Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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»XVi . No. 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 17 Belgien־: Jean Fischer, Vecht. Holland: Seligmann, Dr. Francie-Berenstein. Dänemark: Dr. Louis Fränkel. FQr kein bestimmtes Land: Dr; A. Nossig, B e rt ho Id F e i w e I. Ein jüdisches Lehrerseminar n. Als die jüdischen Weisen (nach dem Talmud König David) bei der Begründung der staatlichen Selbständigkeit Judas dem Tischgebet die nationale Bitte für Israel und Jerusalem anfügten, da schalteten sie auffälligerweise die Worte ein: ״Lasst uns nicht bedürfen der Oabe von Fleisch und Blut, damit wir nicht beschämt erröten müssen; und baue Jerusalem, die heilige Stadt, bald in unseren Tagen.“ Wenn wir heute diese Stelle lesen, so klingt sie wie eine Prophetin. Als hätten sic es geahnt, dass cs die materielle Abhängigkeit seiner Bewohner ist, die den Aufbau, das Wiedererstehen Jcruscholajims verhindert oder unmöglich macht; als wollten sie damit uns anzeigen, dass der Weg zur Blüte und Grösse Zions über die wirtschaftliche Wiedergeburt des Landes führt. Und das mit Recht. Soll anders von Zion die Lehre ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem, soll dieses der geistige und religiöse Mittelpunkt unseres ganzen Volkes sein, dann kann cs nicht in entehrender sozialer Unselbständigkeit dastehen, kann nicht auf die Gnade von Fleisch und Blut angewiesen sein. Danrt muss vorher der Prozess seiner wirfschaftlichen Erstarkung, dessen Beginn wir mit freudiger Genugtuung dort haben, zu siegreichem Ende geführt werden. Denn: Wess’ Brod ich ess’, dess’ Lied ich sing’; esse ich aber mein eigenes Brot, so singe ich folgerichtig auch mein eigenes Lied. Dieser Causalnexius ist eine iurchtbarc Tat- Sache; materielle Abhängigkeit lässt auch die geistige und moralische Selbständigkeit verloren gehen. Und das ist ganz eigentlich das Ideale am Kampf um die in sich gegründete freie Existenz: das eigene Brot gibt auch das Recht der Personlichkeit, eines individuellen sittlichen und intellektuellen Daseins. So im Einzelleben, so in der Geschichte grösserer Gemeinschaften. Wo wir ein Volk in geistiger Abhängigkeit von anderen sehen, da steht es auch wiitschaftlich und politisch unselbständig da; wo sich eine Nation von jeder politischen Bevormundung befreit und auf eigene Fiissc stellt, da erzeugt sich auch eine eigene Kultur, ein selbständiges Geistesleben. Das Betrübende ist, dass meist der Wohltäter, der Spender des ״Brotes“, ein Anrecht darauf zu haben vermeint, dass der Dürftige für die ihm gewährte Unterstützung auch das ״Lied seines Gönners singe“, sein seelisches Selbst, sein geistiges Ich ihm opfere und verkaufe. Dem Denkenden aber ist es klar, dass die Wohltat damit ihren ethischen Wert verliert, ja noch mehr, dass sie geradezu ein Frevel, ein Raub wird an *lern unverlierbren Menschenrecht, an der Freiheit und Selbstbcstimmung des Unterstützten. Einem Begabten und Wissensdurstigen zum Studium verhelfen, ist gewiss eine edle Tat; wenn ich mir aber auf Grund* dieser Beihilfe anmassc, seine Lernfreiheit zu beschränken, seine Gesinnung zu beeinflussen, seine Entwicklung in bestimmte Bahnen zu leiten, dann wird die Wohltat ein Verbrechen. Jüdische Philantrophie, jjüdische Bruderliebe sollte eigentlieh anders sein. Schon der Name Zedakah besagt es, der dem Geber jedes Recht an dem Empfänger abspricht. Und wo *immer die Thorah das Gebot, dem Verarmten zu helfen, ausspricht, da betont sic es: es soll leben dein Bruder mit dir und wie du. Wenn aber eins tdie Geschichte zu Gericht sitzen wird über unsere philantrophischen Organisationen und Leistungen; wenn sie darüber urteilt, wie wir unseren Brüdern geholfen, auf w׳clche Weise, In welcher Art wir vom Glück Begünstigten unseren Solidaritfitspfllchten nachgekommen sind: icb glaube nicht, dass wir viel Lob, viel