Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651550--05295-2662310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 50 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 535 kleinen Pogroms. Natürlich missbilligt er nicht die Juden- Schlägerei. Das ist ja verständlich. Aber die Zeitungen parieren alle Ordre! Das ist wieder einmal neu. Bisher hatten sic mehr Selbständigkeit. Jetzt berichten also die Odessaer Zeitungen nur von kleinen Strassenkeilcrcicn und unterstützen dadurch wirkungsvoll Jic ausländische antisemitische Presse, derzutolge ja die Juden in Odessa eine Schreckenshcrrschaft ausüben. Die Herren Antisemiten sind naiv: das würde doch der Gouverneur sicher missbilligen! Die Zuschrift des Dr. Schmarjahu Lcwln, die auch in unserem Blatte abgedruckt worden ist. hat Herrn M. A. Klausner als Geschäftsführer der deutschen Konferenzgenieinschaft der Alliance Israelite Universelle zu persönlichen Angriffen veranlasst, über die Dr. Lewin erhaben ist, die aber geeignet sind, auch noch weiter die Alliance schwer zu sclüidigen, nachdem erst kürzlich durch den unmotivierten Angriff auf Prof. Philippson aut Grund von aus dem Zusanimenhangc gerissenen Stellen die Alliance durch diese Art von Geschäftsführung schweren ideellen Schaden genommen hat. Dass Herr Klausner findet, dass kein anständiges Blatt die Zuschrift des Dr. Lewin «!)gedruckt hat, ist eine indirekte Ehrung für uns, über die wir gern dankend emittieren. Aber Herr Klausner hat den Gcwährsin a n n d e.r Alliance gegen Dr. Lewin ausgespielt und ihn einen Führer der Zlon'sten genannt. Wir müssen uns ganz entschieden dagegen verwahren, dass Herr ״Rabbiner“ Dr. AwJnowit/.ki zu uns gerechnet wird. Alter geradezu wunderbar ist es, dass die Alliance einen Mann in Odessa zum Vertrauensmann hat, der das gleiche Vertrauen der ..russischen Regierung•• besitzt und .der Helfer und \V a i f c n g e f ä 11 r t e des zwar kein Hebräisch kennenden, aber ״als gelehrter Jude" ins Ministerium nach Petersburg berufenen Ü r. Moses Kreps ist, dem Awinowitzki sehr gegen den Willen der Odessaer Juden aller Parteien und Kreise den Posten als Reglerungsrabbiner verdankt. Die Alliance Israelite Universelle hat zu allen Zeiten g r u ״ d s ä t z 1 i c 11 unsere Sympathien gehabt und wir werden sie weiter gegen die Angriffe schützen, die ungerechterweise gegen sie erhoben werden. Aber gegen den schweren Schaden, den sie bereits durch die jetzige Geschäftsführung erlitten hat und weiter erleiden ־ wird, wenn sie nicht sehr energisch diese Angriffe von ihnen zuriickwc'st. vermag sie sieh nur selbst zu schützen. Zu dieser Frage geht 1!ns noch der folgende Briefwechsel zu: An den Hiiisvercin der Deutschen Juden Berlin. Anbei gestatte ich mir. Ihnen einen Brief eitmtsenden, den Herr M. A. Klausner, Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israölite Universelle an die Zeitungen verschickt hat. Der Ton und die eigenartige Schreibart dieses Zirkulars überheben mich der Miihc, mich mit ihm zu befassen. Ich möchte nur mit Bezugnahme auf folgenden darin enthaltenen .dcnunziatorischcn Passus: ..Jedenfalls ist von Interesse, durch Sclnnarje Lewin zu erfahren, dass er in Berlin auf Grund verschiedener. Odessaer Zeitungen die Odessaer Telegramme verfasst und verbreitet, durch die ohne Not und ohne Ursache Schrecken hervorgcrufeti wird־*, und mit Rücksicht darauf, dass der Hilfsverein der Deutschen Juden, wie bekannt, die Nachrichten über Odessa verbreitet hat. von Ihnen eine Bestätigung haben, dass ich bei diesen Telegrammen unbeteiligt bin. gcz. Schmaric Lewin. Herr Dr. Sclnnarje Lewin Charlottenburg. Sehr geehrter Herr! In Beantwortung Ihrer Anfrage bcstätige ich Ihnen gerne, dass der Hilfsverein der Deutschen Juden von Ihnen niemals irgend weiche Mitteilungen weder in Form von Telegrammen noch in Form! von Berichten zur Weiterverbreitung bezogen oder erhalten hat. Es erübrigt sich also, dies bezüglich der Odessaer Telegramme noch speziell zu erklären. Unsere Telegramme an deren Zuverlässigkeit für uns kein Zweifel sein kann, stammen übrigens, wie bei dieser Gelegenheit hervorgehoben sei, von zwei bekannten Odessaer Burgern, an deren Glaubwürdigkeit ich zu zweifeln keine Veranlassung habe, die begreiflicherweise in Anbetracht des gegenwärtig herrschenden Strafsystems in Russland nicht genannt werden können. Hilfsverein der Deutschen Juden, gez. James Simon. Zu diesem Briefwechsel habe ich, noch hinzuzufügen, dass ich — mit Ausnahme des Protestbriefes, der nicht den Charakter