Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 35 «״ Rundschau. —־ j Von den Täuflingen. DER •TÜRMER schreibt in seiner No. 4: ..So um1895 ׳ herum erwuchs Berlin W. eine neue, hoffnungsvolle Generation. Aber: ״Ihr grösster Fluch war: sie hatte nichts mehr zu tun. 0e 1 d war da, mehr als notwendig, und für die Erwerbung geistiger (iiiter waren die meisten noch nicht reif. Und damals kam noch die Aera Wilhelms H. so recht in Blüte: ein Prunk, ein Luxus kam auf. der bis dahin in Berlin unerhört war. und mit ihm eine fast wahnsinnige Überschätzung alles A e 11 s s e rliehen. Diese Elemente kamen zusammen und zeitigten eine ganz eigenartige (iärung. wie sie. in solcher Raniditat entstanden, vielleicht einzig ist. Damit f i n g*s an, dass viele schlechte Juden noch viel s c h 1 e c h : e r e C 11 r i s t e n wurden oder eben höchst i 11 d i 11 c r e nt e J u d c n blieben. Daun ging's weiter. Natürlich war's. dass diese Herrschaften von lieberzengungen und ähnlichem nicht gerne reden hörten. Etwas anderes kan! hinzu. Die wenigsten derer, die heute zwischen Potsdamer Platz, und Kaiser Wilhelm- Gedüchtniskirche wohnen, sind echte Berliner. Ciewölmiiclt waren ihre Väter aus Posen oder• Schlesien eiugew ändert. Man hatte daher die verfluchte Piliciu und Schuldigkeit, sic!! dem Berliner Geiste so gut und schnell wie möglich zu assimibereu. Man akzeptierte also die Schnodderigkeit des Herliners. und da sich das Blut nicht gut verleugnen lässt, vormahlte sich diese Schnodderigkeit mit dem laugensciiarfen altjiidischen Skeptizismus, den zu bekämpfen und im Zaume zu halten nur den eisernen Glauhcusvorschriitcn des TalmuJ durch Jahrhunderte hindurch gelungen war. Aus dieser Vermischung nun entstand jener Geist, den ich iiir einen Verderber aller derer halte, die er beherrscht: der fl c i s t der Verachtung für j c d e Form von I d c a I i t ä t. Reich: das ist die Grundbedingung iiir die künftigen 1:11cleutc. Doch auch die N’ebenbedingungen sind nicht ganz einfach zu erfüllen“ usw. Der Geist der Idealität, den der TÜRMER vermisst, müsste doch bei Leuten vorhanden sein, die wie Marden-Witkowski. Witting, Mann Heckscher. Mugdait etc. ctc. aus ..Überzeugung־• ihre Religion gewechselt haben. Das sind eben wirklich gläubige, religiöse Leute. Verteilung der Juden in D3utschland Die nachstehende aus Grund der amtlichen deutschen Statistik gemachte Zusammenstellung zeigt, dass in der Verteilung der Juden auf die einzelnen deutschen Landesteile seit dem Jahre 1871 namhafte Verschiebungen vor sich gegangen sind. Insbesondere in die Augen iallcnd ist, wie die ZEITSCHRIFT FÜR DEMOGRAPHIE UND STATISTIK DER JUDEN schreibt, der Rückgang der Zahl der Juden in den östlichen Gebietsteilen. So zählten die Provinzen Ostpreussen, Westpreusscn. Pommern und Posen im Jahre 1S71 116075 22.67 %, im Jahre 1900 7S 310 13,35 7«. im Jahre 1905 69 785 11,48 Vc, aller Juden ,״־ Deutschland. Am stärksten war der Rückgang in der Provinz Posen, in welcher die Zahl der Juden in der Zeit von 1871 bis 1905 von 61 982 12JÜ Prozent, bis aut 30 433 5,01 Prozent sank. Da die Geburtcnlüiufigkeiten in den Ostprovinzen nicht geringer, sondern grösser ist als in den anderen Landestcilen, so ist dieser Rückgang nur durch Abwanderung zu erklären, deren grosser Umfang ja auch bereits genügend bekannt ist. Neben den oben genannten Ostprovinzerl ist ein prozentualer Rückgang auch in Schlesien cingetreten ,das mit 46 6*29 Juden im Jahre 1871 noch 9,11 Prozent, mit 46815 Juden im Jahre 1905 aber nur noch 7,11 Prozent aller deutscher Juden beherbergte. Einen starken Rückgang hat auch Elsass-Lotliringeu auznweisgi (40918 -• 7,99 Prozent im Jahre 1871. 31 708 - 5,22 Prozent im Jahre 1905.) Auch hier ist der Rückgang nicht durch geringerc Geburtenzahl, sondern durch Auswanderung zu erklären. Ungefähr stabil geblieben ist die jüdische Bevölkerung in den Provinzen Sachsen. Schleswig-Holstein, Hannover und Westfalen, ferner in den süddeutschen Staaten, in denen allerdings auch schon eine gewisse Tendenz zur Verminderung vorhanden ist. Die abwandernden Juden nehmen zum Ziel einmal Bcr- Im, sodann die westlichen preiissischen Provinzen Hessen- Nassau und Rheinland. Fn Berlin und der Provinz Brandenbürg, zu der die Vororte von Berlin gehören, wohnten 187! 