Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 526 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. *19 zur Prüfung vorgelcgt. Alsdann soll der Entwurf der ötientlichkeit zur freien Beurteilung tibergeben werden, bevor in die dritte Lesung eingetreten wird. Ein jüdischer Volksv^r^in Das ,Elend der Indischen Auswanderer und die Mittel und Wege, durch welche ihnen bei ihrer Durchfahrt auf den Breslauer Bahnhöfen Hilfe zu bringen sei. bildeten den (iegenstaud einer von dem ״Verein jüdischer Kaufleutc” durch schriftliche Einladung für Mittwoch Abend cinberutcnui Versammlung. a»1 welcher ausser den Angehörigen dieses Vereins, die zum grösseren Teil Zionisten sind, mehrere Mitglieder des Vor- Standes und des Reprasentantcukoilegiunis der Synagogengeiiieinde, die Herren Rabbiner Dr. (iitttmanii und Pr. Fabian, ferner Herr Dr. Weiss, .1!s \ ertreter des ״Vereins jüdischer Studenten“, und eine grosse Vnzahl von Damen und Herren tcilnahnieti. Herr Assessor Lachnumn als Referent und Herr M. Eriedländer als Korreferent selniderten in eindringlichen Worten .das Elend, welches durch eine vom V. j. St. gebildete Balmhofsw׳acht• hei den durchreisenden jüdischen Auswauderen! und Rückwanderern an; dem Haiiptbahnhofe beobachtet worden ist, und wiesen daran! hin. wie notwendig in den meisten Fällen wigen der mangelhafteo Spiuehkcnntnisse der Auswanderer Auskimftscrteihmg mul 0,1 auch pekuniäre Hilfe wäre. — Nach, mancherlei Irrungen und Wirrungen der Diskussion kam die Meinung der Anwesenden in iolgender v<u Herrn Rabbiner Dr. Gt1ttn:r;:!!1 vorgeschlagenen Resolution zum Ausdruck: ״Pie Versammlung billigt die vom V. i. K. vorgebraehten Tendenzen, welche dahin gehen, dass 1. auf den Breslauer Bahaiiuicu eine Bahuitnfswacke zur Erteilung von Auskünften usw. an die durchreiscmlen jüdischen Ausvandercr eingerichtet .werde und dass 2. der V. i. K. in Demcinschaft mit dem V. j. S:. eine sechsgliedrige Konunissi״!! wähle, die sich mit dein Vorstände der hiesigen Synagogengemeinde in Verbindung setzen so!!, um an der Hand einer schriftlichen Darlegung der einer Abhilic bedürfenden liehe!- stände die Unterstützung seitens der Gemeinde zu erbitten.־• Der V. j. K. und der V. j. S:. erbieten sic!!, die nötige Man:■־ schalt für die Bahrhofswac’ e zu stellen. Antisemitismus in Sicht! Die starke Einwanderung \on Juden, namentlich aus Russland, Russisch-Polen und Galizien, unter welcher während der letzten 25 Jahre in London allein die jüdische Bevölkerung von 8000 auf mindestens 60 011() gestiegen ist. hat den Armen- Vorstand Londons in eine ausserordentlich kritische Lage versetzt. Bisher besorgte der jüdische Armcnvorstand die ganze Armenpflege der jüdischen Gemeinde, und in keinem der Londoner Armenhäuser mit ihrer. Bevölkerung von mehr als 100 000 war ein Jude zu finde!: oder fiel ein Jude der städtisehen Armenpflege zur Last. Da die meisten jüdischen Ein- Wanderer so gut w ie mittellos in England landen, sc» sind die Anforderungen an den jüdischen Armcnvorstand aber in einer solchen Weise gewachsen.dnss die Mittel nicht länger hinreichen und dass auch die Kapitalien des Vorstandes in einer Weise angegriffen werden mussten, dass jetzt die Gefahr der Auflösung des Armenvorstandes nahegeriiekt ist. Die JEW1SH WORLD bemerkt dazu in einem Leitartikel, dass die bisherige Armenversorgung in der jüdischen Kolonie die Hauptwaffe zur Bekämpfung des Eremdcngesetz.es bildete. An dem Tage, wo der jüdische Armenvorstand zu bestellen aufhöre, werde eine Hochflut des Antisemitismus cintreten. von dem sich bereits Spuren bemerkbar machen und der das ganze Land in einer Weise ergreifen werde, wie nie zuvor, auch nicht zur Zeit der schlimmsten Judenverfolgungen, die mit der Ausweisung der Juden aus England 'endeten. — Damit zeigt sich, wie berechtigt alle die Warnungen waren, die von manchen jüdischen Kreisen denjenigen Juden zur Erwägung gegeben wurden, die sic!! immer trösteten:• ״Amerika und England bieten allen Flüchtenden Raum genug und eine ireuiidliehe Heimat.