Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sale 534 No. 50 JÜDISCHE RUNPSCtiAJJ. Wir cehen nicht so weit, daraus Folgerungen für die ״deutsche Auffassung von Treu und Glauben" 2a ziehen, von der Sie sprechen. Sie aber hätten fede Auffassung von Treu und Glauben im letztgenannten Falle gröblich verletzt! Was trifft nun zu, Herr Abgeordneter? Sie müssen darauf die Antwort geben! Sind Sie zu unfähig, um eine Statistik zu verstehen, oder-? Verweigern Sie die Antwort, so werde ich den letzten Satz vollenden und Sie zu der Antwort zwingen! Ergebenst Dr. Julius Becker. * —Rundschau. ««■ ■■ .׳.J 1__ ׳ *"שד! ״ י***«*׳.-"■-.,ן-*•j “ Politisch liberal und gesellschaftlich antisemitisch Der Amtsrichter Hengsberger in Schliichtc•:;) ist politisch gegen jede Schmälerung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden. Das gebietet ihm seine liberale Anschauung. Aber als Vorsitzender des Tennisklubs, der die Haute-volce der Weltstadt Schlüchtern umfaßt,;nag er nicht mit Juden vorkehren. Das verlangt die Haute-vulce so. Dean Fabrikanten Viktor Wolf erschien diese Zwiespältigkeit als eine Unwahrhaftigkeit, und das schrieb er dem Herrn Amtsrichter, der ihn darob wegen Beleidigung verklagte. Herrn Wolf wäre die politisch-gesellschaftliche Doppeltst׳■ ral des Herrn Amtsriehters and Tcnnisklubpräsidenten vielleicht gar nicht so sehr nahe gegangen, wenn er nicht im Sti eichen als ״blamierter Europäer' dagestanden hätte, weil er bei der Reichstagswahl ן für Herrn Hengsberger die jüdischen Stimmen gesammelt hatte j und nun, als er mit seiner Familie Aufnahme in den Tennisj klub nachsuchte, abgewiesen worden wäre. Dafür wollte er 1 sich rächen, oder wollte den Amtrichter bloss'.ellen. Freilich misslang ihm dies, denn das Gericht war der Ansicht, der J Amtsrichter habe sich durchaus keiner Unwahrheit schuldig gemacht. Wenn der Beleidigte ausführe, dass ei gegen die Familie des Herrn Wolf nichts cinzuwcndcn habe, aber im allgemeinen von dem Eindringen des jüdischen Elements in den Verein eine Störung der Harmonie im Klub fürchte, so sei das eine Sache für sich, die nnt seinen politischen Ansebauungen nichts zu tun habe. Es kenne jemand sehr wohl die politischen •Bestrebungen des Antisemitismus missbilligen und doch mit den Juden nicht gesellig verkehren wollen. Als״ habe der Herr Fabrikant Wolf sich einer schweren^ Bclcidigung und der Verbreitung nicht erweislich wahrer Tatsachen schuldig gemacht, wofür er 150 Mark Strafe und die Kosten des Verfahrens zu zahlen hat. Und das von Rechts wegen. Denn wer nicht die Augen mit einer rosenroten Binde verbunden hat, der vzeiss doch, dass in Deutschland allenthalben die gesellschaftlichen Verhältnisse so liegen, wie in der Residenz des Herrn Amtsrichters Hengsberger. Es gehört eine hohe Verblendung — man kann auch sagen: Optimismus — dazu, um sich mit Herrn Wolf zu entrüsten. Die Juden sollten eben etwas stolzer sein und sich nicht in die Zirkel cindrängcti wollen, die erklürtcrmassen nichts von ihnen wissen wollen. Es gibt einen netten demokratischen Vers: ״Gehe nie zu einem Forscht, wenn du nicht gerufen werscht!" Das sollten sich die Juden ins Arisch-christliche übersetzen! Zionisten an der Universität Wien, 2. Dez. Unter Führung des Abg. Dr. M a 111 e r sprach gestern eine Deputation der jiidischuatümalen Studentenschaft Oesterreichs beim l.'nterriehtsminbter Dr. M a r - che! vor. Der Sprecher der Abordnung Jurist Winterstein begrü'Stc die Forderung nach Anerkennung der jiidisehen Nanonaütät an ,Jen Hochschulen in Oesterreich und wies besonders aut den der akademischen Frc::׳.e 1t und den uationalem Grundrechten widersprechenden Zwang Inn, der auf die jüdischen Studenten bei Ablegung ihres nationalen Bekenntnissvs ausgeäbt werde. Redner erinnert!, den .Minister an die im Mai dieses Jahres gemachte Zusage wegen rascher ledigcng dt r- Angelegenheit!!;! J verwahrte siel! besonders die erfolgte Fknhomng eines < iuiaci.teris des Wiener KuUnsvorstaaJes. der in dieser F'r.tge weder kompetent noch n d etaUgei! sei. Der Unterricht': D r i 1! g 1 i c h k wegen der Arhcitshü heit dieser!