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Jüdische Rundschau · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 5 No. 1 » ״Die Regierung hat nicht ihre ganze und nicht ihre halbe Kraft hierfür eingesetzt; wir sehen nicht den Anlauf dazu, wir sehen bei ihr nicht den ganzen Willen. Und weil ich es nicht sehe, kann ich als Jude, als galizischer Bürger, als Mann der Freiheit der Regierung das Vertrauen nicht votieren und werde gegen das Budget stimmen.** Bis zum Auttreten des Jüdischen Klubs hat kaum ein Pariament der Welt solche niannhait jüdischen Reden gehört, wie vor kurzem die Mahlers, und nun die von Adolf Stand. Russisches Ein antisemitischer Tendenzprozess fand dieser Tage hier statt. Der Vorsitzende des hiesigen ״Schwarzen Hunderts’*,! der berüchtigte Cirai Konownitzin, verspürte die Lust, seinen Namen mit dem Nimbus eines politischen Märtyrers zu umgeben. Natürlich musste dazu ein Jude!!erhalten. Am 6. August 1906 war der Herr Graf von einigen 10U Verbands- , mitgiiedern, üie in der Tcehalie des ״Veroandes der eentj rnssiscnen Leute" seinem Vor trage gelauseüt hatten, zu seinem Wagen begleitet woruen, ais plotzlicn in der Ferne. ungiucklictierweise aber am uerseloen Strasse, ein jüüisctier Stuueni, Namens hiscnmami, bemerkt wurde. Zwar ging er nach der etugegeugeset/.ten Kicntung, aber üie blosse latsache seines hrsciiemuns genagte lür die begeisterten Patrioten, um au! den Stuuemen loszusturzen und um naen beruninten Mustern zu bearbeiten, bis er onnmäentig und schwerverletzt nacli dem KraiiKemiatis geüracut weruen musste. Zu allem Ungiuck haue nscamanu einen Revolver bei sich; dieser gab dem ürateu ut1־ erwmisciiten Aiiiass, einen Prozess wegen eines gegen ihn geplanten Attentates anzusireiigen. Dass niemand so verbüiirt sein kann, sich zu einem Aiiscniag aut den Uiateii gerade oen i'iatz neben uer leeua.lc ues \ eroandes und die Zeit nacn einem \ ortrage dieses Herrn auszusucnen, wo fiunderie von Parteigängern inn umgeuen — diese Leberlegung stört einen oralen Ronowmtz.n natürlich nicht. Wie laeuerucn 1adensc״eimg die ganze Anlage aber war, beweist uer Ausgang ues Prozesses. L»as Uucssaer Uericnt musste namlicii riscumann einiacn ireisprcciteti. Las aosolut negative Lrgeoms uer Deweisaumaume mnuerte aber den buatsanwatt kci.iwirtvtoa ן u.c um.vd.C Oi.aC!ui ucn /.u beantragen. Dabei stützte sich die Staatsanwaitscliait aui die Aussage eines einzigen beugen vor uem unteisuciiungsrieiner, die uersciue z.euge vor uem Uericnt mcut auirccnlcruaiieii konnte, was tut m suicnem ralte ein russisetier btuuisauwau.׳־ tr ei Klärt uie erste Aussage, u!e uem AtigeKiagteti ungünstig ist, tur iiciiug uuu ne zweite lur imscii. um setir Cunucucs Veriaurcn, uas gmcMicucrweise üicsuati mcuis genutzt hat. Wenn aoer zu.ämg iioen ein veroaiiuter eine Aussage hatte maeiien können, ute tu keinem auzu senrouen wiucrspiuc״ nut aimerweilig icsigestciitcn iatsaeucn gestanden haue, so kounic uer ötUucat riscunaim waiirscneuiiicn 111 äioincn daruoer nachueiiken, we!c1.c nierkwuruigen ruigen es hat, weuu ein juuc aut uerseiucn btrasse einnergeiu, wie Utai Kouuwuitzm. Uie uuücn in Finnland Aus M e l s i n g f 0 r s sind inioige einer Vcriiigung des russiscuen üouverueurs 20 judiscno Familien ausgewiesen worden. v»enn nun aber von finnischer Seite die Sache dauernd so dai gestellt wiru, als sei cs aucn in rmnlanci nur die russiscue ivegieiung, uie in juuenvenoigungen aroette, so muss Uemgegcuuuer doen betont werden, dass die Finnen keinen ringer rtiuren. um die Lage uer Juden m Fumlaiia zu verbessern. Ltiic einzige Versammlung protestierte gegen uie Juüeuvenoiguitgen m rtuiuuuu, uuu uus war eine soziaiueiiiokratiscne. uic aiiueren, luciitso/.taidemokratiscnen Finnen — die üoerwiegenue Mcurneit des Landes — vernaiten sich vollKomincn passiv, werben nacn wie vor einig um curopas Gunst tür inren rrciheitskampi, lassen aber alle Scuikanen der russiscuen Machthaber gegen die Juden ruhig zu, obwohl piancninal vieleieat ein a'üzieiler Protest von Uumsehec Sette genügen würde, um die Sachlage wesentlich zu dunsten der Juden zu ändern. Russiscne Methode Die jüdische Voiksuniversität in Warschau, die für den kulturellen Fortschritt der jüdischen Volksmassen sehr viel getan hat. war in letzter Zeit der konsequenten Verfolgung seitens der Administration ausgesetzt, so