Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 51-52 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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jÜblSCHt RUK’DSCHAU. No. 51/52 Seite 542 auch in praxi wiederholt jüdischer Interessen angenommen haben. Im prcussischcn Abgeordnetenhause sitzen unter den Freisinnigen 7 Juden, als Vertreter von Berliner und Fosen-Westpretissischcn Wahlkreisen, in denen unter dem Dreiklassenwahlrecht die jüdischen Stimmen von Bedeutung sind. Zum Reichstag fielen bei den letzten Wahlen tüie jfidisehen Kandidaten der Freisinnigen durch. Unter den Sozialdemokraten sitzen dort 3 Juden und einige konfessionslose Judenstätr.mlinge. Doch sind weder Freisinn noch Sozialdemokratic frei von Antisemitismus. Pie Sozialdemokratie agitiert überall dort, wo die Bourgeoisie stark iiidisch durchsetzt ist, wie in Frankfurt a. M. und Nürnberg-Fürth, stramm antisemitisch; der־Freisinn auf dem Lande — auch die dortigen Juden selbst — wollen keine jüdischen Kandidaturen und wählen unter mehr oder minder offener Zustimmung der Parteileitung Mann für Mann in der Stichwahl den Antisemiten gegenüber den! Sozialdemokraten. Per Verein zur Abwehr des Antisemitismus und der Zentralerem deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die überall die nicht antisemitischen Kandidaturen unterstützen, sind demgegenüber völlig machtlos. Per R;; d a u a n t i ,s e in i t i s m u s hat jeden Fim'htss verlorcn; wo Bedrohungen und Gefährdungen der Juden an Gut und Lehen vorkamen, wie in Neustettin und später in Könitz, hat die Regierung energisch durchgegriüen. Desto gefährlicher ist der soziale Antisemitismus. Pas deutsche Volk ist von alt er sh er antisemitisch. Auf den Höhepunkten der liberalen Fiuheits- und Freiheitsbewegung schien der Judenhass verschwunden. Aber die sichtbare Besserstellung der jüdischen Bevölkerung rief der« Neid hervor und als Lude der siebziger Jahre eine heilige Wirtschaftskrisis vor allem die vom Kapitalismus zurückgedrängten Schichten des Handwerkertums und Mittel- Standes traf, brach, von skrupellosen Agitatoren genährt, der alte Hass sich wieder Bahn. Er hat vor allen auf den Universitäten fruchtbaren Boden gefunden und von dort aus die gesamte Bevölkerung ergriffen. Zwischen Juden und Nichtjuden klafft heute In Deutschland ein schier unüberbrückbarer sozialer Abgrund, und nur in ganz dünn gesäten Zirkeln der grossstädtischen Literatenwelt und Hautciinance findet sich ein häufigerer Verkehr zwischen Juden und Christen, ln mancher! Städten bilden auch die recht zahlreichen getauften Judenfaniilien, die vielfach durch Generationen nur unter sich und mit Juden geheiratet haben, ein Bindeglied, wenn sic auch des öfteren trotz aller Bemühungen von den Christgermanen gemieden werden. Selbst in ärztlichen Standesvereinen und ähnlichen Organisationen hat die Scheidung Platz gegriffen. Auch juden reine Kurorte u1׳J Hotels sind zu verzeichnen, allerdings nur solche dritten und vierten Ranges. Gegenüber dem auf a'len Seiten drohenden Feinde blieb den Juden nichts übrig, als sich enger aneinander zu schliesscu; wir finden somit eine ausserordentliche Stärkung des j ii d i - sehen V e r c i n sl e b c n s im Zeitalter des Antisemitismus, die zum Teil schon zu einem Aufsiehselbstbesinncn der Juden und einem Wicdererwaclieu des jüdischen Nationalgeiühls geführt hat. Auch hier ging die Bewegung von den akademischen Kreisen aus, die am meisten zu le den hatten, und von den Universitäten, wo die Zustände ganz unerträglich geworden waren. Es entstanden spezifisch antisemitische Verbindungen und eine Gnippe von Korporationen nach der anderen schloss statutarisch die Juden aus. Pie seit 25 Jahren unablässig wiederhohen Versuche, gemischte Verbindungen zu bilden, endeten stets entweder mit dem Ausschluss der Juden oder dem Fernbleiben der Christen. Dabei waren Rauilüindel au der Tagesordnung und die beleidig:.:! Juden fanden oft bei den Korporationen, auf deren W.r'ea sie die Duelle ausfochten, nicht genügenden Schutz durch die Sekundanten. So entstanden ausschliesslich jüdische Verbindungen mit immer schärferer Betonung der jüdischen Tendenz bis zum offenen Be’• <.