eines Berichts trägt — nie in meinem Leben irgendwelche Berichte an deutsche Zeitungen verschickt, noch fiir ein Publikationsinstitut gearbeitet habe. gcz. Schmarie Lcvin. Aus Odessa Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Odessa folgenden Bericht: Am 5. Dezember fanden gelegentlich der Beerdigung eines Verbändlers neue Ausschreitungen gegen die Juden statt. Etwa ein Dutzend Juden wurden wiederum verwundet, die meisten von ihnen durch Dolchstiche. Am anderen Tage besuchten der Stadthauptmaiin und der Polizeimeister die Verwtindcten im Jüdischen Krankenhause, und hatten so Gelegenheit, sieh von den Ausschreitungen der Verbändler zu überzeugen. Der Stadthaupttnann sagte den Verwundeten, dass die Administration nichts gegen den Verband der echt russisehen Leute unternehmen könne, weil der Verband eine patriotische Organisation bei. Er riet den Verwundeten, sic möchten doch Anzeige erstatten gegen die. die ihnen die Wunden beigebracht haben. Das ist natürlich nicht möglich, da man die Verbändler nicht iestgenommeti hat. So müssen auch diese Untaten wieder unbestraft bleiben. Die Nachrichten über die Bluttaten In Odessa am 27. und 28. November werden dem Hilfsverein der Deutschen Juden nunmehr auch brieflich von verschiedenen der angesehensten jüdischen Bürger Odessas bestätigt. Ferner liegt den! Hiüsverein eine offizielle Mitteilung des Jüdischen Krankenhauses in Odessa vor, wonach ־ mehr als 300 Personen als Opfer der damaligen Unruhen das Krankenhaus haben aufsuclien müssen: ausserdem lagen ein ha* •10 an ihren Wunden im Krankenhause einige Zeit schwer darnieder. Diese Zahlen geben ein Bild von dem Umfang der Unruhen, das nicht wcggeleugnet werden kann. Die Juden als Handelsobjekt ׳ Man schreibt ins aus Petersburg: Die Juden, denen man immer nachsagt, dass sie sich nur auf den Handel verstehen, haben bekanntlich schon mehr als einmal auch als Handels o b j e k t dienen müssen. Eben jetzt ist hier wieder ein solcher Handel perfekt geworden. Ver- Käufer sind die Oktobristcn, die dem Verband der ״%chtrussischen" Leute die Juden mit Haut und Haar verkauft haben. Denn was anders heiss: es. wenn die Rechte den Oktobristen zugesteht, dass die Duma auch eine gesetzgebende, nicht mir eine beratende Körperschaft sei und die ״liberalen" Oktobristcn dafür darauf verzichten,' irgend welche Gesetzentwürfe zur Aufhebung der Ausnahmebestimmungen einzubringen. So erwirbt man eine liberale Konzession in Worten und gibt dafür jeden Versuch einer liberalen T a t auf! Und von diesen Oktobristcn erhofften auch im Auslande viele Leute die Schaffung eines freiheitlichen Russland! Für das Dumagebäude aber schlagen wir eine Inschrift vor: ״Lasciatc ogni speranza . . .־* Lasset alle Hoffnung draussen . . . Finland und die Judenfrage Die Juden haben bekanntlich fast überall die überaus traurige Erfahrung machen müssen, dass gerade diejenigen Völker, die selbst schwer um ihre Freiheit kämpfen müssen, und von denen am ehesten Verständnis für die traurige Lage der Juden erwartet werden sollte, sich in der Gewährung der Freiheit für die Juden am intolerantesten zeigen. Beispielt: Die Einen und die Polen, Der Antisemitismus der Polen ist ganz bekannt und offenkundig. Aber auch die Fitieu, die lange Zeit ganz Europa in Aufregung setzten mit ihren lauten Protesten gegen die Vergewaltigung durch den russisehen Koloss, sind den Juden gegenüber recht harte Herren, Die Jude)! in Finland haben bis in die jüngste Zeit noch weniger Rechte als die russischen Juden! Man weiss, was das sagen will. Erwähnt sei nur, dass sie Freizügigkeit überhaupt nicht haben, das sie nur wenige bestimmte Berufe ausüben dürfen, dass sie einen speziellen Konsens für die Heirat brauchen usw. Nun ist gar noch eine ״Ausländerfrage“ in Finland akut geworden, infolge der Zuwanderung russischer Juden in das benachbarte Finland. Der Gouverneur der Provinz. Nyland Uielsingfors) lenkt nämlich die Aufmerksamkelt des hauptstädtischen PoUzeimeisters darauf, dass zahlreiche russische Juden während der letzten Zeit nach Finland gekommen sind, die namentlich in Hclsingfors ihren Aufenthalt genommen haben. Auf eine alte Verordnung vom Jahre 1782 Bezug nehmend, durch welche es den Jude« gestattet wurde, in den drei Städten Stockholm, Gothenburg und Norrköping gewisse näher bezeichnet« Wirksamkeiten auszuübe«, ersucht der Gouverneur den Polizeimciater. nur solchen Juden den Aufenthalt in Helsingtors zu gestatten, die sich dazu von der Polizei einen sechsnwnatlichen Erlaubnis-