47 489 9,27 Prozent aller deutschen Juden. 1905 dagegen 139 320 — 22,92 Prozent. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die ausserordentlich grosse Zunahme der Juden in der Provinz Brangenburg, d. 11. hauptsächlich in den Vororten von Berlin zum erheblichen Teile einem vorübergehenden Zustrom von russischen Juden ziizuschreibcn ist. die gerade zur Zeit der letzten Volkszählung vor den Wirren in Russland in Deutschland Zuflucht suchten und sich vorwiegend in den Berliner Vor- und Nachbarorten nicderliesse.i, so dass von 190(1 bis 1905 die Zahl der Russen (wohl meistens Juden) in Berlin von 4167 auf 909s. in der Provinz Brandenburg von 3560 auf 13 731 stieg.) In den Provinzen Hessen- Nassau und Rheinland wohnten 1.>7I 74 812 — 4.61-ן Prozent. I960 100,356 17.10 Prozent. 19115 105 424 --!7,35 Prozent aller deutschen Juden. Fine Zunahme von 3357 Juden — 0.6(» Prozent im Jahre 1871 aut!4 697 Jude!’. - 2.42 Prozent im Jahre 1905 hat auch das Königreich Sachsen auf/.uw eisen. Leistungsschwach Frankfurt a. M. Aus dem Bureau der ..Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums’־ wird uns geschrieben: Wie bereits in unserm Geschäftsbericht an den Vereinstag angekiindigt. enthält der Preussisclie Etat für •19ns die erwartete Position, welche es der Regierung im Sinne der seiner Zeit von 11ns angeregter. Resolution ermöglicht, den jiidisdien Synagogeiigemcinden Zuschüsse zur Förderung des Religions- Unterrichtes zu gewähren. Die Position beträgt 4111101) M;!rk.!11 der Begründung des Etats heisst es darüber: Es ist in Aussicht genommen, da. wo iiir den jüdischen Religionsunterricht nicht durch jüdische öffentliche Schulen oder seitens der bürgerlichen Gemeinde durch Anstellung * jüdischer Lehrkräfte an den öffentlichen Volksschulen oder | in anderer Weise gesorgt ist, den leistungsschwachen Synai gogengemcinden die Beschaffung des jüdischen Religionsj Unterrichtes durch Gewährung von Beihilfen i:1 solchen 1 Fällen zu erleichtern, in denen dauernd mindestens 12 ja- < dische Kinder vorhanden sind. | Wenn auch die vom Finauzmfnister für das Kommende! Etatsjahr bewilligte Summe von 40P0U Mark dem vorhandenen! Bedürfnisse leider nicht im entferntesten entspricht, so ist es doch als ein erfreulicher Fortschritt zu begrüssen. dass die moralische Verpflichtung des Staates zur materiellen Fürsorge für die religiöse Unterweisung der jüdischen Jugend durch diese zum ersten Male erscheinende Etatsposition anerkannt ist. Es dürfte nicht aussichtslos sein. Staatsregierung und Ahgeordnetenhaus durch die von den einzelnen Synagogengemcinden zu liefernder Nachweise mangelnder Leistungsfähigkeit davon zu überzeugen, dass eine allmähliche Erhöhung der Position im Rahmen der allgemeinen staatlichen Aufwendung dringend notwendig und dass es vor allem ein Gebot der Billigkeit ist. gerade die kleinsten 1 e i s t u n g s ־ schwachen Gemeinden mit weniger als zwöli Schülern von den Wohltaten des Gesetzes nicht auszuschliesen. W ir müssen gestehen, das die Freie Vereinigung der Orthadoxen wirklich zu bescheiden ist. Die Bewilligung de8 Resolutionsfonds und die Art seiner Bestimmung ist keineswegs | der Stellung und den Leistungen der jüdischen Steuerzahler angemessen. Ausweisungen Die Ausweisungen aller ausländischen Juden aus Preussen i dauern an. Es handelt sich dabei keineswegs um lästige Aus• länder, sondern um das Prinzip, ausländische luden überhaupt nicht zuziilassen. wahrend Ausländer aller anderen Nationen | und Religionen ohne weiteres geduldet werden. Dass etwa die bei der Regierung jetzt so freundlich verkehrenden | Liberalen aller SchaUievuv.gcn auch nur ein freundliches Wort gegen diese Verwirklichung _ de־׳ antisemitischen Theorien einlegeii. dürfen wir bei der Zusammensetzung der liberalen Parteien und der Bedeutung der getauften Juden hei ihnen nicht erwarten. Ein Fall für viele: ״Vor zirka zwei Jahren engagierten wir aui Veranlassung des hiesigen Vereines zum Schutze aus Russland ausgewie-