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Jüdische Rundschau · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 3 .*גמי* .- "י*, >W: JU»<•** ' JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 25 wie zu Heiner Zeiten, das .,Entrceblllet zur europäischen 1 Knltur“. : Zweitens: was hat denn die Assimiliertheit mit der Gleichbereehtigung zu tun? Wo steht denn in der deutschen Reichs- Verfassung etwas davon, dass die Bedingung der Zulassung zu Sfaatsümtcrn davon abhängig ist, dass die Bewerber sich ״dem deutschen Wesen‘‘ assimiliert haben müssen. Werden denn auch die anderen deutschen Staatsbürger fremden Stammes grundsätzlich nicht zugclasscn. bis ihre Gemein- Schaft sich ״dem deutschen Wesen“ assimiliert hat? Viertens; Auf Grund welcher Umstände werden denn gerade Harden und Bernstein — wie gesagt, getaufte Juden, die sich nie als Juden gegeben haben — als typisch für die Juden bezeichnet? Fünftens und letztens: Seit wann ist DAS RLICH. eines der unbedeutendsten Blättchen der Reichshauptstadt. der herufene Richer über ״deutsches Wesen־• und über die Eignung der Juden für den Staatsdienst? Antwort: Alles deshalb, weil man ein antisemitisches Hetzblatt ist und berufsmässig über die ״negativen“ und ״zerstörenden’־ Eigenschaften der Juden reden muss, um über den absoluten Mangel an eigener positiver Tätigkeit und Fähigkeit hinwcgzutüuschcn. Und das hat den traurigen Mut. von ,.Deutschtum"«! sw. zu sprechen! Zu vergesslich Wenn man sich jetzt mit Recht über die Behandlung jüdischer Reisender in Russland entrüstet, so vergisst man allzu leicht - namentlich jiidischcrseits! ״-. dass es noch nicht sehr lange her ist. als Juden in Deutschland, ganz zu schweigen von anderen I.änJern, auf Reisen der entwürdigendsten Beliandlung unterworfen waren. Vor wenig mehr als h»j Jahren brachte der bekannte deutsche Dichter Wieland in seinem ״Teutschen Merkur“ einen Artikel, dem folgendes entnommen ist: ״Wo ein Adler stellt, müssen sie (die Juden) einen Zollzettel lösen und denselben, damit sie keine Zollbude überschlagen, auf dem nächsten Zollamte vorzeigen. Wenn Juden auf die Post komme״, müssen die Postmeister Zusehen, ob sie auch auf den Zollämtern ihre Sel.eine gelöst haben. Unser armer Jude (der aus Paris kam und nur noch wenige Meilen von Berlin entfernt war) machte diese Tour zum erstenmalc in seinem Leben und sass noch dazu in einem bedeckten Wagen, so dass cs fast unmöglich war. alle Zolladler zu bemerken. .. Indessen waren die übrigen Passagiere, die ihn alle lieb gewonnen hatten, so gefällig, ihn jedesmal zu erinnern wenn ein Zollamt ant Wege lag. damit er sich einen Zettel lösen könne. Sobald wir im Posthause ankamen, ging der Postmeister auf den Juden zu und sagte: Wo hast du deinen Zettel. Jude? Uns verdross diese grobe Anrede, aber der Jude lächelte nur und zeigte seine Zollscheine vor. — Schurke, brüllte der Postmeister, ein breitschultriger. aus grobem Holze gehauener Mensch, du hast den Zoll verfahren! Die übrigen Passagiere murrten laut und stellten sich um den Juden her. — Ich hab’s nicht gewusst! sagte der Jude mit einem Lächeln, das seinen inneren Aerger verbergen sollte. Aber der Grobian glaubte, er lache ihn aus und ballte schon die Faust, um ihn vor die Brust zu schlagen, als sich ein Passagier mit geballten Fäusten vor den Juden stellte und dem Postmeister eine Gegcnpantomimc machte. Wir übrigen gaben auch unser Wort dazu und der Postmeister spannte gelindere Saiten auf. Endlich kam cs heraus, dass sich das Zollamt, welches der Jude überschlagen hatte, gerade in den! Dorfe befand, in welchem wir jetzt waren und dass wir überhaupt auf dem von dem Postillon gefahrenen Wege nicht daran vorbeigekommen waren. Was konnte nun der arme Jude dafür?“ Sozialdemokratische Vergesslichkeit ln der dritten Duma hat sich nun dasselbe Schauspiel wiederholt, das wir schon in der zweiten rüir Kopfschütteln angesehen haben. Der sozialdemokratische Deputierte Pokrowskl hat wieder eine schöne Deklaration verlesen, wie in der zweiten Duma Herr Ceretelli, und er hat wieder alle die herrlichen sozialdemokratischen Forderungen vorgebracht, hat sogar das Wahlrecht lür die Fremdvölker zu fordern sich erlaubt, aber die elende Lage und Rechtlosigkeit der Juden hat Herr Pokrowski vergessen, wie sie Herr Ceretelli damals auch vergass. Man könnte es lediglich bezeichnend für den sozialdemokratischen Doktrinarismus finden, dass das ״Wahlrecht“ gefordert, die allgemeine Rechtlosigkeit der Juden aber nicht einmal erwähnt wird. Selbstverständlich ist, wie ein bundistisches Blatt bemerkt, nicht etwa die Sozialdemokratie giegen die Gleichberechtigung der Juden. Das ist ja ein en Nonsens. Aber dieses ewige Ignorieren einer besonderen Judenfrage, die doch in Russland kein Mensch leugnen kann. Ist direkt gefährlich. Denn es entspringt der allgemeinen politischen Trägheit, die am liebsten im gewohnten Geleise weitergeht. Um nur ja nicht aus dem so schön auswendig gelernten Programm herauszufallen, lässt man diese Juden, die einem das ganze Konzept verpfuschen, eben einfach bei Seite. Aber schliesslich soll eine politische Deklaration im Parlament doch mehr sein als ein Auszug aus einer theoretischen Schrift. Sehr treffend bemerkt der RAsSWJET zu dieser ominösen^Situation der Juacn, die jeder aus anderen G!