Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Sdtc 3 jiKliycheri nubraiicht*. die friilicr das ra111ilk־nk־lH־n verschonten und verinnigten, iast überall an/.iitreifeii ist. Pie Kinder wachsen grösstenteils schon in einer Atmosphäre auf, in der sic recht bald gewahr werden, dass es weit wichtigere Dinge gibt, als auf indisches Wesen und überhaupt auf Judentum zu halten. Wenn sic nun aber in die Schule kommen, bekommen sie doch gewiss ihren guten, von fachkundigen Pädagogen erteilten Religionsunterricht? O, dieser Religionsunterricht! Kr sollte wahres, I c b c n d i g c n s Judentum lehren und lehrt bis zu der Klasse, wo viele junge Leute die Schule mit dem Kinjälirigf־reiw iHigcn-Zcugnis verlassen, ausschliesslich biblische Oeschichte. Kr sollte von Männern erteilt werden, die nicht nur Rabbiner usw., sondern auch Pädagogen sind, und wird in den!leisten Fällen (gemeint ist der Unterricht an den staatlichen mul städtischen Schulen) von Herren erteilt, die zwar sonst sehr tüchtig und gelehrt sein mögen, aber fast ausgesucht schlechte Pädagogen sind, die sich nicht hei ihren Schülern in Respekt zu setzen verstehen, so dass der jüdische Junge keine Stunde kennt, in der er mehr Allotria treiben kann, als in der Religionsstunde. Der Religionsunterricht sollte nicht das Schul*!l ässige betonen und. in! Gegensatz zu den anderen wissen* sclmftlichc'i Stunden, liebes olle Anregung bieten und doch ״m n s s" in ihm in einer bestimmten Zeh ein bestimmtes Pensum, von dessen beengenden Kesseln sich der Lehrer nicht frei zu machen vermag, geschafft werden . . . ganz genau wie in der Lntu'nstunde. Wie selten findet sich ein Lehrer, der es verstellt, mit seinen Schülern die schmerz- und leidvolle und doch so ruhmreiche Geschichte uuse; es Volkes nicht schulmassig, als prüfender Lehrer, sondern als älterer Kreund zusäumten durehziisprcchen, der sicii mit ihnen freut, wenn ein zweiter Hamatt in seine eigene Grube fällt, und dem mit ihnen der Zorn am'steigt Tiber manch empörende Ungerechtigkeit der Geschichte, der ihnen erzählt von!‘lammenden Scheiterhauten und rauchenden Holzstösscn, von dem Martyrium und den ganzen Leiden ihres alten Volkes, der in ihren Herzen glühenden Stolz erweckt auf ihr Volk mit seiner wehmütig-herrlichen Geschichte, der in die Kinderherzen den Wunsch pflanzt: ״Wäre ich doch erst gross und würde ich etwas Grosses werden, damit ich später meinem armen Volke helfen kann!״ Und ganz besonders sollte der Religionsunterricht, was jetzt nicht der Kall ist. die Kinder vollkommen mit der hebräischen Sprache bekannt machen! So Sollte er sein; lebendiges, frisches, lebenskräftiges Judentum sollte er unseren Kindern biclen und Liehe zu ihrem Volke in ihre Seelen pflanzen. Wenn eine frische, freudige Reform in diesem Sinne eingesetzt haben wird, wenn die jüdischen Litern nicht länger ihre heiligste Pflicht vergessen werden: ״Du sollst diese Worte deinen Kindern einschärfen und davon reden!", daun werden wir nicht mehr zu klagen brauchen über die grosse Indifferenz und die verblüffend geringe Widerstandskrau gegen fremde Lockungen unter unserer Jugend, dann werden unsere jungen Leute nicht mehr gleichgültig oder gar beschämt dastehen, wenn sie an uie Zugchöfigkeit zu ihrem Volke erinnert werden, dann werden sie mit Krcude und Stolz den K 11 r c n 11 a rn e n ״Jude״ führen. Hans Goslar. —■ Rundschau —־ Ein Edel-Antisemit In deutschen antisemitischen :nid untisemitelr.den Zeitungen treibt zurzeit ein Literat sein Unwesen, der »loch nicht lange erst seit etwa drei Jahren ..aus der jüdische:! Rasse ausgetreten‘‘ ist. Dieser Herr, Robert JaffcL macht zurzeit Propakanda für einen ״edlen Sozialismus", eine ganz konfuse Mittelstanijspolitik, so wie er früher für den literarischen Mittelstand gegen die ״literarische Vorherrschaft, des Judentums" (!