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Jüdische Rundschau · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 23 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 3 ihnen sich ausprägen. Dazu ist die hebräische Sprache das Elixier, das Wundermittel, denn die Sprache ״Ist mehr als die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt״, sie ist ein Stück des Geistes selbst, seine konkrete Verkörperung. In dieser Sprache hat sich zugleich seit frühester Vergangenheit das gesamte Geistesleben des jüdischen Volkes kristallisiert; mit der Sprache muss daher die Vertrautheit mit der ewigen Gedankenwelt des Judentums, mit der eigentlich jüdischen Kultur, mit der Welt des hebräischen Schrifttums wachsen . und sich steigern. Da aber den Inhalt der jüdischen Literatur iast ausschliesslich die weltbewegenden Ideen unserer Religion bilden, so bietet der religiöse Charakter der Anstalt die rechte Garantie, dass diese jüdischen Ideen mit den» rechten Verständnis, mit der richtigen Liebe aufgenommen, dass sie erkaum und anerkannt, beherzigt und betätigt werden, dass sic den Untergrund liefern für die Prinzipien des Lebens. So kann auf grund dieser beiden Voraussetzungen und nur auf ihrem Grunde sich der richtige Typus eines jüdischen Lehrers und Volkserziehe«-s herausbilden und entwickeln; sie müssen daher die Richtschnur für das Programm der Anstalt abgeben, sie können nie stark genug betont werden. Im Prinzip sind beide von der Verwaltung und Leitung zugestanden, ihre volle Verwirklichung ist ein Ideal, das erstrebt, aber in praxi, wie alle Ideen, immer nur animhermi erreicht werden kann.־ Diesen ideellen Forderungen stellen sieh nun praktische an die Seite. Als Beamte in Ländern arabischer Zunge müssen die Zöglinge die Landessprache kennen lernen, als Lehar, die für das praktische Leben vorzubereiten haben, allgemein ge• bildete Menschen, mit den Grundzügen und Elementen der Wissenschaften bekannt sein. Die hebräische Sprache vermag z. Zt. diesen Anschluss an die allgemeine Kultur nicht genügend zu vermitteln, es muss eine der Kultursprachcn zu Hilfe genommen werden. Vom allgemeinen jüdischen Gesichtspunkte aus ist es ganz glcichgiit.'g, welche von den drei Weltsprachen zu dieser Vermittlung auserschen wird. Deshalb ist es das volle subjektive Recht des HHisvereins der Deutsehen Juden, dazu das Deutsche zu benutzen, und damit gewissermassen den Zoll der Dankbarkeit ihrem Lande abzutragen, das über alle ihre Institute schützend wacht. Aber auch objektive Momente berechtigen zu dieser Verbreitung der deutschen Sprache: die deutsch-jüdische Mundart, die bei V» der palästinischen Juden verbreitet ist, erleichtert ihr Studium; ihr Einfluss ist sowieso in den Ländern des Orients im Steigen begriffen, speziell in den palästinischen Städten, wo blühende deutsche Kolonien existieren und die Geschäftswelt sich meist aus Deutschen rekrutiert; endlich ist in der deutschen Sprache der grösste Teil der modernen jüdischen Wissenschaft, der jüdischen Geschichte, Exegetik und Rcligionsphilosophie* *) und der hebräischen Sprachforschung niedergelcgt, wie überhaupt uie deutschen Juden im 19. Jahrhundert unleugbar die geistige Hegemonie sich erobert haben. (Ist doch das Deutsche leider auch die Sprache des Zionistenkongresses geworden, in ihr der hauptsächlichste Niederschlag dieser Bewegung erfolgt.) Ich brauche nicht darauf hinweisen, dass die deutsche Püdagogik und Wissenschaft, hei der ihnen zukommenden führenden Rolle, die Einführung des Deutschen zur Ausbildung von Lehrern rechtfertigen, brauche nicht darauf hinzuweisen, dass die deutsche Literatur, infolge der den Deutschen innewohnenden Uebcrsctzungsgabc, sich fast alle Schätze fremder Literaturen angccignet und im eigentlichen Sinne zu einer Weltliteratur sich ausgestaltet hat, so dass sic den Zugang zu allen bedeutenden Geistcspcodaktcn darstcM. Es ist auch in der Tat im Lehrplan des deutschen Unterrichts den fremden Literaturerzeugnissen eine bedeutende Stelle eingeräumt. Aber es sei nochmals ausdrücklich gesagt, dass die Einführung des Deutschen am Lehrerseminar