ünden unerwähnt lässt: .,Die Sozialdemokraten sprechen nicht von den Juden ״aus Vergesslichkeit“, die Kadetten aus tiefsinnigen ״taktischen Erwägungen“ heraus, die Progressisten aus ״Vorsicht“! Die Sache wird damit enden, dass die einzige Gruppe, die in d er Duma von den Juden sprechen wird, die Rechte sein wird. Die wird es gewiss nicht vergessen." Eine schöne Perspektive, nicht wahr? Ein Interview mit Baron Meyendorff Die hebräische Zeitung HEETH-II ASM AN veröffentlicht eine Unterredung mit dem Vize-Prasidenten der russischen Duma, dem Baron Meyendorff, dem Führer der deutsch-baliischen Gruppe, der sich in seinen Aeusserungen bemerkenswert unterscheidet von dem ״liberalen‘־ Präsidenten Chomjakow. Baron Meyendorff sagte u. a.: ״Zu meinem tiefen Bedauern wird die Judenfrage in der nächsten Zeit in d:r Duma nicht berührt werden; und wenn es der Fall sein sollte, so kann jetzt eine Besprechung für die Juden nur ungünstig ausfallen Ich habe mich immer gewundert, dass es Leute gibt, die nicht begreifen wollen, dass wir, indem wir die Juden in ihren Rechten beschränken und sie ausserhalb des Gesetzes stellen, dadurch nur schädlich und zersetzend auf die russische Bevöikerung einwirken, und dass wir damit nur niedrige und schändliche Instinkte in ihr entwickeln. Wenn nun sogar diese fürchterlich klare Wirklichkeit, die doch das russische Volk sojmhe berührt, den meisien verborgen bleibt, so ist es kaum nötig zu sagen, dass die gedrückte und rechtlose Lage der Juden an sich kaum die Aulmerksamkeit und das Mitgefühl der Dumamehrheit erwecken wird. Eine so ungünsuge Situation für die Juden, wie sie sich jetzt gestaltet hat, habe ich noch nie gesehen. Die erdrückende Mehrheit der Abge* ordneten ist durch antisemitische Bazillen schlechtester und schädlichster Art ve!giftet. In der Duma herrscht eine so drückende antisemitische Atmosphäre, dass man buchstäblich darin erstickt. Unter diesen Umständen ist die Lage der wenigen Deputierten, die den Juden günstig gesinnt sind, überaus schwer. Ganz besonders schwer ist der Kampf für die Juden wegen jener Abgeordneten aus dem Ansiedlungsrayon, die bei alten anderen als ,Kenner“ und .Spezialisten“ der Judenfrage gelten. Und wenn d.ese ״aneikannten Experten“ nun jammern, man möge den Juden doch ja nicht erlauben, sich in ihre Dörfer hineinzudrängen, und man so le ja nicht die Juden gleichberech igt macnen, so ängstigen und beunruhigen soiche Worte natürlich auch die Bauern der anderen Gouvernements “ Dieses Interview des anscheinend nicht judenfeindlichen Führers der baltischen Gruppe bestätigt aufs neue, dass die Juden von der dritten Duma nichts, aber auch gar nichts zu hoifen haben! Rumänische Kulturträger Es ist allgemein bekannt, dass wir in Rumänien eigentlich gar keinen Antisemitismus haben, sondern ״nur" einen Fremdenliass, was freilich in praxi auf dasselbe hinauskommt, denn Fremde sagt man, und Juden meint man. Aber auch, der verschämte Antisemitismus, dessen Blüten man ja zur Genüge, kennt, beginnt einem immer weniger verschämten zu weichen. Während bisher nur die ausschliesslich antisemitischen Blätter speziell von den ״luden“ sprachen, gehen nun allmählich auch die anderen Parteien dazu über, ihre Ausnahmcgcschenkc direkt den Juden zu widmen und die übrigen Fremden, die wirklich Fremde sind, dadurch besser zu stellen, als die Juden, die doch eigentlich rumänische Bürger sind und nur durch einen schamlosen Rechtsbruch hier dauernd als Aus- Binder bezeichnet werden. Welch seltsame Motive dieser Schutz der wirklichen Ausländer hier bisweilen hat, zeigt folgender Fall: Vor kurzem hielt der Vize-Priisident der Agrar-Parfci, Herr Sava Somanescu, einen Vortrag, in dem er die Ur- Sachen der letzten Bauernunruhen zu erklären versucht. Obwohl er zu diesem Zweck sich bis ins 16. Jahrhundert zurück benijihtc, konnte er keine anderen Ursachen dafür finden, als — die Juden und ihre Habgier. Aber mit dieser Feststellung allein begnügte er sich nicht. Herr Somanescu verlangt auch Massregeln. Und es versteht sich, dass er eben nur Massregeln gegen die Juden fordert. Nun hat man bisher geglaubt.

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