־'rage ei vor de nt n ä c h erklärte W i e h t i g k e i t jedoch, dass der Kompliziert- ■c l'rledigtmg der Angelegenheit n i c I! t sten S o n; :n e r s e m e s t e r zu eränister anerkannte eit der F r a g e .tiing in! Ministerium 1;n Der Gouverneur missbilligt Aus Odessa wird uns berichtet: Ein Gouverneur, der etwas missbilligt, ist in Russland eine immerhin nicht ganz alltägliche Erscheinung. Denn für gute Worte und namentlich das dazu gehörige gute Geld wird sonst hier s ziemlich alles gebilligt. Daher dann die Urteile lebensfreudiger ״Realpolitiker", dass es sich in Russland ganz gut leben lässt; man muss nur das nötige Geld und einige gute Bekannte haben, die für das Geld ..empfänglich" sind. Ja. der nette Gouverneur (Stellvertreter des verstorbenen Generalgouverneurs Nowitzki — anständige Gouverneure sterben in Russland immer sehr schnell 1) missbilligt also die Veröffentlichungen der Odcssaer Zeitungen über die jüngsten Pavillon. Nach seiner eigenartigem Architektur, den grauen, verräucherten Steilwänden und hohen, schmalen, gewölbten Fenstern zu urteilen, gehörte der Pavillon zu de/ Zahl jener Gebäude, die von den Ahnen des gegenwärtigen Besitzers ׳errichtet, waren, in jenen fernen Zeiten, als der Platz, den jetzt ein üppig wuchernder Park zierte, noch als Exerzierplatz für die edelhcrrliehen Hoftruppen diente. Welchen Zweck dieses plumpe Gebäude damals hatte, Hess sich jetzt mit Sicherheit rächt feststellen. Nur eines könnte man mit Bestimmtheit behaupten: dass dieses lange Steingebäude mit den übermässig starken Wänden und tiefen Nischen nicht zur Zierde eines Oartens oder Parkes bestimmt war. Den Namen ״Pavillon“ erhielt es erst in späteren Zeiten, als die Vegetation des Parkes es von allen Seiten mit ihrem reichen Laub und ihrem dichten Schatten überzog. Dieser sogenannte Pavillon erinnerte durch sein Aussehen an einen alten, verunzierten, mit frischem Weinlaub bekränzten Satyr. In diesem Pavillon lebte der Leibarzt Don Pedro Miguel Sphardici mit seinem Sohne Daniello und seinem treuen Diener Jacobo. Als er als Leibarzt in die Dienste Potocki’s trat, erwählte! Don Pedro selbst diesen düsteren Pavillon zu seiner Wohnung, und dort cingezogen, hatte er keine Veranlassung, seine Wahl zu bereuen. Hier erfreute er sich der völligen Einsamkeit nach einer vielseitigen Tätigkeit, welche hilflosen Kranken, die ihm nur durch ihre heissen Segenswünsche lohnten, geweiht war: hier konnte er ungestört oft ganze Nächte in seinem Kabinett, das mit alten Folianten in schäbigen, abgegriffenen Einbänden überfüllt war. oder in seinem chemischen Laboratorium, das unter der Last zahlloser eigenartig geformter Tiegel fast barst, verbringen; hier entzog er sich dem Schauspiele menschlichen Leidens, das sein Herz zerwühlte; hier vergass er für einige Zeit die Ungerechtigkeit und den alles vernichtenden gemeinen Egoismus der Menschen, der stets in seinem Herzen einen tiefen Absehen erregte; hier lebte er sein inneres, beschauliches Leben. Und in diesem Leben und in der grenzenlosen Liebe für seinen einzigen Sohn, den er selbst erzogen, lag all seine Freude, all sein Glück. (Fortsetzung folgt.)