dass sie schliesslich geschlossen werden musste. Zuerst forderte die Polizeibehörde, dass als Lektoren ir. der Volksuniversität nur solche Personen zugeiassen werden sollen, die in Russland und nicht im Auslände eine Hochschulbildung genossen haben. Infolge dieser Verordnung mussten die bekannten Schriftsteller J L P e r e z. David F r i s c h m a n n und S. P. R & b i n o w i t s c h die eine grosse Zuhörerschaft herangezogen hatten, ihre Vorlesungen cinstellen. Später kam die Polizeiverordnung. dass jede einzelne Vorlesung jedesmal separat bei der Polizei angemeldet werden müsse. Auch das wurde ertragen. Nun kam der letzte Schlag. Die Polizei verbot die Abhaltung dieser volkstümlichen Lniversitätskurse in Öffentlichen oder privaten Scliuliokalen. Da die Voiksuniversität jedoch nicht über die Mittel verfügt, um ein eigenes Haus ausschliessUch für ihre Zwecke mieten zu können, so war sie gezwungen, die Kurse einzustellen. Die Polen und die dudenfrage Nun haben auch die Polen den Juden die Illusion genotn- »neu. dass von ihnen etwas für die Erleichterung der Lage der Juden zu erhoffen sei. Nachdem Sozialdemokraten. Kadetten und Oktobristen bereits glänzend versagt haben, gab der Pole Korwin-Milewski folgende in ihrer Naivetat grossartige Erklärung ab: . Wir müssen in der Judentrage sehr zurückhaltend sein. Solange wir selbst eine, unterdrückte Nation sind, ist es ja cinigermassen unangenehm, für die Juden die Gleichberechtigung abzulelmen. Auch muss der Ansiedeitmgsrayon beseitigt werden (weil er den Polen zur Last ist! D:e Red.); aber cs ist unmöglich, den Juden die volle Gleichberechtigung zu geben. Unsere Bauern würden in wenigen Jahren ihr Land vertrinken, und das ganze Land würde in die riände der Juden übergehen!" im letzten Sat_ dieser Erklärung spricht sich das Bew usstsein von der hohen polnischen Kultur, von der ja in Russland und Deutschland so viel die Rede ist. besonders deutlich aus. Weil die polnischen und russischen Bauern Gew ohnheitssäufer sind, deshalb dürfen die Juden keine Gleichberechtigung bekommen. Was für Momente und ausserordentliehe Umstände wohl noch werden herhaiten müssen, u!n die Verweigerung der Menschenrechte den Juden gegenüber zu rechtfertigen! ** ־ *•־־•- ׳ ־* ־•׳׳ . Griechisch-katholische Juden Aus Petersburg schreibt uns unser dortiger Spezial- Korrespondent: Dieser l äge erschien hier der Index zu dem Stenograph!־ sehen Protokoll der Sitzungen der zweiten Duma. Darin sind u. a. Angaben über die Mitglieder der zweiten Duma enthalten, die von den gewesenen Abgeordneten selbst herrühren. Dort lesen wir nun: ״Hessen. Wladimir Matwejcwitsch, Jude, griechisch-katholisch. Hessen. Jossii Wladimirowitsch, Jude, griechischkatholisch. Pergment, Ossip Jakowlewitsch. Russe, griechischkatholisch." So verschieden wirkt die Taufe! _ 1*' -׳׳.i « -.ע«.- ״יי.•- Jüdische Einwanderer als Ackerbauer Der AMERICAN HEBREW veröffentlicht ein Interview mit dem Direktor der ״Jewish Colonization Association" in Paris. Dr. Sonnenfeld, der sich ausserordentlich günstig über die Erfolge ausspricht, die mit jüdischen Kolonisten in Argentinien und Kanada erzielt worden sind. In ersterem Lande, wo er sich ein Jahr auigehalten hat. sind von der ICA 12 WO jüdische Farmer angesicdelt worden, die sich als solche vorziiglich bewährt haken. Er erwartet, dass nein int Gebiet der Union die gleichen günstigen Erfahrungen machen würde. Dem landläufigen Einwande, dass dem Juden zum Ackerbau die Körperkraft fehle, tritt er mit dem Hinweis auf die in Amerika ja bekanntlich auch schon im Kleinbetrieb sehr allgemeine Verwendung landwirtschaftlicher Maschinen entgegen und meint, dass der Handclsgeist. der den Juden auszcichnct, ihm bei der Verwertung landwirtschaftlicher Produkte besonders zu statten kommen würde. Die Feststellung der Eignung der jüdischen Elemente für landwirtschaftliche Arbeit ist für die Frage der Aus- Wanderung der osteuropäischen Juden, die ja täglich grössere Dimensionen anniinmt. jedenfalls sehr wichtig und interessant. Es wird dadurch erwiesen, dass, die Juden wohl in Gebieten angcsiedelt werden können, wo zunächst auf Handel und Industrie wenig zu rechnen ist, und wo man vor allem die Juden zu bodenständigen Ackerbauern machen muss, um ihnen eine Heimat zu.schaffen. T•"

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