Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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i 'f &J3&+4 ״ ‘*4^״■ י^UkÄ4^- Seite 36 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Ho. 4 sener Jaden einen Arbeiter namens Bernhard Kirstein. der in Russland das W nscheztisclincidcri erlernt hat. Wir richten ihn hier für unser System, mit der Maschine schneiden, ein, und crhat sich vermöge seines Flcisscs und Intelligenz unsere vollste Zufriedenheit erworben. Vor zirka Jahren bekam er. wie alle (?) anderen Russen, die Mitteilung, er müsse das Land verlassen. Infolgedessen gingen wir bis an das Ministerium des Innern und haben mit der Begründung, dass wir es hier mit einem sehr ordentlichen, intelligenten Menschen zu tun haben, der bereits 6 Mark pro Tag verdient und keinem Menschen zur Last f;iiii, uurchgeset/.i, dass ci bis /.um 20. Dezember hier bleiben dürfe. Vor Ablauf dieses Tertnines wandten Wir uns wiederum an den Minister des Innern, und bekommen nun heute den Bescheid. dass aus Prinzip unserer Bitte nicht entsprechen werden kann, Kirstein muss Preussen verlassen. Wir bedauern ausserordentlich, diesen intelligenten, flcissigcn Zuschneider verlieren zu müssen. Aus Humanitätsriieksiehten interessieren wir uns daiiir. dem Manne anderw;irls ein gutes Placement zu verschaffen und da er Jude ist. und nicht überall ein gutes Unterkommen finden kann, so erlauben wir uns. die Bitte an Sie zu richten, ob Sic wohl geneigt waren, einen flcissigcn Arbeiter, der das Stan/.enschneiden mit der Maschine perfekt versteht, zu engagieren." Das wesentlichste an der Antwort des Ministers ist. es, dass es aus Prinzip" geschehe, wenn die Juden ansgewiesen wo.den. aus demselben Prinzip nämlich, aus dem ailjälirlien der preußische Maat aucn aus den allgemeinen Steuern grosse Snnm.cn iiir die Bekehrung der .Inden, die selbst zu diesen Steuern nicht Lnb. tröehtl.clies zahlen, auswirft. Das Judentum ist in Preussen erneu nur eine ..tolerante" Religion und ausläiidihcne J 11w.cn smj nie!.: eimuil ..toleiaut '. Ja, w enn die sich tauten liesscu. wie der Retter des Deutschtums Harden und sein antisemitischer Freund Limanl Aber dazu sind sie zu verstockt. Sic jagen eben dem Uriol.ge nach. Sie provozieren ja durch ihre \ erstocktheit förmlich, dass sie ausgewiesen werden. zu entfernen sei. Nun wäre eigentlich die Geschichte zu Bude, wie dies auch mit der juristischen Karriere des Herrn Kurt W. aus Halle der Pall war. Der Exjude und Exreferendar hat aber in seiner Vaterstadt Halle in einem Bankgeschält eine Stellung geiunden. Nun wird man meinen, dass eine antisemitische Firma auf eine so schätzenswerte Kraft reflektieren würde. Aber weit gefehlt! Flincrn jüdischen Bankhause war »•s Vorbehalten, dem getauften Judenfeind Unterschlupf zu gewähren. Die Arier bedankten sich für solche Gesellschaft. Ein Muster-Renegat Halle a. S. Als ein Zeichen der Zeit, das in den weitesten Kreisen bekannt zu werden verdient, sei hier ein Voriali be- Sprüchen, dessen erster Abschnitt s׳cn in Vorgau, dessen Vor- und Nachspiel sich hier abspielte. Die Mohne eines hier wohnenden Pferdehändlers haben sich, obgleich sie barmizwa geworden, ja. die Eltern sogar zur Erinnerung an dieses Faimliencreignis ein Porauclics mit dem Namen des ältesten Sohnes. Kurt geheissen, der Synagoge gespendet hatten, tarnen lassen. Das ist auch hier kein unerhörtes Ereignis mehr, man nimmt es aber nicht mehr so tragisch wie in trimeren Jahren. Nachdem Kurt W. ״Christ" geworden, Jura studiert, zum Referendar anvanciert und nach Torgau versetzt worden war, hielt er es an der Zeit, sein Christentum so ostentativ zu betonen, dass die Rangbeförderung nicht ausbleiben konnte. So benutzte denn der ״Ncocltrist" aus Halle vor einigen Wochen die erste beste, oder richtiger, wie sich nachher herausstellte, die erste schlechte Gelegenheit, um aui die Juden in gemeinsier As eise zu senimpien und ihnen alles erdenklich Schlechte nachzusagcn. Es geschah bei einem ohiziellen Essen, au welchem, wie erzählt wird, auch Qttiziere tcUnalur.cn. dass der ehrenwerte E.vjude und Referendar Kurt W., dessen Eltern übrigens noch am Leben sind, seine Anklagerede gegen die Juden hielt, bis dies einem ihm gegegübersitzonden Amtsricliter endlich zu viel wurde und dieser den Zukunitsanwalt, als den sich Kurt W. bereits fühlen mochte, daran erinnerte, aass es denn doch nicht anständig sei, aut