Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 51-52 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 51/52 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 543 die besondere Betonung des deutschen Moments bald in den Hintergrund getreten und der Hilfsverein hat sich bei der Regelung der russischen Auswanderung und der Unterstützung der Pogromopfer besondere Verdienste erworben. Kr hat jetzt 13 000 Mitglieder. Ebensoviel ziihlt jetzt die Allianz, die in den letzten 2 Jahren in Deutschland nach langem Stagnieren einen grossen Aufschwung genommen hat. Zcntralvcrein und Logen, Hilfsverein und Allianz, ihnen allen ist die Aufrüttelung des jüdischen Bewusstseins durch die russischen Greuel in starkem Mitgliederzuwachs und finanzieller Kräftigung zu gute gekommen. Seit 1904 hat sich im Verband der Deutsehen Juden auch eine Gesamtorganisation der deutschen Juden gebildet. Während die Wissenschaft des Judentums, die einst von Deutschland ihren Ausgang genommen hat, langsam verdorrt, wächst das Interesse an jüdischer Publiz i s t i k. Es gibt eine Reihe Organe der verschiedensten Richtungen, die über ganz Deutschland verbreitet sind und ausserdem hat fast je Je grössere Gemeinde ihr jüdisches Lokalblatt. Der soziale Zusammenschluss und die Hebung des jüdischen Bewusstseins war nicht begleitet von einem Aufschwung des religiösen (1 e i ii 11 1 s. Die Ort 11 0 d o x i e hat die Positionen, die sie sicli seit 1850 gegenüber dem alles überschwemmenden religiösen Liberalismus erkämpft hatte, nur sehr mühsam behauptet. Die Orthodoxen bilden überall nur kleine Gruppen und SonJergemeiuden und sie vermögen die Jugend nur selten zu halten. Die Haltung des S a b b a t h hat besonders seit Einführung der obligatorischen Sonntagsruhe anfangs der neunziger Jahre sehr abgenommen. Immer geringer wird die Zahl koscherer Haushalte, die Kenntnis •der hebräischen Gebetssprache; selbst die Beachtung der hohen Festtage ist schon vielfach verschwunden und die Ablehnung jeder positiven Religion in weiten Kreisen hat vielfach zu einem völligen Abstreifen aller Ritualien geführt. Dagegen hat in den letzten Jahren der R e l i g i o 11 s ־ unterricht der Jugend wieder sehr an Umfang gewonnen, so dass heute kaum, wie es noch vor einem Jahrzehnt bei tausenden der Fall war, ein jüdisches Kind ganz ohne Rcligionsunterricht bleibt. Die Gemeinden tun hierin heute ihr Möglichstes, ebenso wie in der Wohltätigkeit und sozialen Fürsorge, die auch durch unzählige Stiftungen und Vereine im grossen und ganzen in durchaus zufriedenstellender Weise gepflegt wird. Die Gemeinden sind im Deutscli-israelitischen Gemeindeblind organisiert und gliedern sich in Süddeutschland in eine Reihe von Distrikts- und Bezirksrabbinaten. In Pretisscn fehlt leider wegen des 1S47 c r Judcngesctzes jede öffentlich-rechtliche Gliederung und Zusammenhang der jüdischen Gemeinden, so dass dadurch die Leistungsfähigkeit der kleineren sehr geschwächt wird. Leider herrscht auch in vielen Gemeinden ein engherziger Geist, der den Aufgaben der Jetztzeit verständnislos gegenüber steht und die ausländischen Juden vielfach kleinlich schikaniert. Diese bilden in Deutschland heute durchaus eine Klasse für sich und bedürfen daher gesonderter Betrachtung. Am I. Dezember 1900 wurden in Deutschland ermittelt 41 113 im Ausland geborene