י in einer reaktionären Berliner Wochenschrift kämpfte. Noch früher war er ein guter Jude und vertrat sogar zionistische Ideen. Seit er sich 1904 taufen liess. ist er von Stufe zu Stufe gesunken: vom rein-christlichen Standpunkt, den er durch seine Taufe bejahte, und den er auch zunächst literarisch verfocht, ging er bald zum ״wissenschaftlichen“ Antisemitismus über, wurde dann ein Vorkämpfer des ״Ariertuir.s“ und schliesslich ein journalistischer Radau-Antisemit unsympathischster Art. So hat dieser Mann den typischen Werdegang des Renegaten durchgemacht. Kr sollte sich aber nicht Kdel- Sozialist, sondern Kdel-Antisemit nennen — daran w׳ärc wenigstens der eine Worttei! richtig! Shaw und Nordau Fn der Münchener Halbmonatsschrift MARZ hat der englische Schriftsteller Shaw eine Reihe von Artikeln gegen Max Nordaus ״Kntartung** veröffentlicht, in denen er natürlich ־ - das kann sogar der sozialistische Knglättder nicht unterlassen! -- auch den Juden Nordau ein bischen bcantisemitclt. um sich damit den Beifall derjenigen Leser zu sichern, denen seine Paradoxien zu ״hoch" oder zu paradoxal sein sollten. Kr nennt Nordau ״eilten jener bemerkenswerten kosmopolitischen Juden, die gegen die moderne Kultur ausziehen" und spricht von dem ״revolutionären Klima des jüdischen Kosmopolitismus". Shaws Artikel tragen, ganz in der Art dieses Autors, den bescheidenen und geschmackvollen Titel: ״Wie Shaw den Nordau demolierte". Unter derselben Firma antworte! ihm Max Nordau in der KRANKKURTKR ZI'ITUM'i in äusserst launiger Weise, dabei aber so reichlich derb, dass der gute Mr. Shaw, wenn er ein literarisches Gefühl hat. an verschiedenen Stellen Flecke haben durfte. Vor allem zeigt Nordau den Unsinn, den Shaw schreibt, wenn er yori ,.Juden, die gegen die moderne Kultur auszichcn“. spricht. ״Mit Verlaub, mein guter Mr. Shaw. ־-- schreibt Nordau der Jude, kosmopolitisch oder nicht, hat tausend Gründe, die moderne Kultur mit leidenschaftliche: Anstrenguug zu iördern, und keinen einzigen, gegen sie auszuziehen. Jeder Rückgang in der Kultur dt fickt sich dem Juden gegenüber in Misshandlung, Rauh und Mord, mindestens aber in dem He raut kommen von Schriftstellern gleich Ihnen, aus. Geben Sie zu. mein guter Mr. Shaw, dass das dem Juden, und wäre er noch so kosmopolitisch, kein Vergnügen machen kann.״ Armer Shaw! ״Der Nordau" scheint sicii doch recht wenig ״demoliert" zu benehmen! In einer ausführlichen Kntgegnung. die Shaw nach Nordaus Antwort auf die Artikel ..Wie Shaw den Nordau demo- Werte־' in der KRANKKURTKR ZKITUNG veröffentlicht, vorwahrt sich Shaw energisch dagegen, dass er gegen Nordau antisemitische Instinkte hätte aufrufen wollen. Seine Behauptung von ״iencu Juden, die gegen die moderne Kultur ausziehen". glaubt er sehr unglücklich mit Hinweis auf Marx und Lassalle bekräftigen zu können, als ob diese beiden nicht vielmehr, was dem Sozialisten Siiaw doch bekannt sein sollte, nicht vielmehr die begeistertsten Vorkämpfer moderner Kultur gewesen wären. Im übrigen sucht Shaw mit einem logischen Saltomortale nach dem anderen die HieFe abzuw ehren, die Nordau der geistreichen . Demolierung״ versetzt hatte. Die KRANKKURTKR ZKITUNG ermahnt in einem Schlusswort die beiden ״so illustren Gäste", doch lieber die Verschiedenheit der gegenseitigen Standpunkte ciuzusehen und sachlich darüber zu sprechen, statt sich gleich an die Gurgel zu fahren. Sie gibt der Hoffnung Ausdruck, dass ״die beiden demolierten Herren sieh nach wie vor der ungcschwdichtesten Schaffenslust und Reputation erfreuen" möchten. I>e;n kann sich wohl auch die jüdische Presse anschliessen, nachdem Shaw für seinen zweifellos unfairen Angriff die verdiente Abfuhr erfahren hat. Reichsländisches Die offiziöse STRASSBURGKR POST, die kürzlich die von einem jüdischen Kamilienblatt aus einigen zum Nachdenken veranlassenden Tatsachen erschlossene Beluupum״, dass der preiissische Antisemitismus seinen Kinzug in Klsass-Lothrmgeu halte, barsch abgcwchrt hat. bringt beute einen ausführlichen Bericht über den Kmpfang des Israelitischen Konsistoriums des Untcr-Klsasses heim Kaiserlichen Statthalter: Strassburg. Krscliicnen waren: der Präsident des Konsistoriums. Sauitätsrat Dr. med. Gustav Lev y; der Vize- Präsident, OF.errahbiner Adolf Ury; die Mitglieder des Konsistoriums Aron D 11 r I a c h-Strassburg und Meyer S c 11 e y e 11- Oberehnheim, sowie der Konsistnrialsekretar Asch. Konsistorinlpräsident Dr. Gustav L c v y begriisste den kaiser-