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Jüdische Rundschau · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU darin eine Art von Charakterfestigkeit des Herrn Somanescu erblicken zu sollen, dass er es verschmäht, von Fremden zu sprechen, wenn er doch tatsächlich die Juden meint. Ein ganz anderes Bild aber ergibt sich aus den jüngsten Kammerdebatten. In der Sitzung vom 28. Dezember, gelegentlich der zweiten Lesung des Gesetzes über die Agrar-Vcrträge sehilderte nämüch der Bauernabgeordnete H. Dinca S c h i I c r u die Gräueltaten, die auf den Gütern des Herrn Somancscti tagtäglich Vorkommen. Der grosse Bauernfreund Somanescn hat auf seinen Gütern eine Anzahl ״Türken“ angestellt, die keine andere Aufgabe haben, als die Bauern zu ״überwachen•, d h. sie bis aufs Blut zu peinigen. Die Szenen, die sich infolgcdesscn dort ereignen, sind mit Worten nicht zu schildern. Dass Frauen und Mädchen geschändet werden, ist noch das Geringste. Bewaffnet wie Banditen spazieren die türkischen Aufseher auf den Gütern des Herrn Somanescn herum und bedrohen die Bauern wegen jeder Kleinigkeit mit den Unmenschlichstcn Strafen. Unlängst ging der ״Türke“ Osman Soli nachts zu der Bäuerin Anica Pruna, brach die Tür auf und quälte die arme Frau in nicht zu erzählender Weise. Der Türke Mahomed Bamazan hatte mit einem Messer dem Bauern Sttrban solche Verwundüngen hergebracht, dass der Bauer mehrere Monate im Kraukeiihausc liegen musste. Ein anderer Türke hatte dem Bauern Blau so schwere Stiche versetzt, dass dieser daran verstarb. Der Abgeordnete Sehiieru erzählte noch eine ganze Reihe solcher Kniturtatci: der fremden Angestellten des Herrn Somanescn. Am Schluss seiner Rede legte er uer Kammer mehrere Photographien vor. auf denen die linken des Herrn Somanescn in ihrer vollen Bewaffnung zu selten waren und sagte: ״Das sind die Gründe, weshalb die Bauernunruhen in jener Gegend so entsetzliche Grausamkeiten zeitigten.“ Jetzt ist also auch verständlich, warum Herr Soiuanescu immer nur von Juden spricht und nicht von Fremden, denn unter letztere wären ja ״seine Türken“ auch zu rechnen. Abschaffung der Schultaxen Rumänien braucht wieder einmal Geld, und zwar sehr viel Geld. Die neuen Gesetze, die in diesem Jahre in Kraft treten sollen, stellen an die Regierung grosse •Anforderungen: ausserdem wird nun noch ein E’itschädigungsgesctz vorgelegt, das fünfzehn Millionen Frs. fordert, um die bei den letzten Unruhen zu Schaden gekommenen Gutsbesitzer zu ciitschädigen. Die rumänische Regierung braucht also wieder einmal die jüdischen Bankiers. Um diesen nun etwas Honig um den Mund zu streichen, verbreitete die Regierung kürzlich das Gerücht dass noch int Januar d. Js. eine Kommission zusammentreten werde, um die sogenannten Schultaxen abzuschaffen. Das sind die Extraabgaben, die für die jüdischen Kinder schon von der Volksschule an entrichtet werden müssen, und die pro Kind etwa 30 Frs. jährlich betragen. Wie richtig die Kombination ist. dass diese grossartige Reform durchaus nicht etwa liberalen Anwandlungen unserer ״liberalen“ Rcgierung ihre Entstehung verdankt, sondern lediglich ihrem gegenwärtig wieder einmal akuten Geldmangel, mag mau daraus ersehen, dass der jetzige Unterrichtsminister, einer der verbissensten Antisemiten Rumäniens, seinerzeit selbst die Schultaxen bei einer ״Reorganisation“ der Schulen im Jahre 1897 durchgeführt hat, und dass derselbe Herr noch vor zwei Wochen mit einer rein antisemitischen Rede in der Kammer debütierte. — Wenn aber die jüdischen Finanzleute ihre Schuldigkeit getan haben werden, dann wird sich wohl wieder die Notwendigkeit herausstellen. die Schultaxen von neuem zu erheben, vielleicht mit entsprechendem Auischlag für den in der Zwischenzeit erlittenen Verlust. Deutsche Kolonisten aus Palästina In Deutsch-Ostafrika soll am Mar 11 berge in der Nähe von Aruscha eine deutsche Niederlassung grösseren Stils durch deutsche Kolonisten aus Palästina geschahen werden, wo ebenso wie in Syrien seit über 30 Jahren Deutsche — zumeist schwäbischen Stammes — ansässig sind, die ihre Nationalität beibehielten. Seit einigen Monaten besuchten, wie die DEUTSCH-OSTAFRIKANISCHE ZEITUNG berichtet, im Auftrage der deutschen Siedelungen bei J a f f a zwei Sachverständige die Nordbeücke Daressalam und Movogoro. Alle Vorvcrhandlangen sollen so weit gediehen sein, dass der Plan, eine grössere Anzahl dieser alten Kolonisten in geschlossener An- Siedlung auf jenem Gebiete ansässig zu machen, nur noch die Frage einer kurzen Zeit bedeutet. In Palästina haben sieh insgesamt 30 Familien zusammengeschlossen, um sich in Deutsch- Ostafrika eine