Juden. Da davon manche durch Naturalisation, manche Frauen durch die Ehe diu deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben, während die in Deutschland geborenen Kinder Fremder gleichfalls Ausländer sind, so dürfte sich die Gesamtzahl der ausländischen Juden damals aut etwa 43 («kj gestellt haben. Bei den Zahlen der Volkszählung vom l. Dezember 1905 ist zu berücksichtigen, dass sie in die Zeit der Revolution und der Pogrome in Russland fiel und daher die Zahl der russischen Juden anormal hoch erscheint. Es wurden gezählt in Preussen 3» 844 ausländische Juden, davon der S t a a t s a 11 g e h ö r i g - k c i t nach * Oesterreicher ..43,0 t;• i Russen. 34,0 % j Ungarn ........ 8,7 % :! Rumänen .2,2 %. I Türken.1,0 V׳ f —״־ 1— ־ 1—— . j Sa. Ostjuden SS,9 cx, > | dabei ist zu berücksichtigen, dass die Westösterreicher, die j als Westjuden zu zählen sind, aufgerechnet werden müssen J gegen einen Teil der Amerikaner, Engländer und Niederländer, j die dort naturalisierte Ostjuden sind. | Es waren ferner ausländische Juden in Hessen 17S7 (7,24^), hiervon über 90 % Ostjuden. Die Begriffe ausallerhand Skelette, Schädel, Menschenknochen und ausgestopfte Tiere und Vögel füllten die Ecken und tiefen Nischen des Kabinetts. Eine Menge alter Bücher füllten die an den brauntapezierten Wänden hängenden Regale; in einer Ecke stand am* einem besonderen Tischchen ein grosses schwarzes Kruzifix aus Holz, und das schwere grosse Eichemnöbe! erinnerte an alte Denkmäler aus der Zcät längst verwester Toten und machte in Gemeinschaft mit den übrigen Gegenständen einen geradezu unheirnliehen Eindruck. Einige Minuten sass der Doktor unbeweglich in tiefem Nachdenken. Da klopfte es vorsichtig und leise an die Türe. Don Pedro fuhr zusammen, reckte sich, strich sich mit der Hand über die Augen und erhob sich schwerfällig. ״Nein!“ sticss er zornig hervor, indem er einen grossen Folianten •von sich schleuderte. ״Entweder bin ich zum Adepten einer grossen Lehre geboren oder diese Menschen lügen gewissenlos!“ Es klopfte zum zweiten Male. ״Tritt herein, Jacobo!“ rief Don Pedro laut und näherte sich der Türe. — Der Diener trat herein, mit einer Schale Kaffee in der Hand. Er verneigte sieh vor seinem Herrn, und | trug die Schale vorsichtig an den Tisch; dort rückte er , die Bücher zusammen, stellte die Schale' auf den frei- | gewordenen Tisch und blickte sich traurig im j Zimmer um. ״Ich danke dir, mein guter Jacobo,“ sagte Don Pedro, ־ die Schale ergreifend. ״Ich fühle eine ung'ewohnte Müdigkeit.“ . ,׳ ״Das will ich glauben. Ganze Nächte ohne Schlaf zuzubringen .... Sie scheinen sich auch in dieser Nacht nicht niedcrgelegt zu haben. Es ist sündhait, so zu handeln, Sennor . . . .“ ״Nun, schilt nicht, Jacobo, ich werde in Zukunft vernünftiger sein. Ich sehe ja selbst .... Ich vergeude meine Zeit und meine Gesundheit vergebens. Räume d:e Bücher weg, räume sie weg, sie bringen mich noch von Sinnen ״O, Sennor. wenn ich sie ganz aus dem Hause schaffen dürfte!“ ״Nein, Jacobo. Die Zeit wird kommen .... Mög- »licherweise werde ich dann vernünftiger . '. . Der Diener machte eine resignierte Handbewegung und begann die Bücher auf einem der vfclen Regale zu ordnen. — Jacobo war ein langer hagerer Mensch mit einem sein* typischen Gesicht, einer feinen gebogenen Nase, einem Lockenkopf und einem KGlbart; mit