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Jüdische Rundschau · 1908-01-03 · Heft 1 (3.1.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 4 liehen Statthalter und versicherte ihn, dass die israelitische ■ Bevölkerung ganz Elsass-Lothringens treu und fest zu Kaiser und Reich steht und ״sich glücklich fühlen wird, wenn Ew. Exzellenz uns ein treuer Beschützer sein werden‘*. Der kaiserliche Statthalter erwiderte, dass er sich freue, die Vertreter der Israeliten des Bezirks Untereisass begrüssen zu können und versicherte sie. dass er stets unparteiisch, ohne Unterschied der Konfession seines Amtes walten werde. ״Ein Jeder braver Bürger, ob Jude oder Christ, wird, wenn er sich an nach wendet, mit einer gerechten Bitte in mir einen wohlwollenden Beschützer finden. Ich habe vier Feldzüge mitgemacht, hatte viele jüdische Soldaten zu bcfehlen und habe stets gesehen, dass diese jüdischen Soldaten freudig ihr Blut für König und Vaterland — also hier im Eisass für Kaiser und Vaterland — hingaben. und da dürfen Sie versichert sein, dass ich der jüdischen Bevölkerung dasselbe Wohlwollen wie der christlicnen zeigen werde.“ Nach einigen Worten des Oberrabbiners Ury und dem Danke des Statthaltcrs machte er dem Konsistorialpräsidenten von der Verieihung des Kronenordens 3. Klasse an ihn Mitteilung und fragte ihn, ob das Konsistorium noch irgend einen Wunsch habe, worauf der Präsident antwortete: ״Ja. Exzellenz, Herr Kollege Aron Durlach wird, wenn Exzellenz cs gestatten, unseren Wunsch vortragen.“ Herr Aron D u r 1 a c h ergriff darauf das Wort und führte ungefähr folgendes aus: . ״Ich freue mich, dass Ew. Exzellenz mir die Gelegenheit geboten, einen herrlichen und, ich glaube sagen zu dürfen, einen berechtigten Wunsch aussprechen zu diirien, mit der untertauigsten Bitte, denselben Sr. Majestät, unserem allcrgnüdigsteil Kaiser, bei dessen nächster Anwesenheit in unserer Stadt, hochgeneigtest übermitteln zu wollen. Bei der jeweiligen An- Wesenheit unseres Kaisers hier in Strassburg werden regelmassig zu den Festlichkeiten und Galadiners die Spitzen der Zivil- und Militärbehrödcn eingeladen, auch sind stets die höchsten Vertreter der katholischen und protestantischen Koniession zugegen, dagegen hat man noch niemals gehört, dass die Vertreter unserer Religionsgemeinschaft dieser hohen Ehre teilhaftig geworden seien, so dass ich de.11 allgemeinen Empfinden meiner Glaubensbriidcr wohl mit den Worten Ausdruck verleihen darf: ״Wir Israeliten fühlen uns in dieser Beziehung gegen unsere Mitbürger anderen Glaubens zurückgesetzt, und daher wage ich es. Ew. Exzellenz zu bitten, diese Angelegenheit bei Sr. Majestät unserm allergnädigsten Kaiser giftigst zur Sprache bringen zu wollen." Der Statthalter erwiderte darauf, dass er die Angelegenheit prüfen werde. Auf keinen Fall hätten k o p. - fessioneile Gründe bei dieser Umgehung mitgesprochen, wo״! aber wäre es möglich, dass einfache Rangrücksichten usw. in Frage gekommen seien. Herr Aron Durlach trug dann die weitere Bitte vor, dem Kaiser doch auch den Wunsch der jüdischen Bevölkerung vortragen zu wollen, dass die israelitischen Wohltätigkeitsanstalten und ganz besonders das israelitische Gotteshaus, eines der schönsten des deutschen Reiches, einmal des kaiserlichen Besuches teilhaftig werden mögen. Der Statthalter versprach, auch diese Sache dem Kaiser vorzutragen und erwähnte gleichzeitig, dass ihm bereits auf seinen Spaziergängen der Prachtbau der Synagoge derart aufgefallen sei, dass er sich fest vorgenonuuen habe, in Kürze dieselbe auch von innen zu besichtigen." Der Bericht verdient unser grösstes Interesse. Zunächst ergibt sich, dass der neue Statthalter ein billig denkender Mann ist, dass also, soweit sein Einfluss in Frage kommt, die Juden auf gerechte Behandlung rechnen dürfen. Dann hat noch die Erklärung des Herrn D u r I a c h allgcmeines Aufsehen erregt. Herr D. hat cs nämlich gewagt, den neuen Statthalter darauf aufmerksam zu machen, dass seit einer Reihe von Jahren bei offiziellen Anlässen die israelitisehen Kultusbehörden übergangen werden. Es besteht in Elsass-Lothringen gesetzlich vollkommene Gleichberechtigung der drei Konfessionen. Auf Grund dieses Zustandes hat vor ca. 2 Jahren das Konsistorium von Metz eine energische Bcschwerdc an das Bezirkspräsidium gerichtet. Der eben getaue Schritt mag nicht in der an Höfen Üblichen Form geschehen sein. Darauf komnit's nicht an. Es ist als eine Tat zu begrüssen, dass von autoritativer Seite — Herr Durlach sprach für das ganze Konsistorium an der geeigneten Stelle ein Wort gesprochen wurde. Doch mm die Hauptsache. Die Regierung kann der israelitischen Behörde wohl die äussere Stellung und den durch die Verfassung gebührenden Rang geben. Es gab Zeiten, wo das Konsistorium alles in vollstem Masse besass. Aber den Wert, die Achtung muss sich das ,Konsistorium durch seine Arbeit erringen. Unter der Judenheit