neue Kolonie zu gründen. Die Leute stehen alle in vollster Jugendkraft und sind meistens Landwirte. Die übrigen sind Handwerker aller Branchen. — Die Frage einer Besiedlung dieser Kolonie durch Deutsche ist für das Deutsche Reich von der grössten Bedeutung. Und tm Hinblick No. 3 auf die bevorstehende Niederlassung deutscher Kolonisten au׳* Palästina in Ostufrika erinnern deutsche Zeitungen daran, dass die deutschen Siedlungen in Palästina auerkamitermassen das Beste darstelleu. was deutsche Kolonisten auf fremdem, sprödem Bojen unter ungünstigen Verhältnissen geschahen haben. Es sind also wesentlich Momente nationalpoiitischcr Art die diese Uehcrsicdltmg Deutscher aus Palästina nach Ostafrika veranlassen. Palästina-Industrie-Syndikat Wie uns mitgctcilt wird, hat der Aufsichtsrat des Palästina-Iudustrie-Syndikats <0. m. b. II.. Berlin W. 15, Uhland- Strasse 175) in seiner letzten Sitzung beschlossen, nunmehr nach Becudigimg der vorbereitenden Arbeiten die Tätigkeit des Syndikats aiifzimchmeii. In der ersten Zeit w ird das Syu- Uikat sich mit einigen grösseren T r a 11 s p o r t - U n t e r - n eh m u n g c n belassen. Dem Svndikat gehören eine Reihe bekannter jüdischer l'inan/kute an. sowie mehrere ans audereu jüdischen Unternehmungen bestens bekannte Männer, so dass linnemüeli bald von einer erfolgreichen Tätigkeit des Syndikats berichtet werden kann. Jüdische Schulen im Orient. ln einem eigenartigen Zusammenhang mit den ohnehin schlechten Zeiten, die hier die Juden gegenwärtig infolge der allgemeinen Teuerung erleben, steht eine Massregcl der Alliance, die ihren hiesigen Schulen allmählich immer mehr die Subventionen entzieht. Die Schulen müssen sich'somit selbst aus dem Schulgeld erhalten, ein an sich vielleicht ganz richtiges Prinzip, dessen Durchführung aber jetzt stark hureaukratisch anmutet. Denn die Folge ist natürlich, dass nur Kinder aus dem Mittelstand die Schulen besuchen können, die den ärmeren Kindern nun bald ganz verschlossen bleiben. Man muss daher mit um so grösserer Freude die Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Jaden im.Orient begriissen, der zurzeit drei Schulen in Konstantinopel'unterhält, die von etwa 700 Kindern besucht werden. Aus dem Orient ln der jüdischen Kolonie Petach-Tikwah in' Palästina wird in allen Häusern eine Wasserleitung angelegt, für die in de.n grössten der vier Brunnen ein elektrischer A.otor angebracht wurde. Zwei neue Eisenwerkstätten wurden errichtet, da die vorhandenen drei die Arbeiten nicht bewältigen können. Die elektrische Beleuchtung der Strassen soll in Angriff genommen werden. — Palästina erschiiesst sich also der modernen Kultur immer mehr, und es ist höchst erfreulieh, dass es gerade die jüdischen Kolonien sind, die in dieser Entwicklung vorangehen. Nach mühevoller achtmonatlicher Arbeit sind jetzt ׳die im vorigen Jahre von der Flut angerissenen Dämme am Euphrat bei Kenania. deren Einsturz?1 ׳״ Häuser in Bagdad verniclnetc. wieder hergestcl': worden. Der Wiederaufbau dieser Dämme wird sowohl in ökonomischer wie in sanitärer Hinsicht für die Provinz Bagdad und auch für Bassora von grosser Bedeutung sein. Dr Mangel einer Mädchenschule macht sich in Galata bei den deutschsprechenden Juden sehr bemerkbar. Während wir zwei Schulen für Knaben haben, die Schule des Hiüsvercins lind die ״öoldselmiidtschule“ der Alliance Israelitc Universelle, fehlt eine solche Sclmic tiir Mädchen. Die einzige Mädchenschule der ATU״ die zu׳»• gr» s• :en Teile von Sp!.n.־.cn Iwsucht wird, ist derart überiüHt. dass die Direktion sich genötigt sah, ab 1. Januar 1905 vier Parellelklasseu cinzuricliteii. Einer Meldung des halbofiiziollen türkischen Organs SABACll zuiolge wird zwischen Angora, Fski-Sehehir und Jozgad ein A 1110 tu o b i l d i e u s t eingerichtet zur Erlnichieri'ng des Persoiialverkehrs ווווJ des Gctrei'kti ansoortes. Die Regierung hat der Eiseiibahiigescllscliaft die Erlaubnis dazu c! teilt, in der Voraussetzung, dass es sieh da um kein Monopol handelt, sondern nur um die Ausübung eines Rechtes, das der Gesellschaft ohnehin nach ihrem Kontrakt zusteht. Gleichwohl aber muss die GeseNschait eine besondere Taxe für die Instandhaltung der Wege zahlen. Ein Kaiserlicher Firman genehmigt die Wahl des Ex- Grand-Rabbin aus Jerusalem. Jakob Mar. zum Chachambaschv von Saloniki. Jakob Mi'-ir ist ein alter Zionist und hat sich um die Juden Palästinas grosse Verdienste erworben. — Die Einwanderung von Juden nach Palästina über Konstautinopel hat sich in der letzten Zeit infolge der strengen Quarantänevorschriften sehr vermindert.

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