Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. . J * . M2JZZ Seite 34 Losung *jedes mathematischen Exempels gearbeitet, und mit derselben Aufmerksamkeit und weihevollen Stimmung jedes SchiUersche oder Shakespearesehe Drama gelesen, mit der wir sie höchstens auf dem Theater verfolgen. Auf Veranlassung eines Kollegen wurden den Winter iibci Lese• und Vortragsabende mit anschliessender Diskussion veranstaltet; da hätte nsau vor aller Welt damit stoiziercn können, mit welch intensiver Energie alle ohne Ausnahme ihre Teilnahme und ihr Verständnis bekundeten. Am Sabbath wurden Midrasch- Übungen fakultativ abgehalten, und aller Hitze und allem Sonnenbrände zum Trotz zeigten alle eine herzliche Frische und Fröhlichkeit. Aus der schönen hebräischen und deutschen Bibliothek, die das Seminar besitzt, ist seiten ein Buch unbenutzt; das rege Interesse der Zöglinge ruht nicht, bis jede Neuanschaftung durchstudiert ist. Faulenzen, bummeln, solche Begriffe waren den jungen Leuten fremd, selbst mit hoher Fiebertemperatur fanden sie sich zum Unterricht ein und nur einen bescheidenen Abzug machten sie ihrer Arbeit: das waren Schulausflügc. Palästina zu durchwandern und zu erforschen, das war die höchste und grösste Lust, da jauchzte im hebräischen Marschliedc ihre Seele zum Himmel, da festigte sich im Anblicke aller der Herrlichkeit und Grossartigkeit der paläjstinisehen Natur die Liebe zum alten Heimatlande. Jede kleine Ersparnis, jeder Wunsch galt diesen Spaziergängen. Anstrengung des Weges, die nicht gering sind dort zu Lande, schreckte oder ängstigte. Bis Sichern und zum Roten Meere, nach Hebron wie nach Oaza und Askalon dehnten sie ihre oft M tägigen Streiizfige aus. Und stand man dann am Ziel, einer Ruine, oder einem historischen Fleckchen oder einer landschaftlich schönen Partie, dann machte sich in Versen desTnach oder hebräischer Dichter die Freude Luit. Nie kann ich diese Szenen vergessen. Da hatten wir uns einmal verirrt und umvvanderten unter Führung eines Arabers in ־.eitern Bogen den Oelberg. Endlich kommen wir, müde und abgespannt, in tiefer Finsternis oben an und vor uns liegt, in ein Lichtmccr gehüllt, die heilige Stadt, da brauste der Sang: ״Jerusalem, Jerusalem״ in die Luft, denn ״wie gebannt blieben die Fasse uns stehen in deinen Toren, Jerusalem״. Es steckt noch ein Stück echten Idealismus, jüdischer Begeisterung in diesen jungen Seelen. Die Weisen haben es gesagt: wer 4 Ellen in Erez-Jisrael wandert, der ist nicht mehr von diesoWeltp״n>* נידאי הוא בן der trägt himmlischen Feuers einen Funken in sich. Diesen Idealismus, den kann ich wahrhaftig bezeugen. Diese jungen Leute ״essen Brot in Salz und trinken Wasser im Krug und leben ein Lehen der Dürftigkeit und mühen in Thora und Wissenschaft sich ab." Schrecklich gross ist die unter ihnen herrschende Armut; mit 10—15 Fr., die sie als Stipendium erhalten, leben die meisten einen ganzen Monat und geben zuweilen ihren noch ärmeren Eltern davon ab. Wenn ich rührende Schilderungen entwerten wollte, dann müsste ich ans den Lehrerkonfercnzeu plaudern, in denen die Verteilung der Subventionen berate» wurde, wo über die materielle Lage det einzelnen manchmal erschütternde Auf- Schlüsse gegeben w urden. Seines eigenen Wohllebens möchte man sich schämen, wenn an ihre Entbehrungen und Not denkt. Und dennoch besitzen sic sovielcn männlichen Stolz, selbst die Ihnen gewährte Unterstützung nur als Darlelm anzunelmien; und doch lassen sie sich durch alles dies ihre Lern- und Arbeitsfreudigkeit nicht verkümmern, um so weniger, als sic um sich herum ja häufig noch viel