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Jüdische Rundschau · 1907-12-20 · Heft 51-52 (20.12.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 51-52 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 51/52 ־ JÜDISCHE RUNDSCHAU. % Seite 545 bunden ist, so erscheint es unmöglich, dem Zersetzungs* Prozess, der sie ergriffen hat, Einhalt zu gebieten, und sie dürften ihrem endlichen Schicksal, dem Verschwinden in der Gesamtbevölkerung, nicht entgehen. Das Wort: ״Seid fruchtbar und mehret euch“ hat uns in den Jahrtausenden gerettet. Ohne Kinder, ohne Jugend erringt man keine Siege mehr. Das Lehrerseminar zu Jerusalem. Von Oberlehrer JosefCarlebach. I Im alten Heimatland des Judeuvolkes gärt es. Palästina I will nicht mehr das alte bleiben. Wenn ich so sagen darf: I es ringt nach Emanzipation. Wie seine Kinder in der Diaspora nacn Gleichberechtigung mit den anderen Völkern und Menschenrassen, so strebt cs nach Gleichberechtigung mit den anderen Ländern und Kulturgebieten. Das Joch der tausendjährigen Vorurteile, des שם רע des bösen Namens, das auf ihm lastet, will es brechen; es ist satt, eine Ruine, eine wehn׳iitige Triimmerstütte zu heissen und zu sein. Es will nicht nur tränende Augen, klagende Menschen auf seinem Boden j sehen, cs will Menschen, es will Juden tragen mit frohem Antlitz, froh über die Arbeit ihrer Hände, froh über die Erträge und Schütze, die sie im Schweissc des Angesichtes sich erworben haben. Ein Paradies, ein Fruchtgarten will cs sein, wie ehedem, und keine Wüste, wo Wolfe und Schakale hausen; einen jüdischen 1'*‘כ will es besitzen im Sinne unserer alten Weisen, eine Einwohnerschaft der Arbeitsfreudigkeit und der Kultur, eine jüdische Kolonie, die im Herzen treu ist dem Ideal und dem Geiste der Väter, aber auch wie sie die Pflugschar spannt und das Handwerk übt, die den Arbeitslosen einen Räuber nennt'■). Es will tausend tleissige Hände sich regen selten, die Trümmer der Jahrhunderte wieder aufzubauen, die Einöden zu kultivieren, die Sünden der Vergangenheit, die grosse, ewige, schreckliche, an diesem Land verübte Schuld der Generationen zu tilgen. Es will nicht mehr huren, dass seine Kinder im Auslände sprechen: In Palästina kann man nicht leben, auf Palästina lastet ein Fluch; es will es nicht mehr sehen, wie seine einheimischen Kinder neidisch schielen auf das Glück und die Wohlfahrt fremder Länder, Gleich will es sein mit allen Wirtschaftgebieten der Welt. Wer Augen hat, zu sehen, dem kann diese Entwicklung Palästinas nicht entgangen sein. In den Vordergrund aller jüdischen Interessen ist es getreten, man kann es nicht mehr übersehen. Den Wettstreit aller Nationen hat es entfacht, die alle gern den ׳Ruhm der wirtschaftlichen Erschliessung Paliistinas für sich in Anspruch nehmen würden. Es hat damit die Juden vor die ernste, unerbittliche Alternative gestellt: entweder auf den Ruhm und die Ehre zu verzichten, an dieser Erschliessung teil zu haben, die ihnen doch in erster Linie als vornehme, Pilicht obliegt, oder aber mit aller Energie, mit An- Spannung aller Kräfte in den Wettbewerb, in die Konkurrenz der Mächte um die Kolonisation des heiligen Landes einztitreten. Man kann cs freudig konstatieren, dass die Erkenntnis des Paiästinaproblems und das Bewusstsein jener Ehrenpflicht, die wir an diesem Lande haben, wenn sie auch noch nicht zum Allgemeingut der Juden durchdringen konnte, doch zur rechten Zeit einer hinreichend grossen Zahl der Unscrigcn aufgegangen sind uiul dass diese Initiative und materielle. Mittel 'genug bcsassen, uni mit Eriolg den Wettbewerb aufzunehmen, obwohl keine politische Macht ihnen schützend und helfend zur Seite stand. Was die verschiedenen philanthropischen Organisationen, was die Gesellschaft der Chowcwc-Zion, was Montefiore und der Baron Ednioud von Rothschild und viele *) ״Wer seinem Sohn kein Handwerk lehrt, macht ihn zum Räuber.