Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Sttte M No. 4 40ut8ch-be!g;ischcn Grenze ebenso wie in Hamburg und Bremen wachen sehr strenge Polizeibeamte darüber, dass alle Rückwanderer mit Fahrkarten bis zur Grenze versehen sein müssen. Die deutschen Schlffahrtsgeselischäften und auch d!e grossen ausländischen Rhedereien sind verpflichtet, mittellose Rückwanderer, oder solche, welche von ihnen oder ihren Agenten zur Beförderung angenommen worden sind, kostenfrei an ihren Wohnort zurückzuschaffen. Es dürfen weder einem Bundes* Staate, noch einem Armenverbande Kosten daraus entstehen. Auch für Verpflegung und Beherbergung müssen die Gesellschaften aufkommcii. Es wäre zu wünschen, dass diejenigen jüdischen Organisavonen, die sich mit der Rückwanderung befassen, den Dampferlinicn kein unnützes Entgegenkomme,ף zeigen. Der Jüdische Volksverein verhandelte mit Erfolg mit einer Belgischen Schiffsgesellschaft, die entstandenen Kosten für eine Emigrantin, die auf der Reise wahnsinnig wurde, versetzt zu erlangen. Gewöhnlich gehen bei dem jetzigen Massenström Extraziige von der Hafenstadt bis zur Grenze. Nur kurze Zeit hält der Zug auf dem Schlesischen Balmhofe. Das Bild, das sich h;er darbietet, ist nicht erfreulieh. Die Juden, die nicht so stark vertreten sind, machen im Gegensatz zu den Slowaken, Italienern und andern einen traurigen Eindruck. Die Hotfmmgsstralilen einer besseren Zukunft, die den Auswanderern das Gesicht erheiterten, haben emer dumpfen Resignation Platz machen müssen. .Mit Betrübnis sprechen sie von der Rückreise. Andere wieder kehrten um, so erzählen sie, weil sie in dieser sündigen Welt nicht dem Gesetze Israels treu bleiben können; es sind dies gewöhnlich ältere Leute. Neben Einzelnen, die Geld bei sich führen, ist ein grosser Teil jeder Mittel bar. Das sind die Energielosen, die Schlacken der Wanderer, wie ‘ic drüben genannt werden, denen das Glück auch drüben stets abhold war, und die bei der ersten passenden üclegenheit der neuen Welt den Rücken kehrten. Soweit es dem ״Jüdischen Volksvercin“ möglich ist, werden diese Mittellosen durch Mitglieder der Bahnhofswache verpflegt und ihnen d־'e nötigen Informationen erteilt. An der russischen Grenze müssen für jeden Gouvernementspass 20 Rubel für je einjährige Abwesenheit von Russland entrichtet werden. Wenn der Rosende sielt als Russe dokumentieren kann, erhält er auf dem hiesigen Generalkonsulat, wo er, nebenbei bemerkt, sehr entgegenkommend behandelt wird, Passierscheine, wofür aber, um den heiligen Boden Russlands betreten zu können, 5 Rubel gezahlt werden müssen, die dem russischen ״Roten Kreuz“ zuflicssen. Diejenigen, d:e ohne 'Papiere sind, lassen sich über die Grenze schmuggeln; dabei ist die natürliche Folge, dass viere verhaftet oder gar ׳erschossen werden. Die Grenzkomitees der ״Allsance" oder des ״Hilfsvereins“ versagen für Rückwanderer fast völlig. Manche Komitees, wie Eydtkulmen und Thorn, sind empört, dass man die Emigranten an sie weist. Sie fölgen der jetzigen Krisis, wirken auch auf die Zurückgebliebenen zurück. Eine russische Zeitung hat ausgerechnet, dass die nach Amerika Ausgewanderten jährlich an 15 Millionen Rubel in ihre polnische Heimat senden. Es lässt sich denken, in was für eine