trostlosere Bilder des Jammers und Elends selten, als ferner die teste Hoffnung auf eine baldige und sichere Existenz sie aufrichtet und stärkt. Gleichwohl wäre es zu wünschen, dass der Hilfsverein ein Alumnat errichte für diejenigen, die ganz allein und ohne elter- No. 4 liehe Beihilfe dastehen. In diesem Idealismus sind alle Schüler einig und gleich, mögen, cs Aschkenasim oder Sephardim sein, mögen sie aus Jerusalem oder den Kolonien, aus Persien oder Russland stammen. Bunt zusammengewürfelt ist ihre Schar, aus allen Lagern und Ländern Israels setzen sie sich zusammen. Sn verschiedenartig ihre Herkunft, so mannigfaltig ihre Vorbildung. Dieser hat ein Jcschibab besucht, jener ein russisches Gymnasium fast beendet; der eine kommt von der Kolonieschule, ein anderer hat an der Edler v. Lämelschule seine Ausbildung erhalten. Der Anstalt wird die Aufgabe, alle diese Unterschiede auszugleichen, das Trennende, das in *der versschiedenartigen Vergangenheit der einzelnen liegt, verschwinden zu lassen. Schon darin leistet das Seminar (wie die Schule überhaupt) etwas Grosses, es überbrückt die starken Gegensätze, die die palästinische Bevölkerung in tausend Sonderlager spaltet, sie schafft einen Gesamtgeist, eine Zusammengehörigkeit aller Glieder des Jüdischen Volkes. Mit Bewusstsein und gutem Eriolg wird von der Lehrerschaft aui dieses Ziel hingearbeitet. Mit fünf Schülern, die alle die Lämelschule absolviert hatten, wurde vor 5 Jahren die unterste Klasse des Seminars eröffnet. Seitdem ist der Ruf der Anstalt weithin gedrungen, besonders aus Russland strömten viele Jünger herbei, v״n der wirken und leben zu können. Um nun ein einheitliches Scliülermatenal zu schaffen, wurde : eine Prüparandie mit zweijährigem Kurs erüiinet und damit ׳ jedem die Möglichkeit geboten, den Anschluss an die Seminar- 1 Kurse zu gewinnen. Heute, nachdem die iiini ersten Zöglinge i bereits entlassen,?1 Jahre in Amt und Würden sind, zählt die; Anstalt insgesamt die stattliche Zahl von 60 Schülern. Die , Zahl der Meldungen ist so gross, dass nur ein beschränkter! Bruchteil von ihnen berücksichtigt werden kann; die Sc’nuie! braucht daher nicht jedem Kreti und Pleti Aufnahme gei währen, um nur ihre Bänke zu füllen, sie kann die besten und begabtesten sich auswählen. Aui manches wohlbcfähigte Talent kann sic heute hinweisen, aut einen jungen Sephardi aus Hebron, der als hebräischer Novellist sich bereits einen gewissen Namen gemacht und sem heimatliches Milieu glücklieh zu schildern versteht, auf einen Perser, der deutsche Dramen nicht ohne Geschick dichtet und in seinen Produktionen schier unerschöpflich ist’), aui manchen der Jeschibah entstammenden grossen Lamdan, der einem deutschen Rabbinats- Stuhl Ehre machen würde, aui manchen hochbegabten Zeichner, der noch mehr leistet als blosse Technik. Die Schüler sind meist schon vorgerückten Alters, sie haben ־vom Baum der Erkenntnis bereits gegessen, es sind meist reife Menschen, die eine grosse Masse von Wissen in sich aufgespeichert haben . Diese Schülerschaft stellt Ansprüche an ihre Lehrer, sie werden sich nicht wie Unmündige von jedem eisten Besten abspeisen lassen. Sie verlangen kräitige, geistige Kost, sic wollen ihre Meister linden. Wie ist es nun damit? Mir scheint, sic haben in ihren Lehrern solche gefunden. (Fortsetzung folgt). *) Eins seiner Stücke ״Serubabel" wurde am Purim in der Lämelschule aufgefiihrt. Theatralisch tun die Seminaristen sich oft hervor und haben den Jerusalemern schon manchen genussreichen Abend bereitet. ei" -_ JÜDISCHE RUNDSCHAU Keine; Aussicht gelockt, in I:rez-Jisracl