“ andere in Palästina geleistet haben, das braucht sich wahrlich vor den Schöpfungen der anderen Nationen und Religionen auf palästinischem Boden nicht zu schämen. Ihnen ist es zu verdanken, wenn cs heute möglich ist, in Palästina ein menschcnwürdiges Dasein zu führen, ihnen, wenn bei der jüdischen Bevölkerung in immer steigendem Masse sich die Liebe zur Arbeit Bahn bricht und der Wunsch nach gesundem wirtschaftlichem Schaffen laut wird, ihnen, wenn heute kein Zweitel mehr darüber besteht, dass Palästina ein Land ist, das seine Bewirtschaftung lohnt, das halten kann, was es verspricht. Ich sagte: Palästina ringt nach seiner ״Emanzipation“; der Ausdruck trifft zu, und die Einwändc, die man gegen seine ״Reife und Würdigkeit zur Gleichstellung mit anderen Ländern“ macht, haben frappante Achnlichkeit ^־jit den Vorurteilen und Vorwürfen, gegen die wir s. Z. bei Andersgläubigen zu kämpfen hatten . Was war cs, was man uns zur Last legte? Alles Schäden und Fehler, die unsere gewaltsame Abscliliessung von aller Kultur zur notwendigen Folge hatte, welche die Sünden anderer au uns verschuldet hatten, und um dereiitwillen wir doch gerade nach Befreiung und Licht strebten. Was ist cs. weshalb wir so skeptisch den Kolonisationsbcstrebungen in Palästina gegenüberstehen? Weil es wüst und öde daliegt, weil man cs durch Jahrtausende vernachlässigt und entwertet hat, weil andere daran gesündigt haben. Aber gerade deshalb muss doch endlich der Bann gebrochen, die Arbeit wieder auigenommen werden ,gerade deshalb hat doch das Land erhöhten Anspruch aui unsere Fürsorge und Beachtung . Und wie die Juden, als kaum der schwere Druck von ihren Schultern zu weichen begann, als eben das Joch ein wenig sich lüftete, sogleich mit ganzer Energie und staunenerregendem Erfolg mitten in die Kulturwelt eintraten und oft ihre Mitmenschen überflügelten, so hat auch Palästina, wo man sich verständnisvoll seiner annahm, bei den ersten Spaten- Stichen ileissiger Landlcutc grossartige Proben von Fruchtbarkeit und Ertragsfühigkeit gegeben, Wüsten und Stcinfelsen zeigten der Arbeit sich wert und des Schweisses sich würdig. So ist denn auch unter den Juden Palästinas ein neues Leben und Regen erwacht, in den Städten wie auf dem flachen Lande, in den Dorfschaiten. Täglich und stündlich schwillt die Strömung kräftiger an; in immer weitere Kreise dringt die Erkenntnis, dass es auch Im heiligen Lande für die Dauer nur eine Lebensmöglichkeit gibt: auf der Grundlage der Arbeit tind der Kultur. Um nur ein charakteristisches Beispiel aus der jüngsten Zeit anzuführen: Aus der Mitte des ungarisehen Kolels in Jerusalem, der bisher am einseitigsten und ausschlicsslichsten das rein religiöse Fundament betont, und durch die Chalukkah gekräitigt, jeder profanen Betätigung den Krieg erklärt hatte, hat sich eine Gruppe gebildet mit dem Namen ״Khillatli Jakob“, die, unzufrieden mit ihrer bisherigen Lebensweise, sich der Landwirtschaft zuwenden und als Ackerbauer ihr Brot suchen wollen. Vor drei Tagen ging mir ihr Aufruf zu, in welchem sie ihre Ziele darlegen und die u!1-! garische Judeuschaft um Hilfe und Unterstützung bei ihrem | Unternehmen angehe». Es kann fiir den Kenner des Landes kein charakteristischeres Symptom für die Umwälzung in den Verhältnissen Palästinas gedacht werden, als diese Bewegung innerhalb der ungarischen Gemeinde. Pag erste Erfordernis aber zur Umgestaltung des Lebens, zur Schaffung einer arbeitsamen, kulturfreudigen Bevölkerung, war und ist: die I Svhule. ln dem Augenblicke, wo der erste Jude zum Hand- I werk und zur Landwirtschaft in Palästina sich entschloss, war I das Recht der Alleinherrschaft für Jeschibot und Qhcder er- I schlittert; denn sie konnten die für das praktische Lehen un- I entbehrliche theoretische Vorbildung ihren Zöglingen nicht I geben. So hat sich denn auch die Schule entwickelt und I einen Platz erobert, in den jüdischen Kolonien schon hei der ן Gründung als notwendiger Bestandteil des Gemeinwesens bc- I trachtet, in den Städten zuerst viel angeieindet und erst t »»«יון

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