Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 51-52 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 548 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 51/52 L Rundschau Vom deutsch-polnischen Kriegsschauplatz Der Kampf zwischen Deutschen und Polen ist schwerer und heftiger denn fe in den früher polnischen Provinzen unseres Staates znm Ausbruch Bekommen. Dabei stehen die Juden 1'ast überall in den vordersten Reihen der deutschen Kämpfer. Zu den Orten, wo der nationale Streit zwischen Deutschen und Polen am heftigsten tobt, gehört bekanntlich Wreschen. Von dort melden die POSENKR N. NACHPICHTEN: ״Z. Wreschen, 13. Dczbr. Uebcr die Vorgänge bei der letzten hfl e s i g e 11 Stadtverordnete 11 wähl ist uns eine Reihe von Zuschriften zugegangen, denen wir folgendes entnehmen. Bisher wühlten hier in der 1. und 2. Abteilung die deutsch-christlichen und denlsclFjüdischeti Wähler zusammen, so dass von den 12 Sitzen zur 1. und 2. Abteilung der Stadtverordnetenversammlung 6 mit deutsch-christlichen und 6 mit deutsch-jüdischen Stadtverordneten besetzt wurden. Eine Woche vor den Ende November stattgefundenen Wahlen wurde nun eine deutsche Wühlerversammlung behufs Aufstellung der Kandidaten cinberufen. 111 dieser Versammlung wurden als Kandidaten für die 1. Abteilung Apotheker Ruslel und Kaufmann Itzig aufgestellt, und für die 2. Abteilung die bisherigen Stadtverordnten Zuckerfabrikdirektor Brüning und Kaufmann Oersohn. Ausserdem wurde noch in der 2. Abteilung, für eine Restperiode von 2 Jahren, für einen vorzeitig durch Wahl in den Magistrat a u s g e s c 11 i e d e u c u jüdischen Stadtverordneten ein Kandidat jüdischer Konfession, und zwar Kaufmann Lew in. als Ersatzstadtverordnetenkandidat aufgcstcllt. Nach Bekanntwerden dieser Wahl- { abmachung wurde von den polnischen Wählern der 2. Abteilung der deutsch-christlichen Wählerschaft folgender Vorschlag gemacht: Die Polen wühlen mit den Deutsch- Christlichen zusammen 2 deutsch-christliehe und einen Polen, so dass die deutschjüdischen ausgeschieden werden. Behufs Stellungnahme zu diesem Vorschläge wurden 2 Tage spater die deutsch-christlichen Wühler zu einer neuen Wahlversammlung nach dem Rosengarten einberufen und in dieser wurde der Vorschlag abgelebt, da die Majorität an dem bisherigen Bundnis festhielte. Die Majorität der Wähler hielt jedoch in der 2. Abteilung an dem neuen Vorschlag fest und so wurden Fabrikdirektor Brüning und Fabrikbesitzer Kaczorwskl und als Ersatzstadtverordneter für die 2jährige Restperiode Bau- Unternehmer Thorenz gewühlt. In der ersten Abteilung kamen dagegen die Kornpromisskandidaten durch.‘* Man sieht, dass zum Kampf gegen die Juden sich die feindliehen Nationen zusammenfinden, und das sollten sich die Juden merken. Aber die merken leider überhaupt nichts und am wenigsten sich selbst etwas. Ausstellung jüdischer Künstler In der Ausstellung jüdischer Künstler, Galerie für alte und neue Kunst, Wilhelmstrassc 45, findet am Donnerstag, dem 26. Dezember, abends 8 Uhr. eine Schlussfefer in Form eines musikalisch-rezitatorischcn Vort ragsabends statt, verbunden mit Promenadenkonzert und geselliger Unterhaltung. Die einzelnen Programmnummern werden in zwangloser Ordnung aufeinander folgen und in verschiedenen Räumen zur Ausführung kommen. Ihre Beteiligung haben bis fetzt zugesagt: Georg Hermann (Verfasser von ״Jettchen Gebert"); Konferenz über jüdische Kunst und die Ausstellung jüdischer Künstler; für den rczitatorischen Teil; Rudolf Schildkraut und Richard Orossntann (Deutsches Theater); für den musikalischen Teil: Dr. Bogumil Zepler, Sophie He ל'mann- Engel, Leon Gollanin, Vera Goldb e r g u. a. Während des Promenadenkonzertes Orchester. Zum Schluss erfolgt die Verlosung der von den Künstlern für den wohltätigen Zweck gestifteten Werke. — Entree 2 Mk., Karten von Freitag, 20. Dezember ab bei Bote u. Bock. Lcipzigerstrasse, A. Wertheim, Leipzigerstrassc, Louis La min. Neue Friedrichstrasse 61/63, M. Lilienthal, Friedrichstrasse 101, sowie in der, Galerie für alte und neue Kunst, Wilhelm- Strasse* 45. Deutschfreiheitlich In Wien fühlten sich Jüdische Studenten wieder einmal berufen, die Ehre der deutschen Studenten gegen deren Willen zu verteidigen. Einige jüdische Akademiker, als deren Sprecher ein Herr Dr. Umlaufit und ein stud. Wassermann auftraten, hatten eine Versammlung zur Gründung einer ״Deutschfrcihcitlicheu akademischen Lese- und Redehaüc" einberufen. Die überwiegende Mehrheit der Versammlung bestand indessen aus deutschnationalcn und zionistischen Studenten, mit denen die wenigen