“ Die ״Heimat“ schüesst sich und drängt womöglich in absehbarer Zeit eine ganze Reihe von Einwanderern wieder hinaus: wohin mit denen? Was dann?? Diese Fragen werden den allzu optimistischen Juden gar baUf laut in den Ohren klingen, und wehe, wem! sie dann keine Antwort haben! Einwanderungsverbote werden die •Juden in England, Amerika, Deutschland usw. weder vor der rnoralisehen Verantwortung noch vor den physischen Folgen zu retten vermögen! Nur was verboten ist, ist erlaubt So muss man das Schülerschc Wort abändern, wenn man russische Zustände von heute ins Auge fast: v Es fst oft von Kennern russischer Verhältnisse, die nicht zu den Radikalen gerechnet werden können, gesagt worden, in Russland Hesse es sich trotz aller Autokratie sehr gut leben, wenn mau mir wenigstens wusste, was verboten und was erlaubt ist. Das wirklich Unerträgliche sei nur die unglaubliehe Willkür der ־mittleren und unteren Beamten. Eine gute Illustration dazu liefern eine Reihe Meldungen die wir aus Russland erhalten. So schreibt man uns aus W ilna: *l Hier war das Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees E. Jaffe, wegen seiner Zugehörigkeit zur zionistischen Partei verhaltet und 10 Tage laug in Haft behalten worden. Zu gleicher Zeit konnte eine öffentliche zionistische Versammlung anstandslos abgehaltet: werden, die von über 200 Personen besucht war. im To m bei w׳e r Go 11 v e r n e m e n t wurde ein Jude, bei dem mau eine jüdische Sammelbüchse iand, mit seiner Familie ausgew ieseu. Der Mann ist dadurch völlig ruiniert. In Sibirien wird jetzt iiir die Befreiungsbewegung eine gründliche Abrechnung gehalten. Ein Rabbiner wurde jetzt uusgewiesen, weil er. in! Januar 10116 am Grabe eines Opfers des Selbstschutzes eine kleine Rede gehalten hat. ־־ (ktnassregelt -- man weiss, was das in Russland heisst! werden auch alle diejenigen, die dem ehemaligen Dumaabgeordneten Mandelberg, einem Sozialdemokraten, eine Wohnung vermietet haben! Ähnliches wird aus J :1.! t a und S e b :י s t o p o 1 berichtet, wo der Gniixenieur Pumbadze wie ein unbeschränkter Herrscher w i!u t. selbständig \ ernaitmigen und Ausw eisungen ohne jeden Grund verfugt, nur weil die Betreffenden das l'nglück hatten, irgend eilten! dar Spitzel des allmächtigen Herrn unliebsam aufzuiallen. Ion Jüdischen Versammlungen ist dort keine Rede; mehr als 111 Personen dürfen sich nicht in einer' W oluiung ztisammeniindcn. In Kowno, Pctershurg und anderen Orten finden zur selben Zeit mibean.staudu Versammlungen statt. Echt russische Kultur Dem lliliss erein der Deutschen Juden gelten folgende Nachrichten über die neuesten Untaten der Schwarzen Hundert in Odessa zu. Am Mittwoch, dem 27. November versuchte eine Räuberbände das Kontor eines Arbeitervereins in Odessa zu überialk-n. Als sie von der Polizei überrascht wurden, warfen sic Bomben und verwundetet! mehrere Polizisien. Der Vor-!all brachte grosse Erregung in die Stadt und diese Efrregung wurde von den Mitgliedern des Verbandes des russischen Volkes benutzt, um von neuem über die Juden in Odessa herzufallen. Gruppen der Schwarzen Hundert begaben sich in die Hauptstrassen der Stadt überfielen mit Messern und Gummiknüppeln bewaffnet und verwundeten viele lebeusge- Jährlich verletzte Juden wurden in das Jüdische Krankenhaus eingeiiefert. Am Abend wiederholten sieh diese ־ Ausschreitungen. ln der Dunkelheit drangen die Excedeuten in die jüdischen Läden und Werkstätten ci:1. vernichteten Waren und Mobilar, misshandelten die Besitzer in der schwersten ״ Weise und .raubten!!!!belästigt von der Polizei Waren und Wertsachen, deren sie babbait werden konnten. Am Tage darauf, am 2b. November fand das Begräbnis des so plötzlich verstorbenen (icneralgoiiverneurs Nowitzki in Odessa statt, der erst vor kurzem nach den letzten schweren Ausschreitungen im September nach Odessa berufen worden war. um Ruhe und Ordnung wieder herztistellen. Die Banden des Scharzen Hunderts nahmen das Begräbnis wiederum zum Anlass, um sich aufs Neue auf die Juden zu stürzen. Zahlreiche Juden wurden auch an‘diesem Tage misshandelt und verw undet und die rohen Gesehen kühlten ihr Mütchen selbst an Frauen und Kindern. W ie am Abend vorher drangen die Excedeuten gruppenweise in jüdische Läden und Werkstätten tiu und verübten dort ihre Untaten, ohne dass die Polizei Gelegenheit nahm, irgend einen der Übeltäter zu verhalten. Die neuer,liehen furchtbaren Vorgänge in Odessa sind eine Fortsetzung der Schreckensherrschaft, die das Schwarze Htmdert nun seit geraumer Zeit über diese Stadt ausübt. In frischer Erinnerung sind noch die schweren gegen die Juden gerichteten Unruhen, die im August und September in Odessa stattfanden. Von ihrem Umfang gewinnt mau ein Bild, wenn man erfährt, dass in der Zeit vom 8. August bis 7.u1u 27. September mehr als 300 durch die Schwarzen Hundert Verwundete das Jüdische Krankenhaus haben aufsuchen müssen, darunter eine Anzahl Christen. 45 Personen hatten sich ausserdem einer längeren Krankenhausbehandlung zu unterziehen. Noch sind die alten Wunden kaum vernarbt und schon wieder hat die jüdische Bevölkerung die Schrecken und Qualen eines Pogroms durchzumaehcn, der neue Opfer schafft, neues Elend und neue Hoffnungslosigkeit.