etwas absolut anderes ist, als * -- *) Ich habe z. B. mit der ersten Semester-Klasse Lazarus’ Ethik besprochen. die des Französischen an den Volksschulen der Alliance. Die Verteilung nun der Lehrgegenstände im Schulprogramm nach obigen Leitgrundsätzen ist eine rein schultechnische Frage, ich will daher nicht näher darauf eingehen. Nur ein gesundes Prinzip sei hervorgehoben, das sich Im Lehrprogramm geltend gemacht hat, die Hervorhebung des Praktischen. Den Naturwissenschaften wurde liebevolle Aufmerksamkeit geschenkt; eine recht nette chemische und physikalische Lehrmittelsammlung gestattet, alle Fundamentalerscheinungen dieser Gebiete qualitativ zu demonstrieren, ebenso ist für die beschreibenden Disziplinen das nötige Anschauungsmaterial vorhnnden. Für den technischen Unterricht ist vorzüglich gesorgt, im Zeichnen und Turnen leistet die Schule Erstaunliches. Durch die Anglicdcrung landwirtschaftlicher Kurse unter Leitung eines studierten Agronomen wird den Zöglingen das Verständnis für die praktische Kolonisation in denkbar ergiebigster Weise vermittelt; durch häufige Besuche der technischen Institute Jerusalems der Sinn fiir gewerbliche Anliegen, der durch die Naturwissenschaften bereits geweckt ist, geschärft und gefördert. Allgemein ist der 'Gedanke leitend gewesen, die Zöglinge nicht nur zu Euzichern der Jugend, sondern auch zu sachverständigen Beratern und Helfern fiir ihre Umgebung heranzubilden. Man sicht, es ist nichts Geringes, was die Lchrerbilduttgsaustalt zu Jerusalem sich als Lehrziel vorgesetzt hat. Es ist fast das ganze Programm eines deutschen Seminars, aber mit Erweiterungen von solchem Umfang und Gewicht, dass sich der Lehrston ohne Uebertreibung verdoppelt bat. Statt einer Sprache muss der Zögling drei erlernen, und zwar in ihrem mündlichen und schriftlichen Gebrauch es zu Fertigkeit und Sicherheit bringen. Die Lehrerprüfung fordert von ihm einen hebräischen, deutschen und arabischen Aufsatz und eine genügend gewandte Lehrprobe in hebräischer und deutscher Sprache. Ausser der allgemeinen literarischen Bildung muss er besonders gründliche und umfassende Kenntnisse des jüdischen Schrifttums sich erwerben, oder er steht vor jedem schlichten Handwerker als ein Unwissender, als ein Am-Haarcz da, und das beschämend niedrige Niveau der jüdischen Bildung unserer deutschen Volksschullehrer kann uns ja am besten darüber belehren, wie schwierig es ist, in der jüdischen Schriftwelt heimisch zu werden. Ein Jerusalemer Seminarist muss das Tnach vom Alpha bis zum Omega genau kennen, im Talmud und Midrasch zu Hause sein und auch die wichtigsten Werke der späteren jüdischen Literatur kennen, wenn er die Lehrbefähigung erlangen wilL Kurz das Lehrziel ist so gross, dass man fast zweifeln möchte an seiner Erreichbarkeit. In der Tat zeigte sich ein dreijähriger Kursus als zu kurz, und man verteilte den Stoff auf vier Jahresklassen. Aber auch damit ist das Rätsel nicht gelöst, die Lösung liegt in den Schülern und Lehrern der Anstalt. Es ist ein komisches Schauspiel, das sich fetzt vielfach sogar in Palästina darbietet, eine historische Komödie, von unlogischen Geistern mit Emst gespielt, dass Leute, die durch und durch Juden sein wollen, ihre Zugehörigkeit zum Ganzen des Jüdischen Volkes •mit Macht und Energie proklamieren, so wenig Gefühl und Sinn für die Kontinuität des jüdischen Geistes besitzen, dass sie es als eine nationale Tat betrachten, in ihrem Reden und Denken, in ihrem Tun und Lassen ihren Gegensatz zum jüdischen Gesamtgeist, ihren Zerfall und Bruch mit ihren Volksbrüdern und deren Empfinden sichtbar zu machen. Würde ihr psychologisches Charakterbild, das alle Aeusserungcn ihres Seins und Wesens getreu wiedergibt, jemandem vorgelegt werden, dass er beurteile, welcher Nation, welchem Menschenverein er angehört, da würde er vielleicht auf einen verzerrten altgriechischen Helden, einen verwässerten russischen Nihilisten, aber niemals auf einen Juden raten. Alle charakteristischen Merkmale, f*'e das Bild des Juden trägt, wird er schwerlich, vielleicht :.t

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