen Schmidt, zu dieser Geschichte schreibt: ..Die schmählichsten französischen Hetzbiicher sind von dem Schweizer Tissot geschrieben ‘.vorder., und auch der seinerzeit sehr bekannte Jacques St. Cere. alias Rnscuthal. hat darin Erkleckliches geleistet. East der einzige Pariser Karikaturist, der heute noch regelmässig Deutschland und die Deutschen angeifert, ist ein hier ansässiger Pole. Kurz, die Franzosen selbst benehmen sich den Deutschen gegenüber weit anständiger und liebenswürdiger als die P s e 11 d o - F r a n - zosen, die Leute, die ihre i remde A b s t a tu in u n g d adurch vergessen machen wollen, dass sie einen Superlativen Patriotismus zur Schau tragen. Es ist das einfach die alte Geschichte von den Renegaten, die ganz besonderen Eifer zeigen, um das Vertrauen ihrer neuen Freunde zu gewinnen. Leute wie Mirbeau aber, die weder indisches noch sonstiges nicht-französisches Blut in den Adern haben, brauchen ihr Franzosentum nicht erst zu beweisen und können sich erlauben, sogar die Deutschen zivilisiert und gebildet zu finden. Sein sympathisches Urteil über die Deutschen ist wieder ein indirekter Beweis für meine Theorie, dass man den französischen Deutschenhasser nur zu kratzen braucht, uni den Polen, den Schweizer, den Belgier, den deutschen Juden zu finden." Kiewer Pogromverbrecher Wer waren die Pogromverbrecher, denen Jetzt in reichem Masse kaiserliche Begnadigung zuteil wird? Darüber gibt die eidliche Aussage des Gutsbesitzers Straschewski vor dem Kiewer Gericht, vor welchem die Tragödie des Pogromes Jetzt aufgerollt wird. Auskunft. Straschewski ,beobachtete durch das Fenster seiner Wohnung, wie das Haus von Margoliu gcoliindert wurde. Nach der Aussage dieses einwandfreien Zeugen drangen in die Wohnung von Margolin d Pogromiibcltäter unter der Anführung einer Person, die die Uniform eines Sei utzmannes trug. Der Zeuge und andere Personen, im ga.izen ungefähr sechs, standen an der Tür des Balkons ihres Hyuscs und sahen, w ie die Pogromlcute alles im Hause Margoti-.i demolicrtcn. Auf der Strasse standen Soldaten, in deren An- Wesenheit der Pogrom andauerte. — Rechtsanwalt Kal,•rannwitsch wendei sich an den Zeugen mit der Frage: Es gab also mehr Zuschauer des Pogroms, als Pogromrauher selbst? Zeuge: Jawohl. Warum haben Sic denn keine Massregel getroffen, um den Pogrom einzustellcn? Wir erhielten die Warnung, dass nun auf uns seliiesscii wird wenn wir uns nach unten begeben würden. Von wem haben Sie denn diese Warnung bekommen? Von einen! Onizicr in Pnlizctunitnnn. Eine ähnliche Warnung erhielten wir auch von dem Poli/.cimcister. als wir auf den Balkon heraustraten. Zur selben Zeit zog ein patriotischer Dunonstrationsziig auf der Strasse vorbei. In welchen Ausdrücken wurde Ihnen von dem Polizeitueister diese Warnung erteilt? Er sagte: Schlicsst den Balkon und kommt nicht zum Vorschein, sonst werde ich schiessen lassen. — Polizei und Militär waren also auch nach dieser Aussage, wie nach vielen anderen Aussagen im Prozess, die Organisatoren des Pogroms. Seite 43 Sonderbesieuerung Unter den Materialien, die von den verschiedenen Ressorts der Budgetkonituissiou der dritten Reiebsduma vorgelcgt :worden vird. befinden sich auch interessante Angaben über die sogenannte ״Karobkastcucr". die von den Juden im Ansiedclungsrayoii fürs ״koschere" Fleisch erhoben w ird. Die Steuer erreicht in manchen Orten bis 3 K׳w. fürs Pfund (fast 8 Pfennig fürs Kilo• und belastet dieses Produkt nicht unbedeutend, wenn man zumal berücksichtigt, dass die gebildeten Klassen und namentlich die Diplomierten, d, h. eben die reicheren Leute, von der Steuer befreit sind and die ganze Last derselben auf die ärmeren Juden fällt. Der Ertrag der Karobkastciicr soll zur Deckung der jüdischen öemeitidcaiistraben dienen. Die Steuererhellung wird von den Stadtverwaltungen verpachtet, und bildet für die Pächter, die auch Nichtjuden sein können, eine