eine Rcligionsgemeinschaft alle Schlechtigkeiten zu häufen, wenn man obendrein auch noch Verwandte in derselben habe. Scnliesslicli verbat sieh der Amtsrichter das Geschwätz und die fernere Gesellschaft des Herrn Referendars. Der Schluss der luissliehen Auseinandersetzung, bei ucr sieh natürlich die ganze Gesellschaft auf Seiten des Amtsrichters, der kein Jude ist, beiand, war eine Foderung des ״forschen" Referendars an den Amtsrichter. Dieser erklärte aber, von einem Menschen, der sein eigenes Nest beschmutze und sich gegen seine früheren Glaubensgenossen in so unverkennbar böser Absicht ausdrückc. weder eine Forderung anzunehmen, noch ihm in andeter Form Satisiaktiun zu geben. Nun ging die ganze Allgelegenheit an das Justizministerium, dessen Bescheid bald daran! eingijig und dahin lautete, dass der Referendar Kurt W׳. durch sein Benehmen sich der Zugehörigkeit zur juristischen Korporation unwürdig gezeigt habe und deshalb aus derselben Israeliten polnischer Konfession Aus Lemberg schreibt ans unser Korrespondent: In einem Aufruf der allpolnischen Partei, der in der natior.alistisch-antisemitischen Zeitung SLOWÜ POLSR1E verönentlicht wird, findet sich folgender Satz: ״Von der tiefen Uebcrzcugung durchdrungen, dass der tatsächliche Fortschritt nur durch das friedliche Zusammenwirken aller Volksschichten des Landes, die sich in ihrer ungeheuren Mehrzahl zur katholischen Kirche bekennneu, zu erreichen ist, muss die Bevölkerung im ganzen öiicntlichen Leben Im Geiste der christlichen Moral geleitet werden." Unter diesem Aufruf prangen auch die Unterschriften folgender vier ״Polen": Dr.!Nathan •l-owenstcin. I)r. Josef (j 01 d . Rudolf (lall. Dr. Henryk K «> 1 i s c h e r. Diese vier Herren sind angeblich als Vertreter der Juden Galiziens ms Parlament gcwänlt worden, oder haben wenigster.s be- Imuptet, im Parlament diese Juden vertreten zu wollen — natürlich vor der Wahl. Melange die Juden solche ertreter auizuwciseii haben, wird man es den Polen nicht ver- Übeln können, wenn sie die Juden verachten. Schließlich muss man sieh doch erst selber achten, wenn man von andereu Achtung heischt! Der Jüdische Klub Aus Lemberg wird der NEUEN JÜDISCHEN KORRE* SPONPENX geschrieben: Die zionistischen Abgeordneten des Reichsrates besuchten ir. den letzten 'lagen eine Reihe gulizischer Städte und erstatteten Bericht über die bisherige Tätigkeit des ״Jüdischen Klubs *. Sie besuchten auch mehrere Städte, die keine jüdischen Abgeordneten gewählt haben, die aber eine zahlreiche jüdische Bevölkerung besitzen, weil sie sich mit Recht als die Vertreter der gesamten Judcnlieit Galiziens betrachten. Bisher landen \ ersanjm'iingcn in Brody, Drohubycz und Buczacz statt. Ueberall wurden die Abgeordneten feierlich empfangen. Die Versammlungen waren durchweg glänzend besucht und sprachen den jüdischen Abgeordneten ihr volles Vertrauen und ihren Dank für die bisherige Tätigkeit im Parlament aus. Zur Att'are Hilsner Aus Wien wird uns von unserem Korrespondenten geschrieben: Der Abgeordnete Breiter hat sich mit־ dem jüdisch-nationalen Klub in Verbindung gesetzt, um eine besondere parlamentarisclie Kommission zu schaffen, die sich mit der Affäre Hilsner beschäftigen soll. Die Kommission soll eine energische Kampagne ins Werk setzen, um dem unschuldigen Opfer einer willkürlichen Justiz endlich zur Freiheit zu verhelfen. Die erste Sitzung dieser Kommission fand unmittelbar vor Schluss der parlamentarischen Session statt. — Natürlich glänzten die Hausjuden des Polenklubs durch Abwesenheit, und auch der deutsch-freiheitliche Wiener Abgeordnete Kuranda, ebenfalls Jude, hielt es nicht für nötig zu erscheinen, ja er machte sogar der Kommission die zynische Mitteilung, dass er und seine Gesjiinungsgenosseti mit der Sache nichts zu tun haben wollten. (Wenn man deutsch-freilieitlich ist. kamt einem die üerechtigkeit ja schliesslich auch ziemlich gleichgiltig sein!) Die Mitglieder des jüdischen Klubs beteiligten sielt lebhaft an der Diskussion und machten eine Reihe von Vorschlägen für die weiterhin zu unternehmenden Aktionen. An der Spitze der Kommission, von deren weiterem Wirken man hoffentlich bald huren wird, steht der als Parlamentarier und als Gelehrter bekannte böhmische Proi. Dr. Mazaryk. ß*, ״Gymnasia ibrith“ in Jaffa *lieber das neue hebräische Gymnasium ״Gymnasia Ibrith" erhalten wir aus Jaffa einen Bericht, dem wir das Folgende entnehmen: xM