kritische Lage jetzt Tausende von jüdischen Familien durch Ausfall der Unterstützungen geraten sind. Und noch immer findet die moderne Wanderung der Juden keinen Ab- Schluss. Immer noch wandern Tausende aus, ungeachtet der ungünstigen Konjunktur, bis die momentare Bestürmung von Handel und Industrie etwas behoben ist. Immerhin wird noch geraume Zeit vergelten, bis alles wieder seinen normalen Verlauf nimmt. Was aber wird bis dahin mit den Tausenden von ruinierten Existenzen geschehen? Vorläufig werden diese Hin- und Herwanderer eine Anhäufung der sozialen Not in den Ländern des jüdischen Elends verursachen. Wohin mit diesen Menschen? Isidor Wo! ff (Charlottenburg). Ein jüdisches Lehrerseminar. Von .1 o s e p lt C a r 1 e 1י a c 11. IV.*) In den Schillern und Lehrern des Jerusalemer Lehrerseniinars sollte sielt das Geheimnis lösen, das in dem verhältnisnüissig viel umfassenden, umfangt eichen Lehrprogramm der Anstalt sich darbietet. Zunächst in den Schülern. Wenn ich an sie, mit denen ich über zwei Jahre lau« fast alle Tage zusatnmen verbracht habe, zurückdenke. dann ergreift mich wundersam die Sehnsucht nach Jerusalem. Stunden gemeinschaitlichcr Arbeit, in denen ich zum crsteumale die Wollust des Lehreus in ihrem ganzen U.niange ausgekostet habe. Ls war ein dankbares Amt. bei ihnen Lehrer zu sein; sie wussten noch nichts von der Blasiertheit, von der KuUurmiidigkeit und dem Lernüberdruss, mit dem bei uns zu Lande die Schulweisheit widerwillig aufgcuom.nen wird, die den Lehrer zum Störer und Verderber aller jugendlichen Freuden stempelt. Durstigen gab man Wasser, mit einer einzigartigen Liebe, Empfänglichkeit und Auihahmeu iüigkeit griffen sie nach, jeden-, noch so dürftigen Wissensbrocken, den man ihnen hot. Mit Spannung wurde jeder Stunde eiitgegengcseheii, unermüdlich waren sic in ihrem Streben nach Fortbildung. Zum Lernen war keine Morgenstunde zu irüh, keine Abendstunde zu spät. Alle waren sie von dem Bewusstsein erfüllt, dass sie ein Stück Zukunft unseres Volkes repräsentieren; und dies Bewusstsein wirkte als stille, innere Kraft״ belebend und erfrischend; dies Bewusstsein erfüllte sic mit einem heiligen Ernst, jede Aufgabe tief und voll zu nehmen, jedes Problem gründlich und eingeltend anzufassen, jede Piiicht gehorsam und treu zu erfüllen. Man konnte mit ihnen ruhigen Herzens pädagogische Experimente wagen, die sich anderswo schwerlich ein Lehrer zutrauen dürfte. Nach vier Monaten Aufenthalt in Palästina hegann ich hebräisch Mathematik zu lehren, ohne der Sprache sicher zu sein, noch häufig um den Ausdruck ringend, nicht selten mit groben grammatischen Verstösscn. Keine Miene verzog sich unter den Hörern, die mir alle weit überlegen waren, denn jeder fühlte, dass es nationale Piiicht ist, hebräisch zu sprechen und sei es in welcher mangelhaften form immer. Ich rede nur von meinen Unterrichtseriahriingcn, aber ich weiss, dass diese bei allen Kollegen die gleichen waren. Mit übermässiger Freude wurde jeder Demonstrationsversuch in der Chemie und Physik begriisst, mit Leidenschaft an der *) 1111 vorigen Artikel ist leider eine sinnentstellende Um- Stellung vorgekommen. Die beiden letzten Absätze gehören nicht an den Schluss, sondern sind nach dem ersten Absatz I um!!schulten.