persönliche Erwerbsquelle, indem die Pachtsumme, geringer als der tatsächliche Ertrag ist. Die einzelnen jüdischen Gemeinden, unterbreiten Jedes Jahr der Stadtverwaltung "ihren Ausgabenetat der von letzterer geprüft wird. Die Stad*w״rwaltung bestimmt auch einen massigen Zuschuss aus der Karobkastcucr. der noch der Bestätigung seitens des Gouvcr- Delirs* bedarf. Die Paehtsuuimen (geschweige der wirkliche Steuerertra״• sind stets höher als die Zuschüsse, die die Ge- 11 einden erwirken können. Es bilden sich infolgedessen Rer‘- summen, die im Staatsschätze angelütuft werden. Aus diesen Summen kann man Beträge nur mit besonderer iedes'׳o»’;״׳'r Bewilligung des Ministers des Innern bekommen. Obw ohl d‘•״• Gesetze nach die sämtlichen Karohkageldcr ausschliesslich für Bedürfnisse der Juden zu .gebrauchen sind, so sic',;{ cs doch damit i:t der Praxis ganz ander.1»: Die Stadtverwaltungen und namentlich die Gouverneure sind üusserst sparsam mit Zuschiissei! für die Gemeindeeinrichtungei» aus den Karobkasteuern: und was die Restsunuu.cn anbetrifft, über die wie gesagt, der Minister allein verfügt, so gelingt es sehr selten, nur in ausserordentlichen Ausnahmefällen, irgend etwas für Jüdische Zwecke davon zu erhalten. Dagegen sind Fälle bckann, wonach man mit diesen den Juden gehörenden Restsummen Kirchen bedacht und Wege-angelegt hat. und sogar die Polizei (in Kiew) verstärkt hat. damit letztere die ..nicht mehr berechtigten" Juden mit grösserem Erfolg ausspüren und verfolgen konnte. Schon seit vielen Jahren bemühen sich die Vertreter der jüdischen Gemeinden, die Abschaffung dieser ungerechten lind unglcieiimiissigen indirekten Sondcrhe- Steuerung zu erwirken, und sie durch eine zweckmässige freiwillige Scibstbestcuerung zu ersetzen. Aber dies gelingt ihnen immer noch nicht. Die unknuirollierbarcn Res Stimmen sind noch zu verlockend! Nach oiii/.icllen Angaben ergab die Karohkasteuer in» Jahre 19»»5 7 Millionen Rubel die Restsummen für dasselbe Jahr machten über 3 Millionen Rubel aus. LVJ das koschere Fleisch wird immer teurer und immer uuerschwinglicher für die liidische Ariuut. Die öemeiiideeinrichtungen gehen zu Grunde infolge Geldmangels, während kolossale Rest-Summen aus der Sonderhcstcuerung der Juden zur freien Verfügung des Ministeriums des Innern stehen, ohne den eigentlichen Zwecken dieser Gcldsairmlung zu dienen. Ruhe ist nur Judenpflicht Odessa,?n .einer Audienz soll der Zar angeblich dem neuen Generalgouveruetir Telamscliow von Odessa den. Befehl gegeben haben die Ruhe in Odessa aufrecht zu erhalten. Diesen Befehl übermittelte Telamsehow in förmlicher -Weise den Vcrhändlcrn. Wie diese gewillt sind, diesen Befehlen nacbzukoTmcn zeigt folgendes Telegramm des Hilfsvercms der Deutschen Juden: Odessa. 23. 1. Q8. Gesten abend begingen die Verbändlcr wiederum Fxcessc. Eine Bande von ungefähr?0 Mann überfiel im Zentrum der Stadt ein jüdisches Restaurant, schlug dort die Fenster ein un I misshandelte einen greisen Juden sehr schwer Nachdem sic durch ihre Untaten eine ausserordentliche Panik hervore'-rufeo hatten, verschwanden sie. Später tauchte eine atr.We Ba״ •e auf dem Platze vor dem Hauptp'1lizc״׳ehäude auf. Di״se vt•׳. nriigelte alle vorübergehende Juden. Schliesslich trat d»e Polizei dazwischen und verhaftete vier halbwüchsige Burschen ״Semit“ als Beleidigung ln der NOWOJE WRENUA hatte der antisemitische Feuilletonist Mcnschikow von den im Port-Arthur-Prozess angeklagten Generälen Stössel und Fock als von ..Vaterlands- Verrätern“ gesprochen und von Beiden gesagt, sic sähen . semitisch" aus. Darauf hat Fock an Mcnschikow einen Brief geschrieben, in deiner erklärt, die Anschuldigung, er sei ein Verräter, übergehe er ..mit Verachtung", dagegen känue er die Beleidigung, die ihm als Altadeligen angetan worden sei durch die Behauptung, er sähe semitisch aus. nicht hiiigehen lassen, und er fordere deshalb Genugtuung! JÜDISCHE RUNDSCHAU.