haben die letzten Jahre durch das neue Erwachen des jüdisehen Interesses des Konsistorium einiges Ansehen verschafft. Wenigstens wenden sich jetzt mehr als fc die Blicke der Juden No. I nach ihrer Beböidc. Bei der Regierung, so scheint es nach diesem Vorgehen, will man auch wieder die alte Stellung einnehmen. In diesem Sinne begrüssen alle Juden des Landes den ersten Schritt auf der neuen Bahn. Wir wünschen nur. dass fortan das Konsistorium auch in anderer Hinsicht als der rein formellen, die Interessen der Judenheit wahrnimmt. Soviele drängende Aufgaben harren ihrer Erledigung. Eine den veränderten Verhältnissen angepasste Organisation. Regelung der Gehälter der Rabbiner und Kultusbeamten. Einrichtung von Religionsunterricht. Ermöglichung einer Vorbildung für die Religionslehrer und andere Aufgaben harren seit langem ihrer Erledigung. Bei der Regierung ist der gute Wille wiederholt bewiesen worden, und unter den Israeliten des Landes wird sofort Mitarbeit erwachsen. Also aui zur Tat! ׳Jüdischer ־Antisemitismus Der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands hat feststellen müssen, dass sämtliche jüdischen (irossgrundbesitzer Deutschlands sich geweigert haben, die vom Verein ausgebildeten jungen Leute als Eleven auf ihren Gütern einzustellen. -- Diese Tatsache kann eigeutlieh niemanden sehr befremden. Als erstes Erfordernis eines Grossgrundbesitzers in Deutschland gilt strammer Antisemitismus. und da die jüdischen Agrarier doch nicht als Agrarier zweiter Klasse gelten wollen, so müssen sie eben auch Antisemiten sein. Dass sie nebenbei Juden sind, kann sic daran unmöglich hindern. Feuerbestattung und jüdische Sitte Die 3. Zivilkammer dts Landgerichts zu Hamburg hat über die Zulässigkeit der Feuer! estaituug aut dem jüdischen Friedhof zu entscheiden. Nach dem Testa ment sollte die Asche einer Witwe, die Mitgl.ed der Hamburger portugie* sicli-iüdisci.en Gemeinde war. in iiirent Erbbegräbnis auf dem Friedhof in Ohlsdorf beigesetzt werden. Der betreffende Fried-!!״!sie:] ist der jüdischen Gemeinde vom Staat zur!«'•nutzung überlassen, und diese hat wiederum einen Anteil der selbstständigen porttigiesiseii-jü Jisehcn (sophardischeu) Gemeinde zur Vertilgung gestellt. Das überrabbinat der Gemeinde vertritt die Anschauung, dass die Verbrennung der Leichen und die Beisetzung der Aschenreste dein allgemeinen Fmpiinden der Gemcimicmitgüeder nicht entspricht und hat daher für solche Fälle ein besonderes Feld bestimmt. Auf denselben Standpunkt stellte sich mm auch die portugiesisch-jiiuische Gemeinde und verweigerte die Erlaubnis der Beisetzung in dem Erbbegräbnis. In der dagegen von den Tcstamentsvoll- Streckern erhobenen Klage hat dar. Landgericht zu guasten der Klage eutsenieaen. Aus den L'rteilsgritndcn sind nachiolgende Sätze von prinzipiellem Interesse. Der Einwand der Beklagten, dass die Bestattung der Aschenüherrcstc statt einer Leiche beansprucht wird, trifft nicht zu. Der Anspruch aut Gestattung der Beisetzung von Aschenresten ist nach der Entscheidung des Reicltsgerichs insbesondere dann zulässig, wenn die Volkssittc einer Erweiterung Jener Zweckbestimmung im Sinne der von der Klage begehrten Benutzungsart des Friedhois heute nicht mehr im Wege steht. Das trifit für den vorliegenden Fall zu. Die in Rede stchcndcAcnderung der Volks- Sitte hat auch unter den jüüiscucn Volksangehörigen im Bereiche des hamburgischeu Staates allgemein Eingang gefunden. Die positive Wirkung, die von der Wandlung der Volkssittc in dem beregten Sinne ausgeht, bestellt darin, dass sie die gegen die unbehinderte Beisetzung FeuerbestaUeter bestellenden Bedenken, die sich namentlich aui Religion. Koniession, Kultus und Aesthetik stützen, zu beseitigen in der Lage ist. Demnach könne es nicht in Betracht kommen, wenn, wie im vorliegenden Falle, die betreffende Gemeinde erklärt, dass bei ihr das eine oder uas andere dieser Bedenken vorhanden sei. wenn sie nicht in der Lage ist. sich aui gleiche Anschauungen einer Reibe anderer jüdischer Gemeinden zu berufen, welche durch ihr Gewicht die Annahme der angenommenen Wandlung der allgemeinen Volkssitte für jüdische Kreise wieder in Frage stellen könnten. Sie beruft sich aber nur allein auf die Auffassung ihres Obcrrabbmers oder ihres Obcrrabbinats. Aus Oesterreich Der Abgeordnete Adolf Stand, ein Mitglied des ״Jüdisehen Klubs“ des Oesterreichischen Reichsrates hielt in diesem Parlament am 19. Dezember eine hochbedcutsaiuc Rede zur Budgetdebatte, in der er den prinzipiellen Standpunkt des ״Jüdischen Klubs", des Judenklubs, wie er sagte, mit grosser Schärfe und Klarheit entwickelte. Am Schluss erinnerte er an ein von hoher Stelle gegebenes Versprechen, die I^egierung werde ihre ganze Kraft einsetzeu. ״der Gesamtheit den natio« aalen Frieden zu verbürgen" und beendete darauf seine Rede mit den eindrucksvollen Sätzen:

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