Anerkennung vor ihrem Richterstuhle finden werden. Sic wird fragen: Mit w׳elchem Rechte durftet ihr den Juden anderer Länder eure! Sprache aufzwingen, durftet ihr sie dem Geiste ihrer Religion und Tradition entfremden, durftet ihr ihre äussere Unselbständigkeit ausnützen, um sie euren eigennützigen und einseitigen Zwecken dienstbar zu machen? Sie wird uns vor das jämmerliehe Schauspiel stellen, dass ln Palästina in einer Stadt jüdisehe Schulen mit französischer, englischer und deutscher Unterrichtssprache neben einander existieren, die jeweils die Sprache lehren, die ihre Brotherren sprechen, so dass zwei Kinder derselben Familie, die verschiedene Schulen besucht haben, sich nicht mehr verstehen; vor das Schauspiel, dass eine nach vielen Tausenden zählende jüdische Bevölkerung ausnahmslos am überlieferten Judentum treu hängt und die für sie gegründeten Schulen und die zu ihrer Erziehung entsandten! Lehrer vom Geiste des Abialls und der Irreligiosität erfüllt sind, so dass ihre Zöglinge, mit dem Elternhaus und ihrer Umgebung entzweit, ein zersetzendes, feindliches und störendes Element statt Bringer des Segens und des Glückes wurden. Und wollten wir uns dann, wie es heute geschieht, mit phrasenhaften Ausflüchten zu decken suchen, dass, wo immer die materielle Lage der Gemeinden sich besserte und sie der Unterstützung durch andere enthob, dass, wo immer die Gemeinden zur Eigenhilfe griffen, sie einen ganz neuen Weg in ihren Gründungen einschlugen, die einen lauten!,rötest gegen die ihnen von anderer Seite zugedachte Wohltätigkeit darstellten*) Ich bezeichncte das Vorgehen der verschiedenen pliilantropischen Gesellschaften einmal einem Vertreter der Alliance gegenüber als eine Sünde am heiligen Geiste der Kultur, denn sic ist dadurch in den Augen unserer Brüder im Orient misskreditiert worden. Dieses Vorgehen hat in Paläsiina den Fortschritt der Kolonisation gehemmt, denn es war Wasser auf die Mühlen der Anhänger des Chanukkahsystems. So hat selbst in den jüdischen Kolonien die Schule häufig das Vertrauen der Bewohner sich nicht erwerben können, die nicht gewillt waren, von der Verwaltung sich den Geist der. Er- Ziehung ihrer Kinder vorschreiben zu lassen, und während es ursprünglich nur die von der Ica unterhaltenen Schulen gab, griff man, da ihre Lehrer nicht in religiösem Sinne wirkten, an vielen Orten wieder zum alten Erziehungssystem von Meder und Jeschikah zurück; besonders In dem reichen und wohlsituierten Pcssach-Kikwah besuchten nur eine geringe Minderheit der Kinder die Ortsschule. Wenn also der Hilfsverein der Deutschen Juden das Erziehungswerk, die Verbreitung von Kultur und Bildung als eine schöne, selbstlose Aufgabe ohne Irgendwelche Nebenabsichten in seine Hände nehmen wollte, dann mus.te es der erste leitende Orundsatz bei all seinen Unterne mengen sein: nur das Interesse der für die Kultur zu gewinnenden Juden, nur ihre Wünsche und Bedürfnisse, nur das allgemeine, wenn ich so sagen soll, nur das nationale Beste darf den Ausschlag geben. Deshalb stellte er zunächst als ober-ten Grundsatz auf: die Schulen haben in demjenigen religiösen Geiste zu wirken, wie er der jeweiligen Mehrheit der Bevölkerung entspricht. Und weil die palästinensische Judenheit in Ihrer erdrückenden Mhrheit, mit fast verschwindenden Ausnahmen, treu und zäh auf dem Boden des überlieferten, geschichtlichen Judentums steht, so war es selbstverständlich, dass das Lehrerseminar zu Jerusalem als ersten Paragraphen seiner Inneren Verfassung die Forderung aufstellt, dass es auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums steht. Für mich, dessen innerste Ueberzeugung die Verbindlichkeit der religiösen Tradition ist, für mich ist es selbstverstöndlieh Voraussetzung Jedes nationalen Werkes, dass es im Geiste dieser unserer Tradition erfolgt. Aber Ich meine, dass für *) So in Alexandrien, Konstantinopel, Philippopel, Aleppo u. a. m.