Deutschfreiheitlichen bald in Konflikt kamen. Als einer von diesen erklärte, die Deutschfreihcitlichcn würden cs sich keinesfalls nehmen lassen, für das Deutschtum zu kämpfen, riefen ihm die Zionisten zu: ..Dafür erhalten Sie ja doch nur Fusstrittc!" Schliesslich erklärte der Verwalter der kürzlich aufgelösten deutschfreiheitlichen Lesehalle, er könne das Vermögen und die Bibliothek nicht an eine von Juden zu gründende Lesehalle herausgebeii. Infolge einer Invektive gegen die Zionisten, die einer der deutschfreiheitlichen Redner eine religiöse Sekte nannte, die sich überlebt hätte, entstand ein solcher Tumult, dass dieVcrsanmihmg geschlossen werden musste, ohne dass auch nur die Statuten der neuen Lesehalle verlesen worden waren. Man kann diesem Streit ganz objektiv gegenüberstellen und cs doch wenig taktvoll finden, dass in einer Zeit so scharf ausgeprägter Gegensätze der Nationen und Konfessionen gerade Juden, die ohnedies es niemals jemandem recht machen können, sich bemiissigt fühlen, unter dem Namen von ״Deutschfreiheitlichen" eine Lesehalle zu gründen. Die Initiatoren konnten doch voraussehen, dass die wenigen Deutsehen, die ihnen vielleicht Unterstützung versprochen hatten, sich sofort zuriiekziehen würden, wenn die Deutschnationalcn. die nun einmal das Deutschtum in Erbpacht haben, protestieren. Und so war cs auch. Nur Juden sprachen für die Deutsdiireiheitlicln.il. und damit war das Fiasko besiegelt. /e*j j det“ Das ist bekanntlich eines der beliebtesten antisemitischen Schlagworte. Nichts zieht bei d-,r Masse s״. als wenn inan ihr die gräuliche ״Verjudung" klar macht, die in allen Beborden usw. bereits eingetreten sei und immer weiter fortschreite. In dem jetzt tobende:: Kampfe, den die Österreichs sehen Klerikalen um die Herrschaft über die Hochschulen führen, spielt bekanntlich die Verladung der Wiener Universität eine grosse Rolle. East alle Professoren seien Juden, heisst es. und sogar unparteiische deutsche und ausländische Zeitungen haben sich nur gegen die Gehässigkeit dieses Kampfes gerichtet, haben aber die Tatsache der Verladung offenbar nicht bestreiten zu können ^geglaubt. Demgegenüber ist es interessant, die tatsächlichen'Ziffern zu vergleichen, die eine äusserst geringe Zahl jüdischer Professoren aufzeigen. Die Wiener Universität zählt — abgesehen von den christlich-theologischen Fakultäten, die doch hoffentlich nicht auch ״verludet" sind — ]H Professoren. Von diesen sind 95 Christen. 19 Juden, wobei die getauften jüdischen Profess reu noch zu den Juden gerechnet werden. Auf die einzelnen Fakultäten verteilt, stellt sieh das Verhältnis folgcndcrniassen dar: Juristische Fakultät: 23 Mitglieder, davon J5 Christen. 8 Juden. Medizinische Fakultät: 34 Mitglieder, davon 29 Christen, 5 Juden. Philosophische Fakultät: 57 Mitglieder, davon 51 Christen. 6 Juden. — Noch anders steht aber die Sache, wenn man nur die ordentliehen Universitätsprofcssoren in Betracht zieht. Juristische Fakultät: Ordentliche Professoren: 15. davon 12 Christen. 3 Juden. Medizinische Fakultät: Ordentliche Professoren: 23. davon 21 Christen. 2 Juden. Philosophische Fakultät: Ordentliehe Professoren: •IS. davon *15 Christen. 3 Juden. Zusammen: Ordentliche Professoren 86. davon 78 Christen. 8 Juden, also: 90,7 Prozent geborene Christen n ich t jüdischer Abstammung. 93 Prozent Juden. So sieht die ״Verjudung״ der Wiener Universität aus. Dumapräsident und Jugenfrage Eigenartige Aetisserungen gab der Dumapräsident Comjakow über die Judenfragc zum Besten. Ein Kommentar für diese von Hass und Vorurteil zeugenden Worte ist überflüssig. ״Wir Oktobristen," sagte Chomjakow, ״haben über die Judenfrage keinen Beschluss gefasst und denken überhaupt nicht auf diesem Gebiete etwas Entscheidendes zu tun. Ist denn jetzt tie Zeit dafür geeignet, sich mit solcher relativ wenig wichtigen Frage, wie die Judenfrage, zu beschäftigen? Es ist klar, dass diese Frage in keiner direkten Beziehung weder zum. russischen Volke, noch zum russischen Reiche steht. Wie dürfen wir uns mit Nebenfragen befassen, wenn die Grundlagen des Reiches stürzen? . . . Die zwecklosen und dummen Judcnbeschrünkungcn müssen a!)geschafft werden. Nehmen Sie z. B. das Wolinrechtsvcrbot. für wen ist es nötig? Durch dieses Verbot werden die Beamten nur demoralisiert und bestechlich, die Juden aber wohnen doch überall. Ich glaube, dass es nicht einen Dummkopf geben wird, der es nicht für notwendig fände, diese Beschränkungen sofort abzuschaffen, denn wenn man sich aucii mit einer chinesischen Mauer umgibt, die Juden würde״ doch eindringen, da