׳mt!üs zun! National;:.Jciitmu und Zionismus. Im bürgerlichen Lebe•!: entstand neben zahl *eichen pseudoparitätischen geselligen Vereinen aus einer Reihe von Abwehr- kor.-ltees 1593 der Zeiitralverein d e 111 s c i! e r Staatsbürger jüdische!1 Glaubens, der heute 20C:'0 Juden aller Rieht :::gen als F.inzclmitg'ieder umfasst, j Die jüdischen Logen des B’n e i ־ B’r i 111 - 0 r d e n s!anden immer mehr Eingang. Aus den! grosseren Interesse am! Judentum, seiner Geschickte und Kultur entstanden die zahlreichen Vereine für jüdische Geschichte und Literatur. In deren Entstehungszeit spielen schon die natmnaljiiih'schen Elemente und Tendenzen eine Rolle, die seit 1S96 zur Bildung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland mit G000 Anhängern, wie der jüdisehen Turnvereine führten. 1902 entstand in scharfem Gegensatz zu der u n i v e r s e 11 ־ j ü d i s c 11 e n Allianz! der H i I i s v e r e i n der Deutschen Juden; doch ist Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. (Fortsetzung.) Der geehrte Don Pedro gehörte zu jenen reichbegabten, aber im höchsten Grade widerspruchsvollen, exzentrischen Naturen, welche die besten Psychologen aus aller Fassung bringen, durch ihr Erscheinen in der Welt der Wirklichkeit Ile scharfsinnigen Systeme, alle Theorien der psychologischen Wissenschaft Umstürzen. Die Damen am Potocki’schen Hoie nannteji ihn den ״toten“ Spanier; er beachtete die Frauen niemals und machte kein Held daraus, dass sie ihm alle in tiefster Seele verhasst waren. Freilich war dies erst der Fall, seitdem seine schöne junge Frau ihn und seinen kleinen Solin schmählich verlassen hatte und mit einem vornehmen sto:zcn Spanier, einem leeren Fant, durchgegangen war. Seitdem lebte er als Einsiedler ein einsames. freudloses Leben. Don Pedro war aus einer alten jüdischen Familie Spaniens, die während der Inquisition das Christentum angenommen halt. Obgleich schon im Katholizismus gebaren, war er doch mit Leib und Seele Jude, und als ihn das Unglück in seiner Familie traf, als sein Weib ihn verliess, da be,schloss auch er, den ewigen Ver-! dächtigtmgen und Verfolgungen der Inquisition aus dem Wege zu gellen und auszuwandern. Mit seinem Sohne wandte er stell nach der Türkei, traf aber unterwegs in der Moldau mit Pan Potocki zusammen, und wir wissen, dass er seitdem als Leibarzt eine angesehene und geachtete Stellung am edelhcrrlichen Hofe eiimahm.- Mehrere Wochen waren seit der beschriebenen Begebenheit vergangen. Der Monat September näherte sich seinem Ausgang. Die ganze Natur befand sich in herbstlicher Stimmung, die Vögel machten sich zum Fluge in ein wärmeres Land bereit und sogar die Sonne scliien blasser und müder als sonst auf die gelb gefärbten Bäume iiernicderzubückeu. Es war früher, nebliger Morgen. An einem riesigen alten eichenen Tische, der mit dicken Folianten bedeckt war, sass Don Pedro, das Haupt in beide Hände gestützt. Zwei niedergebrannte Wachskerzen in plumpen Messinglcuclitern warien ein blasses bläuliches Licht auf das abgespannte Gesicht des Gelehrten, wie auf das Durcheinander i!1 dem langen, schmalen Kabinett. Dieses Licht verlieh dem Gesichte des Doktors eine bleiche, bläuliche Schattierung und umgab die umher I stellenden und -liegenden Gegenstände mit einem traurig-blassen Kolorit. Und diese Gegenstände, boten ' schon an und für sich keinen erfreulichen Anblick, denn